VII. Lucidity

'Was nun?', fragte sich Anouk, die Augen stur auf den Bildschirm gerichtet, auf welchem der Tor-Browser nur ausharrte, bis jemand mit ihm im Internet etwas suchte.
Es dauerte gar nicht so lang, wie sie ursprünglich angenommen hatte, da erschien endlich eine neue Nachricht von Internal Realism.
Ein weiterer Link.
Und dieses Mal war sich Anouk überhaupt nicht sicher, um was es sich hierbei handeln könnte, denn zuerst einmal enthielt der Link keine namentlichen Hinweise und zum Anderen war es ganz offensichtlich eine Top-Level-Domain, die sie nicht kannte. Der letzte Bestandteil der Adresse war weder com, noch de oder org, sondern onion.
'Zwiebel', überlegte das Mädchen, 'ist das ein Scherz?'
Sie wartete einige Augenblicke. Jedoch hatte sich Internal Realism wieder dezent aus dem Geschehen zurückgezogen. Es schien ihr fast, als wartete er, beziehungsweise sie selbst - das war immer noch eines der vielen Heimlichkeiten, die diese Person umgaben - nur darauf, dass Anouk auf die Webseite gelang.
"Was ist das für ein Link?", fragte Anouk voller Misstrauen. Wenn sie dieser Gestalt, die sich nur über konfuse Formulierungen mit ihr unterhielt, Vertrauen schenken sollte, musste diese ihr auch irgendwie ein vertrauliches Gefühl vermitteln können.
"Ewig bodenlose Schlünde,
Klüfte, Schlüfte ohne Gründe,
Unbegrenzte Wassermassen,
Die sich nie in Ufer fassen,
Wälder, die kein Ende nehmen,
Die – titanenhafte Schemen –
Tropfend stehn in Nebeltau,
Endlos wuchtend, endlos grau!"
Anouk seufzte. Dieser Mensch, oder was auch immer es war, wirkte wenig aufschlussreich und das, was es von sich gab, war schlichtweg diffus und unverständlich.
"Wie soll ich das verstehen?", hinterfragte sie, ohne näher auf das Gesendete auf ihrem Desktop einzugehen.
"Berge, endlos niederfallend,
Meere, in kein Ufer wallend,
Meere, die urewig fluten,
Himmel, die urewig gluten,
Weiher, die unendlich breiten
Stummer Wasser Einsamkeiten,
Die in Tod und Stille liegen
Und den Schnee der Lilie wiegen."
'Jetzt reicht es aber!', tobte Anouk gedanklich. Wild schmetterte sie auf ihrer Tastatur:
"Was soll das?! Wenn du etwas von mir willst, dann drück dich klar und deutlich aus! WAS IST DAS FÜR EIN LINK, DEN DU MIR GESCHICKT HAST?"
"D R E A M L A N D", genau wie zuvor der Name des geheimnisvollen Users im Nachrichtenfenster aufgetaucht war, erschien dieses Wort nun und die tiefschwarzen, flimmernden Buchstaben spiegelten sich in Anouks Pupillen.
War es das, was sich hinter der Adresse verbarg? Etwas, was den Namen 'Dreamland' trug?
Anouk wollte das eigentlich gar nicht genau herausfinden, zumal ihr der Schock von vorhin noch tief in den Knochen saß und sie bei jedem kleinen Geräusch erschaudern ließ.
"Was ist Dreamland?", fragte sie stattdessen und erhielt einen weiteren Teil des Gedichts:
"Für das Herz voll tausend Wehen
Ist es hier ein friedvoll Gehen –
Für den Geist, den Schatten bannt,
Ist's ein paradiesisch Land!
Doch wer wandert durch dies Grauen,
Wage niemals aufzuschauen,
Nie den schwachen Blick zu heben
In das Weben und das Beben,
Senke das bewimpert Lid,
Daß es kein Geheimnis sieht.
So des Königs Machtbefehle.
Und so darf die trübe Seele
Hier nur im Vorübergehen
Durch getrübte Gläser sehen."
Diese Zeilen blieben Anouk ganz besonders im Gedächtnis hängen. Bei wiederholtem Lesen wurde ihr allmählich klar, worum es hierbei ging: Um etwas fernab der Realität. War es das, was ihr Internal Realism zeigen wollte? Eine virtuelle Welt?
Zu ihrer Überraschung wiederholte die Person noch einmal die allerersten Zeilen, die er oder sie ihr gestern geschickt hatte, wobei der letzte Abschnitt des letzten Satzes deutlicher markiert war.
"Auf Pfaden, dunkel, voller Grausen,
Wo nur böse Engel hausen,
Wo ein Dämon, Nacht genannt,
Auf schwarzem Thron die Flügel spannt –
Aus jenem letzten Thule fand
Ich jüngst erst heim in dieses Land."
Anouk fasste einen Entschluss. Es gab derzeit sowieso nichts Interessanteres, was sie hätte tun können. Warum also sollte sie nicht ein kleines Risiko eingehen? Falls sie sich damit einen Virus auf den Rechner zog, setzte sie eben den Computer neu auf. Sie hatte so oder so nichts Nennenswertes auf ihm gespeichert. Sämtliche Fotos, Dokumente und wichtige Programme befanden sich auf ihrem kleinen Laptop. Ihr Computer diente mehr einer gewissen Diversifikation von fragwürdigen Recherchen. 'Also, wieso nicht?'
_________________
Hätte sie nicht schon längst eine Immunität gegen diese sogenannten Jump Scares entwickelt, wäre sie wohl, vermischt mit den Angstzuständen, die sie seit heute abend spürte, schreiend von ihrem Schreibtischstuhl gefallen. Dafür fuhr sie stark zusammen und hielt sich beide Hände vor das Gesicht als sie zuerst von einer grotesken Kreatur, in einem flackernden Licht, welches beinahe epilepsieähnlich war, begrüßt wurde und in diesem Bruchteil einer kurzen Sekunde nicht zuordnen konnte, um was für ein Wesen es sich hier handelte.

Als Anouk wieder zur Besinnung gelangte, musterte sie das 'Ding' aus einer sicheren Distanz. Es sah aus wie der Teufel höchstpersönlich oder zumindest wie ein Dämon, der sich als Priester verkleidet hatte.
Und ehe sie sich's versah, sprang das Bild schlagartig um, um sie schließlich auf eine Seite zu führen, die einen wesentlich angenehmeren Eindruck machte.
Es sah aus wie ein Forum.
Ein Forum, vollgepackt mit eigenartigen Threads.
Sie erkannte Überschriften, wie 'Pfad zur Wirklichkeit, Teil 2' oder auch 'Eure stärksten lucid moments'. Nun, da der User, der ihr den Link geschickt hatte, sie über ein Forum für Esoterik kontaktiert hatte, machte sie noch nicht einmal Andeutungen zu hinterfragen, was es mit diesen schrulligen Threads auf sich hatte.
Sie machte sich einen Scherz daraus einige der Überschriften laut vorzulesen.
"Lucid moments leicht gemacht - by Gruselnudel"
"Lucidity - wer, wie, was, wann, wo? - by Gruselnudel"
"Der Beweis der Wirklichkeit - by EAP92"
"Durch Lucidity zur Störung des Systems Tutorial - by GeistinderKapsel"
Bei Gruselnudel verlor sie endgültig die Ernsthaftigkeit, die ihr Internal Realism vorgeheuchelt hatte und begann zu lachen bis ihr der Bauch weh tat.
Dann erblickte sie sogar einen Thread von Internal Realism selbst.
"Apotheker, Ärzte, Seelenklempner und wer sie wirklich sind - by Internal Realism"
Das Lachen verschwand aus Anouks Gesicht, ihre Miene wurde ernst und sie fing an den Thread zu lesen.
'Guten Abend liebe Dreamland-Community,

einige von euch denken Ärzte seien gut. Das hab ich zumindest in einem etwas älteren Thread gelesen. Sie helfen uns, machen uns gesund, wenn wir krank sind. Doch das ist alles nur eine Täuschung!
Lest selbst und, wenn ihr danach noch ganz sicher seid, dass ihr eurem Arzt vertrauen könnt, kann ich euch auch nicht mehr retten.
Es heißt immer, wenn du eine Erkältung hast, stimmt etwas nicht mit deinem Immunsystem. Du bist krank. Folglich musst du Medizin zu dir nehmen, um wieder gesund zu werden. Das mag ja, was den Körper betrifft alles schön und gut sein, denn unser Körper existiert logischerweise nicht, wie wir ja alle wissen. Sie tun also damit keinen Abbruch etwas zu behandeln, was nicht da ist. Mehr Sorgen machen mir aber die Krankheiten, die sich auf unser Gehirn ausbreiten. Unsere Gedanken, Wahrnehmung... unseren Geist.
Ich bin mir sicher, dass jeder von euch mindestens einmal in seinem Leben bei einem dieser Lucidity-Killer war. Sie löschen alles aus, was wir uns hart erarbeitet haben. Unsere Lucidity wird als Krankheit abgestempelt, gegen die wir Medikamente verschrieben bekommen, damit wir sie wieder verlieren und stumpfsinnig alles glauben, was uns erzählt wird, weil wieder irgendwer eine Brain Salad Surgery vorgenommen hat.. Hiermit gebe ich öffentlich bekannt: Ich hasse Lucidity-Killer. Ich hasse sie von ganzem Geiste!
Sollte ich auch nur einen Thread lesen, in dem jemand einem anderen empfiehlt zu einem Lucidity-Killer zu gehen und sich dort behandeln zu lassen, wird der Ersteller des Threads aus der Community-Liste gelöscht und für immer vom Dreamland-Board verbannt.

Mit besten Wünschen,
Internal Realism'
Unter dem Post erwiderten ihm oder ihr, in den Kommentaren, viele Foren-User nur mit einem einzigen Wort: Lucidity.
Anouk schluckte heftig.
Was hatte sie gelesen? Was war das?
Internal Realism war doch nicht so ein Heimlichtuer, wie sie erst angenommen hatte. Hinter all den Gedichtzeilen steckte also viel mehr. Mehr als sich Anouk jemals ausgemalt hätte.
Er, beziehungsweise sie, konnte also vollkommen normal kommunizieren, aber es schien sich wohl auf dieses Dreamland-Forum zu beschränken.
Jedoch entwickelte sie ein enormes Misstrauen gegenüber diesen Leuten, als sie den Post las.
Sie schrieben über solch eigentümliche Dinge, verteufelten offensichtlich Ärzte und Psychiater und erwähnten ununterbrochen dieses komische Wort, Lucidity, wie ein Mantra.
Was war Lucidity bloß? Wer waren diese Menschen? Sonderlinge, Verrückte, Unverstandene?
Anouk starrte fragend auf den Monitor und erwartete, dass ihr jemand aus dem Computer heraus eine Antwort gab...

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