Von Angesicht zu Angesicht

Die nächsten zwei Wochen waren gefüllt mit lernen, lernen und noch mehr lernen. Gott sei Dank half mir Zack ein, zwei Mal die Woche, was mich gut voranbrachte und einige verschlossene Türen in meinem Kopf geöffnet hatte. In dieser Zeit verstand ich mehr von Mathematik, als in den vergangenen Jahren. Ich hätte schon viel früher mit Zack lernen sollen, dass hätte mir so einige Vieren und Fünfen in Mathe erspart.
Der Test war jedenfalls, für meine Verhältnisse, gut gelaufen. Selbst mein Mathelehrer, Mr. McKenzie, war über meine 3- positiv überrascht gewesen und hatte sogar lobende Worte für mich übrig gehabt. Ich selbst war total stolz auf mich und hatte auf einer Wolke des Hochgefühls geschwebt.
Auch meine Mom war begeistert, nur mein Dad hatte mal wieder eine Ausnahme gebildet. Beim Abendessen hatte er mir gesagt, dass ich trotz der verbesserten Note weiterhin lernen müsse und dass das mit Fleiß, Disziplin und Konzentration verbunden wäre. Ich hatte ihm nur Recht gegeben, damit das Thema erstmal vom Tisch war. Es war aussichtslos mit ihm zu diskutieren.
Heute war Samstag und ich freute mich wie wahnsinnig auf den Abend. Meine Eltern hatten mir aufgrund der Mathenote erlaubt heute Abend mit Linda und Vanessa ins 38°, eine Diskothek in der Innenstadt, zu gehen.
Das 38° war der angesagteste Club der Stadt und jedes Wochenende brechend voll.
Kein Wunder. Die Musik, die Getränke und die Atmosphäre waren absolute Spitzenklasse.
Leider durfte ich nur sehr selten dorthin, da sich meine Mom zu viele Sorgen um mich machte, wenn ich in einem Großraum voller fremder Menschen war, die mich jeder Zeit ausrauben oder verletzten konnten. Manchmal fragte ich mich, ob meine Mom wusste, dass ich bereits 16 Jahre alt war.
Da ich aber meine Eltern lange genug bearbeitet und sogar einen guten Grund, meine Note, für eine Belohnung angeführt hatte, stand ich nun unter der Dusche und machte mich fertig für einen lustigen Abend.
Ich zog mir ein lilafarbenes Top, schwarze Hotpants und schwarze Ballerinas an. Mit einer Dose Haarspray ausgerüstet, begab ich mich vor den Spiegel und sprühte einfach drauf los. Schnell wuschelte ich mir durch die Haare und gab mir ein wildes Aussehen. Mir gefiel mein Spiegelbild und so hüpfte ich freudig die Stufen hinab. Im Flur traf ich auf meine Mom, die mich mit kritischem Blick beäugte, während ich mir meine Jacke überzog.
„Willst du allen Ernstes mit diesem Outfit vor die Tür?“
„Ja“, sagte ich kurz angebunden und achtete nicht weiter auf sie.
„Das ist viel zu kurz und draußen ist es wahnsinnig kalt.“ Konnte sie mich nicht ohne einen Kommentar gehen lassen?
„Mom, ich fahre mit dem Auto und im Club ist es immer heiß, da würde eine lange Hose nur stören.“ Ich klang ziemlich genervt. Unerwartet schnell gab sie sich geschlagen.
„Na gut, dann wünsche ich dir einen schönen Abend und amüsier dich.“ Hatte sie von selbst eingesehen, dass ich meine Meinung nicht ändern würde oder hatte mein genervter Unterton sie zum Umdenken bewegt? Ich tippte eher auf das Zweite. Zum Abschied küsste sie mich auf die Stirn.
„Ja, mach ich. Ich muss aber jetzt auch wirklich los.“ Ich eilte an ihr vorbei, um weiteren Küssen zu entgehen.
Draußen war es kalt, wie meine Mom gesagt hatte, sodass ich meine Jacke enger um mich zog. Es war bereits dunkel und die Straße wurde von den Laternen nur schwach beleuchtet. Ich stieg hastig in den Ford und drehte sofort die Heizung auf.
Bevor ich mich auf dem Weg zum Club machte, holte ich, wie verabredet, Linda und Vanessa ab. Ich war überrascht, dass Vanessa mitkam, da sie so ruhig und introvertiert war, doch als wir gestern in der Cafeteria über den heutigen Abend gesprochen hatten, hatte sie darauf bestanden, dass Linda und ich sie mitnahmen. Wir hatten ja gesagt und ich war froh, dass sie dabei war. Das war vielleicht die Möglichkeit sie ein wenig hinter ihrer ruhigen Fassade hervorzulocken.
Der Streit, den ich mit Linda gehabt hatte, war am nächsten Tag schon vergessen gewesen und wir hatten uns darauf geeinigt, nie wieder über meine Erlebnisse an diesem besonderen Abend zu sprechen.
Jetzt saß Linda neben mir und fummelte am Radio herum. Vanessa hatte hinten Platz genommen und schaute verträumt aus dem Fenster in die umgreifende Dunkelheit.
„Warum läuft denn nur Mist im Radio?“, jammerte Linda und drehte den Knopf ununterbrochen hin und her.
„Lass es einfach“, bat ich sie, da ich hektische Bewegungen, während ich fuhr, nicht leiden konnte.
Resigniert ließ sie die Hand sinken.
„Ist es noch weit?“, fragte Vanessa auf der Rückbank. Durch den Rückspiegel konnte ich sehen, wie sie immer noch unablässig nach draußen starrte.
„Nein. Wir sind bald in der Innenstadt, von da aus ist es nicht mehr weit bis zum Club." Abwesend nickte sie. Was hatte sie bloß? Wollte sie vielleicht lieber wieder umkehren und nach Hause oder war sie nur nervös? Ich dachte nicht weiter darüber nach.
Als ich nach etlichen Minuten endlich einen Parkplatz in der Nähe der  Innenstadt gefunden hatte, machten wir drei uns auf den Weg zum 38°, welches nur wenige Meter südlich lag. In der Stadt leuchtete in wenigen Läden noch Licht, welches die angebotenen Waren bestrahlte. Vereinzelt liefen Menschen schnell und mit gesenkten Köpfen an uns vorbei.
Die ganze Zeit über wechselten wir kein einziges Wort miteinander. Ich ging etwas voraus und verlor Linda und Vanessa aus den Augen. An der nächsten Ecke bog ich nach rechts und hatte einen direkten Blick auf ein hohes und relativ breites Gebäude.
Die grell beleuchteten Zahlen aus Neonröhren stachen mir ins Auge. Das Licht strahlte so hell, dass man die daneben liegenden Gebäude kaum wahrnahm. Man bekam den Eindruck, dass nur die Disko 38° an diesem Ort existierte, wo sie mystisch in der Dunkelheit schwebte und die Menschen magisch anzog, wie das Licht die Motten.
Neben mir ertönte ein gehauchtes „Wow“ von Vanessa. Sie war offensichtlich überwältigt. Wie hypnotisiert starrte sie auf das Schild. Ich schmunzelte über ihre Reaktion, während ich sie am Arm hinter Linda und mir herzog.
Es war nicht überraschend, dass die Schlange vor dem Club kaum ein Ende nahm. Wir stellten uns hinter ein junges Paar und machten uns auf eine längere Wartezeit gefasst. Es wurde zunehmend kälter und der verfluchte Wind pfiff uns um die Ohren. Ich fror in meinen knappen Shorts und wollte unbedingt rein. Meinen Begleiterinnen ging es ihren schlotternden Knien nach nicht anders.
Zitternd schaute ich auf die Uhr. Es war 20.53 Uhr. Ungeduldig trat ich von einem Bein aufs andere. Konnte das nicht schneller gehen?
Nachdem wir fast schon durchgefroren waren, standen wir endlich vor dem bullenähnlichen Türsteher. Er war komplett in schwarz gekleidet und hatte sehr kurze braune Haare, die an einen Soldaten erinnerten.
Wir hielten unsere Ausweise auf seine Augenhöhe, was sich als ziemlich schwierig erwies, da er mindestens zwei Köpfe größer war, als wir. Zuerst beäugte er die Ausweise und dann jede einzelne von uns von oben bis unten mit einem kritischen und strengen Gesichtsausdruck.
Nach weiteren Sekunden winkte er uns mit einer flüchtigen Handbewegung hinein. Wir gingen hastig an ihm vorbei.
Sobald wir drinnen waren, schlug uns sehr warme Luft entgegen. Auf meiner Stirn bildeten sich kleine Schweißperlen. Die Garderobe lag links in einem schlauchartigen Flur. Ich hatte meine Probleme mich an den Menschen, die uns entgegen kamen, vorbeizuquetschen. Ich fühlte mich wie eine Sardine in einer engen Dose. Wir gaben unsere Jacken bei einer blonden Frau ab, die uns freundlich anlächelte.
Die Garderobe war nur sehr schwach beleuchtet und ich musste mich anstrengen, um die Outfits meiner Begleiterinnen zu erkennen. Linda trug einen kurzen weißen Faltenrock und dazu ein rotes Top. Vanessa dagegen wirkte mit ihrer Jeans und einem einfachen gelben T-Shirt bieder. Sie schaute sich unsicher um. Auch ihr standen Schweißperlen auf der Stirn, die im Licht funkelten. Kein Wunder, wenn sie eine lange Hose trägt. Diese Entscheidung wird sie noch bereuen.
Linda ging gut gelaunt voraus und verschwand um die nächste Ecke. Vanessa und ich konnten sie nicht mehr sehen. Ich verdrehte gespielt genervt die Augen, woraufhin Vanessa vorsichtig lächelte.
Sie tat mir etwas leid. Die ganzen neuen Eindrücke schüchterten sie merklich ein. Ich konnte nur hoffen, dass sie im Laufe des Abends lockerer werden würde.
Ich hatte bis Mitternacht Zeit sie für das 38° zu begeistern, denn um 12 Uhr hieß es für Minderjährige: raus aus dem Club.
Als auch wir beide um die Ecke bogen, hinter der Linda verschwunden war, standen wir an einer langen Treppe und hatten einen großartigen Blick auf den gesamten Innenraum. Vor uns erstreckte sich die riesige Tanzfläche mit dem dunklen Boden.
Eine Masse von Leuten tanzte zum schnellen und lauten Rhythmus der Musik. Rund um die Tanzfläche, die den meisten Platz in Anspruch nahm, gab es Sitzgruppen und in einiger Entfernung konnte man den langen und hell erleuchteten Tresen der Bar erkennen. Im Großraum war es richtig heiß und das Atmen fiel mir schwerer. Die verschiedenen Scheinwerfer, die an der Decke angebracht waren, warfen Kreise auf alles und jeden.
Ich tippte Vanessa neben mir an. Erschrocken schaute sie mich an, da ich sie wohl brutal aus ihren Gedanken gerissen hatte. Ich zeigte nach unten, um ihr zu symbolisieren, dass ich nach unten wollte. Sie nickte leicht verlegen und folgte mir die Treppe hinab zur Tanzfläche. Derweil hielt ich Ausschau nach Linda, konnte sie jedoch nirgends entdecken.
Irgendwann treffen wir uns bestimmt, dachte ich und kämpfte mich durch die Menschenmasse bis zur Mitte der Tanzfläche vor. Dabei musste ich des Öfteren Leuten, die ich versehentlich angerempelt hatte, einen entschuldigenden Blick zuwerfen.
An meinem Ziel angekommen blickte ich hinter mich, um zu sehen, ob Vanessa mir hinterher gekommen oder ob sie aufgehalten worden war. Ich sah sie nicht und dachte, dass ich sie unterwegs verloren haben musste, doch dann stand sie eingeschüchtert neben mir und versuchte krampfhaft niemanden zu berühren. Aufmunternd lächelte ich sie an und begann, mich langsam dem Rhythmus der Musik und dem der Anderen anzupassen. Nur wenige Augenblicke waren nötig, um mit der Masse zu verschmelzen. Ich schloss meine Augen und konzentrierte mich ausschließlich auf den Beat der Musik. Ab und zu berührten mich fremde Arme oder Hände.
Die Hitze war beinahe unerträglich und ich rang nach Luft, dennoch hörte ich nicht auf zu tanzen. Ich öffnete wieder die Augen, um nach Vanessa zu sehen, doch sie war verschwunden. Sie musste abgehauen sein, als ich meine Augen geschlossen und nicht auf sie geachtet hatte. Ich war verärgert und enttäuscht.
Sie hätte mir zumindest Bescheid sagen können, dass sie keine Lust hatte und sich nicht einfach aus dem Staub machen müssen. Die feine englische Art war das nicht.
Trotzdem tanzte und tanzte und tanzte ich. Ich fühlte mich befreit und schwerelos. Die Lichtkreise leuchteten auf meiner hellen Haut.
Derweil wurde der Club stetig voller und immer mehr Menschen tummelten sich auf der Tanzfläche. Nicht selten bohrte sich ein Ellbogen in meinen Rücken oder irgendjemand stand auf meinen Füßen. Ich war durchgeschwitzt und die Hitze benebelte meinen Verstand. Mein Atem ging stoßweise und mein Blut rauschte durch meine Adern.
Wie in Trance machte ich einen großen Schritt nach hinten und stieß gegen etwas Hartes. Ich taumelte und sah mich schon auf den Boden aufschlagen, als sich ein Arm um meine Taille schlang und mich ins Gleichgewicht brachte. Ich wirbelte herum und die Luft blieb mir schlagartig weg.
Mein „Retter“ war er. Seine stahlgrauen Augen bohrten sich in meine. Ich war unfähig zu atmen und mich zu bewegen, denn unter seinem Blick wurden meine Knie weich.
Das Einzige, was ich tat, war ihn wie eine Irre anzustarren. Die Lichtpunkte tanzten auf seiner dunklen Kleidung und seinem Gesicht.
Er trug eine schwarze Hose und einen haselnussbraunen engen Pullover, der seinen starken Oberkörper gut zur Geltung brachte. Im Gegensatz zu mir schwitzte er kaum, jedenfalls konnte ich keinen einzigen Schweißtropfen erkennen. Alles um mich herum verschwand. Für mich gab es nur ihn und mich, eng beieinander in der Dunkelheit. Die Situation erinnerte mich an unsere erste Begegnung.
Leider ließ er mich bald wieder los und die anderen Menschen tauchten wie von Zauberhand wieder auf. Ich war etwas enttäuscht, ließ es mir aber nicht anmerken. Und dann hörte ich zum ersten Mal seine Stimme. Er hatte sich bis zu meinem Ohr heruntergebeugt, wobei er gefährlich nah an meinem Mund vorbeigekommen war. Vor Aufregung zitterte ich.
„Wollen wir uns nicht in Ruhe unterhalten?“, flüsterte er. Sein Atem kitzelte an meinem Ohr und meine Nackenhärchen stellten sich auf. Seine Stimme klang heller, als erwartet, hatte aber einen rauen Nachklang. In meinem ganzen Leben hatte ich nichts Vergleichbares gehört.
Ich nickte nur abwesend. Er drehte sich auf der Stelle um und verließ schnellen Schrittes die Tanzfläche. Ich kam wieder zur Besinnung und hastete ihm hinterher, da ich Angst hatte ihn aus den Augen zu verlieren. Durch seine Größe ragte er über die meisten Köpfe hinaus. Mein Blick war ununterbrochen auf seinen Hinterkopf gerichtet, während ich mich, so gut es ging, durch die Menge drängte.
Nachdem ich die Tanzfläche hinter mir gelassen hatte, konnte ich ihn zunächst nicht entdecken. Panik stieg in mir auf. Ich hatte ihn doch keine Sekunde aus den Augen gelassen, wie konnte ich ihn also verlieren? Hektisch suchte ich die ganze Umgebung ab, ohne Erfolg.
Plötzlich stand er neben mir und ich fragte mich, wo er herkam. Er blieb nicht lange stehen, sondern ging zu einer leeren Sitzgruppe in einer abgelegenen Ecke. Kurz überlegte ich, ob ich ihm folgen sollte, vor allem wieder an einen dunklen Ort, wie jene Nische.
Mein Kopf sagte nein, schließlich kannte ich ihn nicht und ich konnte mir nicht sicher sein, dass er ungefährlich war. Mein schnell pochendes Herz dagegen schrie eindeutig ja. Das Glück war einmal auf meiner Seite, denn ich hatte ihn wiedergefunden, obwohl ich nie daran geglaubt hatte. Nun musste ich die womöglich einzige Chance nutzen. Also hörte ich zum wiederholten Male auf mein Herz, anstatt auf meinen Kopf, obwohl ich, wie im Fall Quentin Jones, schlechte Erfahrungen damit gemacht hatte.
Dennoch ging ich vorsichtig zu ihm. Er hatte auf einem schwarzen Ledersessel Platz genommen und schaute mir dabei zu, wie ich mich angestrengt in die Sitzbank in der Ecke quetschte. Keiner von uns sagte ein Wort. Schweigend sahen wir uns an, wobei ich immer wieder den Blick abwenden musste, da seine Augen zwar schön, aber auch unheimlich waren.
Warum redet er nicht mit mir? Schließlich hat er gesagt, dass er sich mit mir unterhalten will, und nun? Da ich es satt hatte zu schweigen, begann ich das Gespräch mit der Frage, die mich in den letzten Wochen am meisten gequält und bei der ich geglaubt hatte, dass ich nie eine Antwort auf sie bekommen würde.
„Wie heißt du?“ Überrascht über meine direkte Art lächelte er mich an. Das Lächeln war warm und freundlich, doch seine Augen zeigten nichts als Kälte und gaben seinem Gesicht einen merkwürdigen Ausdruck, den ich nicht beschreiben konnte.
Ich schaute hastig auf einen hellen weißen Fleck auf dem Tisch und wartete ungeduldig auf seine Antwort.
„Ich heiße James“, sagte er. Als ich nach oben schaute, hielt er mir seine große rechte Hand entgegen. Ich legte meine Hand in seine und schüttelte sie.
„Holly“, murmelte ich und schluckte schwer. Ich wunderte mich über die Unsicherheit und Nervosität, die mich befallen hatten, seitdem James mir gegenüber saß. Normalerweise hatte ich keinerlei Probleme mit Jungs zu sprechen, aber ich spürte, dass er anders war. James hatte eine starke und außergewöhnliche Aura.
„Und warum wolltest du mit mir reden?“
„Das war eine spontane Entscheidung. Ich habe dich tanzen sehen und du kamst mir bekannt vor. Dann fiel mir ein, dass ich dir in dieser Gasse begegnet bin. Darum wollte ich mir dir sprechen. Ich wollte mein Verhalten dir gegenüber erklären.“
Sein Blick war ernst. Ich dagegen nickte verlegen. Ich hatte nicht erwartet, dass er sich an mich erinnern, geschweige denn wiedererkennen würde. Meine Nerven waren bis aufs Äußerste gespannt.
„Als allererstes wollte ich mich bei dir für mein Verhalten entschuldigen. Vermutlich habe ich dir ziemliche Angst eingejagt und dass ich dich festgehalten und dir den Mund zugehalten habe, wäre wohl nicht unbedingt nötig gewesen, aber es war die einzige Möglichkeit, dich ruhig zu halten.“
Ungläubig und wütend zugleich sah ich ihn an. Meint er das etwa ernst?
„Warum sollte ich denn deiner Meinung nach still sein?“ James schien meinen angesäuerten Ton bemerkt zu haben, denn er meinte gleich, dass ich es falsch verstanden hatte.
„Ich wollte dich bloß beschützen.“ Ich war verwirrt und wusste nicht, was er damit meinte.
„Was heißt, du wolltest mich nur beschützen? Wovor denn?“
„Hast du sie vergessen, die Schritte, die du in der Dunkelheit gehört hast?“
Natürlich hatte ich die Schritte nicht vergessen, doch ich hatte ja vermutet, dass es Freunde von ihm gewesen waren.
„Nein, habe ich nicht.“
„Die Schritte gehörten zwei Männern. Ich war ihnen ein paar Straßen vor der Gasse begegnet. Sie hatten wohl auf jemanden gewartet, der wie ich alleine war, denn sie wollten mich ausrauben. Da ich gegen zwei Männer keine Chance habe, lief ich weg. Sie aber verfolgten mich. Ich habe mir einen Vorsprung erarbeitet und bin in die nächste Gasse gelaufen. Dort habe ich dich gesehen und mir gedacht, dass, wenn sie dir begegnen würden, es nicht bloß bei einem Raub bleiben würde. Einem jungen schönen Mädchen, wie dir, hätten sie viel Schlimmeres angetan. Darum habe ich dich in der Nische versteckt.“
Still hatte ich James´ Schilderungen zugehört. Er war also tatsächlich gejagt worden. Zumindest hatte eine meiner Thesen sich als richtig erwiesen. Die ganze Geschichte machte Sinn. Er hatte mich vor zwei gefährlichen Männern gerettet und ich hatte geglaubt, dass er mich verletzen oder sogar töten wollte. Ich bekam ein schlechtes Gewissen und wusste nicht, was ich sagen sollte.
Wie wäre es mit Danke, schlug die nervige Stimme in meinem Kopf vor. Konnte ich sie nicht einmal abstellen, damit sie keine störenden Bemerkungen in den ungünstigsten Situationen machte?
Auf einmal merkte ich, dass er mich die ganze Zeit über beobachtet, was mich zum Erröten brachte.
„Danke“, brachte ich dann doch mühsam hervor.
„Keine Ursache, aber ich empfehle dir, nicht mehr nachts alleine unterwegs zu sein. In dieser Stadt gibt es gefährlichere Menschen, als diese zwei Männer.“
James bedachte mich mit einem eindringlichen Blick, der mich in Angst versetzte. Reflexartig wich ich vom Tisch zurück und drückte mich in das Polster der Sitzbank. Ich wusste nicht, was er mit dieser Aussage gemeint hatte, aber es war eindeutig eine Warnung gewesen, da war ich mir absolut sicher. Amüsiert grinste er mich an.
„Es war nicht meine Absicht dir Angst einzujagen. Ich konnte ja nicht ahnen, dass du so schreckhaft bist.“ Durch sein Grinsen entspannten sich meine Muskeln, aber ich mochte es nicht, dass er sich über mich lustig machte. Beleidigt schob ich meine Unterlippe vor.
„Ich finde es schön, dass du über mich lachen kannst.“ Ich rückte wieder näher an den Tisch heran.
„Tut mir leid“, sagte James ernst.
Wieder Schweigen. Ich zwirbelte eine Haarsträhne um meinen Zeigefinger. Meine Haare waren feucht vom Schweiß und mein Pony hing mir im Gesicht. Unablässig starrte James mich mit seinen grauen Augen an, dabei blinzelte er sehr selten. Ich empfand es als unangenehm und ich fragte mich, was er so interessant an mir fand.
„Bist du alleine hier?“, fragte er und unterbrach somit die Stille zwischen uns.
„Nein, ich bin mit zwei Freundinnen unterwegs.“
„Kommst du öfters hierher?“
„Leider nicht. Meine Eltern sind bei diesem Thema ziemlich streng.“ Warum rede ich jetzt ausgerechnet über meine Eltern?
„Und mit wem bist du hier?“, fragte ich James schnell, um von meiner Verlegenheit abzulenken.
„Ich bin allein.“ Seine Stimme bekam einen merkwürdigen Unterton, doch nun wollte ich mehr über ihn erfahren.
„Wie alt bist du?“
„Ich bin 18.“
„Und wo gehst du zur Schule?“ Ich vermutete, dass er in eine andere Schule ging, da ich ihn in meiner High School nie gesehen hatte.
„Ich gehe nicht mehr zur Schule.“
„Oh, und was machst du? Studierst du oder gehst du arbeiten?“
Er antwortete nicht, stattdessen ging er um den Tisch herum, nahm meine Hand und zog mich zur überfüllten Tanzfläche. Ich dagegen wollte zurück und mich weiter mit ihm unterhalten.
Er zog mich mit aller Kraft mit sich, wobei ich ihn in die entgegengesetzte Richtung zerrte. Davon ließ er sich jedoch nicht stören. Er manövrierte uns geschickt durch die Menge und hielt an einer freien Stelle an.
Mit einem Ruck riss James meine Hand und den dazugehörigen Arm in die Höhe und drehte mich um meine eigene Achse, ehe er mich an seinen starken Körper drückte.
Mein Kopf lag auf seiner Brust und ich konnte seinen ruhigen Herzschlag hören. Mein Herz dagegen pochte unbändig.
Wir tanzten langsam hin und her, obwohl der Rhythmus der Musik schnell und laut über unseren Köpfen dröhnte. Ich war wütend, weil er mich, ohne zu fragen, von der Sitzgruppe weggezogen hatte, doch ich wollte mich nicht beschweren, denn dazu fühlte ich mich zu wohl und geborgen. Nichtsdestotrotz wollte ich ihn nicht so einfach davonkommen lassen.
James schuldete mir noch eine Antwort, deshalb fragte ich erneut, was er denn jetzt machte.
Ich schaute nach oben und beobachtete die hellen Lichter an der hohen Decke, die sich ins Unendliche verlor. Dann blickte ich in sein Gesicht. Seine Augen waren glasig. Er schien mit den Gedanken ganz woanders zu sein. Ich tippte ihn vorsichtig an. Abrupt schaute er mir in die Augen. Sein Blick war unergründlich.
„Ich arbeite als Kurier“, meinte James kurz angebunden. Ich beschloss lieber nicht weiter nachzuhaken und schmiegte mich noch näher an ihn.
Bei unserer ersten Begegnung hatte er nach etwas Angebrannten gerochen. Jetzt verströmte er einen herben männlichen Duft, der ihn noch attraktiver machte.
Zwischen uns herrschte eine geradezu magische Spannung und ich wünschte mir, dass dieser Moment niemals zu Ende ging.
Aber die meisten Wünsche gingen nicht in Erfüllung, wie auch dieser. James hob seinen Arm, schaute auf seine silberne Uhr, trat einen Schritt zurück und ließ mich los. Die Wärme, die zwischen uns entstanden war, verschwand und hinterließ nichts als Kälte.
„Ich muss jetzt gehen.“ Er hatte sich schon abgewandt, als ich seine linke Hand nahm und sie festhielt.
„Warum?“ Mir war klar, dass meine Frage dreist war, schließlich ging mich das im Grunde nichts an.
„Ich muss noch ein Paket bis Mitternacht ausliefern.“ James löste jeden einzelnen Finger meiner Hand, die seine umschloss, und verließ die Tanzfläche. Ich folgte ihm.
„Sehen wir uns wieder?“, fragte ich verzweifelt. Er blieb so plötzlich stehen, dass ich fast in ihn hineingerannt wäre.
„Möglich ist alles“, flüsterte er leise, bevor er schnellen Schrittes verschwand. Ich konnte ihm nicht einmal folgen. Traurig und enttäuscht blieb ich zurück. Ich ging zurück zu der Sitzgruppe, wo ich mit James gesessen hatte.
Ich hatte fürchterliche Angst, dass es das letzte Mal gewesen war, dass ich ihn gesehen hatte. Natürlich hatte ich vor diesem Abend nicht einmal davon zu träumen gewagt, ihn ein weiteres Mal zu treffen und sogar mit ihm zu reden. Doch jetzt, da ich wusste, dass er mich gerettet hatte und wie faszinierend er war, fiel es mir umso schwerer daran zu denken, dass ich ihn womöglich nicht wiedersah.
Linda hatte Recht gehabt. Ich war in James verliebt. Verliebt in einen Mann, über den ich so gut wie nichts wusste. Ich war es wohl schon gewesen, als ich ihn das erste Mal sah. Das war dann wohl die legendäre Liebe auf den ersten Blick, die ich immer für albern und kitschig gehalten hatte.
Nun begann ich jedoch meine Meinung zu überdenken und machte mir gleichzeitig schwere Vorwürfe.
Wieso habe ich nicht versucht ihm hinterher zu gehen? Ich hätte ihn nach seiner Telefonnummer fragen sollen. Ich ärgerte mich, weil ich die gelieferte Chance nicht besser genutzt hatte.
In diesem Augenblick wollte ich nicht alleine zu sein. Ich sehnte mich nach Linda und Vanessa, also ließ ich meinen Blick auf der Suche nach ihnen über die Menschenmenge schweifen. Es war keine Überraschung, dass ich sie nirgends entdecken konnte. Die Lust auf Party war mir redlich vergangen.
Ich wollte bloß nach Hause, aber zuerst musste ich die Beiden finden. Ohne sie konnte ich nicht fahren. Mir blieb also nichts anderes übrig, als weiterzusuchen oder darauf zu warten, dass sie mich fanden.
Ich legte den Kopf auf den harten Tisch und schloss die Augen. Vor meinem inneren Auge lief das Treffen mit James noch einmal ab.
Ein kräftiges Rütteln an meinen Schultern ließ mich aufschrecken und in die Realität zurückkehren. Linda stand mit gerötetem Gesicht vor mir.
Völlig außer Atem setzte sie sich mir gegenüber und stellte ein Glas mit einer mir unbekannten Flüssigkeit auf den Tisch.
„Du hast doch nicht geschlafen, oder?“ Sie nippte an ihrem Getränk.
„Nein, aber ich habe keine Lust mehr hier zu bleiben.“ Ungläubig sah mich Linda über ihr Glas hinweg an.
„Ist das dein Ernst? Die Stimmung und die Musik sind spitze. Du bist doch sonst diejenige, die man um Mitternacht aus dem Club zerren muss.“
„Ich weiß, aber ich bin nicht mehr in Stimmung.“
„Warum? Ist irgendetwas passiert? Du warst am Freitag noch so begeistert von der Idee, hierher zu kommen.“ Besorgt sah sie mich an.
„Mir ist nicht gut. Ich habe Bauchschmerzen“, log ich und verzog schmerzvoll das Gesicht.
„Das ist ja blöd.“ Ich nickte bloß.
„Hast du Vanessa irgendwo gesehen? Am Anfang war sie noch bei mir, doch dann habe ich sie aus den Augen verloren. Ich muss sie finden, schließlich können wir nicht ohne sie fahren.“
„Ich hab sie leider nicht gesehen. Soll ich sie suchen? Du kannst hier sitzen bleiben, sonst verlieren wir uns auch noch.“
„Gut.“ Sie stand auf.
„Hier“, sagte sie und schob mir ihr Glas hin, „du kannst den Rest haben, wenn du möchtest.“
„Danke“, entgegnete ich. Linda verschwand in Richtung Tanzfläche. Ich konnte nur warten. Meine Kehle brannte und schrie nach Flüssigkeit. Mit einem Zug kippte ich den Inhalt des Glases herunter, doch mein höllischer Durst war nicht ansatzweise gestillt und meine Ungeduld wuchs von Minute zu Minute.
Kurz bevor ich aufsprang, um selbst nach ihnen zu suchen, entdeckte ich Lindas Lockenkopf und dahinter die kurzen braunen Haare von Vanessa. Sie kamen zum Tisch. Linda strahlte übers ganze Gesicht, wahrscheinlich war sie stolz, dass sie Vanessa gefunden hatte. Vanessa hingegen blickte noch immer unsicher umher und hatte die Arme vor der Brust verschränkt.
„Ich hab sie in einer Ecke gefunden, gelangweilt stand sie an der Wand und hat die anderen Leute beobachtet.“
Vanessas Wangen waren leicht gerötet, aber bei ihr lag es wahrscheinlich nur an der Hitze und nicht, wie bei Linda und mir, am Tanzen. Sie trat zu uns und schien nicht zu wissen, was sie sagen sollte. Mein Blick war finster. Ich war immer noch sauer auf sie.
„Warum bist du einfach abgehauen? Du hättest mir sagen können, dass du keine Lust hast“, keifte ich sie lauter an, als ich eigentlich vorhatte. Sie schaute betreten zu Boden. Ich konnte ihr ansehen, dass sie sich unwohl fühlte.
„Ich…ich wollte dich nicht beim Tanzen stören und dir den Spaß verderben. Es tut mir leid, ich hätte dir Bescheid sagen müssen.“
Mein Ärger verrauchte. Ich wollte nicht weiter wütend auf sie sein. Ich hatte das Gefühl, dass ich an allem Schuld war, da ich sie einfach so auf die Tanzfläche geschleppt hatte.
„Schon gut“, meine Stimme klang sanft. „Lasst uns nach Hause fahren.“
Wir gingen zur Treppe. Die Beiden waren drei Stufen vor mir. Es ging langsam voran, da selbst die Treppe von Menschen belagert wurde.
War es überhaupt zulässig so viele Leute in den Club zu lassen? Es war doch offensichtlich, dass hier niemand mehr rein passte. Während ich weiterging, hörte ich plötzlich einen lauten Knall hinter mir.
Verdutzt suchte ich mit den Augen nach meinen Freundinnen. Sie kamen wieder herunter und stellten sich zu mir. Auch sie schienen nicht zu wissen, was diesen Knall ausgelöst hatte.
Von der Tanzfläche wehten Schreie und laute, aufgeregte Stimmen zu uns herüber. Linda schaute mich verständnislos an. Kein Mensch bewegte sich. Ich war völlig überfordert und konnte keinen klaren Gedanken fassen. Wie angewurzelt stand ich auf der Treppe.
Was war das für ein Knall gewesen? Warum schrien die Leute?
Hatten wir einen Spezialeffekt verpasst, der die Stimmung auf einen Schlag verändert hatte? Dass konnte nicht sein.
Die Schreie und die Stimmen waren angsterfüllt. Und als ob jemand vorher auf die Stopptaste gedrückt hätte und diese nun losließ, stürmte die Menschenmasse panisch los. Ohne Rücksicht auf Verluste drängelten und schubsten die Leute.
Ein junger Mann rammte mir seinen spitzen Ellbogen in die Seite und ich stolperte.
Zum Glück konnte ich mich ans Treppengeländer klammern. Linda hatte nicht so viel Glück, denn auch sie stolperte und fiel auf die Stufen. Vanessa hechtete ihr hinterher und half ihr auf. Ihr rechtes Knie durchzog ein langer Riss aus dem Blut quoll und an ihrem Bein herunter lief. Wir retteten uns zu einer Sitzgruppe. Linda setzte sich und begutachtete ihr Knie im schwachen Licht. Ich schaute zu der Menschenmasse, die Richtung Ausgang stürmte.
Im Club war das reinste Chaos ausgebrochen.

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