Waldland

Szene: Jana und Alan müssen Hals über Kopf aus Tula fliehen, da sie dort unschuldig unter Mordverdacht geraten sind.

...

Alan und Jana erreichten den Fehnwald. Jana sah zu den Baumwipfeln, die so hoch waren, dass sie die Wolken kitzelten. Der Fluss davor, der die Grenze zum uralten Waldland bildete, war breit, aber nicht tief. Die Pferde tauchten bis zum Bauch ins schwach dahinfließende Wasser ein, als sie den Fluss überquerten. Jana sah sich noch einmal um. Würden ihre Häscher sie jetzt beim Überqueren des Flusses erwischen, hätten sie schlechte Karten. Doch von ihnen war nichts zu sehen. Die Staubfahnen, die sich hinter den wellenartigen Erhöhungen in östlicher Richtung in den Himmel erhoben, zeugten aber davon, dass sie ihnen immer noch auf den Fersen waren.

„Rasch, in den Wald. Ich will nicht, dass sie uns sehen, bevor wir im Unterholz verschwinden“, sagte sie. Alan gab seinem Pferd die Sporen und die beiden wurden eins mit dem dichten Unterholz. Nach einer Stunde hielten sie am Rande einer kleinen Lichtung an. Jana sah sich wieder prüfend um.

„Keine Sorge, hierhin werden sie uns nicht verfolgen. Gönnen wir den Pferden eine Rast“, schlug Alan vor und stieg vom Pferd.

„Wie kannst du da so sicher sein?“

„Sie fürchten die Wälder hier. Alle fürchten sie und niemand wird uns hierher verfolgen. Vertrau mir.“

„Gibt es dafür einen guten Grund, den ich kennen sollte?“

Alan grinste. „Vielleicht wirst du es sehen.“

„Was werde ich sehen?“

Alan band sein Pferd an einem Baum fest.

„Das wirst du mir eh nicht glauben. Komm, machen wir ein Feuer und essen was.“

Jana beobachtete, wie er seelenruhig trockene Äste und Laub zusammensuchte. Weshalb tat er immer so geheimnisvoll, wenn es um diesen Wald ging?

Dann folgten ihre Augen wieder den Konturen des Unterholzes um sie herum. Ihr Gespür für Gefahren rebellierte innerlich. Sie spürte etwas, eine unerklärliche Nähe, und das kam ihr nicht geheuer vor. So etwas hatte sie noch nie gefühlt. Als würde irgendetwas sein Kommen ankündigen. In ihren Gedanken.

„Was ist?“, fragte Alan. „Willst du auf deinem Pferd rasten?“.

Sie blickte sich noch mal um, aber es passierte nichts Ungewöhnliches. Die Pferde blieben ruhig, die Eichelhäher krächzten fröhlich und ein Specht hämmerte irgendwo seinen Schnabel unaufhörlich ins Gehölz. Die Natur rundherum warnte nicht vor Gefahren. Sie stieg ab und band ihr Pferd neben das von Alan am Baum fest.

Vielleicht bilde ich mir das alles auch nur ein, dachte Jana und setzte sich ans Feuer, das Alan gerade entfacht hatte.

Dieser schlug sich ins Genick und sah auf seine Hand. „Mistviecher, die haben wohl lange kein Menschenblut mehr geschmeckt“, fluchte er und blies die tote Stechmücke von seiner Hand.

Knackende Geräusche im Unterholz ließen Jana aufspringen. Sie erfasste den Griff ihres Dolches.

„Jana, was ist los mit dir? Was hast du?“

„Da ist irgendwas. Ich kann es spüren.“

Alan sah sich um. Im grünen Dickicht war nichts zu erkennen.

„Mach dir keine Sorgen. Die Stadt der Waldmenschen ist noch gut zwei Tagesreisen entfernt von hier. Es gibt hier nichts außer Rehen, Hirschen, Wildschweinen und diesen lästigen Stechmücken.“ Er schlug wild mit der Hand herum, um sie zu vertreiben. Dann zog er ein Stück Speck und eine vertrocknete Brotkrumme aus seinem Proviantsack hervor.

Zwischen den Stämmen der Riesenbäume flog ein Rabe entlang und landete auf einem dicken Ast. Jana zog die Augenbrauen zusammen. Der Vogel bewegte seinen Kopf hin und her, als beobachte er genau, was die beiden da trieben. So kam es Jana jedenfalls vor. Dieser Wald war wohl wirklich voller Mysterien. Genau das waren Alans Worte gewesen, als sie auf dem Weg nach Tula am Wald vorbeigeritten kamen.

„Komm, iss was“, forderte dieser sie auf.

„Ich habe keinen Hunger.“

„Dann trink wenigstens was. Hier.“ Er warf ihr den Wasserschlauch zu und sie fing ihn auf.

„Ich hatte dir ja erzählt, dass ich als Kind in der Stadt der Waldländer gelebt hatte. Nach dem Tod meines Großvaters zog meine Mutter kurze Zeit dorthin um den Kriegswirren zu entgehen. Diese Waldbewohner sind wirklich verrückte Menschen. Aber sie sind Freunde unseres Reiches. In dieser Hinsicht können wir ihnen vertrauen. Naja, jedenfalls konnte man es, damals. Ich war seit ewigen Herbststürmen nicht mehr dort.“

Nun klatschte auch Jana sich an den Hals und rieb sich eine Mücke von der Haut, die sie erwischt hatte. Sie blickte zu Alan rüber und bemerkte, wie er versuchte aufzustehen. Seine Bewegungen schienen langsamer und unkoordinierter zu werden.

„Alan?“ Jana schüttelte den Kopf. Irgendetwas stimmte auch mit ihr nicht. Ihre Stimme. Sie hörte sich so unnatürlich tief an und ihre Bewegungen schienen langsamer zu werden. Plötzlich wurde ihr schlecht und schwindlig, als ob sie zu viel Bier getrunken hätte. Sie bemerkte, dass Alan sich an einem Baumstamm festhielt. Auch ihm schien es nicht gut zu gehen. Er sagte irgendetwas, doch sie konnte ihn nicht verstehen.

„Alan, was passiert hier gerade?“, fragte sie, doch er antwortete nicht. Er fasste sich in den Nacken und zog ein dünnes Holzstäbchen hervor. Verzweifelt schmiss er es ins Feuer, ging in die Knie, fiel ins Laub und blieb liegen.

Jana versuchte, sich zu konzentrieren, was ihr immer schwerer fiel. Ihr Nacken schmerzte. Sie fing an zu taumeln, griff sich ins Genick und spürte ein Stäbchen, das sich in die Haut gebohrt hatte. Sie zog es raus und hielt es sich vor die Augen. Es sah aus wie ein handlanger, dünner Holzsplitter, der an seiner Spitze schwarz verfärbt war. Sie drehte sich um und sah in die Richtung, aus der es gekommen sein musste. Giftpfeile, dachte sie.

Taubheit griff nach ihren Gliedern, ließ sie ihre Arme nicht mehr spüren. Der Pfeil glitt ihr aus der Hand. Die Büsche um sie herum schienen nun lebendig zu werden, verschwommene grüne Schatten lösten sich aus dem Unterholz und bewegten sich auf sie zu. Es fiel ihr immer schwerer, sich auf ihren Beinen zu halten. Die Schatten richteten Speere und Holzstäbe auf sie. Sie drehte sich um und wollte zu ihrem Pferd gehen.

Vor ihren Augen glänzte eine riesige feuchte schwarze Nase. Kari schreckte hoch. Die Nase schnüffelte an ihr, so dass ihre Haarsträhnen in die großen Nasenlöcher hineingesogen wurden. Ihr fielen auch die Spitzen elfenbeinfarbener Reißzähne auf, die aus dem fellumsäumten Maul unterhalb der Nase lugten.

Da bin ich, sagte eine tiefe Stimme in ihrem Kopf. Dann umgarnte sie elende Müdigkeit und sie sank in ein tiefes Schwarz.

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