Vorbereitungen

Lukas wartet schon bei offener Tür auf mich.
Ob es ihm auch so schwerfällt? Ich meine, Marie und ich haben uns zwei Jahre lang fast jeden Tag gesehen. Wir allerdings, haben uns vielleicht 20 Mal gesehen, wenn überhaupt.
Als hätte ich es laut ausgesprochen fängt Lukas an zu erzählen. „Weißt du, ich war ziemlich geschockt, als meine Eltern mir erzählten, ich hätte eine neue kleine Schwester. Zunächst dachte ich, Mama wäre Schwanger gewesen, ohne dass wir es gewusst hätten. Aber als sie mir dann sagten, dass du aus einer anderen Welt kommst und all das, da wusste ich erst nicht weiter.
Nach einer Woche konnte ich mich endlich dazu durchringen, euch zu besuchen. Marie war gerade nicht unten und als ich die Tür öffnete, standst du da. Völlig verwirrt hast du mich angestarrt, als wäre ich ein Einbrecher. Als ich nichts sagte riefst du panisch nach Marie, die völlig erschrocken nach unten gerannt kam.
Wie sie mich sah, beeilte sie sich zu sagen, wie schön es doch sein, dass ihr Bruder es auch Mal nach Hause geschafft hatte. In deinem Blick konnte ich erkennen, dass irgendetwas anders war. Mit einem Mal lächeltest du breit und hießt mich willkommen.
Ich war fassungslos, konnte die Situation nicht begreifen. Wäre Marie nicht da gewesen, hätte ich dich wahrscheinlich noch Stunden lang wie ein Alien angestarrt. Die ganze Situation war regelrecht überwältigend.“
„Ich hätte wahrscheinlich nicht anders gehandelt. Mir kommt das alles immer noch wie ein Traum vor, unrealistisch, nicht wahr. Aber spätestens in zwei Wochen weiß ich mehr.“
Ich lächle verzweifelt und mit einem Ruck bleibt Lukas stehen. Als ich mich umdrehe, sieht er mir fest in die Augen.
„Cleo, egal wo du hingehst, egal wo du bist, du wirst immer meine kleine Schwester sein.“
Mir kommen die Tränen und er schließt mich fest in seine Arme.
„Wir sind eine Familie, nichts wird daran etwas ändern, hörst du?“
Ich nicke wieder und vergrabe meinen Kopf tiefer in seiner Umarmung. Nach einer gefühlten Ewigkeit, versiegen meine Tränen und ich schaffe es, mich zu lösen. Lukas Augen sind auch noch feucht, so versunken, wie ich war, habe ich nicht einmal mitbekommen, dass er angefangen hat zu weinen. Jetzt lächelt er mich an.
„Wollen wir weiter?“
Ich nicke nur stumm, aus Angst wieder anzufangen. Seite an Seite gehen wir durch die Straßen. Nicht allzu weit entfernt schreien schrille Sirenen. Mit der Zeit kommen sie immer näher, bis ein Krankenwagen und 3 Polizeiwagen an uns vorbei rasen. Nicht weit entfernt bleiben die stehen, und wir können beobachten, wie sie ein Haus stürmen. In sicherer Entfernung bleiben wir stehen und betrachten das Geschehen. Am liebsten würde ich weitergehen, aber wir müssen an dem Haus vorbei, wenn wir nicht die halbe Stunde zurücklaufen wollen. Lukas sieht dem ganzen auch mit gerunzelter Stirn entgegen.
„Am besten wir warten noch.“
Nach einer weiteren halben Stunde, voller Smalltalk und einem gelegentlichen Ausbruch von Tränen meinerseits, kommen die Polizisten wieder heraus. Vor weg geht ein Mann, in Handschellen. Lukas stellt sich mit einem Ruck vor mich, aber zu spät. Ich habe es bereits gesehen. Seine Kleidung ist praktisch rot getränkt von all dem Blut. Aus dem Augenwinkel kann ich noch erkennen, wie die Sanitäter nun in das Haus rennen, aber Lukas hat mich bereits am Handgelenk gepackt und macht sich auf den Rückweg.
„Wir hätten nicht warten sollen.“
Verstört nicke ich, aber nicht, weil ich das mit angesehen habe, sondern eher, weil es mich überhaupt nicht stört. Ob so etwas in der anderen Welt öfters vorkommt? Erst nach etwa 10 Minuten lässt Lukas mich los.
„Wahrscheinlich war das der Mörder, der in den Nachrichten erwähnt wurde.“
„Ja, wahrscheinlich.“ 
„Ich hätte nie gedacht, dass er so nah bei euch gewohnt hat."
„Ich glube damit hat wirklich niemand gerechnet."
Den restlichen Weg schweigen wir. Lukas scheint der Anblick, ganz schön zugesetzt zu haben. Erst als wir Zuhause angekommen sind, bricht er das Schweigen.
„Wahrscheinlich werden wir uns nicht mehr sehen, bis du losmusst.“
Überrascht sehe ich ihn an: „Wie? Aber ich dachte du hättest dir frei genommen?“ Er nickt traurig.
„Ich weiß. Aber meine Firma hat heute Morgen angerufen und es scheint mit einem unserer Projekte, ein paar ernste Probleme zu geben. Ich muss hin und helfen, sonst verlieren wir im schlimmsten Fall, einen unserer treuesten Kunden. Es tut mir wirklich leid.“
„Ich verstehe, da kann ich wohl nichts dagegen sagen. Arbeit ist Arbeit. Vielleicht schaffst du es ja, zwischen durch Mal vorbei zu schauen.“
„Ich versuche es, versprochen.“
Er begleitet mich noch zur Tür und macht sich, sobald ich im Haus bin, auf den Weg zur Arbeit. Was jetzt? Mit einem Mal bin ich wieder alleine. Auf dem Wohnzimmertisch liegt noch immer das Spiel, das Lukas mir gekauft hat. Ich zucke mit der Schulter und murmle:
„Was solls! Das ist erst einmal mein letzter freier Tag! Außerdem werde ich wohl nie wieder einen Computer zu Gesicht bekommen.“
Ich schnappe mir das Spiel und laufe nach oben. Während das Spiel installiert, betrachte die Hülle etwas genauer. Mit einem Mal wird mir die Ironie klar. Die ganze Zeit habe ich nur Rollenspiele gespielt, die in mittelalterlichen Welten spielen. Ob das, dass Werk meines Unterbewusstseins ist?
Meine Neugier wächst mit jeder Minute, die ich über die andere Welt nachdenke. Ob es dort auch Magie gibt? Oder Drachen? Das wäre so cool. Obwohl, es ja eigentlich nicht so gut wäre, einem Drachen zu begegnen. Aber Magie? Naja, das war noch unwahrscheinlicher. Mit ganz viel Pech, ist es genau wie in unserem Mittelalter. Also, wie während des Mittelalters dieser Welt.
Gott, ist das verwirrend! Neben meiner Tastatur liegt der Plan. Mit einem skeptischen Blick betrachte ich ihn. Morgen kommt schon sehr früh eine Schneiderin her. Das wird das pure Chaos, das weiß ich schon jetzt.
Nichts kann schlimmer sein, als stundenlang einfach nur da zu stehen und dabei zu zuschauen, wie sich jemand all mögliche Notizen aufschreibt. Aber der zweite Tagespunkt macht mir viel mehr Sorgen. Unterricht bei Wilhelm und das ausgerechnet in den Benimmregeln, das wird die pure Folter werden.
So scheint er ja ganz nett zu sein, aber er ist definitiv ein strenger Lehrer, wenn nicht noch schlimmer, als Herr Hedsa. Den restlichen Tag verbringe ich damit zu spielen. So bemerke ich gar nicht, dass jemand mein Zimmer betritt.
„Cleo?“
Erschrocken fahre ich zusammen, mein Herz rast vor Schreck fürchterlich. Als ich mich umdrehe, steht Franziska im Zimmer.
Überrascht frage ich: „Ich dachte, du wärst wegen deiner Arbeit für ein paar Tage weg?“
Sie sieht mir fest in die Augen und nickt: „Ich kann auch nicht lange bleiben, mein Flieger geht in wenigen Stunden. Aber, ich werde nicht vor drei Wochen zurückkommen. Das hier wird wohl unser Lebewohl sein.“
Ihr Blick wird traurig. Ich stehe auf und umarme sie.
„Ich werde euch niemals vergessen.“
Ich spüre, wie mir kleine Tropfen auf die Schulter fallen und mir kommen wieder die Tränen. Es dauert nicht lange und mein Kopf dröhnt von dem vielen Geschluchzte. Franziska, noch immer weinend, löst sich aus der Umarmung und hält mich an der Schulter fest. Nur schwer, presst sie Worte heraus: „Wenn... falls… falls jemals… etwas sein sollte, sind wir für dich da… immer…“
Wieder kommen ihr die Tränen, als sie realisiert, dass ich nicht mehr herkommen kann.
„Du weißt schon… wir sind eine Familie, ok? Niemals werden wir dich vergessen!“ Ich schaue ihr tief in die Augen und wieder umarmen wir uns, dieses Mal aber nicht, um unsere Tränen zu trocknen, sondern, um uns zu verabschieden. Bevor sie geht streichelt sie mir noch einmal liebevoll über den Kopf.
Ob meine echte Mutter auch so ist? Es ist eine Schande, dass ich mich nicht an sie erinnere. Wie sie wohl aussieht? Mit einem Mal bekomme ich furchtbare Kopfschmerzen und mir wird schwindelig. Aus reiner Vorsicht lege ich mich auf mein Bett, keine Sekunde zu früh, denn alles um mich herum wird schwarz.

 

                                                                      *

 

„Geht es dir gut mein Schatz? Hast du dir wehgetan?“

Eine wunderschöne Frau beugte sich über mich. Mit zusammen gebissenen Zähnen schüttle ich den Kopf.

„Nein.“

Sie lächelt und der Schmerz ist wie weggeblasen. Sie hilft mir auf und Hand in Hand gehen wir durch den Garten. Überall blühen gerade Blumen und alles duftet so frisch.

Das war meine liebste Zeit am Tag, ohne Papa.

Mama wurde immer so traurig, wenn Papa dabei war. Dann lächelte sie nie und ich liebe nichts mehr als Mamas Lächeln, dann wird mir immer ganz warm im Bauch. Und ich mag dieses Gefühl.

Papa mag ich zwar auch, aber nicht so sehr wie Mama. Sein Lächeln machte mir Angst, es war ganz und gar nicht so warm wie Mamas. Und manchmal konnte ich ihn hören, wie er Mama anschrie, dann versteckte ich mich immer schnell und fing an zu weinen. Aber nicht, wenn Mama dabei war, nein, denn Mama mochte es nicht, wenn ich weinte. Dann fing sie auch an zu weinen und das machte mich nur noch trauriger.

Aber heute hatte Mama gute Laune, den ganzen Tag über strahlte sie, wie das Ding, dass mich immer blendet, wenn ich aufstehe. Nur das Mama mich nicht blendet.

Mama bleibt stehen, um an einer Blume zu riechen, eine wunderschöne, weiße Blume. Wenn Mama eine Blume wäre, dann wäre sie bestimmt diese.

Als Mama sieht, wie ich sie anlächle, hebt sie mich hoch. Das war immer wie fliegen. Als ich lache, fängt Mama an zu strahlen. Langsam hält sie mich neben die Blume und ich mache sie nach. Mit einem Mal umgibt mich ein wunderschöner Duft. Und ich lache wieder.

Mama lässt mich wieder runter und wir gehen weiter durch den Garten. Nach einiger Zeit kommt ein Junge zu uns gelaufen und gibt meiner Mama etwas, ich mochte den Jungen nicht. Immer wenn er kommt, wird Mamas Gesicht, wie aus Eis und sie hört auf warm zu sein.

Jedes Mal, wenn er kommt, versuche ich ihn fort zu jagen, aber es klappt nie. Deswegen ignoriere ich ihn dieses Mal lediglich. Der Junge starrt mich an und nimmt meine Hände in seine.

„Aber Prinzessin! Warum sind eure Hände denn so dreckig? Und euer Kleid auch?“ Ich reiße mich los und verstecke mich hinter Mama. Dabei werfe ich dem Jungen einen bösen Blick zu und strecke ihm die Zunge raus. Aber er lacht nur.

„Aber Prinzessin, ziemt sich so etwas, für eine junge Dame?“

Ich strecke stolz mein Kinn hervor und behaupte.

„Nischt Prinensnn! Ritta! Mama beschtn!“

„Ach, ihr werdet Ritter? Ja? Na da müsst ihr mich aber besiegen! Denn ich bin älter und werde viel früher ein Ritter sein als ihr. Wenn ich erst einmal zur Leibgarde eurer Mutter gehöre, braucht sie euch nicht mehr, um sich zu schützen.“

Wieder grinst er, doch bevor ich etwas sagen kann, sagt Mama etwas, ich kann es nicht hören, weil Mama mir die Ohren zuhält, aber sie sieht traurig aus.

Ich mochte diesen Jungen wirklich nicht.

Als er endlich verschwunden ist, lächelt Mama wieder, aber nicht strahlend, nein, eher wie Regen.

 

                                                                      *

 

Ich halte mir den Mund zu, um nicht zu laut zu schluchzen.

Heute ist wirklich ein beschissener Tag, ich kann schon gar nicht mehr mitzählen, wie oft ich heute geheult habe.

Diese Frau, war das meine Mutter? Ich meine, dass war doch eine Erinnerung oder? Die Frau ist wunderschön gewesen, ich kann mich nicht mehr genau an ihr Gesicht erinnern, aber sie hatte goldblonde lange Haare, die kunstvoll geflochten worden waren. Zusammen mit ihrem Lächeln und diesem warmen Gefühl in meinem Bauch, fühlte ich mich, wie neu geboren. Auch der Duft der Rose ging mir nicht mehr aus der Nase, so eine Rose habe ich noch nie gesehen, oder eher, noch nie in dieser Welt gesehen. Sie war silbern, fast wie angemalt und ihre Blüten hatten rote Spitzen.

Langsam mache ich mich daran, den Computer auszuschalten, darauf würde ich mich heute nicht mehr konzentrieren können. Schnell ziehe ich mich um und lege mich ins Bett.

Dieser Vater, also mein Vater, ich erinnere mich an ihn. Er hatte immer ziemlich hohe Erwartungen an mich gehabt und mich wie eine Puppe behandelt.

Zudem scheint er schnell von einem enttäuscht und für ihn, gibt es immer nur einen richtigen Weg, seinen. Ja, ich erinnere mich, irgendetwas wegen einer Hochzeit.

Stimmt! Er wollte, dass ich heirate und ich habe mich geweigert, danach durfte ich das Schloss wochenlang nicht mehr verlassen. Er war immer sehr streng gewesen, daher mochte ich ihn nicht sonderlich, aber Familie ist eben Familie, da kann man nichts gegen machen.

Ob er mich wohl sucht? Und was ist mit meiner Mama? Ob sie auf mich wartet? Ich hoffe es.

Ein leichtes Lächeln bildet sich um meine Lippen. Mit etwas Glück, wird es gar nicht so schlimm werden. Ich lege mich auf die Seite und schlafe ein.

Am nächsten Morgen erwache ich, als Marie zögernd an meine Tür klopft.

„Cleo? Bist du wach?“

Ich stöhne, am liebsten würde ich weiterschlafen. Ein kurzer Blick auf meine Uhr, 13.00 Uhr. Was, schon so spät? Ich recke mich. So tief und fest habe ich schon gefühlte Ewigkeiten nicht mehr geschlafen. Schnell springe ich auf und rufe halblaut: „Ich komme gleich!“

So schnell ich kann, schmeiße ich mir eine Jogginghose und ein großes Shirt über den Arm und springe unter die Dusche. Die Schneiderin soll laut dem Plan so gegen 14.30 kommen, das gibt mir noch genügend Zeit, um ausgiebig zu frühstücken. Nachdem meine Haare zumindest nicht mehr triefnass sind, gehe ich gemächlich die Treppe hinunter. Schon am Treppenabsatz kann ich Maire hören, aber mit wem redet sie da?

Neugierig gehe ich zielgerichtet in die Küche. Johannes, was zur Hölle macht er schon wieder hier? Als er mich sieht grinst er schelmisch.

„Ah, da kommt ihre Hoheit ja. Gut geschlafen?“

Spöttisch verbeuge ich mich vor ihm.

„Vielen Dank, dass sie nachfragen, ja, ich habe wunderbar geschlafen? Aber, wenn sie mir die Frage erlauben, was machen sie hier?“

Marie kann sich ein lautes Lachen kaum noch verkneifen. Und auch Johannes scheint amüsiert. Mit einer Unschuldsmiene hebt er seine Arme in die Luft und schüttelt leicht seinen Kopf.

„Wie könnte ich armer Wicht, mir nur die Möglichkeit entgehen lassen, bei einer königlichen Anprobe dabei zu sein?“

Jetzt muss auch ich lachen. „Stimmt, wie könntet ihr nur. Wehe euch, dies zu verpassen.“

„Wenn du willst, könntest du Raffael und Simone auch einladen.“

Ich schüttle traurig den Kopf. „Nein, es wird schon schwer genug, ihnen die ganze Situation zu erklären. Dass möchte ich nicht unbedingt machen, während ich unbequeme Kleider anprobiere.“

Langsam schlendere ich zum Kühlschrank und fange an, den Tisch zu decken. Es dauert nicht lange, bis Marie anfängt mir zu helfen.

„Willst du auch noch etwas mitessen?“

Johannes überlegt kurz und nickt dann: „Schaden kann es nicht.“

Nach und nach stellen wir alles auf den Tisch und machen uns daran, uns die Bäuche vollzuschlagen. Es dauert nicht lange, schon stehen Robin und Wilhelm vor der Tür. Marie lässt die Beiden rein und lädt sie ebenfalls dazu ein, mit uns zu essen. Allerdings haben beide erst gegessen und lehnen daher ab.

„Eigentlich wollte ich euch nur schnell abholen.“

Ich sehe Wilhelm fragend an. „Abholen? Wohin geht es denn?“

„Wohin wohl, ins Büro. Jerome befand es als eine geniale Idee, die Schneiderin in sein Büro zu rufen, da sie dort mehr Platz hat. Also darf ich heute euren Chauffeur spielen.“

Er seufzt genervt. Marie und ich räumen schnell alles wieder weg und wir machen uns auf den Weg. Robin redet die ganze Fahrt über ununterbrochen und nach einer Weile, tut Wilhelm mir leid.

Ich kann mir regelrecht vorstellen, wie er ihn jeden Tag, vom ersten Tag an, ununterbrochen vollgelabert hat und ich nie in Ruhe ließ. Wahrscheinlich war er froh, bald wieder seine Ruhe zu haben. Mit dem Auto sind wir allerdings viel schneller da, als mit dem Zug. In nicht einmal 40 Minuten stehen wir schon vor dem Gebäude. Als Johannes es sieht, staunt er nicht schlecht.

„Hier arbeitet euer Vater?“

„Ihr Vater. Ja.“ Ich würde mir am liebsten auf die Zunge beißen, als ich Maries Gesicht sehe. Warum musste ich das sagen? Nicht, dass es nicht stimmt, aber ich wollte Marie damit nicht noch mehr verletzen. Johannes überspielt das gekonnt und stürmt mit Robin voran. Wilhelm muss sich regelrecht dazu zwingen uns zu folgen.

Immer wieder höre ich ihn etwas murmeln wie: „Warum ich? Ich bin Arzt und kein Kindergärtner!“ oder „Ich sollte wirklich mehr Geld verlangen.“

Jerome kommt uns auf halben Weg entgegen, zusammen mit einer Frau, die aussieht, als wäre sie in einen Farbtopf gefallen. Ich kann nur hoffen, dass sie nicht die Schneiderin ist. Johannes raunt mir in letzter Sekunde ein „Viel Glück“ zu, was mir nicht gerade Mut macht.

Ich bin mir nicht sicher, ob ihr Outfit als angesagt gilt, oder ob sie einfach blind ist. Sie trägt ein Lila und rosa gepunktetes Oberteil, dazu eine orange gelbe Leggings und hat sich ihre Haare grün blau gefärbt. Wie gesagt, wie, als wäre sie in einen Farbtopf gefallen. Selbst ihre Begrüßung fällt übertrieben fröhlich aus.

Laut Jerome ist sie allerdings eine berühmte Stylistin, welche extra aus Paris angeflogen ist. Mir wird bei den Gedanken daran, dass sie mir Kleider entwerfen soll, immer unangenehmer und auch Robin scheint der Gedanke nicht sonderlich zu beruhigen.

Jerome und Ms. Ravü voran, gehen wir in sein Büro. Dort sind überall Stoffe und Muster verteilt und in der Mitte, bauen zwei Männer gerade eine Art Tribüne auf. Sobald wir den Raum betreten haben, macht sich die Frau daran zahllose Blätter einzusammeln, die im Raum verteilt liegen.

„Ich habe mein möglichstes gegeben, um aus den Angaben des Jungen einige passable Entwürfe zu erstellen. Es war eine ziemliche Herausforderung, dass könnt ihr mir glauben. Die Sachen für den Jungen sind bereits fertig, aber das war ja auch zu einfach. Wenn du so freundlich wärst Robin.“

Sie deutet mit ihrer freien Hand auf einen Stapel Kleidung in einem dunkel braunen Ton. Robin stürmt drauf los und schnappt sich die Sachen. Begeistert fasst er alles an und riecht sogar daran. Seine Augen leuchten regelrecht. Ms. Ravü schaut ihm einen kurzen Moment zu und scheucht ihn dann ins Badezimmer: „Na los, worauf wartest du, probier es an.“

Sobald er verschwunden ist, frage ich Jerome und Wilhelm verwirrt: „Warum kennen die Beiden sich?“

„Das liegt daran, dass der kleine Wurm schon heute Morgen hier aufgeschlagen ist und unbedingt wollte, dass ich ihm sofort seine Sachen mache.“

„Und es liegt daran, dass ich Robin gebeten habe, schon jetzt zurück zu gehen und dort auf dich zu warten.“

Entsetzt sehe ich Jerome an. „Wie bitte!?“

Er sieht mich entschuldigend an: „Es tut mir leid, aber er war einverstanden und so wird es um einiges einfacher für dich werden.“

„Aber nicht für ihn! Du kannst ihn unmöglich alleine dorthin schicken!“

„Cleo, bitte, du musst das verstehen. Für ihn ist das kein fremder Ort. Für ihn ist das seine Heimat. Er kennt sich dort aus.“

Sein Ton wurde fast schon flehentlich. Aber ich kann nichts tun, als ihn fassungslos anzustarren.

„Du brauchst dir wirklich keine Sorgen machen. Ich kann dafür sorgen, dass er in der Nähe des Schlosses rauskommt. Es wird ihm nicht einmal 10 Minuten kosten, bis er wieder bei seinem Vater ist.“

Bevor ich noch etwas erwidern kann kommt Robin wieder raus. Mit seinen neuen Sachen sieht er aus, wie als würde er gleich auf einen Mittelaltermarkt gehen. Er trägt ein schlichtes weißes Hemd, darüber ein braunes Wams und dazu eine schlichte braune Hose. Auch seine Schuhe sind braun und glänzen im Licht. Wahrscheinlich sind sie aus echtem Leder. Robin scheint wie begeistert von seinem Outfit, bis Johannes den Mund öffnet.

„Aber wirklich wie aus dem Mittelalter, sehen die Sachen nicht aus.“

Robin wirft ihm feindselige Blicke zu und Ms. Parü hebt beschwichtigend die Hände.

„Falls nötig kann ich noch kleine Änderungen vornehmen, aber laut unserem kleinen Freund hier, gibt es exakt solche Sachen in seiner Welt, nur natürlich nicht aus so feinen Stoffen und auch eher in den gehobenen Klassen.“

Robin nickt störrisch und bestaunt sich danach selbst im Spiegel. Nach noch nicht einmal einer Sekunde, strahlt er wieder übers ganze Gesicht. Ms. Ravü nickt zufrieden und wendet sich wieder ihren Skizzen zu. Dabei scheucht Sie die beiden Männer hin und her, um all mögliche Stoffe und Muster zurecht zu legen.

So gut es geht, machen wir es uns auf den Sofas bequem. Aber kurz nachdem ich mich gesetzt habe, werde ich auch schon wieder aufgescheucht.

„Hier, dass sind all meine Entwürfe, schau sie durch und suche dir die raus, die dir am besten gefallen. Du kannst dir ruhig Zeit lassen, bis ich sein Outfit fertig habe, vergeht bestimmt eine ganze Stunde.“

Besorgt nicke ich. Sie hat mir allen Ernstes einen etwa 2 cm hohen Stapel in die Hände gedrückt. Marie und Johannes schauen sich, mit mir zusammen, gespannt die Entwürfe an. Entgegen meiner Erwartungen, sind die Kleider noch relativ normal, manche zumindest. Aber die meisten Kleider sind von oben bis unten voll mit Spitze und Rüschen. Absolut furchtbar.

Es gibt nur einige wenige, die nicht sofort „verzogene Prinzessin“ schreien.

„Wie viele brauche ich denn?“ Verunsichert schaue ich in die Runde, doch bevor mir auch nur einer antworten kann, meldet sich MS. Ravü wieder zu Wort.

„Das ist eine Pfandfrage oder? Mädchen, eine Prinzessin kann niemals genügend Kleider haben! Für jeden Anlass gibt es ein Kleid, für jeden Tag, gibt es ein neues Kleid!“

Entrüstet schüttelt sie den Kopf und seufzt melodramatisch. „Angenommen, ich brauche für ein Kleid zwei bis drei Tage, wenn ich mir nichts Anderes vornehme, schaffe ich in der Zeit, bis du los musst ungefähr 4 Kleider, wenn ich mich anstrenge. Und falls mir diese Idioten dahinten helfen, anstatt alles durcheinander zu bringen, schaffe ich vielleicht sogar 7. Also suche dir ruhig 7 Stück aus. Die einfachen können sie auch alleine fertigstellen, also am besten drei relativ einfache und ruhig 4 anspruchsvollere.“

Mir fällt die Kinnlade runter. 7 Kleider!? „Wie um Himmels willen, soll ich die denn mitbekommen?“

Jerome lächelt beruhigend, als er meinen entsetzten Gesichtsausdruck sieht. „Das ist eine Überraschung.“

Als ich ihn zweifelnd ansehe, wird sein Lächeln nur noch breiter. Am Rande der puren Verzweiflung, versuche ich mich auf die Auswahl der Kleider zu konzentrieren. Der Stapel wurde mittlerweile von Johannes und Marie in drei Stapel unterteilt, schlicht, pompös und super pompös. Mit einem seufzen mache ich mich daran den ersten Stapel durchzusehen. Die Auswahl der schlichten Kleider fällt mir nicht sonderlich schwer. Die Kleider sind ungefähr alle gleich geschnitten. Ein leichter V-Ausschnitt, immer mit Ärmeln und bloß nicht zu viel drum herum. Das erste Kleid hat schlichte, dünne Träger und hat knapp unter der Brust ein Band mit Schleife, am liebsten hätte ich die Schleife weggestrichen, aber Marie besteht darauf und auch Ms. Ravü ist von der Idee nicht sonderlich begeistert. Zu dem Kleid gibt es noch Handschuhe, oder so etwas Ähnliches. Sie reichen bis knapp über die Ellbogen und laufen bei dem Mittelfinger zusammen, wo sie jeweils an einem Ring befestig sind.

Das zweite Kleid ist nur knapp Knöchellang und hat zwei leichte Puffärmel. Es hat einen leichten Herzförmigen Ausschnitt, welcher, von einer mit Perlen bestickten Aufsatz, begleitet wird. Diese läuft in der Mitte zusammen und dann ein Stück nach unten, um dann knapp über der Hüfte wieder nach außen zu verlaufen. Unten daran befestigt ist eine Art Überkleid, wahrscheinlich aus Tüll oder so etwas. Diese trifft sich vorne in der Mitte des Aufsatzes und teilt sich dann nach links und rechts auf, und fließt so am Kleid hinab. Dadurch ist vorne nur ein kleiner dreieckiger Teil des Kleides nicht bedeckt. Es wirkt auf mich, wie das Kleid einer Prinzessin, die nie wirklich erwachsen geworden ist, als würde es einer 8-Jährigen gehören.

Aber Johannes meint, dass das Kleid zur einer Prinzessin passt, dass eine Prinzessin nicht einfach in schlichten schwarzen Kleidern rumlaufen kann, wie ich es am liebsten tun würde. Oder noch besser in Hosen.

Nach einigen skeptischen Blicken meinerseits, lege ich den Entwurf auf den Stapel, der `akzeptierten Kleider´. Es gibt deutlich schlimmeres.

Bei dem dritten Kleid, brauche ich nicht lange zu überlegen. Es ist entgegen den Anderen fast schon zu schlicht. Das Kleid fällt weitläufig nach unten und hat zwei breite Träger. Zudem ist der Ausschnitt nicht ganz so weit gefasst, wie bei den anderen. Er ähnelt einem einfachen Bogen, von Träger zu Träger. Unterstützt wird dieser Eindruck, von einem breiten Streifen, welcher den oberen Teil des Kleides knapp oberhalb der Brust vom Rest abtrennt. Weiter gibt es keine Auffälligkeiten an dem Kleid. Es gefällt mir am Meisten.

Ich reiche Ms. Ravü die ersten drei Entwürfe und sie zieht einen Schmollmund. „Spielverderberin. Das ist wahrscheinlich das einzige Mal in meinem Leben, das ich die Gelegenheit habe, Kleider für eine echte Prinzessin zu erstellen und du suchst dir ausgerechnet diese langweiligen Sachen aus?“

Ich lächle frustriert und werfe einen Blick auf die anderen Stapel. „Ich denke die anderen werden so oder so definitiv anspruchsvoller.“

Ms. Ravü nickt entschlossen und macht sich daran, Robins Outfit zu perfektionieren. Verzweifelt schlage ich mir beide Hände vors Gesicht und seufze. Jerome und Wilhelm werfen sich verunsicherte Blicke zu und entschuldigen sich für einen Moment. Marie greift energiegeladen nach dem pompösen Stapel und drückt ihn mir in die Hand. Ich schaue von ihr zu Johannes. Selbst ihm scheint das hier mehr Spaß zu machen, als mir. Die Augen von Ihnen strahlen schon regelrecht.

„Wollt ihr nicht ohne mich weitermachen?“

Lustlos lasse ich mich nach hinten fallen. „Wenn du willst, dass ich dir super peinliche Kleider aussuche? Gerne.“

Johannes böses Grinsen jagt es mir kalt den Rücken hinunter. Er würde mir definitiv eins damit auswischen und Marie… Sie würde mir sicherlich die Prinzessin-haftesten Kleider raussuchen, die die Welt je gesehen hat. Damit würde ich mich nie und nimmer in die Öffentlichkeit trauen, geschweige denn überhaupt mein Zimmer verlassen. Mir bleibt wohl keine Wahl.

Das erste Kleid findet sich nach etwa 10 Minuten. Es hat einen leichten V-Ausschnitt, welcher von einem Aufsatz umrahmt ist, in der Mitte vorne, befindet sich eine Art kleines Wappen, welches mir entfernt bekannt vorkommt. Die Ärmel des Kleides sind in etwa, wie die Ärmel eines T-Shirts, am Ende jedes Ärmels ist wieder ein kleiner Aufsatz aufgenäht, auf dem sich Perlen befinden. Um die Hüfte ist ein breites Band gebunden, wieder mit Perlen besetzt und mit einer Art Sonne in der Mitte? Davon fallen die Enden des Bandes nach unten, ebenfalls mit Perlen besetzt. Am unteren Teil des Bandes befinden sich kleine Vierecke. Das Muster erinnert mich irgendwie, an eine Mauer. Die Hüften wirken sehr breit, wahrscheinlich durch eine Art Unterrock. Wie bei dem einen Schlichten Kleid, ist auch hier das Meiste des Kleides von Tüll bedeckt, welcher an den Seiten des Bandes und dessen Rückseite befestigt ist. Zusätzlich hat das Kleid noch Ärmel, welche aber nicht direkt an dem Kleid befestigt scheinen. Oben am Oberarm und knapp über dem Ellbogen ist der Ärmel durch einen Aufsatz abgetrennt und auch etwas enger, wahrscheinlich, damit der Ärmel nicht andauernd rutscht, am besten wäre es, wenn sie dort ein Gummiband einnähen würde. Nach unten werden die Ärmel länger und fallen weitläufig den Arm hinab. Am Ende haben sie wieder einen Aufsatz, weiter sind sie aber sehr schlicht gehalten. Für ein pompöses Kleid doch immer noch erträglich. Aber die breiten Ärmel könnten auf Dauer echt nervig werden.

Ms. Ravü wirft einen neugierigen Blick über meine Schulter und seufzt theatralisch. Ich verdrehe die Augen und lege den Entwurf extra. Allein für die Kleider habe ich gut vierzig Minuten gebraucht, was jedoch gut möglich an meiner fehlenden Motivation liegen könnte. Bevor ich mir die nächsten Entwürfe genauer ansehen kann, haben Johannes und Marie mir schon die Entwürfe weggenommen. Anscheinend haben sie schon beim ersten Durchgang jeweils einen Favoriten gefunden.

Johannes ist für ein Kleid mit einem herzförmigen Ausschnitt und mehreren Lagen von Tüll, auf die Rosen gestickt sind und lauter Rüschen, die das Kleid noch pompöser wirken lassen. Marie hingegen findet, dass das Kleid, dass bis nach oben hin geschlossen ist, besser zu mir passt. An den Schultern hat das Kleid so etwas wie Federn und die langen Ärmel sind an das restliche Kleid angenäht. Wie auch die anderen Ärmel, enden die Ärmel jeweils an einen Ring um den Mittelfinger. Das Kleid an sich, scheint aus drei Lagen zu bestehen, sie überlagern sich jeweils durch ein wellenförmiges Muster. Das Ende einer jeweiligen Lage wird durch einen Aufsatz gekennzeichnet, auf dem wie üblich Perlen aufgestickt sind. Was Ms. Ravü wohl für eine Verbindung zu Perlen hat?

Sie scheint ja regelrecht darauf versessen zu sein, jedes Kleid mit Perlen auszustatten und das nicht gerade mit wenigen. Unter dem Kleid muss ich zu hundert Prozent auch einen Unterrock tragen, aber wenn ich mir die restlichen Entwürfe so anschaue, dann werde ich da nicht drum herumkommen. Das scheint die pure Folter zu werden, ob die wohl schwer sind?

Hoffentlich muss ich keine hohen Schuhe tragen, dann falle ich definitiv hin und mache mich zum Gespött aller. Oder noch schlimmer, auf mein Kleid treten, es damit kaputtreißen und dann hinfallen. Ich seufze tief und lenke damit verwunderte und besorgte Blicke auf mich. Um sie zu beruhigen schüttle ich nur sacht den Kopf und sehe mir wieder die Kleider an.

Um die Entscheidung kurz und schmerzlos zu machen, nehme ich den Entwurf, den Marie besser findet. Sie hat damit absolut recht, dass er besser zu mir passt. Es wird gut tun auch ein Kleid zu besitzen, das keinen gefühlten Bodentiefen Ausschnitt hat. Vielleicht bin ich früher ja eine dieser eingebildeten und hochnäsigen Prinzessinnen gewesen, aber jetzt nicht mehr.

Niemals! Blümchen und Rüschen passen einfach nicht zu mir. Ich würde mir darin, wie eine riesige Torte vorkommen, nicht dazu in der Lage, mich darin fortzubewegen.

Unter den weiteren Entwürfen, fällt mir ein Kleid sofort auf. Es hat einen leichten V-Ausschnitt. Die Brust ist durch einen Aufsatz, und natürlich Perlen, vom Rest des Kleides abgetrennt. Um die Hüfte wurde ein Band genäht, wieder mit Perlen besetzt, danach fallen an beiden Seiten des Kleides eine weitere Schicht Stoff hinab. Unten am Kleid befindet sich wieder einen Aufsatz, total überraschend mit Perlen! Oben hat das Kleid keine richtigen Träger, dass Brustteil läuft an den Schultern spitz zusammen und durch eine Art feine Kette ist daran eine Art Schleppe oder so etwas befestigt.

Johannes nickt zustimmend, als ich das Kleid auf den rechten Stapel lege. Und auch Marie scheint mit meiner Auswahl zufrieden zu sein. Damit bin ich auch schon fertig. Selbst Ms. Ravü scheint ausnahmsweise zufrieden zu sein.

Nachdem sie alle Entwürfe hat, übergibt sie diese ihren beiden Helfern und nennt ihnen übertrieben viele Namen und Farben, wahrscheinlich alles Stoffe. Nebenbei winkt sie Robin wieder zu sich. Dieser hat Sie die ganze Zeit über genau beobachtet und nimmt seine Sachen freudenstrahlend entgegen. Es dauert nicht lange, bis Ms. Ravü voll in ihrem Element ist. Sie scheint ihre Umgebung nicht einmal mehr wahrzunehmen.

Nachdem Sie eine grobe Vorauswahl getroffen hat, fordert sie mich auf mich auf die Erhöhung zu stellen. Eine gefühlte Ewigkeit muss ich dort stehen, bis sie alle Maße genommen hat. Und auch danach, lässt sie mich nicht gehen. Sie hällt jede einzelne Stoffrolle an und überlegt lautstark, welches Kleid welche Farbe bekommen soll. Nach nicht einmal 2 Minuten höre ich nicht mehr zu. Jerome und Wilhelm erregen meine Aufmerksamkeit, als sie wieder hereinkommen.

Wilhelm hat einen Lederbeutel in der Hand, wahrscheinlich mit Proviant gefüllt. Ich kann einfach nicht verstehen, warum Robin schon früher gehen soll. Das macht für mich einfach keinen Sinn.

Robin, wieder in seinen neuen Sachen, läuft sofort zu den Beiden hin. Wilhelm reicht ihm den Beutel und Robin kontrolliert dessen Inhalt. Nach einem zustimmenden Nicken machen sie sich auf den Weg. Er verabschiedet sich nicht einmal. Ich meine, gut, wir sehen uns in nicht einmal 2 Wochen wieder, aber trotzdem. Wer weiß, was ihm in der Zeit alles passiert.

Die andere Welt kann nicht halb so sicher sein, wie diese. Mit einem unguten Gefühl, sehe ich den drei nach, wie sie in Richtung Labor gehen. Auch Marie und Johannes scheinen beunruhigt, sagen aber nichts. Vielleicht haben Wilhelm und Jerome ja recht, schließlich ist das Robins, und meine, Heimatwelt.

Er kennt sich dort aus und wenn nichts schiefgeht, ist er schon bald in den Armen seines Vaters. Darauf hat er bestimmt die ganzen 2 Jahre gewartet, da kann ich es ihm nicht verübeln, dass er die erste Gelegenheit ergreift, die sich ihm bietet.

Ms. Ravü scheint auch fast fertig zu sein, zumindest vorerst. Gerade, als ich mich wieder auf das Sofa fallen lassen möchte, kommt sie mir wieder in die Quere.

„Du glaubst doch nicht wirklich, dass das Outfit einer Prinzessin mit einem Kleid fertig ist oder? Dir fehlen noch Schuhe und Accessoires. Außerdem würde ich dir trotz allem gerne ein ähnliches Outfit mitgeben, wie dem kleinen Wurm. Man weiß nie, wann du es gebrauchen kannst und wenn, dann sollte es auch aus guter Qualität sein.“

Ich seufze und vergrabe meinen Kopf zwischen Maries Schulter und dem Sofa. „Kann ich nicht eine Pause machen?“

Ms. Ravü schüttelt energisch den Kopf.

„Nein, ich brauch alle Zeit die ich bekommen kann, um rechtzeitig ferti zu werden. Also reiß dich zusammen und probier die Schuhe an. Sie müssten eigentlich die richtige Größe haben.“

Mit Entsetzen starre ich die Schuhe an, die ihre Helfer herbeitragen. Nur ein paar Sandalen bzw. glaube ich eher, dass es Ballerinas sind, die oben, über dem Knöchel geschlossen sind. Die anderen Schuhe haben alle mindestens einen Absatz von 5-7 cm, wenn nicht sogar noch mehr.

Das heißt für mich wohl, dass ich die nächsten 2 Wochen lernen muss, in diesen Schuhen zu laufen, zu tanzen und wenn es nach mir geht auch zu kämpfen. Wenn ich ehrlich bin habe ich eine heidenangst davor zurück zu kehren. Jerome hat schließlich behauptet, dass ich und Robin ernsthaft verletzt gewesen sind, als wir herkamen. Ich kann und will mir nicht vorstellen, was für schreckliche Schmerzen das gewesen sein müssen und wenn es nach mir geht, kommt das auch nie wieder vor. Und wenn ich mich in hochhackigen Schuhen verteidigen muss!

Marie gibt mir einen Stupser in die Seite und ich raffe mich auf. Langsam schleife ich mich zu den Schuhen hin. Die einzigen Schuhe die mir gefallen, sind die Ballerina. Also probiere ich sie als erstes an. Ms. Ravü hat recht, sie passen perfekt und dadurch, dass sie oben zu sind, kann ich auch nicht herausrutschen. Ihre Farbe ist ein schlichter Sandton und es gibt auch nur kleine Verzierungen in Form von kleinen Spiralen und Kreisen. Die anderen drei Paare sind leider alle hoch, also für mich hoch, sehr hoch.

Bei dem zweiten Paar, wird der Schuh durch mehrere kleine Ketten am Fuß gehalten. Es ist zwar etwas tückisch in den Schuh hinein zu kommen, aber so fällt er mir wenigstens nicht vom Fuß. Der Schuh an sich ist fast schon weiß und durch die silbernen Kettchen, sieht der Schuh sehr edel aus.

Das dritte Paar wird leider nicht an meinem Fuß gehalten, sodass jeder Schritt eine Qual ist. Wer um alles in der Welt, trägt so etwas freiwillig? Johannes und Marie scheinen sich prächtig zu amüsieren. Aber so, wie ich laufe, kann ich das verstehen. Verzweifelt blicke ich zu Ms. Ravü. Auch sie scheint sich ein Lachen kaum verkneifen zu können.

„Kann man an die Schuhe nicht auch irgendwelche Bänder oder so machen? So kann ich nicht laufen, ganz zu schweigen davon, dass meine Füße jetzt schon schmerzen.“ Sie nickt nachdenklich.

„Ich werde mir was einfallen lassen.“

Ich atme erleichtert auf und mache mich daran, das letzte Paar anzuziehen. Die Schuhe sind knapp oberhalb des Knöchels geschlossen, wie bei dem einen Kleid mit so etwas wie Federn versehen. Der Hacken ist ungewöhnlich geformt. Anstatt wie eine dünne Säule, wie bei den Anderen, ist er eher gezackt, so, als hätte man regelmäßig kleine Dreiecke rausgeschnitten. Vorne am Fuß ist ein oval freigelassen, sodass der Schuh nicht ganz geschlossen ist.

Den werde ich definitiv nicht so schnell verlieren, aber die Form ist doch etwas gewöhnungsbedürftig. Damit falle ich wahrscheinlich auf, nein, nicht wahrscheinlich, definitiv! Aber als Prinzessin ist es wahrscheinlich normal, wenn nicht sogar wichtig aufzufallen. Daran würde ich mich wohl oder übel gewöhnen müssen.

Schnell ziehe ich die Schuhe wieder aus. Ms. Ravü sieht mich skeptisch an und scheint angestrengt zu überlegen. Als ich sie fragend ansehe, winkt sie nur ab. „Nichts, schon gut. Sag mal, du hast keine Ohrlöcher oder?“

Ich schüttle den Kopf. „Wieso?“ „Weil ich schon Ohrringe bereitgelegt hatte. Aber jetzt muss ich mir wohl etwas Anderes einfallen lassen.“

„Es gibt doch diese neuen clip-Ohrringe!“ Meldet sich Marie zu Wort.

Begeistert klatscht Ms. Ravü in die Hände. „Natürlich, eine brillante Idee. Dann müsste ich nur die Stecker tauschen.“

Danach murmelt Sie noch etwas Unverständliches und ich nutze die Chance mich endlich wieder hinsetzen zu können. Johannes fängt natürlich sofort wieder an mich zu ärgern: „Na Prinzessin? Jetzt schon erschöpft? Und das ist noch der leichte Teil deines Jobs.“

Am liebsten hätte ich ihm gesagt, dass er sich sein Grinsen sonst wohin stecken kann, aber mir fehlt die Kraft dazu. Es ist fast schon erschreckend, wie sehr mich das ganze ausgepowert hat. Einige Zeit lang schaue ich Ms. Ravü und ihren Helfern dabei zu, wie sie hin und her huschen.

Sobald Wilhelm und Jerome aber wieder da sind, frage ich sie, ob wir hier dann erst einmal fertig sind. Daraufhin bespricht Jerome noch etwas mit Ms. Ravü, bis beide schließlich mit dem Ergebnis zufrieden scheinen.

„Gut, wir haben beschlossen, dass du in einer Woche schon einmal alle fertigen Kleider anprobierst. Zudem meint Ms. Ravü, dass du dir ein paar Schuhe zum Laufen üben mitnehmen sollst.“

Er wirft einen schnellen Blick auf seine Uhr und ich stelle mit Erschrecken fest, dass es schon fast 17 Uhr ist. Jerome wirft einen fragenden Blick in Wilhelms Richtung und dieser nickt stumm.

„Gut, Wilhelm wird dir noch eine kurze Einführung in die Benimmregeln geben. Tischmanieren kommen später. In einer Stunde kann ich auch Schluss machen und euch gleich mit nach Hause nehmen. Wie sieht´s aus ihr Beiden? Wollt ihr hierbleiben oder euch ein wenig die Beine vertreten?“

Marie und Johannes beraten sich kurz und entscheiden sich dazu zu bleiben. „Wissen hat noch nie geschadet.“

Sein Lächeln lässt zwar vermuten, dass er mich nur wieder aufziehen will, aber wenigstens Marie scheint ernsthaft interessiert zu sein. Jerome macht sich wieder an die Arbeit und wir folgen Wilhelm in einem Besprechungszimmer. Darauf folgt ein quälend langer und viel zu ausführlicher Vortrag über alle möglichen Höflichkeiten und unausgesprochener Regeln bei Hofe.

Keine Ahnung wo er das Wissen herhat, aber es ist alles dabei. Von der richtigen Aussprache, Ansprache, Haltung und generelles Benehmen. Zusätzlich hält er auch noch einen Vortrag über Verschwörungen bei Hofe und das ein generelles Misstrauen nicht verkehrt sei etc. etc.. Als die Stunde endlich vorbei ist, fühle ich mich fix und fertig. So als könnte ich jetzt direkt ins Bett fallen. Auch Johannes anfängliches Grinsen ist verflogen. Er und Marie sehen mindestens genauso geschafft aus wie ich.

Wir sind gerade aus dem Raum raus, als und Jerome auch schon zum Auto drängt. Ich kann mir vorstellen warum, denn auch auf die Entfernung kann ich seine Aufsicht bzw. Assistentin fluchen und schimpfen hören. Was er wohl dieses Mal angestellt hat?

Auf dem Rückweg hat Jerome den genialen Einfall, etwas zu essen zu hohlen. Nachdem wir alle satt sind, setzen wir Johannes zuhause ab und fahren dann endlich zurück. Ich kann mich kaum noch auf den Beinen halten und gehe deswegen so schnell ich kann zu Bett. Nur um beinahe zu vergessen, meinen Wecker einzuschalten, morgen würde mein letzter Schultag sein.

Ich spüre, wie sich mein Magen verkrampft und rolle mich auf die Seite. Morgen würde ich Raff und Simone die Wahrheit sagen müssen. Das würde nicht einfach werden. Vielleicht werden sie mich ja als Spinnerin abschreiben, dann wäre wenigstens der Abschied nicht so schwer.

Aber wenn ich ehrlich bin, glaube ich das nicht. Ich kenne die Beiden zwar noch nicht so lange, aber das kann ich ihnen nicht zutrauen.

Sie werden wenigstens versuchen mich zu verstehen, da bin ich mir sicher.

 

 

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