VI

Erschöpft sanken wir zurück auf die Matratze auf dem kahlen Boden. Zurück in das kleine Zimmer, in die Kälte, in die Dunkelheit. Zurück in die Realität. Ich spürte den Schmerz, wo sie sich in ihrem Verlangen in mein Fleisch gekrallt hatte. Der Schmerz war süß, so süß dass ich hoffte er würde nie mehr vergehen. Das war das Leben, das ich so lang nicht mehr richtig gespürt hatte!

Ihr heißer Atem schlug mir ins Gesicht, als sie ihre Arme um mich schlang, ihren warmen, weichen Körper an mich presste. Ich konnte ihren Herzschlag fühlen, ihren Atem spüren und als sie ihren Kopf auf meine Schulter legte durchlief mich ein wohliger Schauer.

"Machst du das öfters?" flüsterte ich in ihr Ohr, nachdem ich sanft ihr rabenschwarzes Haar zurück gestrichen hatte.
"Was?" fragte sie lächelnd.
"Mit fremden Kerlen ins Bett steigen."
"Nur mit den interessanten" gab sie zurück, dann fügte sie hinzu:
"Das Leben ist viel zu kurz um auf solche erfreulichen Begegnungen zu verzichten"
"Wie wahr", murmelte ich.

So eng umschlungen blieben wir liegen, bis wir uns nicht mehr gegen die Kälte in der kleinen Kammer behaupten konnten. Schließlich mussten wir uns doch aus unserer Umklammerung lösen. Umständlich zogen wir unsere Kleider an, die überall auf dem Boden verstreut lagen und gingen zurück in den Aufenthaltsraum der Wohnung.

"Ich muss runter in den Laden, nachschauen ob sich jemand her verirrt hat.", meinte ich nach einiger Zeit.
"Hast du was dagegen, wenn ich dir da unten noch etwas Gesellschaft leiste? Ich hab ehrlich gesagt gar keine große Lust schon nachhause zu fahren." Dabei zwinkerte sie mir zu und schaute mich mit einem bezaubernden, verführerisch-verschmitzten Blick an.

Als wir schweigend durch das Treppenhaus nach unten stiegen, warf ich einen Blick auf meine alte, abgegriffene Armbanduhr. Es ging bereits auf Mittag zu und natürlich war es immer noch stockdunkel in den schmalen Gängen.

Flackernd leuchteten die Neonröhren an den Decken des Ladens auf, nachdem wir durch die Tür traten und ich den Lichtschalter betätigt hatte. Ich warf einen Blick zur Eingangstür und beschloss aufzuschließen, bevor ich irgendetwas anderes tat. Eine gute Entscheidung wie sich herausstellte. Vor dem Laden hatten zwei schwarz gekleidete, langhaarige Jugendlich gewartet, die jetzt halb erfroren aussahen.

Sie betraten hinter mir den Laden und begannen durch die Reihen der Regale zu schlendern, ab und zu eine Platte hervorzuziehen und in die Hand zu nehmen. Ravenna war zu einer ähnlichen Beschäftigung übergegangen. Ich nahm mir den Besen, der neben der Tür lehnte, und begann den Laden auszufegen.

Nach einiger Zeit ging Ravenna vor die Tür, wo sie sich eine Zigarette ansteckte und Rauchwolken in die schneidend kalte Luft blies. Die beiden Halbstarken waren unterdessen mit je einer Platte unterm Arm an den Tresen getreten. Ich stellte den Besen zur Seite und mich selbst hinter den Ladentisch. Der erste der beiden bezahlte wortlos und verließ den Laden. Draußen stellte er sich zu Ravenna und fragte sie offenbar nach einer Zigarette. Der andere versuchte mich in ein Gespräch zu verwickeln, angesichts meiner Wortkargheit beließ er es jedoch bei dem Versuch und folgte seinem Freund durch die Tür.

Als er die Ladentür öffnete, konnte ich von draußen Ravennas gedämpftes, höhnisches Lachen hören. Sein Kumpan stand mit hängendem Kopf daneben und hatte die Fäuste geballt. Ravenna trat ihre Zigarette im matschigen Schnee vor dem Eingang aus und kehrte in den Laden zurück, während die beiden vor der Tür im Zwielicht der Straße verschwanden.

"Was war denn das gerade für eine Szene?" wollte ich von Ravenna wissen, konnte mir dabei aber ein Lächeln nicht verkneifen.
"Er wollte mich angraben und hat den Korb sehr schlecht weggesteckt" erwiderte sie mit einem zuckersüßen Lächeln.
"So geknickt wie der aussah, hast du ihm aber mehr als nur einen Korb verpasst."
Darauf zuckte sie nur mit den Schultern und setzte ihre Entdeckungsreise durch die Plattenregale fort.

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