VI.5 - Völlige Kontrolle

Heute war wieder Freitag. Die vergangenen Tage hatte Hermine mehr wie in Trance erlebt, wie eine an Fäden gezogene Puppe, die funktionierte, aber nicht wirklich etwas wahrnahm. Und nun war bereits wieder Freitag. Eine Woche war vergangen, seit sie Augusta mit dem Ritual unterworfen hatte, eine ganze Woche lang hatte sie die Auswirkungen aufrechterhalten, hatte sowohl Augusta kontrolliert, als auch die merkwürdigen Nebeneffekte auf sich selbst verspürt. Tom hatte sie nicht erneut gezwungen, Augusta irgendetwas anzutun, doch die Verbindung war noch immer da, und so, wie sie selbst es spürte, war Hermine sich sicher, dass ihr armes Opfer es ebenfalls wahrnahm.

Langsam schritt sie die Stufen aus den Kerkern zur Großen Halle hoch. Sie hatte das Gefühl, dass heute irgendetwas geschehen würde. Zu ruhig hatte Tom sich verhalten, nachdem er mit ihr über Abraxas gesprochen hatte. Und auch Abraxas hatte sich zu normal verhalten, als habe Tom ihm gegenüber kein Wort gesagt. Es war einfach beunruhigend.

Sie bog gerade in den Gang zur Großen Halle ein, als sie jemand an den Arm packte und vom Weitergehen abhielt.

„Miss Bargeworthy!", rief Hermine überrascht aus, als sie die jüngere Schülerin bemerkte.

„Miss Dumbledore", flüsterte diese ihr hektisch zu, während sie den Gang auf- und abschaute, als wolle sie sich vergewissern, dass niemand da war: „Ich habe den ganzen Morgen hier auf Sie gewartet. Bitte, Sie müssen das beenden. Was auch immer es ist, dieses ... Ritual, was sie gemacht haben. Bitte. Ich halte das nicht länger aus. Ich bitte Sie, ich tue was immer Sie wollen, nur beenden Sie es."

Am liebsten hätte Hermine das Mädchen in Arm genommen und getröstet, doch sie wusste, sie durfte nicht aus ihrer Rolle fallen. Nicht, wenn sie wirklich für immer die Gryffindors von sich fernhalten wollte. Emotionslos gab sie zurück: „Es ist doch gar nichts passiert? Außer am Wochenende habe ich Sie doch vollkommen in Ruhe gelassen."

„Aber Sie könnten!", zischte Augusta verzweifelt: „Ich weiß, dass Sie mich jederzeit wieder dazu zwingen könnten, die schlimmsten Dinge anzustellen, und das Wissen reicht. Die Ungewissheit, wann Sie wieder zuschlagen werden ... ich kann nicht mehr. Bitte."

Ausdruckslos starrte Hermine sie an. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte sie schon längst alles beendet. Es war offensichtlich, dass Augusta den Tränen nahe war, so, wie ihre Unterlippe zitterte, doch sie durfte nicht nachgeben.

„Was ist denn hier los?"

Entsetzt zuckte Hermine zusammen: „Abraxas!"

„Guten Morgen, Hermine", begrüßte der sie freundlich, ohne ihr Zusammenzucken bemerkt zu haben: „Und wer ist deine Freundin hier?"

Tief atmete sie durch, ehe sie mit festem Blick und abfälligen Tonfall erwiderte: „Miss Bargeworthy ist nicht meine Freundin. Sie hat sich mir gegenüber mehrfach ungehörig verhalten, deswegen hat Tom ihr eine Strafe erteilt, und nun versucht sie, mich mit ihren Tränen dazu zu bringen, Gnade walten zu lassen."

„Das ... ich habe nicht ...", setzte Augusta an, doch sie fand vor offensichtlicher Wut keine Worte. Mit Tränen in den Augen presste sie schließlich hervor: „Sie sind niederträchtiger als jeder andere hier, Miss Dumbledore. Sie sind so eine gemeine, feige und intrigante Person, es ist eine Schande, dass Sie mit Professor Dumbledore verwandt sind!"

Ehe Hermine darauf reagieren konnte, trat Abraxas einen deutlichen Schritt vor und baute sich vor Augusta auf: „Sie haben genug gesagt, Miss Bargeworthy. Wenn Sie nichts von Belang zu Hermine zu sagen haben, dann schweigen Sie am besten gänzlich. Da ich nicht weiß, welches Problem zwischen Ihnen besteht, werde ich nichts dazu sagen, doch seien Sie sich sicher: Eine weitere Beleidigung gegen Hermine, und ich werde dafür sorgen, dass Tom Ihre Strafe erhöht!"

Mit offenem Mund starrte Augusta ihn an. Hermine konnte ihr nicht verübeln, dass sie sich ungerecht behandelt fühlte und am liebsten der ganzen Welt erzählt hätte, was ihr wirklich angetan worden war. Beruhigend legte sie Abraxas eine Hand auf den Arm: „Komm, Abraxas. Es ist nicht sinnvoll, dass wir uns wegen ihr so aufregen. Und Ihnen, Miss Bargeworthy, kann ich nur erneut raten: Halten Sie sich von mir fern. Ihre Strafe wird nicht ewig währen, doch wenn Sie mich oder Tom weiterhin belästigen, kann ich für nichts garantieren."

Damit hakte sie sich bei Abraxas ein und zwang ihn so, mit ihr zur Großen Halle zu gehen. Sie war gerade im Begriff, an seiner Seite eintreten, als ihr plötzlich auffiel, dass es vielleicht besser wäre, nicht von Tom so gesehen zu werden.

„Abraxas", flüsterte sie leise und blieb stehen: „Ich ... ich weiß nicht, wie ich das sagen soll, aber ... vielleicht solltest du vor mir reingehen, alleine?"

Lange blickte Abraxas sie nur an, schaute mit seinen strahlenden Augen auf sie herab, ihre Arme immer noch ineinander verschränkt. Hermine hielt dem Blick stand, erwiderte ihn offen in der Hoffnung, dass er verstand, dass sie nichts gegen ihn persönlich hatte. Schließlich ließ er ihren Arm los und legte ihr stattdessen eine Hand auf die Wange: „Es ist wegen Tom, nicht wahr?"

Sie schluckte. Hatte Tom vielleicht doch etwas zu Abraxas gesagt? Unbewusst lehnte sie sich in die Berührung, schloss die Augen und genoss die Wärme seiner Hand. Dieser Malfoy war ein so wundervoller Mensch, dass sie nicht verstehen konnte, wie Lucius Malfoy so unausstehlich werden konnte.

„Tom ist eifersüchtig", sagte Abraxas leise: „Ich glaube, das habe ich inzwischen begriffen. Ich hätte es niemals gedacht, aber ... du scheinst in ihm wirklich tiefe Gefühle geweckt zu haben und jetzt hat er sehr viel Angst davor, dich zu verlieren. Da vertraut er dann sogar mir nicht mehr."

Für einen Moment verharrte Hermine noch in der zarten, eigentlich so unschuldigen Berührung, dann öffnete sie die Augen und trat einen Schritt zurück: „Du bist ein guter Mann, Abraxas. Aber ich gehöre jetzt zu Tom. Vielleicht ist es besser, wenn wir ... wenn wir vorläufig etwas Abstand halten."

„Ja, das wäre tatsächlich besser."

Erschrocken wirbelten beide herum. An die geschlossene Tür zur Großen Halle gelehnt stand eben der, über den sie gerade sprachen: Tom Riddle, die Arme vor der Brust verschränkt, der Blick ausdruckslos auf die Szene vor sich gerichtet.

„Ich dachte, ich hätte mich deutlich ausgedrückt, Hermine. Offenbar hast du nicht gelernt. Das ist schade."

„Was ist dein Problem, Tom?", kam es aufgebracht von Abraxas. Hermine konnte nicht glauben, dass ihr neuer alter Freund so direkt und konfrontativ gegenüber einem Mann auftrat, von dem er doch wissen musste, wie gefährlich er war. Sie versuchte, ihm beruhigend eine Hand auf den Arm zu legen, doch er schüttelte sie nur ab: „Nein, Hermine, ich habe jetzt ein für alle Mal genug. Ich will wissen, was hier los ist."

Hermine schluckte. Das war vermutlich das letzte, was Tom gerade hören wollte. Mit einem mulmigen Gefühl blickte sie zu ihm auf, nur um ihren Verdacht bestätigt zu sehen: Ein ernste Maske lag auf seinem Gesicht, doch sie konnte deutlich das Feuer in seinen Augen lodern sehen.

„Mein lieber, treuer Abraxas. So kompliziert ist die Sache nicht", erwiderte Tom schließlich, das Gesicht noch immer ernst, während der Tonfall Belustigung mit sich trug. Unechte Belustigung, die nur als Tarnung für seine beinahe aufgebrauchte Geduld diente: „Du bist mein bester Freund. Hermine ist meine Freundin. Ich schätze es, dass ihr beide euch nahe steht. Ich schätze nicht, wenn man versucht, mir Dinge zu stehlen, die mir gehören."

Abraxas wurde blass, doch Hermine war sich sicher, dass das eher Wut und weniger Angst geschuldet war. Mit geballten Fäusten gab er zurück: „Du weißt genau, was ich meine. Als Hermine neu hier war, warst du ihr alles andere als wohlgesonnen. Ihr habt euch ständig gestritten und es hat dir nicht gefallen, dass ich mich mit ihr angefreundet habe. Tut mir leid, dass ich so offen sprechen muss in ihrer Anwesenheit, aber du zwingst mich dazu: Du hast mir ganz klar verboten, sie zu mögen. Was also soll das hier jetzt?"

Schweigen legte sich über sie, während Hermine verzweifelt nach einem Ausweg suchte. Je mehr Abraxas sagte, umso tiefer schaufelte er sich nur sein eigenes Grab. Und was noch schlimmer an der Sache war: Sollte Tom sich dazu entscheiden, ihn für sein Verhalten zu bestrafen, konnte sie nicht einschreiten. Ihre Gedanken rasten, ohne dass ihr eine Lösung einfallen wollte. Angestrengt versuchte sie, die Klarheit, die direkt nach dem Ritual über sie gekommen war, wieder zurückzuholen. Sie wusste noch genau, dass sie sich gefühlt hatte, als könnte sie die Welt plötzlich schärfer wahrnehmen.

Und plötzlich wusste sie genau, was sie zu tun hatte.

Hier ging es nicht um Abraxas, hier ging es um sie. Tom war vielleicht enttäuscht von seinem besten Freund, falls er zu so einem Gefühl in der Lage war, doch in Wirklichkeit war er im Moment irrelevant. Langsam richtete Hermine sich auf, drückte die Schultern durch und blickte Tom fest an, ein spielerisches Lächeln auf ihren Lippen: „Tut mir leid, Tom. Ich hätte das nicht tun sollen."

Überraschung ob ihres Tonfalls spiegelte sich deutlich auf dem Gesicht von Abraxas, während Tom selbst sich einfach nur minimal zu ihr drehte und mit einer erhobenen Augenbraue bedeutete, dass sie weitersprechen sollte. Sie trat einen Schritt auf ihn zu, so dass sie eine Hand auf seinen Oberarm legen konnte: „Ich wusste, dass du uns beobachtest. Sonst wäre ich Abraxas niemals so nahe gekommen."

Hermine spürte mehr, als dass sie sah, wie eben jener neben ihr zusammenzuckte und sie voller Entsetzen schaute. Immer noch darauf bedacht, Tom direkt in die Augen zu schauen und nicht nachzugeben, fügte sie hinzu: „Sei nicht böse mit ihm. Er hatte gar keine andere Wahl."

Wenn sie ihn nicht so intensiv gemustert hätte, wäre ihr das leichte Zucken vermutlich entgangen, doch so sah sie genau, wie sich Toms Augen für einen Moment überrascht weiteten. Dann wanderte sein Blick ganz langsam zu Abraxas hinüber, der inzwischen einfach nur noch fassungslos starren konnte. Hermine trat einen weiteren Schritt auf Tom zu, um sich in seinen Arm einhaken zu können, und legte ihren Kopf an seiner Schulter ab. Innerlich betete sie, dass ihre kleine Scharade den gewünschten Effekt haben würde. Das Schweigen von Tom machte sie nervös, doch sie wusste, sie durfte sich nichts anmerken lassen, durfte nicht versuchen, in seinem Gesicht nach einer Reaktion zu suchen. Sie musste hier stehen, an ihn geschmiegt, selbstbewusst, entschlossen.

„Du spielst also gerne, mh, Liebes?"

„War das falsch von mir?"

„Kommt auf die Nebenwirkungen an. Abraxas?"

Hermine sah deutlich, dass ihr Freund die Welt nicht mehr verstand - und sie konnte es ihm nicht verübeln. Da stand sie neben Tom Riddle, an ihn geschmiegt, lächelnd, als könne kein Wässerchen sie trüben, und plauderte munter über etwas, was ihn auf einem emotionalen Level betraf.

„Ich ... was?", war alles, was der blonde Slytherin rausbrachte, während sein Blick verwirrt und auch ein wenig verletzt zwischen beiden hin- und herwanderte.

Mit einem nachsichtigen Lächeln präzisierte Tom seine Frage: „Bist du jetzt sauer auf Hermine und mich, weil die Gute dich ein wenig an der Nase herumgeführt hat?"

Wie um seine Worte zu unterstreichen, legte Tom seinen Arm um sie und zog sie näher an sich heran. Tief atmete Hermine seinen Duft ein. Es lag etwas Verführerisches in diesem herben Geruch, der nicht nach künstlichem Duft, sondern einfach nur nach Tom Riddle roch. Sie schloss die Augen und lehnte sich mit ihrem Rücken an seine starke Brust. Er war ein intelligenter Mann in jeder Hinsicht, nicht nur gebildet, sondern auch gerissen. Er durchschaute Menschen und konnte selbst undurchschaubar sein. Er war so vieles, was sie sich in einem Partner wünschen würde - wenn da nur nicht seine unveränderliche Zukunft war. Es war ein merkwürdiger Gedanke, der ihr kam, während sie in seinen Arm gekuschelt darauf wartete, dass Abraxas die hoffentlich richtigen Worte sagen würde: Tom würde sie wirklich vor jedem anderen Menschen beschützen. Außer von ihm drohte ihr von niemandem mehr Gefahr. So etwas wie mit Avery würde nie wieder geschehen, Tom würde es nicht zulassen.

Werde ich wahnsinnig? Hat das Ritual meinen Blick verschleiert, anstatt ihn zu klären?

Doch bevor sie diesem Gedanken wirklich nachgehen konnte, sprach Abraxas endlich die erlösenden Worte: „Dir könnte ich niemals wirklich zürnen, Tom, das weißt du. Ich verstehe dich vielleicht nicht immer und ich bin mir sicher, dass du Geheimnisse vor mir hast, aber deine Loyalität gegenüber dem Hause Slytherin, deine ... Offenheit gegenüber ... uns, deinen besten Freunden, das alles ist mehr als genug Beweis für mich, dass du ein anständiger Mann bist, in den ich zurecht Vertrauen setzen kann. Hermine hingegen ..."

Er brach ab. Wie in Trance öffnete Hermine ihre Lider ein wenig, um ihn mit noch halb geschlossenen Augen anzuschauen. Er schluckte.

„Ich kann mit den Tränen einer Frau nicht leichtfertig umgehen", flüsterte er, während er sie eindringlich anblickte: „Wenn du es im Spiel getan haben solltest, so muss ich an deiner Aufrichtigkeit zweifeln."

Ebenso leise und unfähig, die Traurigkeit aus ihrer Stimme zu halten, erwiderte Hermine: „Du tust gut daran, meine Aufrichtigkeit in Frage zu stellen."

Tom bewegte sich hinter ihr, um Abraxas eine Hand auf die Schulter legen zu können: „Frauen. Sie sind die wirklichen Könige unter uns Schlangen. Lass den Kopf nicht hängen. Geh zum Frühstück und trink einen starken Kaffee, mein Freund, das wird dich auf andere Gedanken bringen."

Mit einem letzten, verletzten Blick auf Hermine drehte Abraxas sich um und ging alleine durch die Tür in die Große Halle. Kaum war der schwere Holzflügel zugefallen, wirbelte Tom herum und presste Hermine mit einem eiskalten Gesichtsausdruck an die Wand: „Also? Was sollte das alles? Ein Spiel? Wirklich? Denkst du, ich glaube dir das?"

Langsam schüttelte Hermine den Kopf: „Nein. Aber Abraxas glaubt es und das ist alles, was zählt, oder nicht?"

Für einen Moment starrte Tom sie nur ausdruckslos an, dann brach er in schallendes Gelächter aus und trat einen Schritt zurück: „Sehr gut, Hermine, wirklich. Beeindruckend."

Mit so viel Würde, wie sie gerade aufbringen konnte, rückte sie die Schultasche auf ihrer Schulter zurecht: „Ja, lach du nur. Für dich ist das alles wirklich nur ein Spiel."

Kopfschüttelnd tätschelte er ihr die Wange: „Aber natürlich ist es das. Dachtest du wirklich, ich lasse zu, dass mein Mädchen einen anderen Mann verführt, noch dazu meinen besten Freund? Ich habe dir gesagt, dass du mir gehörst, und das habe ich ernst gemeint. Jeder Schritt, den du tust, tust du nur, weil ich es zulasse."

„Und was nun?"

„Nun", erklärte Tom und plötzlich war da wieder diese dunkle Unterton in seiner Stimmte, der Hermine einen Schauer über den Rücken jagte: „Nun bringen wir diesen Schultag hinter uns und am Wochenende sehen wir mal, wie wir dich für deine Missetaten bestrafen."

Damit nahm er sie bei der Hand und betrat mit ihr zusammen die Große Halle. Die Gänsehaut auf ihrem ganzen Körper blieb, während sie zum Tisch gingen. Der Tonfall seiner Stimme hatte gefährlich geklungen, er hatte von Unheil gekündet und all ihre Instinkte schrien ihr zu, dass sie weglaufen sollte. Und doch. Die Gänsehaut hatte eine andere Ursache. Denn da war noch etwas anderes, ganz tief in ihr, was beinahe ungeduldig aufgebrüllt hatte, als er ihre eine Strafe angekündigt hatte. Tom hatte schon mehrfach davon gesprochen, dass er ihr Innerstes befreien wollte. Und Hermine war sich nicht mehr so sicher, ob da nicht wirklich irgendetwas war, irgendetwas, was in Ketten lag, die besser nicht gesprengt werden sollten.

Werde ich wahnsinnig? Bin ich so schnell schon verloren?

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