Versprechen

Er hielt sein äußeres Erscheinungsbild bemerkenswert honorabel, auch wenn ihm anzusehen war, welchen Stellenwert dieser Auftrag für ihn bemaß. Er musste schmerzlichst tief ins Säckchen gegriffen haben, um der offiziellen Obliegenheit für seine Belange zu umgehen. Kein Kopfjäger würde es unbedacht wagen dem Geheiß der Göttlichen zu widersprechen, gar zu betrügen.
Eine stolze Summe zur Sicherung ihrer Leistungen vorweg und gewiss eine weit üppigere nachträglich hinzu. Jene, die sich dieser Gruppierungen gewahr wurde, musste stets damit rechnen betrogen zu werden. Ein Geheiß aus dem eisigen Norden, noch dazu von der Göttlichen selbst, galt unter diesen Leuten als höchsten Wert. Auch die Bezahlung und die zugesprochenen Kompetenzen waren ein hohes Gut, doch eines wog mehr auf als all dies - noch mehr Gold. Ihr derzeitiger Fürsprecher sprach ihnen obendrein Immunität und Land zum Siedeln zu.
Selbstgefällig standen nunmehr vier dieser bezahlbaren Gestalten mittig des Saales, hinter ihnen eine verschlossene doppelflügelige Tür. Welch schmutzige Wäsche hat Bestlin zu waschen, als das er sich mit solchem Abschaum einließ?
Ein hochgewachsener bulliger Kerl trat vor und hob fordernd die seine Rechte. »Wir verlangen unsern Sold. Gebt ihn uns.«
War es Mut oder Vermessenheit? Alrics linke Braue hob sich und er nickte anerkennend. Mit dem Rücken lehne der Jäger an jenem verschlossenem Tor, den rechten Fuß an diesem gelehnt und die Arme verschränkt; seine Mundwinkel abwertend verzogen.
Bestlin nestelte an einem Dolch und prokelte sich damit gelassen hinter den Fingernägeln. Er sah nicht einmal auf, als er begann zu sprechen. Seine Stimme klang nahezu gelangweilt.
»Ihr ... fordert?«
»Du hast nicht erwähnt, dass Truppen auf uns warten.«
»Mhm. Wenn ich mich recht erinnere, solltet ihr lediglich diese entlaufene Mutter und ihre Tochter für mich fangen und zu mir bringen. Dafür habe ich euch bezahlt, nicht um sich mit fadenscheinigen Widersachern zu plänkeln.«
»Du glaubst ...«
Brüsk unterbrach der Lord den Hünen. »Glaube steht hier nicht zur Diskussion ... Kopfjäger.« Das letzte Wort troff vor hohn. Er sah auf und die Spitze seiner Waffe deutete direkt auf diesen. »Ihr bekamt genug Informationen, um unser Geschäft, ohne weiteren Aufwand zum Abschluss zu bringen. Durch euer Zögern habt ihr nicht nur eure Leute verloren, ihr habt es sprichwörtlich vermasselt.«
Seinem Gegenüber schienen die Andeutungen nicht sonderlich zu interessieren, auch die gewaltige Überlegenheit Bestlins beeindruckte diesen Mann nicht im Ansatz. Mehr noch, er schritt bis zu dem vor ihnen stehenden Tisch und lehnte sich mit den Fäusten aufgelehnt über diesen. Mit dessen beeindruckender Körperstatur wie seiner selbstsicheren Art verkörperte er einen ernst zu nehmenden Gegner. Seine Haltung verriet Angriffslust und die Stimme klang gepresst, so als müsse dieser sich beherrschen. »Geb uns, was uns zusteht und wir werden dein mitspiel für uns behalten.«
Der Hauptmann zu deren Linken wurde stetig nervöser und löste seine am Rücken verschränkten Handgelenke. Seine Waffenhand ruhte auf dem Knauf seines Schwertes.
Alric schnaufte und gab ein kleinlautes Grunzen von sich. Lautlos geformte Flüche verließen seine Lippen. »Das ist nicht mein Tag.« Seine Hände glitten hinab zur Hüfte, dorthin, wo sich gewohnterweise die Handstücke seiner Wahlwaffen befanden.
Seine Augen rollten, als er sich gewahr wurde, dass er seine bühnenreife Paraderolle gaukelte. Die Finger seiner Linken tanzten ungehemmt, um dem gegenüberstehenden Hauptmann nicht unnötig aufzuzeigen, was nicht zu zeigen war. Seine Rechte umfasste derweil ein schlank gefertigtes Meisterwerk. Eine leicht zu führende Schwertklinge, kürzer als die Ortsüblichen, woraufhin man sich deutlich näher in die Gefahrenzone eines Feindes begab. Dennoch, er mochte die Waffe irgendwie. Mit dieser vermochte er flinker und gezielter parieren und anzugreifen, als mit einer Schwereren. Auch ermüdeten die Muskeln nicht so schnell wie mit herkömmlichen.
»Berichtige mich. Ich soll euch für etwas bezahlen, was ihr mir nicht bringen konntet, weil ihr nicht in der Lage wart, euren Auftrag zu erfüllen. Stattdessen bedrohst und erpresst du mich?« Bestlins Blick begegnete den seines Gegenüber. Die übrigen drei Begleiter verlagerten indes ihr Gewicht. Alric bezweifelte, dass dieser arglistige Verräter, ebenso sein Speichellecker mitbekamen, dass sich diese unbemerkt aber stetig voranbewegten. Sie würden keineswegs zögern, die letzten Schritte im Sturm voranzueilen, um sich zu holen, was ihnen ihre Ansicht nach zustünde.
Was jene jedoch nicht erahnten, im selben Raum befand sich eine Person, welche nur ahnungslose als Jäger bezeichneten. Jemand, der frühzeitig erlernte, sich nahezu lautlos zu bewegen und zu tun, wofür so manche eine erhebliche Sauerei veranstalteten. Seine Klinge blieb gegenüber vieler stets scharf.
Für Alrics Geschmack war jener, deren er ein Versprechen schuldete, einen Hauch zu schnell. Schade, denn er hätte gern miterlebt, wie der Angreifer diesem vermaledeiten Verräter die Kehle durchbiss. Das Schicksal wollte ihm seine Beteuerung nicht vorenthalten.
Soeben noch mit dem spitzen Dolch gestikulierend, steckte dieser wenige Augenblicke später, beinahe bis zum Heft, im linken Auge seines Erpressers.
Blut troff auf die Tischplatte. Der thulenische Abtrünnige schien nicht einmal bemerkt zu haben, dass die Klinge durch sein Sehorgan, das dahinter befindliche Hirn tötete. Reglos stand er da und ein jeder glaubte, den Atem anhalten zu müssen.
Dessen erschlaffender Körper stieß den letzten Atemzug klagend aus der nunmehr leblosen Hülle. Die Fantasie spielte ihre Streiche. Dem Klang nach zu urteilen, focht die entweichende Seele immer noch mit dem Mörder seines Leibes.
Dessen Beine sackten haltlos unter dem Gewicht seines Köpers zusammen. Sein entseelter Kopf schlug hart auf die Tischkante und ein knirschender Laut zeugte davon, dass im Nachhinein das Nasenbein brach. Der Moment der Stille und Bewegungsfreiheit fand alsdann ein jähes Ende.
Seinen Begleitern blieb nicht einmal ein Hauch eines Augenblickes, um zu reagieren, und ebenso wenig hatten diese vor, ihre verstreichende Zeit ungenutzt verkommen zu lassen.
Alric sammelte bereits unliebsame Erfahrungen mit ihresgleichen in Holmfirth. Es war sein Auftrag in der Küstenstadt die Lage zu beurteilen und für Bestlin Stimmung zu entfachen. Dieser Bastard plante doch glattweg, den Platz des Obristen der südlichen Stadt Agreas für sich zu beanspruchen.
Er fand keinen Gefallen daran, seine ureigensten Überzeugungen zu verstellen, verabscheute sich gar selbst für seinen beschrittenen Weg. Dennoch, er war weder der eine noch ein anderer. Der Verräter und seine Häscher kannten ihn als den Jäger, dessen Hauptmann hingegen für den Schlächter seiner Gefolgschaft. Die seinen, die ihn für einen der ihren hielten, täuschte er nicht minder.
Gewiss, sie standen für dieselbe Sache, für dasselbe Ziel. Alric hatte über all die Jahre hinweg gelernt viele Masken sein eigen zu nennen und diese glaubhaft zu verkörpern.
Für die einen war er bekanntermaßen der Jäger eines Verräters an Land und Volk, für die Begleiter die ihn besser glaubten zu kennen jener, der die Schattenjäger als Einheit formte. Allein sein Vetter ahnte, dass sich hinter seinen Fassaden mehr verbarg. Er laß es an jenem verhängnisreichen Abend in dessen Augen. Eines nicht mehr fernen Tages, so versprach er, würde er es ihm und Alna erklären.
Sein Herz pochte schwer gegen seine Brust, als er an ihn dachte. An jenem Abend, als er ihn fortschaffte. Für ihn und nur für ihn erklärte er sich vor so vielen Jahren einverstanden. Er musste sich seither selbst verleugnen.

Katzengleich stoben die drei übrigen Kopfjäger voran. Es gab weder ein vorhergegangenes Zeichen noch Absprache. Wie wilde Tiere knurrten sie hinter zusammengebissenen Zähnen.
Wie konnte ein Mann nur derart bedenkenlos reagieren, so berechnend und kaltblütig? War dieser andersartig als jene, die bewusst kamen, um zu töten?
Dessen leichthändige Klinge schwang sondergleichen in seiner Rechten. Es war seine ureigenste Eigenart sein Handgelenk zu lockern. Für andere mochte es aussehen wie eine zur Schaustellung gar Prahlerei, für ihn war es ein Auftakt. Einem Kreisel gleich wogte der geschliffene Stahl im Uhrzeigersinn - einmal ... zweimal ... dreimal. Sodann wand er den Arm und die Klinge beschrieb eine vollführte Acht in zwei durchgezogenen Zügen. Sein Gegenüber bemerkte das nahende Unglück in seinem Rücken nicht; dieser ließ sich von seinem gierenden Blut, welches in seinen Ohren dröhnte, vollends blenden.
Das richtende Metal, einem Mahnmal gleich, weilte über dem Haupte dieses ihm unbekannten Mannes. Für Alric war es indes ein weiteres Leben, eines das auf seinen Wegen weichen musste. Er konnte sich nicht erwehren. Vor langer Zeit schmerzte ihm das Herz bei jedem einzelnen Streich, jetzt vergoss er für jedes Opfer eine Träne. Er empfand dies nicht einmal mehr als Schwäche; es war seine Andacht, seine Trauer.
Das Richtschwert senkte sich wie ein Senkbeil, einer Guillotine gleich.

Der Hauptmann zog in dem Augenblick Blank, als dass Knirschen brechender Knochen das geschliffene Pack reagieren ließ. Er hob amüsiert die Brauen, als einer jener unbedarft voraneilte, mit der Absicht seinem Lord an den Hals zu springen.
Kaum das er seine Waffe hinter dem versperrenden Tisch hervorbrachte und als das einzusetzen vermochte, wofür diese geschaffen war, fand es eigenständig ein Opfer.
Voreilig wie die Fremde war, schärte sie weder links noch rechts. Bestlin hatte ihren Anführer verschmäht und getötet. Er war es, der ihre Begierde entfachte und somit galten alle Anwesenden als nicht erachtenswert.
Schade, es sollte mit dieser nicht einmal zu einem widersächlichen Kampf kommen. Sie hatte es dem Anschein nach eilig ihr Ableben zu frönen. Mit dem Hals voran steckte die Jägerin aufgespießt an seinem Schwert und zog dieses durch ihr bloßes Gewicht nieder auf die Tischplatte. Der Hauptmann fluchte, riss und stieß an seiner Waffe. Die Belustigung schien ihm vergangen.
Bestlin hingegen warf sich samt Stuhl rücklings und entging so den zu Krallen geformten Händen des dritten Widersachers.
»Verflucht. Packt ihn«, plärrte er erschrocken.
Noch während er mit geweiteten Augen zurückwich und der Waffenlose, zum Hauptmann verpflichtete Renommist versuchte seine Klinge zu lösen, sprühten ihnen feine rote Tröpfchen in die Gesichter.
Etwas schepperte hölzern gegen die Wand.

Rückwärtig, beginnend der rechten Schläfe, bis hinab linkswärts des Kinns fuhr die einseitig geschliffene Klinge Alrics. Es schien so einfach, ohne spürbaren Widerstand glitt sein Schwert durch Haut, Sehnen und Knochen, so als würde er damit einen Kürbis zerteilen.
Ein Mann namens Dolvi hatte ihm dieses für eine Fronarbeit günstig überlassen. Um an diese Klinge zu gelangen, musste er einen Weg einschlagen, der ihn nahezu eigenst das Leben kostete.
Die Schmiedekunst solch einer Waffe galt hierzulande als vollkommen unbekannt. Der Schmied jenes Gegenstandes musste zur Verarbeitung eine hier nirgends vorkommende Metallart formen, die dem jeweiligen Blatt eine Stabilität und Schärfe verlieh, die mit herkömmlichen nicht zu vergleichen war.
Wo althergebrachte Klingen beim Schlagen auf Holz stumpften, glitt diese wie ein frisch geschliffenes Beil hindurch. Wohingegen dieses Schwert beim Meucheln seine Vorteile genoss, blieb es beim Schlagabtausch mit stumpfen Waffen nachteilig. Wo die Schneide harte Schläge kerbenlos überwand, bestand Gefahr zu zerbrechen, wurde ein schwerer Hieb auf die ungeschliffene Seite geführt oder mit dieser pariert. Mutmaßlich stamme dieses Werk fernab des Ususmeeres, viele weitere Meilen, nachdem die Nebel keine Beständigkeit mehr aufwiesen und Eindringlinge mit klebrigen Fingern in das tiefe Nass lockten.
Obwohl es sich bei dieser Waffe um eine leicht zu führende mit einer vorzüglichen Gewichtung handelte, fühlte Alric sich dieser nicht verbunden. Er bevorzugte Scimitar, breiter in der Schneide, dafür auch schlanker in der Verarbeitung.

Nachdem sein Opfer leblos zusammenbrach, erkannte er die Misslichkeit des oftmals ungewandten Hauptmannes. Alrics hatte sich schon häufig gefragt, wie dieser es schaffte, solch gewichte Anstellung zu bekleiden. Er entstammte aus einfachen Umständen, was einem geschickten Mann nicht behindern mochte, indes aus einem Pulk Meuchler sollte ein Leitmann nicht rekrutiert sein.
Dessen Schwert steckte ungelenk in der Erstochenen. Trotz hagerer Gestalt ließ sich die Klinge nicht lösen. Unverkennbar hatte sich diese verkantet.
Schrecken erkannte er in den Augen Bestlins. War er sich vor wenigen Herzschlägen noch seiner selbst sicher, bangte er augenblicklich um sein selbstgefälliges Leben. Es wäre ihm ein Leichtes den Kopfjäger gewähren zu lassen und das Land von einem weiteren Verräter zu befreien. Sein Gewissen rang mit seinem Versprechen. Seine Augen huschten unstet von links nach rechts, er haderte. Schließlich überwog seine Beteuerung. Dieser Mann gehörte ihm. Ihm ganz allein.
Der letzte der Kopfjäger hockte wie eine Katze im Sprung auf dem Tisch und fletschte die Zähe. Er wusste, dass diese Menschen mit allem kämpften, was zum Greifen nah war. Ihnen waren somit weder Hände, Finger noch Zähne fremd und er war sich gewiss, dass jener vor ihm, mindestens einmal einen Bissen von einem lebenden Körper genoss.
Alric holte aus. Er führte seine Waffe von unten nach oben und brachte mit diesem einem Hieb seine aufgestaute Frustration zum Ausdruck. Zum wiederholten Male sollte dieser Verräter davonkommen, abermals war er es, der diesem den Hals rettete.
Ausgerechnet zu jenem Augenblick, wo die Klinge in den Rücken eines neuerlichen Opfers fahren sollte, beugte sich dieser abnormal herab und reckte den Kopf nach hinten.
Schicksalsschlag, Alric vermochte den Verlauf der Schneide nicht mehr zu lenken und spaltete die Schädeldecke seines Gegenübers. Der obere Schädelteil flog wie ein geworfener Teller an die Wand und klang seltsam hohl. Matschige Masse verteilte sich auf dem Tisch und sprühte sichelförmig den zwei schockierend dreinschauenden Männern entgegen.

***

Unregelmäßig hob und senkte sich Bestlins Brust, so als wäre er vollends außer Atem. Seine Zunge fuhr ihm über die Lippen und seine Hand wischte seine mit Blut besprenkelte Grimasse. Dessen Stimme klang verzehrt. »Wozu verdammt ... seid ihr ... eigentlich ... mein Hauptmann und Jäger?«
Mit fahrigen Gesten rückte der Mann seinen Stuhl zurecht und ließ sich in diesen hineinfallen. »Ihr zwei sollt mir Vorfälle wie diesen eben vom Hals halten.« Nacheinander besah er beide noch lebenden Anwesenden mit verzogenen Brauen und gesengten tonal. »Schafft diese Schweinerei hier weg«, schnauzte dieser.
Alric blähte die rechte Wange und prustete. Er musterte seine besudelte Klinge und wischte diese an der verschlissenen Kleidung des Enthaupteten sauber. »Ich weiß nicht, wie ihr es seht, aber ich entsinne mich, zwei dieser Bastarde erledigt zu haben.«
Bestlins Brauen verengten sich weiter als man es je vermuteten würde und sein Blick suchte den des Jägers. Anstatt ein Wortgefecht zu entfachen, lenkte der Lord wohl wissend ein. »Ist der Weg nach Holmfirth vorbereitet?«
»Nein.«
Alrics Schwert glitt in die schützende Hülle an seiner Hüfte. Er sah aus dem Fenster und bemerkte eine seltsame Bewegung auf dem Dach des Torhauses gegenüber.
»Nein? Was heißt nein? Ich schickte ...«
Was auch immer der selbst ernannte Lord des Landes weiter von sich gab, der Mann mit den vielen Charakteren hörte nicht länger zu. Stattdessen schritt er näher ans Fenster und glaubte, eine Vogelart zu erkennen, die es diesseits des ›flüsternden Waldes‹ nicht mehr geben dürfte. Staunen stand ihm im Gesicht und seine Lippen formten ein kaum wahrnehmbare Frage. »Ein Bussard?«
»Alric! Was ist in Holmfirth passiert«, verlangte Bestlin zu erfahren.
Der Hauptmann trat an des Jägers Seite und sah in dieselbe Richtung. »Unsere Abendmahlzeit?«
Dieser Mann war nicht nur außerstande seiner Stellung gerecht zu werden, er missverstand überdies die Bedeutung dieses Vogels. Er hatte nicht einmal den Ansatz einer Ahnung.
»Der Obrist hat für euch keinen Bedarf und regiert die Stadt wie das Land selbst. Ihr sollt weiterhin für das leibliche Wohl des Landes und all der anderen Verantwortung tragen.«
Etwas polterte hinter ihm, doch sein Blick blieb auf das Antlitz des Greifvogels gerichtet. Sein Körper verweigerte sich, fanden seine Augen den Anblick viel zu faszinierend. Noch bevor dieses Tier sich in die Lüfte erhob und in Richtung Norden davonflog, vernahmen seine Ohren dessen schrillen Ruf und er glaubte, weitere dieser zu hören.
Unten auf dem Hof zeigten Soldaten in mit ausgestreckten Armen in den Himmel; andere wendeten die Köpfe.

Hoch droben, wo die Zweibeiner verschiedenster Völker sie nur als kleine sich bewegende Punkte auszumachen vermochten, zogen sie ihre Bahnen.
Adler, Falken und Bussarde begaben sich ihrer Wege.
Auf Feldern, Scheunen und Gewerken einzelner Ansiedlungen und Häuser ließen sie sich nieder und stießen ihren frohlockenden Ruf aus. Die Vögel gaben Acht, sich dort zu zeigen, wo das verarmte Volk lebte und arbeitete. Aus hohen Höhen ließen sie kleine Nagetiere in Ansammlungen fallen, um außer Sicht zu bleiben. Einzig ihr Ruf schwang im Wind und so mancher vernahm diese vielerorts unbekannten Laute.
Die Bande zu den Majestäten der Lüfte hielt sie über viele Jahre hinter den schützenden Wald, verschonten ihre Arten vor der vollendeten Ausrottung. Nun jedoch galt diese als unlängst erfüllt und vereinzelt begaben sich einige der ihren, Pioniere gleich, zurück zu angestammten Gefilden.
Der Tag würde nahen, an welchem die Aars zu ihrem Letzten befreiendem Flug riefen. Die Fesseln der Knechtschaft sollten fallen, der lang ersehnte Ruf erschallen.
Einem Sturm gleich würden sie über die Landesflächen stoben, hinter ihnen der Schwarm des Falken.

***

»Erzähl mir, was du über den Bauern weißt.«
Die allgegenwärtige Stille empfand er als angenehm und die warme Brise ließ seine Haare tanzen. Es wurde an der Zeit sich die lang gewachsenen Strähnen neuerlich zu kürzen, hatten seine anstrengenden Unterfangen in der Küstenstadt für verschiedenste Auftraggeber endlich ein Ende gefunden - bis auf eine.
Schuld lastete auf seinen Schultern und für einige der durchaus ausgeuferten Unruhen trug er unbewiesene Verantwortung. Sein abermals baldiges Erscheinen innerhalb der Mauern Holmfirths würde bei so manchem ganz gewiss für Argwohn sorgen.
»Klarich? Er ist ein Bauer, den die Landsknechte akzeptieren. Sie sehen zu ihm auf, weil er mit ihnen arbeitet und nicht gegen sie.«
Sein Gesprächspartner schnaufte, räusperte sich und rotzte in die Nacht. »Mich interessiert nicht, was er ist. Wer ist dieser Mann? Da ist mehr, viel mehr als mir Recht ist.« Den Becher an die Lippen geführt nuschelte er in diesen hinein, doch seine Worte waren zu hören - Absicht? »Er erinnert mich an jemanden.«
Alric schielte nach links und wendete allmählich den Kopf in dieselbe Richtung und hoffte, dass seine Stimme ihn nicht verriet. »Wer?«
»Zweifelsfrei. Ich trug eine Mitschuld an dem Verschwinden seiner Söhne. Zwei gesuchte thulenische Weiber suchten in seinem Weiler Zuflucht und sein eigenes ... Alna? ... lenkte den Karren.«
Alric spürte seinen Herzschlag aussetzen. Sein Atem stockte und er stieß mit dem Rücken hart an die Mauer des Bergfriedes.
Bestlin ließ ihn rufen, um mit ihm über den Obristen Holmfirth zu sprechen. Gemeinsam standen sie auf einem kleinen Balkon, seitlich des Saales und konnten weit in der Ferne winzige Lichtpunkte erkennen. Fackeln der äußeren Behausungen, die zum Einzugsgebiet des Weilers gehörten. Ebendiese umschlossene Gemeinde, in welchem sein Vetter mit seiner Liebsten lebte.
Der Schattenjäger hörte noch vor wenigen Stunden ungeahnter Dinge den Bericht der Kopfjäger mit an, zog derweil jedoch nicht in Betracht, das die ermordete Frau hätte Alna sein können.
»Was ist, von dem bisschen Wein schon betrunken?«
Lediglich sein Kopf verneinte und Bestlin hob prostend den Arm. »Ich weiß sehr wohl, wie sich das Gesindel um ihn scharrt. Wie Fliegen um einen Haufen Scheiße. Dennoch, dieser Mann steht mir im Wege und untergräbt meinen Einfluss. Ich will, dass er beseitigt wird. Du verstehst?«
Der Jäger ließ den nunmehr leeren Becher fallen, der scheppernd zu Boden ging. Vor den Füßen Bestlins fand dessen Kollern ein Ende. Verwundert sah er auf und blickte in tiefenlose Augen.
Alrics Hände formten sich zu Fäusten und er trat näher.

***

Mit angezogenen Beinen saß er auf seinem Bett, wippte vor und zurück. Seine Stirn ruhte auf den Knien.
Less spürte den Konflikt seines Herrchens, der in seinem inneren tobte und lag zu dessen Füßen. Obwohl Kayden mit den Gefühlen rang, fanden seine Hände dennoch Gelegenheit den Hund zu streicheln. Etwas in ihm riet ihm dazu, wollte er nicht vollends in seiner Trauer versinken.
Wiederkehrend drangen seufzende Laute an Veyeds Ohren und er wünschte sich, seinem Bruder in irgendeiner Form Trost spenden zu können. Alna war ebenso seine Mutter, wenn auch nur seine Ziehmutter. Weder Klarich noch sie ließen ihn jemals spüren, nicht der Familie zugehörig zu sein. Gewiss, Kayden neckte ihn ab und an, er sei ein Findelkind, gleichwohl sie durch dick und dünn gingen.
Er fasste sich und setzte sich zu ihm ans Bett. Less hob vorwurfsvoll den Blick, rührte sich jedoch nicht vom Fleck.
Veyed legte dem Trauernden seine Rechte auf die Schulter. In seinen Worten schwangen nebst Trauer auch Sorge. »Hey kleiner Bruder. Was hältst du davon, wenn wir Pa' besuchen?«
»Ma' ist tot«, schniefte dieser und Tränen tropften auf sein Laken.
»Mhm«, seine Wangen zuckten, als er an sie dachte. »Sie wird immer bei uns sein, glaube mir.«
»Ich werde üben. Härter trainieren, als du es jemals getan hast und eines Tages werde ich mir den Kopf von dem hohlen, der das alles zu verschulden halt.«
Veyeds Kinn sank auf die Brust und sein Atem rasselte. Seine Hand glitt zurück auf seinen Schoß. »Du wirst niemals wie ich sein. Egal wie hart du trainierst.«
»Ich will aber ...«
»Kay, bitte«, durchbrach er das nahende Geplänkel. Er war nicht in der Stimmung und stieß sogar Aellin vor nicht allzu langer Zeit von sich. Auch sie wollte ihn nur trösten, so wie er jetzt seinen Bruder.
»Ich habe die Stärke, du die Gewandtheit. Höre auf Serfem und Ron. In zwei Tagen reiten du und ich zu Pa'.«
»Nur wir zwei?«
»Serfem und Ron werden mit uns gehen.«
Endlich hob der Junge den Kopf und suchte mit rot geräderten Augen nach den Veyeds. »Bist du mir böse?«
»Weil du die Leute als ›Falke‹ anführen wirst und nicht ich?« Ein schelmisches Grinsen umspielte seine Züge und er klopfte Kayden auf die Schulter. »Ich bin verdammt froh, dass es nicht anders gekommen ist. Jetzt lassen sie mich endlich in Ruhe ... viel Spaß ... Knirps.« Er lächelte.
Kayden stahl sich ein gezwungenes Lächeln auf die Lippen, als er seinen großen Bruder am Oberarm knuffte. »Findelkind.«
»Ach hör auf damit. Richtige Brüder könnten nicht anders sein als wir, oder?«
»Wohl nicht.«
»Kay?«
»Mhm.«
»Wenn du der ›Falke‹ wirst, ich meine ... wenn sie dich irgendwann auf so einen richtigen Thron setzen ...« Er atmete tief ein und sein Herz schlug wie eine geschlossene Faust gegen seine Brust. »Ich verspreche dir, nein ich schwöre, bei allem, was mir Lieb ist ... ich werde dir eine Armee schenken, die seinesgleichen sucht.«
»Du spinnst ja.« In dessen Augen jedoch war zu lesen, wie ernst es ihm mit seinem Schwur war.

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