V


Nachdem Riley die E-Mail von Jeremy gelesen hatte, war er erst einmal fassungslos.

 

Der Kerl besaß doch tatsächlich die Dreistigkeit, ihn um ein Treffen zu bitten. Kopfschüttelnd schrieb Riley ihm eine Absage und schickte diese ab. Dann schaltete er das Handy aus und drehte sich auf die Seite. Er wollte mit Jer nichts mehr zu tun haben, war dieser doch derjenige, der Tyler und ihn fast auseinandergebracht hatte.

 

Mit einem Seufzen schloss der junge Mann die Augen und schlief kurz darauf ein ...

 

Leider wurde es keine dieser traumlosen Nächte, die Riley zum Glück meistens hatte, nein in dieser Nacht bekam er seit langem mal wieder die volle Breitseite ...

 

~~~

 

In seinem Traum saß er am Schreibtisch im Wohnzimmer des, zusammen mit Tyler, angemieteten Hauses und tippte an einer Arbeit für sein Studium.

 

„Ich muss dann los", hörte er die Stimme seines Lebenspartners, dann beugte sich dieser zu ihm herunter, strich ihm durch die Haare und küsste ihn, „bin gegen sieben wieder da."

 

Riley genoss diese Momente, hatten Tyler und er doch in letzter Zeit nicht wirklich viel voneinander. Er selbst steckte bis über beide Ohren in seinem Studium und sein Lebensgefährte arbeitete oft bis spät in die Nacht.

 

Leise seufzte er und Tyler raunte ihm ins Ohr: „Es kommen auch noch andere Zeiten!"

 

Dann überschlug sich in seinem Traum alles.

 

Er sah Ty mit seiner Harley davon fahren, als nächstes sah er den Lkw und wie dieser das Motorrad rammte, wie sein Freund durch die Luft geschleudert wurde und blutüberströmt auf der Straße liegen blieb ...

 

Mit einem panischen Schrei fuhr Riley aus dem Schlaf ...

 

~~~

 

... und ebenso wurde Eric, der irgendwann über seinen aus der Werkstatt mitgebrachten Zeichnungen eingeschlafen war, schlagartig wach, sprang auf und starrte Riley entgeistert an: „Wa... was ist passiert?"

 

Dieser setzte sich erst einmal auf die Bettkante und wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht, dann stützte er den Kopf in die Hände, starrte auf den Holzboden und kämpfte die Tränen nieder, die ihm die Sicht verschleierten.

 

„Ich hab schlecht geträumt ... von Tyler und ... seinem Unfall", erwiderte Riley leise und seine Stimme zitterte.

 

Eric ging in die Küche und sagte: „Ich mach uns erstmal 'nen Tee und dann erzählst du mir von deinem Traum, okay?"

 

„In Ordnung", gab sein Mitbewohner zurück, erhob sich vom Bett, machte sich auf den Weg ins Bad und wusch sich sein Gesicht mit kaltem Wasser ab.

 

Anschließend kehrte er in das angrenzende Zimmer zurück, stapfte hinüber zu dem kleinen Fenster neben der Eingangstür und sah hinaus. Draußen überzogen Schneeflocken die nächtliche Landschaft mit einer feinen, weißen Schicht. Riley beobachtete das Schauspiel fasziniert, bis Erics Stimme ihn aus seinen Gedanken riss: „Kommst du?"

 

Langsam drehte Rye sich um, ging hinüber zum Tisch und setzte sich zu seinem Zimmergenossen, der ihm eine Tasse schwarzen Tee hinschob.

 

„Danke."

 

Er spürte, dass Eric ihn musterte, aber er hielt den Blick gesenkt.

 

Ein paar Minuten und Schlucke Tee später, sah Riley schließlich auf und dem Jüngeren in die Augen.

 

„Ich bin nach Jorvik gekommen, um vor meiner Vergangenheit zu fliehen", begann er stockend, „weil ich es da, wo ich gelebt hab, nicht mehr aushalten konnte. Zuerst hat meine Familie mich verstoßen, nachdem ich ihnen gestanden habe, dass ich einen Mann liebe ... mein Vater hat mich im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Haus gejagt ... und dann ..." Leise seufzend strich Riley sich eine Strähne seiner dunklen Haare aus den Augen, atmete tief durch und erzählte dem Jüngeren von seinem verstorbenen Lebensgefährten, von dessen Unfall, den lebensgefährlichen Verletzungen und wie Tyler den Kampf letztendlich verloren hatte.

 

Eric beobachtete Riley genau, während er ihm schweigend zuhörte.

 

Ihre Schicksale waren ähnlich, nur das er seinen Partner nicht durch einen Unfall verloren hatte, sondern weil dieser ihn belogen und betrogen hatte. Seine Familie hingegen hatte sich genauso verhalten, nachdem sie erfahren hatten, dass ihr ältester Sohn schwul war ... aber konnte und wollte er das dem völlig aufgelösten jungen Mann vor sich unter die Nase reiben?

 

Riley stand ganz offensichtlich auf ihn, dass hatte ihre allererste Begegnung deutlich gezeigt, aber Eric hatte nach seiner riesigen Enttäuschung zurzeit nun mal keine Lust auf eine Beziehung und Affären kamen für ihn schon gar nicht infrage.

 

Nachdem Riley mit seinen Ausführungen fertig war, breitete sich erst einmal beklommene Stille im Raum aus, dann räusperte Eric sich.

 

„Das tut mir wahnsinnig leid. Keine Ahnung, wie ich mit so einer Situation umgehen würde, aber es wundert mich nicht, dass du Alpträume hast. Ich hab ja auch viel Mist hinter mir, aber das ist natürlich nicht vergleichbar mit so einem Schicksalsschlag."

 

Einen Moment hielt der Neunzehnjährige inne, dann erzählte er weiter.

 

„Mein Ex-Partner hat mich diesen Sommer in eine ganz miese Situation gebracht.

 

Wir waren schon eine Zeit lang zusammen, aber ich hab noch etliche Kilometer weit weg auf dem Festland gelebt, weil ich erst meine Ausbildung zu Ende bringen wollte. So haben wir uns nur gesehen, wenn ich Urlaub hatte und hierher fahren konnte.

 

Als ich meine Lehre hinter mir hatte, haben wir beschlossen, dass ich hierher zu ihm nach Jorvik ziehe.

 

Meine Eltern waren darüber gar nicht begeistert und mein Vater hat mich vor die Wahl gestellt: Die Familie oder meine große Liebe.

 

Ich hab mich für Letzteres entschieden und mein Dad hat mich noch am selben Tag vor die Tür gesetzt."

 

Eric legte wieder eine kurze Pause ein und musterte seinen Mitbewohner.

 

Schließlich fuhr er fort: „Das hätte ich ja alles ohne Murren in Kauf genommen, aber mein Partner hatte leider neben mir noch ein Eisen im Feuer und als ich hier ankam, war da schon jemand anders, der meinen Platz eingenommen hatte. Keine Ahnung, wie lange das zwischen den beiden schon lief. Ich hab daraufhin meine Konsequenzen gezogen und bin gegangen ... und jetzt bin ich hier."

 

Eric trank einen Schluck seines Tees und lehnte sich auf dem Stuhl zurück.

 

Langsam hob Riley den Blick und sah seinem Mitbewohner ins Gesicht: „Was gibt es doch für skrupellose Menschen. Ich verstehe nicht, warum man seinen Partner so verletzt."

 

„Ich auch nicht, aber ... na ja, es ist nicht mehr zu ändern", erwiderte der Jüngere und legte seine Hand für einen kurzen Augenblick auf die seines Gegenübers.

 

„Du wirst über seinen Tod hinweg kommen. Nicht heute und nicht morgen, aber irgendwann. Und ich werd dich jeden Tag triezen, um dich auf andere Gedanken zu bringen."

 

Damit zog Eric seine Hand zurück und grinste den Älteren frech an. Er wusste, dass er sich auf dünnes Eis begab und hoffte, dass sein Kollege da nicht zu viel rein interpretierte.

 

Eric hoffte nur, dass diese Alpträume kein Dauerzustand waren, denn dann musste er sehen, dass er eine andere Schlafmöglichkeit fand. Jede Nacht durch den Schrei seines Mitbewohners geweckt zu werden, war nämlich nicht das, was er brauchte.

 

Das wollte er Riley aber jetzt nicht unbedingt unter die Nase reiben, der war auch so schon genug durch den Wind.

 

Sie redeten noch eine Weile über allen möglichen belanglosen Kram, dann erhob sich Eric.

 

„Ich denke, wir sollten jetzt mal nen neuen Versuch starten und schlafen gehen. Was meinst du?"

 

Riley sah zu seinem Mitbewohner hoch und nickte: „Ja, ich denke, das sollten wir." Damit stand auch er auf, ging hinüber zu seinem Bett und setzte sich.

 

„Danke, dass du mir zugehört hast", er lächelte Eric an, legte sich hin und murmelte noch ein „Gute Nacht" bevor er die Augen schloss.

 

„Kein Ding. Ich wünsch dir eine alptraumfreie Restnacht", erwiderte der Blonde, zog sich aus, löschte das Licht und verschwand dann ebenfalls unter seiner Bettdecke.

 

Die restliche Nacht verlief ruhig und als am Morgen um sechs der Wecker ging, waren die beiden Jungs einigermaßen fit.

 

Nach dem Füttern der Pferde, verdrückte Eric sich erst einmal in seine Werkstatt, während Riley mit Johanna den Plan für den Tag besprach.

 

„Ich denke, wenn wir mit dem Misten fertig sind, dann werd ich Flame bewegen. Mal schauen, wie sie sich so benimmt und was sie schon kann."

 

Johanna nickte ihrem Mitarbeiter zu: „Ja, das ist ne gute Idee. Ich hab hier auch noch ein paar andere Pferde die du beziehungsweise ihr zwischendurch mal bewegen könnt.

 

Ich denke, es schadet ihnen nicht, wenn sie über den Winter mal vernünftig geritten werden. Von Frühjahr bis Herbst tragen sie ja fast nur Touristen durch die Gegend und die sind oft Anfänger."

 

„Kein Ding. Ich bin ja froh, wenn ich was zu tun hab. Für Eric kann ich nicht sprechen", erwiderte Riley leise und Johanna nickte: „Ich klär das mit ihm."

 

Als sie gegen Mittag mit der Stallarbeit fertig waren und das letzte Pferd auf dem Paddock stand, holte Riley Flame und band sie in der Stallgasse an um sie zu putzen. Die Stute war wunderschön mit ihrem dunkelbraunen, fast schwarzen Fell, welches im totalen Kontrast zu der weißen Mähne und dem ebenso hellen Schweif stand.

 

Flame hatte außerdem einen kleinen Stern auf der Stirn und vier hochweiße Fesseln.

 

Vorsichtig strich der junge Mann mit der Bürste über den Körper des Pferdes.

 

Rye ließ sich Zeit, damit er und das Pferd sich kennenlernen konnten und erst als die Stute ganz relaxed dastand, holte er ihren Sattel nebst Trense aus der Sattelkammer.

 

Auch beim Aufsatteln verhielt sich Flame vorbildlich und Riley lächelte zufrieden. Wenn sie unter dem Reiter auch so brav war, würde er mit ihr wohl keine Probleme bekommen. Er war gespannt, was man dem Pferdchen schon alles beigebracht hatte.

 

Der junge Mann nahm Flames Zügel, brachte die Stute hinüber in die kleine Reithalle hinter dem Außenplatz, schloss die Tür und führte das Tier erst einmal ein paar Runden, damit es sich an die neue Umgebung gewöhnen konnte.

 

Johanna war mittlerweile auch in der Halle eingetroffen, im Schlepptau noch ein paar andere Leute, die Riley im Einzelnen gar nicht registrierte. Es war ihm auch egal, wer da stand oder saß, sie sollten nur ruhig sein und das Pferd nicht ablenken. Nachdem er nun einige Runden auf dem Hufschlag gedreht hatte, nickte Rye seiner Chefin zu und diese kam in die Mitte der Halle um Flame für ihn festzuhalten, während er aufstieg

 

Ein paar weitere Runden bewegte er die Stute im Schritt, um sich mit ihr vertraut zu machen und ihre Muskulatur aufzuwärmen, dann ließ er sie antraben und schließlich auch galoppieren. Das Stütchen führte brav alles aus, was ihr Reiter von ihr verlangte. Sie brauchte zwar etwas länger als ein älteres, voll ausgebildetes Pferd, aber Riley war zufrieden.

 

Nach einer guten Dreiviertelstunde beendete er schließlich das Training und ließ das Pferd am langen Zügel noch eine Weile im Schritt gehen. Und da passierte es: Irgendwo draußen gab es plötzlich einen lauten Knall und Flame explodierte förmlich unter dem Sattel. Sie riss den Kopf zwischen die Beine und buckelte wie ein Rodeo Pferd durch die Halle. Damit hatte ihr Reiter beileibe nicht gerechnet und das wurde ihm zum Verhängnis. Riley hielt einigen der Bocksprünge stand, doch dann sprang die Stute mit alle Vieren gleichzeitig in die Luft und drehte sich blitzartig nach links. Wie eine Puppe wurde der junge Mann aus dem Sattel katapultiert, überschlug sich auf dem Weg nach unten und knallte mit dem gesamten Rücken auf den harten Boden. Für einen Moment blieb Riley die Luft weg und er war unfähig, sich zu bewegen, während sein Pferd panisch durch die Halle jagte. Nach einer gefühlten halben Ewigkeit stand er unter lautem Stöhnen auf und schnappte nach Luft. „Verdammt!" Sein gesamter Rücken brannte wie Feuer, aber zum Glück war er wenigstens nicht mit dem Kopf aufgeschlagen ... das hatte er irgendwie geschafft zu vermeiden.

 

„Alles in Ordnung, Jungchen?" hörte er Hermans Stimme neben sich.

 

„Ja ... ja ich werds überleben", gab Riley zurück und versuchte zu lächeln. Er atmete tief ein und ging auf Flame zu, die von Sarah eingefangen worden war und festgehalten wurde.

 

Rye nahm ihr die Zügel aus der Hand.

 

„Danke", sagte er leise und streichelte dem, immer noch leicht zitternden Pferd, über den Hals. Dabei sprach er leise mit ihm und vergewisserte sich, dass Flame sich nicht irgendwo verletzt hatte, aber es schien alles okay zu sein.

 

So biss er die Zähne zusammen und schwang er sich noch einmal auf den Rücken der Stute, damit diese ihre Trainingsstunde nicht mit einer negativen Erfahrung beendete.

 

Etwa zehn Minuten später, lenkte er Flame in die Hallenmitte, rutschte vorsichtig vom Rücken des Tieres und humpelte neben der Stute in Richtung Ausgang.

 

Johanna, die kurz die Halle verlassen hatte und nun wieder zurück war, beobachtete ihn mit besorgtem Gesichtsausdruck.

 

„Alles okay bei euch? So ein kleiner Rotzbengel hat in der Nähe des Stalls einen Knaller gezündet. Eric war leider nicht schnell genug, um es zu verhindern, aber erwischt hat er ihn zum Glück."

 

„Dann war das der Knall, der Flame so erschreckt hat", Riley blieb stehen und verzog das Gesicht vor Schmerzen.

 

„Was ist los?" Johanna musterte ihr Gegenüber skeptisch.

 

„Ich glaub, ich hab mir das Kreuz geprellt", erwiderte ihr Angestellter und biss die Zähne zusammen.

 

„Na, dann würd ich sagen, wir rufen unseren Hausarzt an. Mit ner Rückenprellung ist nicht zu spaßen." Johanna nahm Riley die Zügel aus der Hand. „Nicht dass Flame noch nen Satz macht und dich mitreißt.

 

Ich möchte, dass du in eure Unterkunft gehst und dich etwas ausruhst. Doktor Johansson ruf ich gleich an, damit der später vorbeikommt."

 

Der junge Mann wollte protestieren, aber seine Chefin winkte ab: „Keine Widerrede. Brauchst du Schmerztabletten oder irgendwas anderes?"

 

Den Kopf schüttelnd sagte Riley: „Nein, ich hab noch welche da. Na, dann geh ich mal und leg mich hin. Danke."

 

„Mach das. Ich schick Eric nachher vorbei, um nach dir zu sehen." Damit verschwand sie in Richtung Stall, während Riley sich auf den Weg zur Unterkunft machte.


Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media