Walter, was tust du da?


Beinahe hätte sich Walter Wurm verschluckt an dem feinen, zarten Bissen Blumenkohl, den er im Hals hat. Verdutzt schaut er sich um, kann aber niemanden sehen. So schluckt er das Stückchen hinunter und kriecht gemächlich weiter, um sich einen weiteren Leckerbissen zu holen.


Halt, Walter!

Was tust du da?


Was soll das? Wer stört mich da eigentlich die ganze Zeit?


ICH, Walter Wurm.

Du kannst mich nicht sehen, nur hören, tief in dir drin.

Also, was tust du da?


Ich fresse. Siehst du doch. Wenn ich nicht gerade gestört werde.

Wer bist du eigentlich?


Das wirst du noch merken, lieber Walter.

Aber sag: Was frisst du da?


Feinen, jungen Blumenkohl!


Was denkst du, Walter Wurm: Wächst der für dich?


Vermutlich schon. Er steht so einladend da. Vögel hat es keine, die mich bedrohen, Schneckenkörner sind auch keine gestreut – also kann ich annehmen, dass dieser Blumenkohl extra für mich bestimmt ist.


Könntest du dich vielleicht auch irren, Walter Wurm? Hast du die Menschen noch nie gesehen, die da so oft im Garten arbeiten und Gemüse, Pflanzen und Blumen pflegen?


Ja und?


Überlege doch, Walter Wurm: Menschen essen auch. Und die beiden Menschen hier haben diesen Blumenkohl und auch die andern Gemüse und den Salat für sich angepflanzt. Übrigens auch die Sonnenblumen...

Du könntest dich auch von anderem ernähren: Es hat in diesem Garten so viele Gräser verschiedenster Art; es hat Abfälle, die man – du und deine Kollegen – wegfressen könnte und die auch lecker schmecken… nun, was meinst du?


Aber ich mag Blumenkohl! Und Salat auch. Diese Menschen sollen selber schauen, wie sie zu ihrem Essen kommen!


Hast du schon gemerkt, Walter Wurm, dass die zwei Menschen hier in diesem Garten keine Schneckenkörner streuen und keine Fallen aufstellen? Dass sie nur deine Familienmitglieder einsammeln und sie über den Bach tragen? Wenn du wüsstest, Walter Wurm! Dort erwartet sie ein Schlaraffenland! Wie wäre es, wenn du, ihr alle, freiwillig dorthin kriechen würdet? Den beiden Menschen ihren Garten mit dem Gemüse, den Salaten und Blumen überlassen würdet? Denn weisst du: Da, wo ihr wart, sieht es nachher manchmal schrecklich aus…!


- - -


Walter, hörst du mich?


- - -


Auf einmal weht ein wunderbarer Duft durch den Garten. So etwas hat Walter Wurm in seinem Leben noch nie gerochen. Dieser Duft zieht ihn unwiderstehlich an. Er kriecht von seinem Blumenkohl hinunter, verlässt das Gartenbeet, kriecht weiter, dem Gartentor zu. Und mit ihm kriechen alle Familienmitglieder und Gefährten, langsam, ohne sich aufhalten zu lassen, dem Ausgang zu. Sie alle folgen dem wunderbaren Duft, sie können gar nicht anders.

Endlich gelangen sie ans Ufer des Baches. Und wirklich, hier wachsen wunderbare, zarte Gräser und Kräuter. Voller Wonne stürzen sie sich an diesen gedeckten Tisch, und für jeden hat es genug, mehr als genug!


Nun, Walter, habe ich dir zu viel versprochen?


Walter Wurm muss zuerst schlucken, bevor er antworten kann.


Es ist himmlisch hier! Dagegen sind alle jungen Salate, ist jeder Blumenkohl ein Nichts, ein Magenfüller!


Siehst du, Walter, jetzt weisst du auch, wer ICH bin!

Kommentare

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    Eine wirklich süsse Geschichte! Tja, diese Schnecken können einem Gärtner manchmal schon das Leben schwer machen!

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