Ich lief durch die dunklen und verlassenen Gassen. Es stank nach einer Mischung aus verfaulten Eiern und Abfall, den die Leute hier entsorgten. Meine Schuhe knallten auf dem Asphalt und der Wind durchwuschelte meine schulterlangen, braunen Haare. Jeden Tag wenn ich hier vorbei lief, hinterließen die engen Gassen einen Schweißfilm auf meiner Haut.

Endlich war ich im Vorhof unserer kleinen Wohnung angekommen. Der Raum leuchtete mehrere Male auf, woraus ich schließen konnte, dass mein kleiner Bruder Tobi, Fern schaute. Ich zuckte zusammen, als ich ein Geräusch in der Nähe der Mülltonnen vernahm. Urplötzlich stand eine dunkle und mächtige Gestalt vor meinen Augen.
Er hatte eine finstere Mine aufgesetzt, die von einem gehässigen Grinsen umspielt wurde. Die Gestalt schien mehrere Meter größer als ich zu sein und ich begann mich plötzlich so klein zu fühlen. Wo war mein Selbstbewusstsein geblieben?
" Was willst du?", fragte ich mit zarter und dünner Stimme. Sie ähnelte stark einem hilflosen Kind und ich begann mich gegen diese Erkenntnis zu sträuben.
Plötzlich vernahm ich einen dumpfen Aufprall rings um mich herum. Ich schaute... in die Gesichter weiterer Männer, die nun um mich herum standen.
Sie hatten finstere, glühende und rote Augen. Alle trugen sie eine dunkle Kapuze, wodurch man ihr Gesicht bis auf ihre roten Augen nicht erkennen konnte.
"Was macht denn ein kleines Kind wie du, um diese Uhrzeit in den verlassenen Straßen New Yorks?" Mein Puls raste und mein Atem ging zu schnell. Meine Knie begannen zu beben und ich musste mich beherrschen nicht zu schreien. Die Luft war kalt und begünstigte meine entstehende Gänsehaut.
"Ich bin 17 und kein kleines Kind mehr.", versuchte ich selbstbewusst zu sagen doch beim letzten Wort versagte meine Stimme.

Der Mann mir gegenüber machte ein paar Schritte auf mich zu, ich wich zurück, doch noch im selben Moment packte mich ein weiterer mit seinen kalten Klauen.
"Hast du Angst?", fragte eine tiefe Stimme hinter mir. Ich schüttelte so leicht den Kopf das es unmöglich jemand hätte mitbekommen können.
"Lüg'mich nicht an! Dein schnelles Atmen ist nicht zu übersehen!", hauchte er mir in den Nacken.
Wie war das möglich? Mein Mantel war mir viel zu groß. Selbst wenn ich gehustet hätte, würde niemand die Bewegung meines Brustkorbes sehen können.
Eine der dunklen Gestalten schritt immer weiter auf mich zu, bis seine spitzen Eckzähne meinen Hals streiften.
"Lasst sie in Ruhe!", schrie eine weitere Stimme, die mir bekannt vorkam.
David? Schoss es mir durch den Kopf. Die Männer um mich herum machten platz, sodass ich freie Sicht auf ihn hatten. Wie von selbst bildete sich ein Lächeln auf meinen Lippen und ich spürte wie ich immer ruhiger wurde.
Er kam schnell auf sie zu und schmiss ohne weitere Anstrengung einen von ihnen gegen die Hauswand mir gegenüber.
Ich wollte seinen Namen flüstern, doch meine Stimme war vor Angst vollkommen verschwunden. Der Mann der mich festhielt wurde unruhiger und schließlich begannen sich seine Finger von meinen Handgelenken zu lösen. Ich nutzte diese Gelegenheit, riss mich los und flüchtete.
"Renn Linn und dreh dich nicht um.", schrie mir David hinterher. Ich zögerte nicht lange und folgte seinen Anweisungen, bis ich zur Ecke unseres Blocks kam.
Mit rasendem Herz und schnellem Atem warf ich mich gegen die kalte Backsteinwand und rutschte erleichtert zu Boden.

Nachdem ich mich gesammelt hatte, raffte ich mich auf und begann ängstlich um die Ecke zu starren. Die dunklen Gestalten flohen in einem blitzschnellen Tempo, sodass ich sie nach wenigen Sekunden nicht mehr sehen konnte.                               Warum? Für mich wirkten sie viel bedrohlicher als er es hätte je sein können. Kurz wartete ich, dann aber konnte ich keinen mehr von ihnen sehen und rannte geradewegs in seine Arme. Dort bei ihm fühlte ich mich sicher. Mit ihm könnte ich alles schaffen.

"Was machst du hier?", flüsterte ich leise in sein Ohr.                                                     "Ich habe dich gehört."                                                                                                           "Du wohnst am anderen Ende der Welt.", lachte ich und versuchte meine Angst zu überspielen. Er zuckte mit den Schultern und flüsterte:                                                   "Ach, Prinzessin."                                                                                                                     Ich sah zu ihm auf und erschrak... seine Augen... so rot, so feuerrot, was war er? Nein nicht er! Panisch stieß ich mich weg und begann ihn mit vorwurfsvollen Blicken zu mustern. Nein!... er konnte niemals so ein Monster sein! David, der nicht mal eine Fliege töten könnte?                 

"Du....", stammelte ich fassungslos vor mich hin.                                                         Unsere Hände waren immer noch in einander verschränkt. Mit ihnen zog er mich wieder näher an sich heran und küsste mich schließlich.                                           Der Regen viel auf unsere kühlen Gesichter und der Nebel schien uns verschlucken zu wollen. Eiskalter Wind wehte durch die einsamen Gassen und hinterließ in ihnen ein lautes Heulen.

"Ich liebe dich", wisperte er und der Schreck von eben war vergessen. Mein Puls normalisierte sich und mein Atem begann ruhiger zu werden. Die roten Augen die immer noch in meinen Erinnerungen herumspukten, versuchte ich zu verdrängen und begann die Kühle Nacht zu genießen.                                                                         Plötzlich drang ein lauter Knall in meine Ohren und störte die Stille um uns herum. Wenige Sekunden später hörte ich das gequälte Atmen David's und spürte wie er immer schwerer in meinen Armen wurde.                                                             "David?", kreischte ich erschüttert und viel unter seinem Gewicht zu Boden.           "David?", schrie ich erneut, als sein Kopf regungslos auf dem Asphalt lag. Ich bemerkte wie das Blut aus seinem Brustkorb floss und spürte wie sich schon einen Augenblick später alles zu drehen begann.                                                             "David!", schrie ich immer wieder, bis meine Stimme endgültig den Geist aufgab. Tränen und  Regen vermischten sich miteinander und vielen auf sein Gesicht. Seine Augen starrten starr in den Himmel. Es schien als hätte alles, was ihn ausgemacht hat, seinen Körper verlassen und es würde nie wieder kommen!                                                                                                                                             

Meine Händen waren von seinem Blut völlig rot gefärbt und das begann mir Angst zu machen. Ängstlich wischte ich es an meiner Hose ab. Plötzlich hörte ich Schritte, die immer näher kamen. Ich musste mich nicht umdrehen um zu wissen, dass es die Männer waren.                                     

"Ich will und kann ihn hier nicht alleine zurück lassen!", flüsterte ich mir zu.       Doch schon nach kurzer Zeit wurden in mir schreckliche Gedanken wach. Meine Angst vor dem Tod, oder vor dem was sie mir antun könnten, war größer als die Liebe zu ihm und dafür schämte ich mich!                                                                                                                                                              

Ich ließ seinen noch warmen Körper los und begann zu rennen. Die Schritte hinter mir wurden schneller, lauter und ich wusste sie würden mir folgen. Unsere Wohnung die wir uns zu dritt teilten war nicht mehr weit entfernt, aber würden ich es bis dort schaffen? Die kalte Luft drang durch meine Lungen und hinterließ in ihnen ein Stechen. Der Gestank war immer noch nicht verflogen und der Nebel hatte uns nun völlig eingefrecht.                                                                     

"Renn weiter Kleines, um so lustiger ist es für uns.", hörte ich lachende Stimme durch die Gassen hallen. Ich schüttelte den Kopf, aber irgendwann konnte auch ich mir Nichts mehr vormachen und erkannte, dass ich keine Chance hatte. Sie spielten doch nur mit mir! Was auch immer sie waren, sie waren in der überzahl, sie waren stärker und sie waren mutiger.                                    

"Gut, du bist schlau mein Mädchen.", sagte der Eine von ihnen und kam mir dabei so nah, dass ich seinen warmen Atem an meinem Hals spürte.                                   "Schade, du bist gar nicht so hässlich", brüllte ein Weiterer.                                         Mit einem Wimpernschlag stand er neben mir und streifte auf der anderen Seite meines Halses, mein offenes Haar beiseite. Er versetzte mir einen heftigen Stoß, den ich nicht ausbalancieren konnte.                                                                               Schon lag ich auf dem kalten Boden und ein starker Schmerz ging durch meinen Rücken. Ein paar Sekunden später, hatten sie ihre Fangzähne in meine Haut gebohrt und saugten an mir wie Blutigel. Nur der Vierte von ihnen, bediente sich nicht an meinem Blut, sondern hielt nach unerwünschten Besuchern ausschau. Ich begann so laut wie möglich zu schreien, aus Angst?Aus Schmerz?

Einer von ihnen klatschte seine Handfläche auf meinen Mund und rief:                     "Psst!"                                                                                                                                     Ich biss ohne weitere Überlegungen zu und spürte wie der Knochen zu zerbrechen drohte. Mit schmerz verzogenem Gesicht zog er seine Hand weg und strafte mich mit bösen blicken. Seinen Arm riss er in die Höhe und schlug mir damit frech ins Gesicht. Fassungslos schrie auf und wollte mir an meine schmerzende Wange fassen, doch da spürte ich, dass ich bereits die Kontrolle über meine Arme verloren hatte.                                                                                                                                           

"Jules, es reicht! Du brauchst keine Angst haben Süße, gleich sind wir fertig.", redete mir die Gestalt an meinem linken Arm gut zu. Langsam wurde ich in Dunkelheit gehüllt. Ich sträubte mich dagegen einfach aufzugeben und begann mich dazu zu zwingen die Augen offen zu halten. "Was seid ihr?", platzte es aus mir heraus.                                                                                                         

"Sei nicht naiv! Vampire Schätzchen! Keine Sorge dein Freund war Einer der guten Sorte. Eine Schande das du das erst jetzt erfährst, dabei seid ihr doch schon wie lange?... 2 Jahre zusammen?"                                                                                             Er hatte Recht seid drei Wochen waren es bereits zwei Jahre. Nie hatte ich etwas davon mitbekommen, an etwas von dem was er tat gezweifelt. War ich wirklich so naiv? Den grauen Himmel sah ich schon lange nicht mehr, stattdessen war alles schwarz um mich herum und ich hörte ein letztes Mal die Stimme des Mannes in den Gassen schallen:                                                                                                      

"Wir sind real, aber mach dir keine Sorgen vielleicht kommt er nicht in die Hölle."

Ich verlor endgültig das Bewusstsein und befand mich einen Moment später in einem kleinen weißen Raum wieder. Kalt, einsam und bedrohlich war alles was ich ihm zuschreiben konnte. Die Stimmen um mich herum waren längst verstummt, die Kälte verschwunden und das Gefühl zu leben hatte sich aufgelöst.                       Wie sehr ich gehofft hatte, David hier zu treffen. Doch statt ihm blickte ich einzig der Endlosigkeit entgegen. Der Boden unter meinen Füßen begann langsam Risse zu bekommen und ich hörte ein leises Knacken.                                                             Ein paar Sekunden später, zerbrach das Glas unter mir und ich viel in die Dunkelheit. Doch ich viel nicht, als wäre ich irgendwo herunter gefallen, statt dessen viel ich, als hätte mich jemand fallen gelassen. Ich machte keine Anstalten mehr mich gegen den Tod zu wehren, stattdessen durchlöcherten mich zahlreiche Fragen:

Warum hatte er es mir verschwiegen?

Wollte er es mir überhaupt sagen?

Hatte er mich wirklich geliebt?

Konnte er mich überhaupt lieben? Oder war alles, was er mir je gesagt hatte nur eine Fassade? Mit dieser Frage hörte ich auf zu existieren, zu denken, zu leben und zu fühlen.

Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media