VII

Ravenna verschwindet als blutiger Schemen zwischen verschwommenen Regalen. Löst sich auf im Weiß der Wand.
Mit jedem Strich den ich setze, schwindet das Leben aus meinem Körper. Mit jeder Erinnerung werde ich schwächer. Meine Finger werden steif, kalt, leblos. Das Blut an der Wand verschwimmt vor meinen Augen. Die Formen vereinen sich zu einer gestaltlosen Fläche. Ein letztes Mal führe ich meinen Finger an meine geöffnete Ader, will das Blut auf meine Leinwand tragen. Doch bevor das Rot den weißen Untergrund erreicht, verschwindet alle Farbe aus meinem Blick. Meine Sicht trübt sich und ich sehe nur noch schwarz. Ich sinke in einem Zustand an der Wand herab, in dem ich weder die Kälte noch den eisernen Geruch in der Luft wahrnehme.

Als ich wieder erwache, bin ich nicht mehr in meiner Zelle. Das habe ich gespürt, noch bevor ich meine Augen aufschlagen konnte. Das Bett ist weicher, die Luft wärmer, der Geruch steriler. Einen Moment frage ich mich, ob ich tot bin und drehe mich zur Seite, in der Erwartung Ravenna neben mir zu sehen. Die Erkenntnis, immer noch allein und lebendig zu sein, bohrt sich in mein Herz wie ein Eiszapfen und bringt die Leere zurück.

Ich beginne mich im Raum umzusehen. Die Wände sind weiß, nur auf Kopfhöhe befindet sich ein Streifen in einem undefinierbaren Farbgemisch aus braun und Orange. Der klägliche Versuch das Zimmer freundlich und warm wirken zu lassen. Immerhin besteht die Beleuchtung hier nicht aus Neonröhren, sondern aus echten Glühbirnen. In der Ecke des Zimmers hängt ein Fernseher und neben meinem Bett stehen Apparaturen die nur einen Schluss zulassen: Ich bin in einem Krankenhaus. 

Nach dieser Feststellung kehrt das absolute Desinteresse an meiner Umgebung zurück und ich starre gelangweilt an die Decke. Ich fühle mich schwach. So schwach, dass ich mich wohl nicht bewegen könnte, auch wenn ich es wöllte. Aber ich will nicht. Das Bett ist weich und warm und die Welt um mich herum ist kalt, hart und leer.

Ich bin erschöpft, ausgezehrt, das merke ich jetzt. Und diese Abgeschlagenheit rührt nicht von meinem Blutverlust. Jedenfalls nicht nur. Die Ereignisse des letzten Jahres haben an mir gezerrt, an meinen Nerven, an meiner Substanz. Wie konnte es so weit kommen? Diese Frage hat man mir immer wieder gestellt. Die Wahrheit ist, ich weiß keine Antwort darauf. Ich kann ihnen nicht sagen, warum sich alles was ich liebte in Asche verwandelte. Ich weiß nur, dass es für mich keinen anderen Weg gab. Alle Brücken hinter mir waren abgebrannt.

Und jetzt stehe ich vor den Trümmern. Hinter mir Asche und vor mir Trümmer.
Ich habe weder Zukunft noch Vergangenheit. Ich schwebe in der Gegenwart.
Und hier werde ich erfahren, was Ewigkeit bedeutet.
Eine Ewigkeit, in der ich von Erinnerungen zehren werde. Von bittersüßem Blut.

Meine Lider sind schwer, sie sehnen sich nach Schlaf. Das betrachten der Muster in der Decke strengt sie immer mehr an und ich beginne in einen dämmrigen, halb wachen Zustand zu sinken. Meine Atmung wird flacher und mein Blick weich. Langsam schließe Ich die Augen.

Nicht einmal meine Träume gehören noch mir. Auch sie werden beherrscht von den marternden Erinnerungen an sie. Erinnerungen, von denen die glücklichen die schmerzvollsten sind.

Die Träume, immer wieder durch kurze Wachphasen unterbrochen, wirken so real auf mich, dass ich kaum noch unterscheiden kann, ob ich gerade wach bin oder phantasiere. So real ist mein Traum, dass alles so ist, wie zu Beginn des letzten Winters. Eine Hand berührt zärtlich mein Handgelenk und und ich versuche sie mit meiner zu umschließen. Die Bewegung kostet mich schier unendlich viel Kraft.

Und als ich den Blickkontakt zu Ravenna suche, sind ihre Augen nicht grün, sondern braun. Sie trägt kein schwarzes Kleid, sondern einen weißen Kittel und sie schiebt meine Hand von ihrer, um meinen Puls zu fühlen. Enttäuscht schließe ich die Augen und lasse mich fallen. Ergebe mich dem Schwindelgefühl und drifte ins dunkle Tal meiner Erinnerungen.

Schemenhafte Nebel verdichten sich, bilden graue Steinfassaden hinter schmutzigen Glasscheiben, die an mir vorbei rauschen. Verfestigen sich zu Sitzen aus versifftem Stoff und beschmierten Metallwänden. Ich sitze wieder in der Straßenbahn und erinnere mich, wie die Stadt an mir vorbei zog. Wie ich meinen Kopf an das Fenster legte, und die Eisblumen auf dem dreckigen Glas betrachtete.

Kommentare

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    Ich kann mich Xandra nur anschließen. Dieses Wer und dein bildhafter Schreibstil sind einfach klasse!

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    So endlich wieder alle Kapitel nachgeholt. Du bist wirklich ein Maler, ein Wortmaler. Du beschreibst alles so bildhaft und man lebt richtig mit. Es ist wie eine Leinwand die man bewundern kann. Ganz toll! :-)

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Feenstaub

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