Vorsichtige Annäherung

In den ersten Tagen bekam sie Leo kaum zu Gesicht. Sie wanderte dann oft durch das dunkle Gemäuer, doch beinahe alle Zimmer waren verschlossen, leer oder nur einfache Schlafzimmer.
Jeden Morgen setzte Leonyo sie an einen Tisch, überreichte ihr einen Stapel Bücher und verlangte von ihr sie zu studieren. Langatmige Lektüre über die Völker der Welt und ihre magischen Eigenheiten, Fundamente der Magie und sonstige dicke Schmöker über Zauber und ihre Wirkung, die sie genervt aufstöhnen ließen.
Nach einer Woche hinderte Yva Leo am Verlassen des Saals. »Wartet. So sehr ich auch begreife, dass ich Grundlagen zum Erlernen der Magie benötige, so sehr kann ich diesen theoretischen Unterricht nicht mehr ertragen.«
»Ihr werdet tun, was ich Euch sage. Ihr werdet in dem Tempo lernen, das ich für angemessen halte. In der Höhle habt Ihr angeblich wochenlang nur ein einziges Buch studiert, aber wenn ich Euch eine ganze Auswahl zur Verfügung stelle, ist Euch das zu langweilig? Oder wie soll ich das verstehen?«
Yva stöhnte, sank nach vorne und legte die Stirn auf die kühle Tischplatte. »So meinte ich das nicht und ich bin Euch ja dankbar, aber ich habe mir mehr Taten erhofft.«
Leonyo verschränkte missbilligend seine Arme. »Ihr versucht mir also zu erklären, dass Ihr eher der praktische Lehrling seid und Eure Übungen nicht gerne auf dem Trockenen macht.«
Hoffnungsvoll erhob Yva wieder ihren Kopf. »Ja, genau. Ich benötige mehr Zeit mit Euch.«
Leo hob verwundert eine Augenbraue und Yva stieß beschämt erneut mit der Stirn auf die Tischplatte. »Oh nein, das hörte sich ganz anders an, als ich es meinte. Ich will keine Zeit mit Euch verbringen.«
Nun hob er beide Augenbrauen, wie sie aus dem Augenwinkel sehen konnte.
»Aha.« War alles, was er sagte und es klang beinahe amüsiert.
Yva setzte sich erschrocken auf und versteckte das Gesicht hinter ihren Händen. »Warum kommt heute nur Blödsinn raus, wenn ich den Mund öffne? Ich will mehr Zeit mit Euch als Lehrer verbringen, da ich überzeugt bin, dass ich viel von Euch lernen kann.« Unglücklich lugte sie zwischen ihren Fingern hervor. Ihr war der Umgang mit anderen Leuten noch nicht so geläufig, das durfte nicht noch mal passieren. Aber Leonyo schüttelte nur den Kopf. »Na schön, dann eben mal zur Abwechslung praktischer Unterricht. Morgen früh beginnen wir damit. Heute werdet Ihr aber noch das Buch der Feuermagie studieren. Verstanden?«
Erleichtert griff Yva nach dem Buch und schlug es auf.
»Dann sehen wir uns morgen früh«, sagte er, während er sich umdrehte und den Raum verließ.

Der neue Morgen dämmerte, als Yva unsanft aus dem Schlaf gerissen wurde.
»Ihr seid mir ja vielleicht eine Schlafmütze. Steht auf, die Sonne ist bereits aufgegangen. Ich dachte, Ihr seid hier, um zu lernen, also bewegt Eure müden Knochen aus den Federn.« Leo stand wie selbstverständlich vor ihrem Bett und pfefferte ihr einen Berg Stoff ins Gesicht.
Stöhnend öffnete Yva ein Auge, schob den Stoff, der sich als Kleid entpuppte, von ihrem Gesicht und starrte Leonyo feindselig an. »Wenn Ihr tatsächlich glaubt, ich würde mich vor Eurer Nase umziehen, habt Ihr Euch getäuscht.« Im Grunde verspürte sie keine Scham, doch der menschliche Teil Kasheenas in ihr sträubte sich dagegen, Leonyo nackt gegenüberzutreten.
Sie konnte seine belustigten Blicke beinahe körperlich auf ihrem verschlafenen Körper fühlen.
»Ihr mögt hübsch sein, junge Dame, aber so hübsch nun auch wieder nicht. Ich habe bereits unzählige reizvollere Früchte als die Eure gepflückt.«
Yva runzelte die Stirn. »Wenn Ihr das sagt. Aber was soll ich mit dem braunen Fetzen hier? Soll ich das etwa anziehen?«
»Euere Tunika hat die besten Tage hinter sich und muss weggeworfen werden. Auch wenn Myola eine begnadete Näherin ist, aber die Flicken regen mich auf, als wäret Ihr ein Kind armer Leute. Da Ihr sonst nichts dabei habt und schlecht nackt herumlaufen könnt, habe ich Myola gebeten, dass sie Euch eines ihrer Kleider borgt. Zumindest, bis Ihr Eure Garderobe aufstocken könnt. Zieht Euch rasch an, Frühstück wird im großen Saal serviert. Myola wird Euch abholen und Euch zeigen, wo er ist. Wir treffen uns danach hinter den Ställen. Dort befindet sich ein offenes Feld, auf dem Ihr keinen allzu großen Schaden anrichten könnt.«
Yva fühlte Zorn in sich aufsteigen. »Ich bin in der Tat ein Kind armer Leute und es stört mich nicht im Mindesten.« Sie hatte nicht übel Lust, ihm zu zeigen, wie groß ihre Macht wirklich war. Aber sie schluckte ihre Gefühle hinunter und lächelte gezwungen. Noch hatte sie nicht die Information, die ihr Vater haben wollte. »Und wenn Ihr nun so freundlich wäret, meine Räumlichkeiten zu verlassen, kann ich mich auch beeilen und mich ankleiden.«
Leo atmete gelangweilt durch und wandte sich zum Gehen herum. »Beeilt Euch einfach.«

Nach dem Frühstück ließ sie sich vom Stallmeister den Weg zu den Ställen zeigen, damit sie zum Feld dahinter gelangen konnte. Freundlich nickte sie dem alten Mann zu. Der grauhaarige Dienstbote zog seinen Hut tiefer in die Stirn, murmelte etwas und verschwand schnell wieder. Diese übertriebene Demut war ihr auch bei den anderen aufgefallen, die Leo gehörten. Sie huschten schnell durch die Gegend, den Blick stets ängstlich auf den Boden geheftet.
Den Rücken zu ihr gekehrt, hantierte Leonyo mit zwei kleinen Feuerbällen, die er durch die Luft jonglierte.
»Da seid Ihr ja endlich. Wenn Ihr eine Meisterin der Magie werden wollt, müsst Ihr Euch mit den Grundlagen vertraut machen. Erst wenn man versteht, was Magie eigentlich ist, wird man sie wirklich beherrschen können. Magie folgt gewissen Regeln, man kann keine Dinge aus dem Nichts zaubern. Wir sind Former der Elemente. Nehmt das Feuer.« Dabei drehte er sich zu ihr herum und hielt die brennenden Kugeln schwebend über seiner Hand. »Feuer ist pure Emotion und kann auch durch diese gelenkt werden. Dieses Element kann man fast immer erzeugen, denn Wärme ist überall. Wollt Ihr eine Feuerkugel formen, müsst Ihr die Wärme anderen Dingen entziehen. Am besten natürlich, wenn bereits ein Feuer in Eurer Nähe ist. Sollte das nicht der Fall sein, ist die nächstbeste Quelle die Sonne.« Er zeigte auf die helle Scheibe, deren runder Körper es gerade über den Horizont schaffte. »Nachts und in kalten Wintermonaten wird es dagegen etwas schwieriger, denn dann muss man die Wärme der Erde entziehen oder Pflanzen oder auch Lebewesen. Eine grausame und langsame Art, seinen Gegner zu töten.«
Yva schluckte unmerklich und nickte.
»Fokussiert den Punkt, wohin Ihr das Feuer haben wollt. Schaut genau zu.« Er führte die Kugeln zusammen und ein einzelner, größerer Ball entstand. Er ließ seinen Blick in die Ferne schweifen und blieb an einem jungen Schaf hängen, das sich von seiner Herde entfernt hatte und seelenruhig graste.
»Ich würde sagen, heute Mittag gibt es gegrilltes Lamm.« Er schleuderte die Kugel kraftvoll von sich. Nur einen Augenblick später schlug das Geschoss ein. Es zerfetzte das Tier, übrig blieb nur ein schwelender Haufen verkohlten Fleisches.
Erschrocken zog Yva die Luft ein und hielt sich die Hand vor den Mund.
»Und Ihr wollt einen Menschen getötet haben?«, der Hohn in seiner Stimme war kalt wie der frühe Morgen.
»Ich habe nie gesagt, dass ich Shamina mit Absicht getötet habe. Es war ein Unfall. Dies hier ist etwas völlig anderes. Ihr habt gerade sinnlos getötet«, sie war angewidert, konnte aber den Blick nicht von dem armen Tier abwenden. Leonyo lächelte boshaft, baute sich direkt vor ihr auf und zwang sie dazu ihm in die Augen zu sehen. Sie konnte seinem Blick nicht standhalten und sah mit gerunzelter Stirn zur Seite. Er legte seine Hand an ihr Kinn und hob es an, damit sie ihn wieder sehen musste. »Nun Yva. Dann werde ich Euch eben zu einer kaltblütigen Mörderin machen. Das war es doch, was Ihr hier lernen wolltet, oder sehe ich das falsch?«
Yvas Herz schlug hart an die Rippen, es war so kalt draußen, das ihr Atem sie verriet. Viel zu schnell verließen weiße Atemwölkchen stoßweise ihren Mund.
Sie nahm seine Hand und schob sie von ihrem Gesicht weg. »Ich will eine Kämpferin werden und kein Monster.«
»Ich werde Euch die Magie auf meine Weise lehren, oder es steht Euch frei zu gehen, sollten Euch meine Lehrmethoden nicht liegen.« Er machte eine ausladende Geste mit seinem Arm, welche ihr bedeutete, dass sie entlassen war. Stur verschränkte Yva die Arme vor der Brust und starrte auf den Boden.
Ein Diener kam gerannt und beeilte sich die Überreste des Tieres zu entfernen. Leos abscheuliches Lächeln vertiefte sich, er öffnete seine Hand und eine neue Feuerkugel formte sich, während er seinen Leibeigenen taxierte.
»Halt!«, schrie Yva bestürzt und legte ihre Hand auf seinen Arm. »Ich werde tun, was Ihr wollt, ich werde lernen, was Ihr wollt. Ich werde auch auf Eure Art die Magie praktizieren, aber niemals werden wir Menschen als Ziele benutzen, verstanden?«
Leo starrte sie aus schmalen Augenschlitzen an und einen Moment befürchtete sie, dass er es dennoch tun würde.
Dann atmete er fast schon enttäuscht aus. »Von mir aus. Es ist ohnehin schwer, im Winter neue Sklaven zu bekommen.« Er schloss die Faust und der Ball verpuffte. Erleichtert machte Yva die Augen einen Moment zu.
»Ihr seid dran. Zeigt mir, wie Ihr einen Feuerball beschwört.« Neugierig lehnte er sich an den Holzzaun, der hinter ihnen stand. Yva hätte mit Leichtigkeit ein Inferno zaubern können, aber sie steckte ja angeblich noch in den Kinderschuhen und musste sich dementsprechend verhalten. Sie biss sich auf die Lippen und tat, als würde sie sich wirklich schwer konzentrieren, während sie ihre Hand ausstreckte.
Puff - eine kleine Rauchsäule stieg aus ihrer Handfläche empor. Leo fing laut an zu lachen, nicht auf gemeine Art, sondern wirklich amüsiert. Yva stellte erstaunt fest, dass sie sein Lachen mochte und sie wurde das Gefühl nicht los, das er es viel zu selten tat. Sie gab sich schmollend. »Was denn? Shamina hat mir nun mal nur Heilzauber beigebracht. Seid Ihr etwa als Meister vom Himmel gefallen?«
»Nein, das bin ich sicher nicht, aber es ging mir von Anfang an leicht von der Hand. Besonders Feuerzauber und nachdem Ihr mir das von Shamina erzählt habt, dachte ich, da könne man etwas mehr erwarten«, schmunzelte er. Zum ersten Mal sah er ihr für einen kurzen Moment ohne Argwohn in die Augen. In diesem Atemzug verstand Yva Kasheenas Sehnsucht nach ihm. In seinen Augen lag eine Welt voller Gefühle. Sein Blick verschloss sich so schnell wieder, dass sie nicht sicher war, ob sie sich den Augenblick der Offenheit nur eingebildet hatte.

Sie verbrachten den ganzen Vormittag auf dem Feld. Am Ende gestattete sich Yva eine kleine Verbesserung ihrer Fähigkeiten, um ihm zu zeigen, das sie lernwillig und fähig war, seine Lektionen anzunehmen.
Yva zitterte, obwohl die Sonne bereits am Mittagshimmel stand. Die Kälte hatte Einzug gehalten und in wenigen Wochen würde der erste Schnee fallen. Leo hatte ihre Unterkühlung bemerkt und hob eine Augenbraue. »Feuer kann nicht nur zerstören, ohne Feuer keine Wärme, ohne Wärme kein Leben.« Er nahm ihre Hände und hauchte sachte seinen Atem auf ihre Finger, kleine Funken sprühten, ohne sie zu verletzen. Die Luft um sie herum erwärmte sich und Yva schloss mit einem Lächeln die Augen. »Wie habt Ihr das gemacht? Mir wird plötzlich ganz warm und angenehm.«
»Kontrolle«, antwortete er. »Nichts ist wichtiger als Kontrolle. Kontrolliert Ihr die Elemente, kontrolliert Ihr die Welt. Und das fängt schon bei einem Hauch an.« Abrupt ließ er sie los, drehte auf dem Absatz um.
»Der Unterricht ist für heute beendet. Das war ein guter Anfang, Ihr habt mehr Potenzial als die meisten Magier, die ich kenne. Auf dieser Grundlage kann man arbeiten. Fragt Myola nach ihrem Reisekleid und zieht Euch um, nach dem Essen fahren wir in die Stadt.«
Überrumpelt lief Yva Leo hinterher. »Darf ich fragen warum?«, fragte sie außer Atem, denn der Magier legte eine ordentliche Schrittlänge vor.
Verwundert, als läge das nicht auf der Hand, antwortete er: »Wollt Ihr etwa für den Rest Eurer Tage die langweilige Uniform meiner Magd tragen? Ich will Euch nicht ständig darin sehen. Wenn ich Euch schon auf unbestimmte Zeit ertragen muss, dann doch bitte zu meinen Konditionen und das bedeutet, dass Ihr Euch anständig kleiden müsst. Ich gebe hin und wieder Bankette und bald erwarte ich hohen Besuch aus den umliegenden Ländern. Es wäre mir nicht recht, Euch auf Euer Zimmer zu verbannen, nur weil Ihr nicht angemessen gekleidet seid. Es sei denn natürlich, Ihr bevorzugt es, als Leibeigene deklariert zu werden.«
Yva dachte einen Moment über seine Worte nach. Ihr Vater würde es vermutlich gutheißen, dass sie sich in seine Gesellschaften eingliederte.
»Neue Kleider wären wirklich nett. Aber ich kann sie nicht bezahlen. Ich habe mein gesamtes Hab und Gut zurückgelassen«, gab sie zu bedenken.
Leonyo machte eine wegwerfende Handbewegung. »Seht es als Begrüßungsgeschenk. Außerdem schmeichelt Ihr meinen Augen in schönen Kleidern, also habe ich auch etwas davon. Ganz ehrlich, braun ist nicht Eure Farbe, Ihr seht grauenvoll in dem Fetzen aus.«
»Na vielen Dank«, sagte Yva leise in mürrischem Unterton.

~~*~~

Als sie die Stadt in der geschlossenen Kutsche erreichten, war die Nacht bereits hereingebrochen.
»Wir werden bis morgen früh im Gasthaus bleiben. Eine Schneiderin lässt sich erst am Tage auftreiben, die Eure Maße nimmt und ein Dutzend Kleider nähen wird«, sagte Leonyo geistesabwesend. »Aber zuerst werden wir unsere äußere Erscheinung verändern.« Er fuhr mit seiner Hand knapp über Yvas Gesicht und verwandelte sie in eine durchschnittliche Frau mit blassblauen Augen und stumpfen, dunkelblonden Haaren. »Mich kennt doch hier ohnehin keiner«, protestierte sie ungehalten.
»Aber mich kennt man und ich will nicht an der nächsten Ecke mit einem Dolch in meinem Rücken enden. Ich bin nicht gerade beliebt bei meinem Volk. Und da auch ich mein Äußeres ändern werde, damit man mich nicht erkennt, kann ich Euch nicht ungetarnt neben mir herlaufen lassen. Dank Eurer außergewöhnlichen Augen und Haaren könnte man eine Magierin in Euch vermuten und somit glauben, dass ich auch einer bin. Da Magier hier zu Lande eine wirkliche Seltenheit sind, muss man nur eins und eins zusammenzählen. So schwer ist das doch nun wirklich nicht zu verstehen.«
Yva sah ihn grüblerisch an, seine verworrene Denkweise, die schon fast an Verfolgungswahn grenzte, war befremdlich für sie. Dennoch tat er nichts dagegen, dass sein Volk ihn hasste. Im Gegenteil, er fütterte damit nur seinen Wahn. Das war schwer nachzuvollziehen. Sein Gesicht war leer, als er kurz den Kopf schüttelte und im nächsten Moment als älterer Mann mit grauem Haar vor ihr saß. Er klopfte gegen die Kutschenwand und gab seinem Fahrer so zu verstehen, dass er in der dunklen Seitengasse in der Nähe des Gasthauses anhalten sollte.
»Wir werden uns als Kaufleute aus Lohem ausgeben, die sich hier umsehen wollen, sollte uns jemand fragen.«
Yva nickte. »Soll mir recht sein.«

Im muffigen Gasthaus roch es streng nach Schweiß, kaltem Tabakrauch, billigem Branntwein und dunkel Gebrautem, doch sie erregten, wie erhofft, keine Aufmerksamkeit. Leonyo führte Yva zu einem der unbesetzten Tische und ließ sich nieder, nach dem er Yva einen Platz zu seiner Rechten zugewiesen hatte. Tische wie Stühle waren grob gezimmert und man musste sehr darauf achten, sich keinen Splitter zuzuziehen. Sie bestellten einen Laib Brot mit gesalzenem Schmalz, geräuchertem Speck und geschmorten Zwiebeln und tranken dazu einen Krug dunklen Mets. Yva wollte ein Gespräch anfangen, aber wusste nicht wie und worüber. Es schien auch nicht, als wäre Leo besonders an ihr oder einer ihrer Geschichten interessiert. Schweigend knabberte sie an einem Kanten und beobachtete den alten Magier in seiner veränderten Gestalt, während er seine Mahlzeit beendete.
Leonyo sprach den dicken Wirt an, der seine schmierigen Finger an seiner einstmals weißen Schürze abwischte, als er an ihnen vorbei ging. »Sagt an, Meister, habt Ihr noch zwei Zimmer für meine Begleiterin und mich frei?«
Das Doppelkinn zitterte bei jedem Wort, als der Wirt in seinem schwerfälligen Dialekt unwirsch antwortete: »Een Simmer habsch noh frei, teilt it eusch, oda lasst it bleim.«
Yva war es nicht recht, als Leo zustimmend nickte und dem Wirt fünf Silberstücke für die Nacht und das Essen bezahlte. Der dicke Mann runzelte die Stirn und biss misstrauisch auf eine der Münzen. Zufrieden schnaubend wies er ihnen mit seinem verdreckten Handtuch den Weg nach oben ins nächste Stockwerk.
»Ihr glaubt doch wohl nicht im Ernst, dass ich ein Zimmer, geschweige dann ein Bett mit Euch teile«, zischte Yva ihn an. Es wäre eine gute Gelegenheit gewesen, sich heute Nacht mit ihrem Vater in Verbindung zu setzen. Mit Leonyo im Zimmer war daran natürlich nicht zu denken. Genau so wenig, wie in seinem Turm. Sie war sich sicher, dass er es dort spüren würde, wenn sie Magie einsetzte, die sie angeblich noch gar nicht konnte.
Leo betrachtete die junge Magierin, als wäre sie nichts weiter als ein nerviger, kläffender Köter. »Glaubt Ihr im Ernst, dass ich es nötig habe, Euch zu überrumpeln und Eure Gunst zu erzwingen? Ich werde die Nacht im Freudenhaus verbringen, wenn Euch das ein Begriff ist. Wenn nicht, zeige ich es Euch gerne. Ich bin sicher, die Huren dort können Euch das eine oder andere beibringen. Es sei denn, Eure Beine sind so verkniffen, wie Euer Mund gerade.«
Yva lächelte schmallippig über seine flegelhaften Worte, aber genau auf einen solchen Moment hatte sie gewartet. Sie entschuldigte sich und erhob sich, um endlich ungestört in ihrem Zimmer zu sein. Hinter sich hörte sie noch leise Leos hämisches Lachen, der die Situation falsch interpretierte.
Sie betrat ihr Gemach, setzte sich auf das harte unbequeme Bett und betrachtete das dünne, fleckige Kissen. Früher war es vielleicht mal mit vielen Federn ausgestopft gewesen, aber nun war kaum mehr als ein grauer schmutziger Lappen geblieben, gefüllt mit seltsamen Resten. Eine ranzige Note von ungewaschener, vollgeschwitzter Wäsche stieg ihr in die Nase und trieb ihr fast die Tränen in die Augen. Angewidert griff sie das Kissen und warf es, ohne hinzusehen, in hohem Bogen von sich. Lieber würde sie nackt auf dem Boden schlafen, als in dieser Ungezieferfalle.
»Gut gezielt, beinahe hättet Ihr mich mit dem Kissen erschlagen«, höhnte Leo, der plötzlich im Zimmer stand. Erschrocken richtete Yva sich auf. »Was wollt Ihr hier? Ich dachte, Ihr besucht Eure Damen.« Er durfte nicht hier bleiben, sie brauchte die Zeit für sich.
»Und ich dachte, Ihr seid schlauer und verschließt das Zimmer. Ich nehme nicht an, dass ihr bereits Gedanken lesen könnt?«
Yva wusste nicht, worauf er hinaus wollte, aber es stimmte, Gedankenlesen konnte sie noch nicht. Es bedurfte jahrelanger Übung, um das zu erlernen und musste auch immer wieder praktiziert werden, um es nicht zu verlernen. Das war der Grund, warum Kasheena sich geweigert hatte, es zu studieren und weil sie es unhöflich fand, in den Gedanken anderer Menschen zu wühlen. Also konnte Yva auch nicht auf das Wissen zurückgreifen, wie man es anstellte. Sie schüttelte den Kopf.
»Das dachte ich mir. Sonst hättet Ihr in großen Buchstaben lesen können, was die drei Männer unten am Tisch mit Euch tun wollten, sobald ich das Gasthaus verlasse. Also werde ich zu Eurer Sicherheit heute Nacht hier bleiben.«
»Das ist wirklich nicht nötig, Leonyo. Ich bin durchaus in der Lage, mich selbst zu verteidigen.«
»Um was zu tun? Sie mit Magie zu erledigen? Und was dann? Wohin mit den Leichen? Denkt vorher nach, bevor Ihr Magie anwendet. Wir sind unter falschem Namen hier und so soll es auch bitte bleiben. Lasst die Männer ruhig denken, wir wären ein Paar, dann lassen sie uns wenigstens in Ruhe und unsere Tarnung bleibt bestehen. Ihr werdet es schon aushalten, eine Nacht mit mir in einem Zimmer zu verbringen«, sagte Leo ruhig und stellte sich ans Fenster. »Ihr habt nichts von mir zu befürchten.«
Yva fühlte immer noch die Spuren am Hals, wo er sie gewürgt hatte. Nichts zu befürchten … dass sie nicht lachte. Unbewusst griff sie sich an die verheilenden Flecken.
»Tut es noch immer weh? Ich könnte nochmal meine heilenden Kräfte auf Euch wirken lassen«, fragte Leo und hob eine Hand.
Yva winkte ab. »Nicht nötig, der Rest wird von alleine abheilen, es ist ja kaum noch zu sehen.«
Leo nickte. »Vermutlich auch besser so. Magie hinterlässt immer Spuren, jede Magie auf ihre Weise. Es würde nur unnötige Aufmerksamkeit auf uns lenken.«
Yva schluckte, wieder etwas gelernt. Wenn sie also ihren Vater rufen wollte, musste es ganz weit weg von Leonyo geschehen.
Leo drehte sich zu ihr und schaute auf das heruntergekommene Bett. »Da freut man sich ja geradezu, sich hineinzulegen.«
Yva zuckte mit den Schultern. »Ich ziehe mich aus und werde nackt auf dem Boden schlafen, dann wird meine Kleidung wenigstens nicht stinken. Meinen Körper kann ich morgen früh mit dem Wasser dort waschen.« Sie zeigte auf die etwas windschiefe Kommode, auf der ein angeschlagener Krug, gefüllt mit Wasser, in einer verbeulten Metallschüssel stand. Die Seite Kasheenas schrie in ihr, noch bevor Leo die Arme mit erhobenen Augenbrauen vor der Brust überkreuzte.
»Ihr seid vielleicht doch nicht so verkniffen, wie ich geglaubt habe.«
Yva biss sich auf die Lippen, als ihr einfiel, dass es unziemlich war, sich vor Fremden auszuziehen. Sie verzog den Mund zu einem gekünstelten Lächeln. »Ich habe nur gescherzt, natürlich entkleide ich mich nicht, während Ihr hier seid.«
Leonyo schüttelte den Kopf, ging zu Yva und schob sie vom Bett weg. Er ließ seine Finger über dem Bett kreisen und murmelte einige leise Worte. Das Bett begann zu ächzen und das Holz verformte sich, bekam Triebe und erwachte zu neuem Leben. Innerhalb einiger Augenblicke war aus dem alten, verkommenen Holzbett eine Schlafstätte der Natur geworden. Blätter wucherten dicht um den Korpus des Bettes und bildeten eine natürliche, sanfte Ruhemöglichkeit. Yva staunte und legte ihre Hände auf das weiche Blätterwerk. Wie gut es roch, nach frischem Regen und feuchter Wiese.
»Das ist wunderschön«, flüsterte sie. »Aber ich dachte, wir sollten keine Magie einsetzen.« Sie betrachtete den Mann eingehender, er war durchaus in der Lage nicht nur zu zerstören, sondern auch zu erschaffen. Das war eine Seite, die sie zweifellos an ihm mochte.
Leo kratzte sich am Hinterkopf. »Ist auch schon egal«, murmelte Leo schlecht gelaunt. »Außerdem sagte ich, dass ich es nicht unbedingt möchte, nicht, dass ich es nicht tun würde. Ich glaube nicht, dass sich hier in näherer Umgebung ein anderer Magier aufhält. Aber wenn es Euch nichts ausmacht, es bietet Platz für zwei. Ich werde Euch nicht anrühren, aber so würden wir beide etwas Schlaf bekommen.«
Es überraschte Yva, dass sie nicht groß nachdenken musste. Sie setzte sich und klopfte mit ihrer Hand auf die Stelle neben sich und lächelte.

Yva und Leo lagen angekleidet im Bett und sahen sich durch das immer schwächer werdende Licht der abbrennenden Kerze an, die langsam verglühte. »Wer seid ihr bloß?«, flüsterte er. »Ihr seid kaum in mein Leben getreten und schon habe ich das Gefühl, es steht alles Kopf.«
»Ich bin nur ich«, flüsterte Yva zurück. »Aber wer weiß, vielleicht hat mich das Schicksal gelenkt, damit ich Euer Leben verändere.«
»Warum sollte das Schicksal das wollen? Mein Leben ist gut, wie es ist. «
»Findet Ihr? Ich finde, Ihr seid sehr einsam und Ihr steckt voller Wut, die nicht weiß, wo sie hin soll. Vielleicht bin ich hier, um Euch eine andere Sichtweise auf die Welt zu zeigen. Um Euch zu beweisen, dass es mehr als Macht, Kampf und Wut gibt.«
»Tatsächlich? Und was sollte das wohl sein?«
Yva lächelte, obwohl sie wusste, dass er das nicht mehr sehen konnte, da die Kerzenflamme mittlerweile erloschen war und das Zimmer in Dunkelheit tauchte. »Da gäbe es Vertrauen und Freundschaft, Glück, Liebe und Geborgenheit.«
Leo schnaubte und Yva hörte, wie er sich auf den Rücken wälzte. »Weibergeschwätz, nichts weiter. All diese Dinge kann man sich mit einem Schlag holen … mit Macht.«
»Das ist falsch, Leo. Macht erzeugt keine Liebe, wenn sie rücksichtslos ausgeübt wird. Macht erzeugt Angst und Hass. Man fürchtet ständig, dass jemand kommt, der einem die Macht wegnehmen will. So kann man doch nicht leben.«
Darauf gab er ihr keine Antwort. »Schlaft jetzt«, sagte er unwirsch.
Yva drehte sich nachdenklich auf die andere Seite. Der Abend war nicht so schlimm gewesen, wie sie befürchtet hatte. Besonders das kurze Gespräch zwischen ihnen hatte ihr einen tiefen Einblick in seine Seele gegeben. Sie begann, seine Nähe nicht mehr als unangenehm zu empfinden. In seinem Innern schien ein Orkan zu toben, der ihn zerriss. Sie fühlte, dass Kasheenas Leonyo noch irgendwo in diesem Mann stecken musste. Sie kniff stirnrunzelnd die Augen zusammen und schüttelte unmerklich den Kopf. Warum dachte sie überhaupt darüber nach? Ihre Aufgabe war eine andere, und nicht nach Kasheenas alter Liebe zu suchen. Es war besser, wenn sie ihre Gefühle im Zaum hielt. Romantische Gefühle würden ihr am Ende nur hinderlich sein und ihren Auftrag nur unnötig erschweren.

Schlaftrunken erwachte Yva nach einem tiefen, traumlosen Schlaf und schaute verwirrt um sich. Erst langsam dämmerte es ihr, warum sie auf einem Blätterwerk geschlafen hatte und wo sie sich befand. Sie tastete neben sich, aber Leo war nicht mehr im Bett. Er stand am Fenster und beobachtete sie, während der erste Sonnenstrahl seine Nase küsste.
»Warum schaut Ihr mich so an?«, fragte sie mit trockenem Mund.
»Ihr redet im Schlaf«, antwortete Leo, dessen Blick nicht durchschaubar war. Yva fuhr der Schreck durch die Glieder. Im Ernst? Hatte sie geredet? Was, wenn sie Dinge gesagt hatte, die sie nicht erklären konnte?
»Ach, tatsächlich?« Sie tat möglichst unschuldig und schaute ihn mit großen Augen an. »War es denn interessant, was ich zu sagen hatte?«
Leonyo zuckte mit den Schultern. »Ich konnte kein Wort verstehen, Ihr habt in einer seltsamen Sprache gesprochen.«
Yva hob verwundert die Augenbraue. »Ich kann gar keine andere Sprache, als die Gemeinsprache.« Die Gemeinsprache war die Sprache, die man überall auf der Welt verstand und sprach. Jedes Volk hatte zwar auch seine eigene Sprache, aber bei den Meisten war sie im Laufe der Jahrhunderte vergessen worden.
»Ihr habt undeutlich gesprochen, wer weiß, was Ihr geredet habt, es kann auch die Gemeinsprache gewesen sein, ich hab es nicht verstanden.«
Yva lief es heiß und kalt den Rücken hinunter, aber sie lächelte weiter und stieg langsam aus dem Blätterbett. Hatte sie in der Sprache der Wächter gesprochen? War das möglich? Dann war es sogar noch gefährlicher, sich länger als nötig in seiner Nähe aufzuhalten.

Sie wusch sich notdürftig, während Leo erneut den über Nacht verblassten Verschleierungszauber auf sie anwendete. Es wurde Zeit für das Frühstück, er hob den Schutzzauber an Fenster und Türen auf und dann gingen sie gemeinsam in den Schankraum. Es wurde heißer Tee und knusprig gebackenes Brot mit Butter serviert. Zumindest war der Tee sicher irgendwann mal heiß gewesen und das Brot war eher verkohlt als knusprig.
Lustlos speisten sie, während Leo fluchte: »Ich kann es nicht abwarten, hier wieder herauszukommen und etwas Vernünftiges zu essen. Ich sollte meinen Koch belohnen, nachdem mir das hier als Essen vorgesetzt wurde.« Wütend schob er nach zwei Bissen das Holzbrettchen von sich weg. Yva konnte ihm nur zustimmen, brachte es aber fertig, das Brot zur Hälfte zu essen, da sie wirklich hungrig war.
»Wir werden jetzt für Eure Ausstattung sorgen. Es wird Zeit, dass wir die Stadt verlassen, der Gestank hier ist unerträglich.«

Sie verbrachten den ganzen Vormittag damit, die herrlichsten Stoffe für Yva auszusuchen. Später aßen sie in einer netten kleinen Hafenspelunke, in der das Essen sogar mehr als genießbar war, und begaben sich dann zur Schneiderin. Eine freundliche, ältere Dame verfrachtete sie gleich auf einen kleinen Hocker und wies sie an stillzustehen, während sie ihre Maße nahm.
»Mein Herr«, sprach die Schneiderin Leonyo an. »Habt Ihr bereits eine Vorstellung, welchen Schnitt die Kleider haben sollen?«
Yva runzelte die Stirn, war nicht sie diejenige, die die Kleider würde tragen müssen? Plötzlich wurde ihr klar, dass die Schneiderin glaubte, Leonyo wäre ihr Ehegatte. Im besten Falle zumindest. Wenn sie nicht gar dachte, Yva wäre seine Mätresse. Vor Wut erhitzten sich ihre Wangen, aber sie hielt sich an das, was Leo wollte, sie blieb unscheinbar.
»Das habe ich, werte Dame. Seid nicht sparsam, Gold spielt keine Rolle. Es sollen mindestens ein Dutzend Kleider werden. Einige für den Alltag, bequeme für draußen, ein Reitkleid für die Jagd und ein paar Abendkleider. Nicht zu vergessen einen Winterpelz.«
»Wie Ihr wünscht, mein Herr.«
»Gut, Ihr werdet sie dann zum Turm liefern.«
Die Verkäuferin wurde kalkweiß. »Niemand liefert gerne zum Turm. Das ist gefährlich und es sind schon einige Leute nicht wiedergekehrt«, flüsterte sie erschrocken.
Leo schloss verärgert die Augen und drehte den Kopf leicht schräg. »Wenn ich sage, Ihr liefert, dann liefert Ihr. Haben wir uns verstanden?« Seine Stimme war leise geworden und hatte einen gefährlichen Klang angenommen. Mit seinen Händen fuhr er sich über das Gesicht und hob die magische Verschleierung auf.
Keuchend fuhr die Schneiderin sich an den Hals und verfiel demütig in einen tiefen Knicks.
»Mein Herrscher, bitte verzeiht mir, ich wusste nicht, wer Ihr seid. Bitte verschont mich«, jammerte sie verzweifelt und die Tränen liefen ihr über das Gesicht.
Yva sah Leo vorwurfsvoll an und bedeutete ihm mit Gesten, dass er die Frau beruhigen sollte. Leonyo schnaubte genervt durch die Nase, ging auf die Schneiderin zu und berührte sie an der Schulter.
»Habt keine Angst, ich garantiere Euch Sicherheit. Ich werde Euch sicher zum Turm geleiten lassen, dort werdet Ihr anständig behandelt und belohnt und bekommt auch eine sichere Rückkehr, Ihr habt mein Wort.«
Ungläubig starrte die Frau hoch und sah Yva unsicher an, als würde sie von ihr eine Bestätigung erwarten. Yva lächelte und nickte ihr aufmunternd zu.
Zitternd kam die Schneiderin wieder auf die Beine. »Es wäre mir eine Ehre.«
Leo nickte zufrieden. »Das wäre geklärt. Jetzt noch zum Goldschmied, dann können wir endlich nach Hause fahren.«
»Leo, Ihr seid nicht mehr verschleiert«, gab Yva zu bedenken.
Leo atmete einmal tief durch und schnaubte. »Ich bin es leid, das die Menschen nicht wissen, wer ich bin. Es ist leichter, wenn sie springen und sofort tun, was ich will.«
»Und was ist mit Eurer Angst, das Euch jemand angreifen könnte?«
»Ich werde einen Schutzschild um uns ziehen.«
Yva runzelte die Stirn. »Und warum habt Ihr das gestern nicht schon getan?«
Leo sah sie an, als wäre sie schwer von Begriff. »Weil ich den Schild nicht ganze zwei Tage aufrechterhalten kann, nicht für uns beide. Die Fenster und Türen gegen diese Schurken zu versiegeln ist die eine Sache, aber einen dauerhaften Schild um uns als Personen hätte mich zu viel Energie und Zeit gekostet. Außerdem bleiben wir auch nicht mehr lange. Gibt es noch eine meiner Entscheidungen, die Ihr in Frage stellt?«
Yva schüttelte zurechtgewiesen den Kopf. »Nein, alles gut.«
»Fantastisch. Können wir dann gehen?«
»Werdet Ihr den Schleier auch von mir nehmen?«
Leo war bereits auf dem Weg nach draußen, als er gelangweilt, ohne hinzusehen, mit den Fingern schnippte und Yva wieder die schöne, junge Frau wurde.

Der Juwelenhändler überschlug sich beinahe, als er Leo erkannte. »Oh mein Herrscher. Ihr kommt zu einem perfekten Zeitpunkt, ich habe die schönsten Juwelen aus der ganzen Welt hier. Gold aus Hanushtah, Silber aus Kapraton, Edelsteine aus Lohem und natürlich Perlen aus unserer Region. Verarbeitet zu einzigartigen Schmuckstücken wie Ketten, Broschen, Armreifen, Ohrringen …«
»Ist ja schon gut!«, fuhr ihn Leo laut von der Seite an. »Legt mir einfach Eure besten Schmuckstücke vor. Ich bin in Kauflaune.«
Strahlend verschwand der Händler im hinteren Teil seines Geschäftshauses und kam mit einem Jüngling heraus. Beide waren beladen mit Edelmetallen, Perlen und Edelsteinen.
Yvas Augen wurden rund und groß. Alles strahlte und funkelte, die prunkvollsten Ringe und Broschen glitzerten in ihrer Hand und ihr entfuhr ein Laut des Entzückens nach dem anderen. Leo dagegen war kritisch. Immer wieder lehnte er Schmuckstücke ab und andere wurden gebracht. Am Ende hatte er sich für eine Auswahl dezenterer Stücke entschieden, sie unterstrichen Yvas Schönheit am Besten, wie er laut äußerte, und legte eine Schmucknadel zur Bestätigung an ihren Ausschnitt. Als der Juwelenhändler die restlichen Schmuckstücke wieder entfernen wollte, lenkte Leonyo Yvas Blick auf ein silbernes Amulett, das geöffnet werden konnte. Auf der Vorderseite war eine filigrane, silberne Verzierung, die einen grünlich blauen Opal wie ein zartes Gitter überzog und ihn somit in der Fassung hielt.
»Er gleicht Euren Augen nicht ganz, ist aber ähnlich genug, wie ich finde.« Leos Blick blieb fasziniert an dem Kleinod hängen, griff danach und legte ihr die Kette um den Hals.
»Ihr seht wahrhaft hinreißend aus, Herrin. Eure Schönheit ist unübertroffen und Ihr lasst sogar meine schönsten Schmuckstücke verblassen, und wie wertlosen Tand aussehen. Dennoch wäre es mir eine Ehre, wenn Ihr diese Kette von mir als Geschenk annehmen würdet«, der Händler überwarf sich überschwänglich und verneigte sich vor Yva. Leo schüttelte wegen dieser Aufführung den Kopf.
Aber Yva verbeugte sich ebenfalls. »Ich danke Euch für diese wahrhaft spendable Gabe, werter Herr. Gern werde ich einwilligen und sie mit Stolz tragen. Jedem, der mich fragt, werde ich von Euch und Eurer Großzügigkeit erzählen.«
Bei allen anderen Menschen hätte es heuchlerisch und gespielt gewirkt, aber nicht bei Yva. Sie hatte es ernst gemeint und das sah man in den Augen des Verkäufers. Er himmelte sie an, als wäre sie ein höheres Wesen, gesendet von den Göttern, um seinen Tag zu versüßen.
Leo starrte Yva verwundert an. »Ihr seid wirklich außergewöhnlich. Die Menschen liegen Euch zu Füßen, sobald Ihr auch nur den Raum betretet.«
»Versucht es mal mit Freundlichkeit, Leonyo. Ihr würdet Euch wundern, wie sehr die Menschen bereit sind, jemandem zu dienen, der ihnen herzlich zugetan ist und auf sie achtet.«
Leo lachte kurz und freudlos. »Und ehe man es sich versieht, wird man von eben diesen Leuten überrannt, weil sie keinen Respekt vor einem haben.«
»Ich werde Euch schon noch vom Gegenteil überzeugen«, sagte Yva und wunderte sich erneut, warum ihr das so wichtig war.

Der Kutscher erwartete sie am frühen Abend. Die Fahrt dauerte die ganze Nacht. Wieder herrschte ein bedrückendes Schweigen zwischen ihnen, obwohl sie die letzte Nacht und den ganzen Tag miteinander verbracht hatten und reichlich Gesprächsstoff vorhanden war. Leo war in seiner eigenen Gedankenwelt verloren und schien seine Begleiterin vergessen zu haben. Immer wenn sie dachte, sie wären sich ein Stück näher gekommen, zog er sich wieder zurück. Frustriert atmete sie durch, dies würde eine lange Fahrt werden. Yva schob die Vorhänger des Fensters beiseite und starrte in die Dunkelheit, doch das war auch nicht sehr unterhaltsam. Sie lehnte sich an die Rückenlehne und schloss die Augen, das stetige, sanfte Schaukeln der Kutsche wiegte Yva schließlich irgendwann in den Schlaf.
Sie erwachte kurz, als Leo sie aus der Kutsche hob. Sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter, nahm seinen Duft, nach Kräutern und dezentem, salzigen Schweiß in sich auf und schlief lächelnd wieder ein.

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