V

Ich wurde von der morgendlichen Kälte geweckt und und rieb mir den Schlaf aus den müden Augen. Dann setzte ich mich auf und massierte meine steifen, kalten Gliedmaßen. Die letzte Nacht erschien mir wie ein Traum und einen Moment fragte ich mich, ob sie nicht vielleicht wirklich einer gewesen war. Doch die Bilder in meinem Kopf waren zu lebendig.

Nachdem ich meine Müdigkeit einigermaßen abgeschüttelt hatte, erhob ich mich von meinem Sofa und setzte Kaffee auf. Während die schwarze Flüssigkeit durch den Filter rann und ihr Aroma im ganzen Raum verbreitete, zog ich mir ein ausgewaschenes, schwarzes Sweatshirt über und sah zu wie mein Atem Wölkchen vor meinem Mund bildete.
"Verdammt Sven, lass endlich die scheiß Heizung reparieren", murmelte ich und hielt meine Arme eng um meinen Körper geschlungen.

Das Geräusch einer sich öffnenden Tür ließ mich schließlich herumfahren. Ravenna trat mit einem unterdrückten Gähnen in den Raum. Sie hatte ihr Kleid gegen eins meiner T-Shirts getauscht, das ihr viel zu groß war. Auf ihren nackten Beinen hatte sie Gänsehaut und ihre Haare waren zerrauft. Doch trotz alledem sah sie nicht übernächtigt aus, sondern auf eine verträumte, schläfrige Art wunderschön. Ihre Stimme dagegen wirkte kein bisschen verschlafen:
"Hör auf zu glotzen, was gibt's zum Frühstück?"

Ich schielte verlegen zu meinem leeren Kühlschrank, bevor ich antwortete:
"Coffee black and cigarette"
"Bist du etwa auch Student?", erwiderte sie mit einem schiefen Grinsen.
"Nur arm" gab ich zurück. Dann fügte ich hinzu:
"Ich geh was zu essen besorgen. Kommst du mit?
Sie brummte etwas ablehnendes und schlurfte zu der Couch, auf der ich gerade noch geschlafen hatte. Dort machte sie es sich bequem und steckte sich eine Zigarette an.

Ich nahm den Schlüssel vom Tisch und verließ die Wohnung durch das Treppenhaus. Als ich die Haustür öffnete, schlug mir kalte Luft entgegen, jedoch nicht so kalt wie noch am Abend zuvor. Die Straße war in trübes Licht getaucht und die perfekte Schneeschicht war nun zertreten und schmutzig. Vereinzelt liefen Menschen an mir vorbei, während ich umständlich meine Zigaretten aus der Hosentasche zog.

Die Hände tief in den Taschen vergraben und mein Gesicht in einer Wolke aus grauem Rauch versteckend, lief ich durch die dämmrige Stadt bis zu der kleinen Bäckerei, die zehn Minuten Fußmarsch von meiner Haustür entfernt lag.

Es war erstaunlich, wie sich eine Stadt auf so kurzer Distanz so drastisch verändern konnte: Die Häuser wurden moderner und gepflegter. Die Zahl der Graffitis an den Fassaden und die Schlaglöcher auf den Straßen nahmen ab und die Passanten, an denen ich vorbei ging, waren besser gekleidet.

Vor der gläsernen Ladentür ließ ich meine Zigarettenkippe achtlos in den dreckigen Schnee fallen und trat in den Verkaufsraum. Ich wurde von Wärme sowie dem Duft von frischen Backwaren und Kaffee empfangen. Die Wände waren in Erdtönen gestrichen und alles in ein warmes Licht getaucht. Ich, in meinen abgetragenen und verschlissenen Klamotten, fühlte mich in dieser spießbürgerlichen Umgebung schlichtweg fehl am Platz. Ungeduldig wartete ich darauf, dass die Masse von gesichtslosen, langweiligen Menschen vor mir sich auflöste.

Die Frau an der Theke schenkte mir ein aufgesetztes Lächeln, welches ich mühsam erwiderte, bevor ich einen Laib Brot und ein Glas Marmelade kaufte und den Laden schließlich verließ, ohne unnötige Worte zu verlieren. Als ich wieder auf die Straße trat, atmete ich erleichtert auf. Zu viele Menschen, zu viel aufgesetzte Fröhlichkeit. Ich hasste es meine kleine Welt rund um das Helvetsgatan zu verlassen.

Auf dem Heimweg kreisten meine Gedanken um Ravenna und wie sie plötzlich in mein Leben getreten war. Ich hatte beinahe mein gesamtes Leben damit verbracht Mauern um mich herum aufzubauen um andere Menschen von mir fern zu halten. Und ich duldete nur wenige Personen in diesem Allerheiligsten. Doch sie? Ich kannte sie nicht einmal richtig, und doch hatte ich sie förmlich in die Festung meiner Emotionen hineingezerrt. Woher kam diese unbändige Faszination, die sie auf mich ausübte? Und was war das für ein Gefühl, wenn ich sie ansah? Stiche in meinem Herzen und Balsam auf meiner Seele, Feuer in meinem Magen und Eis auf meiner Haut.

Immer noch in Gedanken trat ich durch die Tür zurück in meine Wohnung. Es war alles noch an seinem Platz, nur der Kaffee war wohl inzwischen kalt geworden. Der Geruch von kaltem Rauch lag in der Luft. Ich legte das Essen auf den Tisch und öffnete das Fenster. Erst als ich mich wieder umdrehte und den Blick durch den Raum wandern ließ bemerkte ich, dass Ravenna nicht mehr auf dem Sofa lag, sondern starr vor meiner Staffelei stand und diese gebannt musterte.

Ich stellte mich mit etwas Abstand schräg hinter sie und folgte ihrem Blick, der förmlich an dem Bild vor ihr klebte. Es war eine Acryl-Malerei eines halb im Schatten, halb in Nebelschwaden verborgenen Wesens, das nur schemenhaft zu erahnen war. Seine Augen starrten gequält aus der Leinwand hervor, wie zwei glühende Kohlen kurz vor dem Erlöschen.

So standen wir beide lange Zeit stumm da und betrachteten die Staffelei. Ich hatte das Gefühl, dass Ravenna mich nicht einmal bemerkte und ich erschrak, als sie plötzlich zu sprechen begann:
"Düster. Es hat etwas von...Schmerz, Tod. Vielleicht...von einem Abschied?"
"Hast du die ganze Zeit dieses Bild angestarrt, als ich weg war?", fragte ich.
"Es fasziniert mich."
Ich trat neben sie und begann zu erklären:
"Ich habe dieses Bild für einen guten Freund gemalt, der Anfang dieses Jahres an Krebs gestorben ist. Sein Tod kam schleichend und man hat ihn nicht kommen sehen, bis es zu spät war. Nachdem er seine Diagnose bekommen hatte, hat er nur noch gequält vor sich hin gestarrt und kaum mehr gelächelt."
"Der Tod ist allgegenwärtig, und doch überrascht er uns immer wieder in all seinen Formen." flüsterte sie, beinahe ehrfürchtig.
Ich nickte nur, wusste nicht was ich darauf erwidern sollte. Also schwieg ich und schließlich nahm sie das Gespräch wieder auf:
"Hat dir das Malen geholfen?"
Ich überlegte kurz, bevor ich antwortete:
"Ja. Die Erinnerung ist immer noch traurig, aber es tut nicht mehr weh, an ihn zu denken. Es ist mehr wie..."
Ich machte eine ausladende Geste mit der Hand, suchte nach dem richtigen Wort.
"eine große Leere.", half sie mir auf die Sprünge.
Wieder nickte ich.
Eine Weile herrschte wieder Schweigen, dann fragte ich sie:
"Hast du schon jemanden verloren, der dir nahe stand?"
"Nein," antwortete sie, "aber ich habe Erfahrungsberichte gelesen, Fachliteratur, hab mit Bestattern und Angehörigen gesprochen. Ich finde das Thema unglaublich faszinierend."
Darauf folgte wieder ein langes, drückendes Schweigen, bis sie ihren Blick von der Leinwand löste und lachend rief:
"Jetzt guck nicht so versteinert! Lass uns endlich was essen, ich sterbe vor Hunger!"

Kurz darauf saßen wir bei einem kargen Frühstück und kaltem Kaffee zusammen an meinem klapprigen Tisch und musterten uns gegenseitig. Sie schlang das Essen nicht in sich hinein, wie man es von jemandem erwarten würde, der "vor Hunger stirbt", doch sie zeigte definitiv auch keine Zurückhaltung. 

Nachdem wir unser Frühstück beendet hatten, räumte ich die Überreste in den Kühlschrank und stellte das Geschirr in die Spüle. Während ich damit beschäftigt war, zündete sie sich erneut eine Zigarette an und fragte zwischen zwei Zügen:
"Machst du das öfters?"
Ich hielt verdutzt inne und fragte zurück:
"Was?"
"Lädst du öfter fremde Frauen über Nacht in deine Bude ein?"
"Nein. Für gewöhnlich überhaupt niemanden."
"Dann sollte ich mich wohl geehrt fühlen", lachte sie. Dann fügte sie ernster hinzu:
"Aber warum gerade mich?"
Ich überlegte einen Moment, dann beschloss ich ihr gegenüber offen zu sein:
"Du faszinierst mich. Schon von dem Moment an, an dem ich dich zum ersten Mal gesehen habe, spielen meine Gefühle verrückt."
Ich stellte die letzte Tasse ab und drehte mich zu ihr um. Ich erschrak beinahe, als ich bemerkte, wie dicht sie an mich herangekommen war, ohne dass ich es gemerkt hatte.
Sie packte den Kragen meines Sweatshirts, zog mich zu sich und raunte:
"Dann lass uns ein bisschen verrückt sein"
Die kühle Distanz, die sie in der Bar gezeigt hatte, schmolz dahin. Ihre Lippen waren warm, und sie schmeckten nach Erdbeermarmelade und Tabak.

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    "Der Tod ist allgegenwärtig, und doch überrascht er uns immer wieder in all seinen Formen." Wie wahr, wie wahr. 5/5

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