Langsam schlurfte Travis in das Wohnzimmer, setzte sich in sein abgewetztes aber bequemes Sofa und schenkte sich einen Brandy ein, den er in einem Zug hinunterspülte. An seinem aufgedunsenen Gesicht erkannte man bereits die Folgen des Alkoholmissbrauchs, seine Hände zitterten und beinahe wäre ihm das Glas, das er umklammerte hinuntergefallen. In früherer Zeit war er ein angesehener Meister der schönen Künste gewesen. Der Abstieg begann als seine Frau starb….

Alles was ihm geblieben war, war sein treuester und bester Weggefährte ein Retrievermischling.

Als die Schatten immer länger wurden und die Nacht langsam hereinbrach fing der Hund zu knurren an. Es war ein leises Grollen, das sich rasch verstärkte und in ein lautes Bellen mündete. Travis schob den Vorhang ein wenig zur Seite um in der undurchdringlichen Schwärze der Nacht irgendetwas zu erkennen. Das schweißnasse Haar klebte an seiner Stirn und er keuchte leise, denn alleine der Gedanke einen Fuß vor die Türe zu setzen verursachte ihm Angst. Er hatte sein Haus seit gut fünf Jahren nicht mehr verlassen, die Agrophobie hatte ihn fest im Griff. Es war ihm so als hörte er plötzlich ein Wispern, das sich immer mehr verstärkte und er konnte deutlich seinen Namen hören: „Travis“, „Travis“, ich bin wieder zuhause!“ Erschrocken blickte er sich in seinem Wohnzimmer um und stellte erleichtert fest, dass alles normal zu sein schien. Die Bücherwand mit den vielen Lektüren, die er schon lange nicht mehr gelesen hatte, der Wohnzimmertisch auf dem die ganzen Whiskey und Bierflaschen standen und ein Teil auch schon auf dem Boden lag und natürlich der Kamin an dem er  und seine Frau immer gesessen hatten. Seine einzige Affinität die er neben dem Alkohol noch besaß war sein PC, mit dem er nach Belieben Lebensmittel und Getränke bestellen konnte. Er hörte es deutlich, ja jetzt hörte er es-aus dem oberen Raum mit dem Schlafzimmer, waren deutlich Schritte zu vernehmen. In gespannter Haltung und mit gezogenen Lefzen, rannte der Retrievermischling die Treppen hinauf, kratzte an der Türe, die sich einen Spalt öffnete und verschwand in dem Zimmer. Ein kurzes Heulen ertönte, dann war da absolute Stille. Aus Sorge und schreckerstarrt, verharrte er am unteren Treppenende.

Seine Hände suchten hektisch nach dem Lichtschalter, als sich die Türe öffnete und jemand einen Schritt in den oberen Flur trat. Panik ergriff ihn, er stürzte zur Eingangstüre und verharrte dort zitternd. „Nein er, konnte nicht hinaus, ganz bestimmt nicht!“ Ein Kampf tobte in seinem Inneren und seine Finger umklammerten krampfhaft den Haustürschlüssel. An dem Knarren der Holzdielen hörte er, dass jemand langsam die Treppe hinunterging. „Halt wer ist da!“ schrie er in nackter Panik. Die Schritte verharrten und verstummten dann endgültig. Schnelle trippelnde Schritte näherten sich ihm, gefolgt von einem keuchendem Schniefen, eine Hundeschnauze tauchte am unteren Ende der Treppe auf und bald hielt er seinen geliebte Mischling wieder in den Armen.“ Ja, wo warst du denn?“ „Was hast du da oben gemacht?“ Natürlich bekam er keine Antwort. Seine Erleichterung war riesengroß und er beschloss in Zukunft weniger zu trinken. „Na mein Süßer, keinen Alkohol mehr, versprochen!“ „ Ich verspreche es dir, ich drehe in Zukunft nicht mehr am Rad!“
Sanft schmiegten sich seine Finger in das warme Fell des Hundes. Erschöpft und noch immer zittrig ging er durch das Wohnzimmer in Richtung Küche. Als er an dem Bad vorbeikam, hörte er es ganz deutlich. Das Licht war eingeschaltet und jemand flüsterte Worte, die so schmerzhaft und traurig klangen vor sich hin. „Es gibt Tage, an denen dir so großes Leid zugefügt wird, dass dein Herz sie nicht vergessen kann, auch wenn der Kopf dich dazu zwingen möchte.“ Diese Stimme war ihm so vertraut und doch, das konnte einfach nicht sein… Er klopfte sich mit beiden Händen gegen den Kopf und hoffte so wieder klarer zu werden. „Alles nur Wahnvorstellungen!“ „Du gehst jetzt in das Bad und…“
Travis lehnte seinen Kopf an die Badezimmertüre und fing an bitterlich zu weinen.
Seine Finger berührten das spröde Holz und er flüsterte leise: „ Ich vermisse dich so!“ „Es ist alles sinnlos ohne dich.“ „Nichts ist sinnlos, ich bin immer bei dir…immer.“ antwortete die Stimme. „Nur ein kurzer Augenblick, einmal noch möchte ich dich sehen.“ „Ja, einmal und für immer“ flüsterte die Stimme.“ Als er seinen Blick wendete und durch die offene Küchentüre blickte stand sie da in ihrem rotgefärbten Pulli und den blauen engen Jeans. Die Blutflecken, die durch den Autounfall entstanden waren, waren eingetrocknet, aber noch deutlich zu sehen, ihm schwanden für einen Moment die Sinne und er fiel auf den Boden. Als er wieder langsam zu sich kam, spürte er die Berührung einer sanften Hand an der Wange und das liebevolle Gesicht seiner Frau, hatte er nun deutlich vor Augen. Sie lächelte ihn an und sagte mit viel Wärme in der Stimme. „ Ich bin tot, aber du lebst.“ „Ich möchte, dass du wieder anfängst zu leben und dass du wieder glücklich wirst, mein Liebster!“ „Der Augenblick ist jetzt vorbei, ich muss jetzt gehen.“ Sie küsste ihn auf die Stirne und eine Träne benetzte sein Gesicht.

Am nächsten Tag öffnete er zitternd die Eingangstür und eine kühle, frische Brise wehte ihm entgegen. Tapfer kämpfte er sich entlang der Mauer vorwärts. Befreit lächelte er. Er würde es jetzt schaffen. Es war nur ein kleiner Schritt, aber ein sehr wichtiger. Ein Schritt in die Freiheit und zu den Anonymen Alkoholikern…..

Kommentare

  • Author Portrait

    Berührend...

  • Author Portrait

    Sehr schön und bewegend :-)

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