"Sag mal, warum magst du mich eigentlich?" "Was willst du denn von mir hören?" Ja was will ich von ihm hören? Ich liege nackt auf seiner Bettdecke, die er netterweise auf seinem schäbigen grauen Teppich ausgebreitet hat, während er eine neue Flasche Rotwein aufmacht. Normalerweise würde ich ihm jetzt eine genaue Aufstellung von dem geben, was er mir jetzt sagen könnte und erst aufhören zu reden, wenn er mich mit seinen Küssen unterbricht. "Die Wahrheit", sage ich, und hoffe, dass sie mit dem was ich mir wünsche übereinstimmt. Er sagt gar nichts und schraubt ungewöhnlich lange an dem Korken der Flasche herum. "Das hier?" versuche ich ihm eine kleine Hilfestellung zu geben. Natürlich fände ich es besser, wenn es nicht nur das hier wäre, dass er an mir magt aber es wäre zumindest ein Anfang. Er hat die Flasche endlich aufgemacht und kommt zu mir rüber. Er setzt ich im Schneidersitz vor mich und schenkt Wein nach, zuerst sich selbst und dann mir. Er nimmst einen Schluck und ein bisschen der roten Flüssigkeit rinnt über sein stoppeliges Kinn. Gedankenlos wischt er es weg. "Ja, das hier," sagt er endlich. Ich warte auf mehr aber es kommt nichts. Ich nehme mein eigenes Glas und versuche einigermaßen galant auszusehen, während ich auf dem Bauch liegend an dem Wein nippe aber merke ziemlich schnell, dass das nicht geht und setze mich auch auf. Ich nehme die Decke und lege sie auf meinen Schoß. Er sieht mich nicht an und sagt immer noch nichts. "Ist das alles?" frage ich. "Was willst du denn jetzt von mir hören?" sagt er wieder. Ich will es nicht, aber ich merke wie ein paar klitzekleine Tränen sich in meinen Augen breit machen. Ich schaue zu Boden, weil ich nicht will, dass er sie sieht. Ich bin auch selbst Schuld, dass er nicht mehr findet, dass er an mir mag. Ich habe mich ihm viel zu schnell hingegeben. Ich habe sein Ego gestreichelt und ihm gesagt, was er hören wollte. Dass ich ihn toll finde, dass ich es kaum erwarten kann mit ihm ins Bett zu gehen, dass ich mich in ihn verlieben könnte. Ich hatte gedacht, dass unsere vielen Gespräche und all die Abende und Tage an denen er nichts anderes getan hatte als meine Gegenwart zu suchen bedeutet hätten, dass es ihm ähnlich geht aber eigentlich ging es ihm nie darum. Man denkt ab einem gewissen Alter hätte man gelernt, wie das Spiel gespielt wird, aber das stimmt nicht. Ich sprach die ganze Zeit von Herzen, während er nur von Körpern gesprochen hat. Ich schlucke meine Tränen herunter und stehe auf. "Was ist los?" Langsam ziehe ich mich an und sage nichts. Ich öffne die Tür während er mich fragend ansieht "Was machst du?". Ich drehe mich noch mal um und frage ihn  "Was willst du denn jetzt von mir hören?" Dann ziehe ich die Tür leise hinter mir zu und gehe. Vielleicht habe ich es diesmal endlich verstanden.

Kommentare

  • Author Portrait

    Ganz toller, bewegender Text! Du schreibst wirklich gut!

  • Author Portrait

    Nun bin ich wirklich beeindruckt. Es fasziniert mich, dass man schon beim Anlesen deiner Geschichten mitten zwischen die Protagonisten hineinfällt. So, als gehöre man dorthin...

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media