Vor vielen Monden ...

Sie hörten sie bestialisch schreien.
„Ist das Normal?“, fragte Narin nervös. Es war sein erstes Kind das geboren wurde. So viele Jahre hatte er schon gelebt, sich jedoch nie darum bemüht eine Familie zu gründen, bis heute.
„Das ist es“, beschwichtigte ihn Runa. „Denke ich.“ Ruckartig sah er seine alte Vertraute an. Sie musste grinsen und stupste ihn an der Schulter. „Mach dir keine Sorgen. Hona ist bei ihr, sie hat das schon unzählige Male gemacht.“
„Was ist, wenn es schief liegt?“
„Das wird es nicht und wenn weiß sie, was zutun ist.“ Seine Nerven lagen am Boden. So viel hatte er für dieses Moment gegeben, hatte Jahre damit verbracht. Nun war es so weit. Nervös lief er auf der stelle. Wenn es schief ging, war alles verloren. So lange wünschte sich seine Frau schon ein Kind, so lange hatte er sie hingehalten. Bis vor etwa neun Monaten. Es hatte nicht schnell genug gehen können und heute würde es sich entscheiden. Das Glück war mit ihnen, das erste Mal seit einer sehr langen Zeit.
„Bitte, Bitte, Bitte ...“, flehte er zu den vergangenen Göttern.
Adlani trat hinaus in die alte Nacht.
„Es dauert nicht mehr lange“, verkündete sie und grinste ihn an. „Sie ist stark, sie schafft das.“ Sie legte ihm eine Hand auf die Schulter, versuchte ihn ebenfalls zu beruhigen.
„Und wenn es nicht klappt?“
„Es wird klappen.“ Es dauerte nur Minuten, bis Runa die Tür hinaus trat. Ein unbekanntes Geräusch erfüllte die kalte Nacht. Der Schrei eines Neugeborenen.
Narin konnte nicht an sich halten, er stürmte hinein. In den armen seiner Frau, da lag es. Das Neugeborene. Es sah zerbrechlich aus, so kraftlos und dennoch konnte sich Narin nicht erinnern, etwas Schöneres gesehen zu haben.
„Willst du sie halten?“, fragte seine Frau kraftlos. Er nickte und trat näher. Der sonst so kühle und sichere Mann hatte große Augen im Angesicht dieses neuen Geschöpfs. Vorsichtig nahm er sie aus den Händen seiner Frau.
Nun würde es sich beweisen. Langsam mit sicherem griff um das Neugeborene, trat er ins freie. Ein leichtes Tuch lag um den kleinen Körper. Draußen im Freien sammelten sich seine Freunde um ihn. Sie alle blickten hinauf in den Himmel.
Narin tat es ihnen nach. Ein Stern, hoch am Himmel, leuchtete hell. Doch das war nicht das besondere an ihm. Es war seine blutrote Färbung, die den Moment einzigartig machte. Genau heute war seine Tochter geboren, genau heute sollte sie sich beweisen. Er blickte hinab auf ihre Stirn. Wartete geduldig auf das Zeichen. Doch es kam nicht. Er zitterte, vor Aufregung. Es würde noch kommen. Sicherlich würde es jeden Moment auftauchen. Als sich eine Wolke vor den hellen Stern schob, verschwand sein Licht. Sie warteten einen ganzen quälenden Moment lang, doch der Stern blieb verborgen und seine Hoffnung starb.
Am Boden zerstört hielt er das Kind in den Händen.
„Sie hat es nicht“,
„Das kann nicht sein.“ Runda wendete sich ab. Enttäuschtes schnauben und Gemurmel brach aus.
„All die Arbeit. Für nichts.“ Er liebte sein Kind, doch war es nicht das, was es sein sollte.
„Es ist nur ein Kind“, stellte sein ältester Freund fest. „Aber es ist dein Kind und deine Familie. Es wird eine andere Gelegenheit geben.“
„Wann?“, fragte er bitter. Das Kind in seinen Händen war wertlos, es war seines aber nicht das, wonach sie schon so lange suchten.
„Unsere Zeit kommt Narin, sie kommt.“ Damit ließen seine Freunde ihn allein. Sie alle verschwanden in die Dunkelheit, aus der sie hergekommen waren.
Das Kind schrie nicht, bewegte sich nicht einmal. Lag nur in seinen Armen, friedlich schlummernd.
„Vielleicht ist es besser so“, gestand er dem Kind. „Ein sorgenloses Kind.“ Niemand anderes würde sich mehr wünschen, doch Narin tat es. Denn nun waren die Jahre, verschwendet und ein weiteres Jahrhundert voller Dunkelheit brach über sie herein.

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