VIII

Die Straßenbahn war voller Menschen. Sie standen und saßen dicht gedrängt beieinander und doch war das stählerne Gefährt ein unfassbar einsamer Ort. Der Passagierraum war still, bis auf das Geräusch der Räder auf den Schienen und der leisen Radiomusik, die durch die Lautsprecher drang. Hin und wieder hustete einer der Mitfahrenden, doch niemand unterhielt sich mit seinem Nachbarn. Alle starrten auf ihre Füße oder lasen in Zeitschriften, Büchern und Magazinen. Niemand interessierte sich für das, was der andere tat. 

Auf dieser Fahrt wurde mir wieder einmal bewusst, wie anders die Welt war, in der ich lebte. Die Szene rund um das Helvetsgatan und die Musikkneipe bestand hauptsächlich aus sehr introvertierten Menschen, doch sie alle fühlten sich als Teil einer Gemeinschaft. Sie waren auf der Flucht vor der Tristesse des Alltags, suchten den Anschluss unter gleichgesinnten. Dort wurde ebenfalls nie viel gesprochen, doch die Atmosphäre war so viel anders als überall sonst in dieser grauen Stadt aus Stahl und Beton. Es herrschte ein Gefühl von Vertrautheit. Die Leute die dort ein und aus gingen verstanden sich als ein Bündnis der einsamen Wölfe, als ein Rudel der ausgestoßenen. Zusammen gegen den Rest der Welt. Und die Musik war der Klebstoff, der diese Gemeinschaft zusammenhielt. Auf ihren schwermütigen Klängen flohen wir gemeinsam in unsere eigene kleine Realität.

Doch hier, in dieser Straßenbahn war das Schweigen kein Ausdruck des Verstehens unter Gleichen. Hier war das Schweigen Ausdruck dafür, dass jeder sich nur für sich selbst interessierte. Keiner kannte den anderen. keiner konnte den anderen kennen. Sie waren nur Fremde und schlimmstenfalls sogar Konkurrenten auf dem Karriereweg. Hier konnte niemand einen Schulterschluss erwarten, hier herrschten harte Ellenbogenkompetenzen.

Und diese Ellenbogen bekam ich zu spüren, als ich mir meinen Weg durch das Gedränge zur Tür des Abteils zu bahnen versuchte. Ich wurde geschubst, angerempelt, zur Seite geschoben, als Anzugträger und Wichtigtuer sich an mir vorbei durch die schmale Öffnung im stählernen Körper der Bahn schoben.

Schließlich gelangte ich hinaus ins Freie und atmete tief durch. Manchmal ist es schwer die Menschen nicht zu hassen, dachte ich und ballte die Faust. Aber diese Gedanken verflogen so schnell wieder, wie sie aufgetaucht waren, denn mich erwartete in dieser Nacht eine süße Entschädigung für all die Schikanen, die mir im Laufe des Tages widerfahren waren.

Ich atmete einmal tief durch, sog die pechschwarze Nachtluft in meine Nasenflügel, dann kehrte ich der Haltestelle den Rücken zu und verschwand in einer Seitenstraße. Die Laternen entlang des Bordsteins flackerten und gaben ein aggressives, elektrisches Summen von sich. Im Straßengraben sammelten sich Schneematsch und Müll. Zeitungspapierfetzen und verbeulte Plastikflaschen schwammen in schmutzigem Eiswasser.  Durch diese Häuserschlucht führte mich mein Weg, bis zu der Tür eines hohen Mietshauses. Die Fassade war grau, doch an einigen Stellen schimmerte noch der weiße Putz hindurch.

Die Trostlosigkeit dieser Szenerie vermochte meine Laune nicht zu trüben. Mein Kopf war gefüllt von Bildern, und wunderbaren Erinnerungen. Einen Monat war es nun her, dass mir Ravenna zum ersten Mal begegnet war. Unsere Seelen waren verwandt, das hatte ich gespürt, von jenem zauberhaften Moment an, als wir auf der Straße vor dem Helvetsgatan standen. Wir hatten das gesamte Wochenende zusammen verbracht. Hatten zusammen im Plattenladen auf dem Sofa gesessen und verträumt der Musik gelauscht. Und als mich die Gewissheit überkam, dass es ohnehin keine Kunden mehr geben würde, gingen wir wieder zu Bett und verließen es nicht mehr, bis Sven am Sonntagnachmittag zurück kam. Er war sauer, weil ich den Laden verlassen hatte, konnte sich jedoch auch ein Grinsen nicht verkneifen. Als Ravenna ihn dann noch anfuhr, er solle seine schiefe Visage wieder gerade ziehen und einen Schuh nach ihm warf, fing er lauthals an zu lachen. Den restlichen Abend verbrachten wir zu dritt gemeinsam bei einem Kartenspiel, leiser Musik und unzähligen Zigaretten. Am nächsten Morgen fuhr Ravenna heim und eine Woche später besuchte ich sie in ihrer Studentenwohnung, in dem Haus mit der grauen Fassade.

Und nun stand ich wieder vor ihrer Tür, trat eine rostige, alte Konservendose zur Seite und drückte auf den kleinen Knopf, neben dem Schild mit ihrem Namen. Einige Momente vergingen, dann hörte ich das laute elektrische Kreischen, welches mir signalisierte, dass die Tür nun offen war. Ich stieg durch das Treppenhaus, in dem es nach chemischen Reinigungsmitteln stank, nach oben bis ich vor ihrer Wohnung stand. Sie erwartete mich bereits im Eingang. Das lange, schwarz glänzende Haar trug sie wie immer offen und über ihren schlanken Oberkörper spannte sich ein eng anliegendes, schwarzes T-Shirt.

Ravenna begrüßte mich mit einem langen, innigen Kuss, dann zog sie mich in die Wohnung und schloss die Tür hinter mir. Es hatte sich nicht viel verändert seit meinem letzten Besuch. Dunkle, abgewetzte Möbel standen dicht gedrängt, in den Ecken stapelten sich Berge von Schmutzwäsche, wahrscheinlich von ihren Mitbewohnern, und die Luft war schwer von Zigarettenqualm. Ravennas Mitbewohner waren offensichtlich wieder nicht zuhause, ich hatte sie auch beim letzten Mal schon nicht zu Gesicht bekommen.

Wir schlängelten uns durch den engen Flur bis zu ihrem Zimmer, wo sie eilig Zeichenutensilien und Bücher von ihrem Bett nahm, um dort Platz für uns beide zu schaffen. Ich setzte mich im Schneidersitz an das Kopfende des Bettes und sie lehnte sich gelassen gegen die Wand und ließ die Beine über die Bettkante baumeln.

Von hier ließ ich den Blick durch ihr Zimmer schweifen, das von einem Schreibtisch und zwei großen Regalen an der Wand dominiert wurde. Auf dem Tisch lagen Stifte, Papier und Zigarettenstummel verstreut und in den Regalen standen dicht an dicht und ohne erkennbare Ordnung Bücher, Schallplatten und Pappkartons mit losen Blättern.
"Chaotisch", kommentierte ich die Einrichtung des Raumes.
"Lebendig", antwortete sie und streckte sich nach dem Kassettendeck, das auf einer leeren Weinkiste neben ihrem Bett stand. Sie suchte eine Kassette aus dem daneben liegenden Haufen und begann umständlich den Bandsalat aufzuspulen.

Sie sah so bezaubernd aus, wie sie zwischen den dicken Rauchschwaden konzentriert auf das kleine Plastikgehäuse starrte, ihr Gesicht halb im Schatten, halb unter ihren dunklen Haaren verborgen. Mich überkam das plötzliche, dringende Bedürfnis, Ravenna zu zeichnen. Diesen Moment einzufangen, der mir so exemplarisch für ihr Wesen erschien. Trotz der gleichgültigen und schwermütigen Aura, die sie umhüllte, war sie ein lebensfroher, scharfzüngiger Mensch. Sie konnte sich in Dinge, die ihr Freude bereiteten, so vertiefen, dass die Welt um sie herum still zu stehen schien. In der kurzen Zeit, die ich sie kannte, hatte ich gelernt sie nicht bei ihren Ritualen zu stören, darauf reagierte sie mürrisch, fast wütend, wie ein aus dem Schlaf gerissener Träumer.

Ich angelte mir also Papier und einen Bleistift aus ihrem lebenden Chaos und begann zu zeichnen. Der Stift huschte schnell über das Blatt, zog kurze, hektische Linien und breite Schraffuren aus Graphit über das unschuldige Weiß. Verdunkelte es, bis ich glaubte die Essenz des Bildes getroffen zu haben.

Ich hörte das leise klacken der Kassette, gefolgt von schneller, hallender, rau produzierter Musik. Ich blickte von dem Papier in meinen Händen auf und sah sie an. Sie hatte sich zum mir umgedreht, saß in entspannter Haltung da, schaute mir zu. Da ich das Bild gerade beendet hatte, legte ich Stift und Papier beiseite und erwiderte ihren Blick.

Es war dieser eine Moment, der mir als einer der glücklichsten meines gesamten Lebens in Erinnerung blieb. Vielleicht weil er genau das war, vielleicht weil bald darauf so viel schlimmes passierte, dass er mir nur so erschien.

Der Blick, den sie mir aus ihren tiefen, moosgrünen Augen zuwarf, bohrte sich in meine Seele, brannte sich durch mein Bewusstsein hindurch, tief in mein Gedächtnis ein. Hier war eine verwandte Seele, die mich verstand. Meine Frustration über den unerfüllten Alltag, meine Introvertiertheit und meine Realitätsflucht in die Kunst und in die Musik.

Ich sah in ihre Augen und sah eine gütige Seele, die sich hinter einer unnahbaren Fassade und einer scharfen Zunge verbarg. Ich sah die Begeisterungsfähigkeit, mit der sie sich Dingen zuwenden konnte, die anderen banal erschienen. Ich sah die Faszination, mit der sie sich in Lektüre über Nahtoderfahrungen, Bestattungsriten und ähnlich morbides vertiefte. Doch ich sah auch die Faszination für das Leben, die pure Freude am sein, an diesem einen Augenblick.

Ich spürte mein Herz schlagen, im Takt der Musik, sah wie ihre Brust sich im selben Takt hob und senkte. Dann verklang das Lied in den letzten Tönen und Stille umfing uns für einige, wenige Augenblicke. Als die zweite Spur des Tonbandes begann, nahm ich sie in meine Arme. In meiner Brust klopften zwei Herzen und draußen trommelte Regen gegen die Scheiben. Regen, kein Schnee. Der Frühling schickte seine Boten.
"Perfekt, jetzt wird es wieder richtig schön klamm in meiner Wohnung", stöhnte ich.
"Immerhin wird es bald wärmer. Dann frierst du dir Nachts nicht mehr den Arsch ab", lachte sie. Ravenna war erstaunlich unempfindlich gegen Kälte und zog mich gern damit auf.
"Du hast leicht Reden, immerhin funktioniert deine Heizung", gab ich zurück.
Darauf wurde sie plötzlich seltsam still, bis sie in nachdenklichem Ton antwortete:
"Trotzdem ist es hier kalt. Manchmal fühle ich mich, als ob ich erfriere." Dabei verstärkte sie die Umklammerung, mit der sie mich hielt.
"Wie meinst du das?" fragte ich, unsicher was sie mir sagen wollte.
"Meine Mitbewohner. Wir verstehen uns nicht mehr sonderlich gut, um es vorsichtig auszudrücken."
"Willst du darüber reden?" fragte ich sie vorsichtig, doch sie schüttelte nur den Kopf.
"Da gibt es nicht viel zu bereden. Wir harmonieren einfach nicht wirklich. Die beste Lösung wäre wohl tatsächlich, wenn ich mir eine neue Wohnung suchen würde."
Bei diesen Worten schaute sie mich mit einem seltsamen, melancholisch-hoffnungsvollen Blick an. Ich brauchte einen Moment um das zu verarbeiten, doch dann tat mein Herz einen Sprung, und mich überkam die Gewissheit, dass mir in meinem Zuhause nie mehr kalt sein würde. Dass es bald ein wirkliches Zuhause wäre.

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