Verlust

Verlust

Varek

Mein Körper war in einer Starre gefangen, die schmerzhaft an meinen Muskeln spannte. Ich hätte mich problemlos rühren können. Mein Leib war unversehrt, aber der eiserne Wille der jungen, schönen Frau, die sich barfuß über den Sand auf mich zu bewegte, verbot mir jeglichen Widerstand.
»Hallo, Varek«, wisperte sie. Der Wind, aus dem sie gekommen war, trug ihre Stimme glasklar an mein Gehör. »Du siehst gut aus.«
Ich wollte mich abwenden, als aus dem Nichts ihre Hand hervorschnellte und sich seitlich an meinen Hals legte. Dort, wo noch vor wenigen Augenblicken Kiras Hände meine Schmerzen gelindert hatten, wischte sie mit einer einzigen Geste jedes Wohlgefühl fort.
Kampfunfähig sah ich in ihre wilden, smaragdgrünen Augen und erlag der Macht darin.
Ich biss die Zähne zusammen. Gegen meinen Willen öffnete sich mein Geist, als sie Einlass verlangte. Obgleich die Sonne erbarmungslos über uns brannte, fror meine Seele fort, wo Layra sie berührte. Ich schloss die Augen, und als ich sie wieder öffnete, war die Sonne fort, der Strand verschwunden. Aus dem Rauschen des Meeres war das leise Klirren von Glas geworden.
Ich musste mich nicht umsehen, um zu wissen, wohin sie mich gebracht hatte. In mein eigenes Reich. Zu einem kleinen, unscheinbaren Wohnwagen, im Herzen des Jahrmarkts, der mein Fürstentum bildete.
All die kleinen Geheimnisse, die ich neunhundert Jahre lang vor ihr verbergen konnte, lagen vor ihr brach. Alle Hoffnung ging mit dem Wissen um den einzigen Ort verloren, an dem sie mich bis zu diesem Tag nie hätte finden können.
Als sich ihre Hand von meiner Haut löste, brach der Bann, der meinen Körper in Starre hielt. Ich hätte einen Schritt zurückgehen und mehr Distanz zwischen uns bringen können, aber in meinen Gedanken herrschte Finsternis vor. Lähmende Dunkelheit zog durch meine Venen. Das Blut darin wollte gefrieren.
»Hier also hast du dich die letzten Jahrhunderte vor mir versteckt?«
Layra wandte sich ab von mir. Ein Schwall dunkelbrauner Locken tanzte über ihren Rücken. Der Duft betörte mich auf eine unfassbar abstoßende Weise. Neunhundert Jahre Macht, Stärke und Leben - und dennoch war ich unfähig, auch nur die Hand zu heben, um sie zu verletzen.
Sie sah sich in dem kleinen, spartanischen Wohnwagen um. Ein Bett, ein Schrank, ein kleiner Tisch und zwei Stühle. Mehr gab es in meiner Zuflucht nicht. Eine einfache Glühbirne an einem herabhängenden Kabel leuchtete den fünf Quadratmeter großen Innenraum nur spärlich aus.
Die Talismane, die ich aus dem heruntergekommenen Hotel in Reykjaviks Stadtzentrum mitgebracht hatte, tanzten klirrend unter der Decke und verhöhnten jeden Versuch, das Böse abzuwehren, das sich mehr denn je nach meinem Leben streckte.
»Sehr bescheiden für den zukünftigen König aller Schattenwelten.«
Blitze zuckten durch meine Nervenbahnen. Ich kontrollierte die Wut nicht mehr, die das Dunkelste in mir ans Licht brachte. Wie von selbst ballten sich meine Hände zu Fäusten.
Sie drehte sich um. Ihr Blick fuhr über meine Gestalt. Abschätzend. Zufrieden. »Hast du mir denn nach all den Jahren noch immer nichts zu sagen?«
»Verschwinde aus meinem Fürstentum«, presste ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Du darfst nicht hier sein.«
»Ich«, erwiderte sie schmunzelnd, »darf alles tun, was auch du darfst, überall dort sein, wo auch du bist. Wir sind Seelengefährten. Hast du das vergessen?«
»Wie könnte ich dich je vergessen?«
Sie lachte. Eine Mischung aus ehrlicher Freude und diabolischer Feindseligkeit. »Du denkst noch immer, ich hätte dein Leben zerstört.«
»Nein. Mein Vater hat mein Leben zerstört. Du hast es mir weggenommen. Ich war neunhundert Jahre auf der Flucht vor dir.«
Sie bewegte sich langsam auf mich zu, hob die Hände und legte sie auf mein Gesicht. Dort, wo sie mich berührte, wurde meine Haut kalt. »Sag, denkst du jeden Tag an mich? An mich und das, was uns beide verbindet?«
»Ich stelle mir jeden verfluchten Tag vor, wie ich dir und deinem Treiben ein Ende setze.« Ich hielt ihrem Blick stand. Wünschte, ich bräuchte nur die Hand heben und das Herz aus ihrer Brust reißen. Aber ich startete keinen Versuch. Ich konnte nicht. »Wenn mir die Götter eines Tages gnädig sind, ist deine Zeit gekommen.«
Ein Lächeln, so schön und wild wie ein Feuersturm brachte ihre geröteten Lippen zum Beben. »Deine Zeit endet in zwei Tagen. Nichts und niemand wird dich vor mir bewahren können, nun, da ich dich endlich gefunden habe.«
»Zwei Tage sind eine lange Zeit für einen Ausbruchskünstler wie mich.«
Sie erwiderte nichts. Schmunzelnd fuhr ihre Hand über meine Schulter und meinen Arm hinab, umfasste mein Handgelenk und hob es an, sodass ich es ansehen musste. Unter der Oberfläche des schlichten schwarzen Eisenbandes loderte ein feurig roter Schriftzug. Die Essenz meiner Bannung. »Du und ich«, wisperte sie schließlich. »Wir beide wissen, dass diesmal alles anders ist.«
Ich sah sie an und spürte, wie ihre Finger in meinen Erinnerungen gruben. Ein Bild von Kadra erschien vor meinem inneren Auge.
»Hast du sie getötet?«
»Ja«, erwiderte Layra trocken. »Ich habe jemanden damit beauftragt, sie aus dem Weg zu räumen. Und jetzt, neun Jahrhunderte später, stehen du und ich wieder an der gleichen Stelle. Als hätten wir uns nur im Kreis gedreht.« Ihre Hand hob meine. Sie berührte meine Finger und drehte sich einmal um sich selbst, als würde sie tanzen. »Wir tanzen seit fast eintausend Jahren den gleichen Tanz. Es wird Zeit für einen neuen Schritt.« Abrupt blieb sie von mir abgewandt stehen und sah sich in dem kleinen, staubigen Wohnwagenraum erneut um. Ihre Hand umklammerte mein Handgelenk fester, als wollte sie niemals mehr loslassen. »Glaubst du an das Schicksal?«
»Nein.«
»Aber ich. Und ich glaube fest daran, dass es uns manchmal ein Unrecht sühnen lässt, das wir begangen haben. Ich weiß, dass deine Liebste zurück ist. Sie versteckt sich in der Seele einer Sterblichen. Ich kann es in deinen Gedanken lesen.«
Mit einem Ruck wollte ich ihr mein Bewusstsein entreißen, meinen Geist verschließen und Kira und Kadra schützen. Aber ich konnte nicht. Sie drehte sich um, sah mich lächelnd an.
Ich konnte lediglich die Augen vor Zorn zusammenkneifen. Widerstand schien unmöglich. »Was willst du?«
»Dir die einmalige Chance geben, es diesmal richtig zu machen.«
Ich atmete aus. Die Luft rasselte in meiner Lunge. »Ich bin ganz Ohr.«
»Ich biete dir einen Waffenstillstand an. Dir bleiben zwei Tage, um alles zu klären, um dich zu verabschieden, um das Leben in vollen Zügen zu genießen. Und wenn diese Frist abgelaufen ist, wenn in zwei Tagen die Sonne untergeht, wirst du ans Ufer des schwarzen Strandes kommen und mit mir nach Hause gehen.«
»Und was gewinne ich?«
Aus dem Sammelsurium all meiner Gedanken zauberte sie ein Bild von Kira hervor und legte es über meine Netzhaut. »Sie. Ihr Leben und das der Seele deiner letzten Gefährtin, die in ihr wohnt.«
»Wenn du ihnen auch nur ein Haar krümmst, dann-«
»Dann was? Reißt du mich in Stücke?« Sie schmunzelte amüsiert. »Das wirst du nicht.«
»Spuck endlich aus, was du willst, und verschwinde.«
»Entweder, du nimmst mein Angebot an und verbringst die letzten zwei Tage, die dir bleiben, so, wie du es willst, oder ich schleife dich ins Schloss deines Vaters zurück, zwinge dich dazu, ihn gehenzulassen und stecke dich zurück in dieses Verlies, ohne jede Hoffnung auf Erlösung.«
»Wieso?«, wisperte ich finster.
»Deine Brüder sind gestorben, weil ihre Seele nicht leidenschaftlich brannte, als sie mir das Tor in ihre Welt öffnen wollten. Ich will dein Inneres brennen sehen, wenn wir an der Pforte stehen. Entweder es brennt vor Leidenschaft und Liebe, ganz gleich, für welche Frau, oder vor Hass und Wut, weil ich dir alles genommen habe. So oder so, ich werde dich nicht verlieren.«
»Du kannst mir nicht vertrauen. Zwei Tage sind genug Zeit, um das Mädchen zu holen und zu fliehen.«
»Ich muss dir nicht trauen. Ich werde mich absichern, damit du zurückkommst. Also was sagst du?«
Ich zwang mich zur Ruhe, auch wenn mein Inneres tobte. Ich stand am Abgrund. Ging ich auf ihren Handel ein, verlor ich. Schlug ich ihn aus, verlor ich. Layra drängte mich mit Nachdruck an die Wand.
»Du wirst das Mädchen verschonen«, verlangte ich. »Du wirst Kadras Seele freigeben und sicherst all meinen Verbündeten und allen Kindern meines Fürstentums sicheres Geleit in die Freiheit zu?«
»Was auch immer du willst, solange es uns übermorgen Abend zu diesem Portal und hindurch bringt. Du hast gar keine Wahl.«
Zögernd nickte ich. »Einverstanden.«
In meinen Lungenflügeln brannte ihre Kälte, als sie mit der freien Hand über meinen Unterarm wanderte und dort ein weiteres Symbol in meine Haut ätzte. Sie musste mir nicht erklären, was es bedeutete, ich konnte es fühlen. Spürte deutlich, wie ein Teil von mir aus mir herausgerissen wurde. Ein beißender Schmerz breitete sich mit jedem Herzschlag mehr in meiner Brust aus, flutete lähmend durch meine Arme und Beine und stieg mir wie ein Krampfanfall zu Kopf.
Sie ließ mich los, damit ich fallen konnte. Auf alle Viere stürzte ich hinab, als mir mein Körper plötzlich nicht mehr gehörte. Ich beugte mich vor und würgte. Krämpfe und Lähmungen pressten etwas aus mir heraus. Eine zarte, weißliche Dunstwolke kam über meine Lippen und floss wie von selbst in Layras ausgestreckte Hand, bildete dort ein winziges, strahlendes Licht und wurde von ihren Fingern verborgen, als sich diese darum schlossen.
Gähnende Leere streifte an den Ecken meines Verstandes hin und her wie ein ruheloses Raubtier. Ich tastete in mich hinein und fühlte - gar nichts mehr. Kaltes Nichts stürmte durch das große Nichts, wo zuvor meine Seele gesessen hatte.
»Ich will dich in zwei Tagen wiedersehen«, flüsterte Layra in mein Ohr. Ihre Hände tauchten hinab zu mir und gruben sich in mein Haar. »Oder ich beschere dir nach Ablauf dieser Zeit die schlimmsten Augenblicke deines Lebens und lasse dich in deinem Wahn zusehen, wie ich die Frau töte, für die du diesen ganzen Zirkus veranstaltet hast. Hast du mich verstanden?«
»Ja.«
Ein Hauch streifte mich und sie war fort. Ich stützte die Hände gegen den Grund, aber der Dielenboden war verschwunden. Meine Finger sanken tief in feuchten, pechschwarzen Sand.
Eine Böe erfasste mich, zerrte an meinem Haar und wischte es in fließenden Bewegungen über mein Gesicht. Mein Atem stockte. Alles fühlte sich plötzlich seltsam an. Falsch. Fremd.
Jede Bewegung schien unvollständig.
Träge setzte ich mich auf. Ich hob die Hände, fuhr mir durch die Haare und reckte das Gesicht hinauf zur blutroten Sonne. Zwei Tage. Zwei verfluchte Tage, die mir blieben, um Layras Plan zu durchkreuzen. Oder auf mich wartete die Hölle auf Erden.
Schwer wie Blei versagten mir meine Beine den Dienst. Irgendwie gelang es mir, mich auf die Füße zu stellen, zwei Schritte zu gehen. Ich öffnete das Portal und stolperte blind hindurch.

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