Warten auf ein Zeichen 1/2

In dicken, scheinbar undurchdringlichen Schwaden überzog er jeden Stein, jeden Busch und umgarnte jeden Baum, soweit das Auge zu blicken vermochte. Auch die bislang freigelegten und instand gesetzten Mauern verhüllte er mit seinem Sein. Selbst hoch oben auf dem Turm, jenem, der als Überbleibsel unzählige Jahre weitestgehend unversehrt überdauerte, waberten seine gierigen Ausläufer feucht und trüb - Nebel.
Seit nunmehr vier Tagen beeinträchtigte dieser nicht nur die sonst klare und weite Sicht ins Landesinnere, auch nahegelegen erzeugte Geräusche erreichten nur gedämpft das Ohr.
Blätter und Astwerk raschelten im steten Wind, der es nicht vermochte den trüben Schleier zu zerfasern. Wild durchstreifte enge Pfade und hinterließ knackendes Geäst. Vögel trillerten ihre Lieder und des Hundes Gebell echote im Widerhall des Gebirges. Es klang, als hielte man sich die Finger in die Ohren. Man könnte es durchaus mit gespenstisch umschreiben, so als halte das Land und alles rundherum den Atem an.
Der übliche Laut schuftender und fleißiger Hände, Eisen auf Eisen, Eisen auf Stein; Holz auf Holz wie auch unzählige mehr, erklangen gedämpft und hohl. Sonst schallende Rufe fanden ihr Ziel oftmals als ein schauriges Flüstern.
Es ging ein Gerücht umher. Eines, welches die Bewohner als erwiesen und wiederkehrend verteidigten.
Der Nebel war es, der ihnen erlaubte im Steinbruch, nahe des Steilhanges, ansonsten lautstarke Arbeiten zu verrichten. Unentdeckt und im Hall gedämpft, schlugen sie dort benötigtes Gestein für Häuser und Bauten. Die dichten Schwaden hielten ihr Werken verborgen, sodass die Gefallenen wie Verdammten sich ihrer nicht bedienen konnten.
Absurd fragt ihr euch? Mitnichten.
Dieses Land galt bis vor Kurzem gemeinhin als verflucht. ›Land der Körperlosen‹, ›Geisterebene‹, ›Makel der sieben Reiche‹ und unzählige weitere Namen wurden diesem angedichtet.
Darstellungen in verworrensten Ausführungen, Behauptungen in erschütterndsten Ausmaßen kursierten in den verschiedenen Reichen. Nein, nicht nur begrenzt auf diese. Jede Ansiedlung, jedwedes Dorf und alle Städte erzählten sich andere spannendere Geschichten. Spekulationen zu urteilen sollten in derer Ebenen die seltsamsten Kreaturen ihr Unwesen treiben.
Für Reisende mussten diese wie ein Volkssport in den Ohren nachhallen, so fantastisch legte man angeblich Gesehenes, Erlebtes oder schlicht Gehörtes dar. Das einige dieser Erzählungen der Wahrheit außerordentlich nahekamen, wussten oder ahnten nur die wenigsten. Jene, die bewusst und trotz aller Widrigkeiten in eben diesem Gebiet verweilten, hatten gelernt sich zu schützen, blieben gar unbehelligt und lebten ihr Leben. Die, die eintrafen, um Land und Leute zu knechten, auszubeuten oder unverkennbar mit schändlichen Absichten kamen, erfuhren die Wirklichkeit hautnah. Nur wenige trauten sich in oder durch dieses vereinsamte Territorium, gleichwohl gab es genügend, die es wagten - gute Menschen wie böse Menschen.
Einst, vor ungezählten Jahren war dieses Land reinstes Niemandsland. Es war wild, unbestellt und bot nur selten jemandem ein Heim. Reisende durchquerten dieses wenn dann nur auf vorbestimmten Pfaden, welche sich durch die vielen Jahreswenden und Füße hinweg einen steten Weg bahnten.
Erst als die Majestäten der Lüfte begannen im Sturm zu fliegen und das Volk sich um den Gesegneten scharte, wurde Jahre später die Stadt Aardale, der Machtsitz des Königs der Könige, gegründet und errichtet.
Zu Ehren der Adler, Falken und ihrer Vettern benannte Damerel, gewählter Hochkönig der sieben Reiche, einst die Stadt der Städte nach ihnen und die Oberhäupter der Herrschertafel das Land nach seinem.
Thronend lehnte von Weitem sichtbar eine massive Burg an einem gigantischen steil aufragenden Berghang, der das östliche Gelände bis hinab zum Meer umschloss und so eine natürliche Barriere bot. Umgeben von einer ausladenden Festungsanlage mit drei von der Stadt erreichbaren Zugängen, beherbergte diese bei voller Auslastung bis zu ebenso vielen Korps. Der gesamte Stadtbereich wiederum umgab die Festung im Halbkreis und wurde mittels sechs mächtigen Türmen flankiert, auf denen jeweils eine Balliste Platz fand. Drei Tore öffneten die gewaltigen Mauern und boten hinauf zur Festungsanlage eine direkte Verbindung.
Auf den übereinstimmend gebauten Türmen tanzten einst die Banner der Reiche im Einklang mit jenem auf der Burg im steten Wind. Allesamt zierte das Leittier des Hochkönigs - den Falken.
Die Stadt war unterteilt in verschiedene Viertel und unbestätigten Berichten zur Folge, bestünde ein nicht geringer Teil bis weit in den Berg hinein. Demzufolge womöglich sogar die Festung wie auch die Burg selbst. Als Bollwerk sollte diese dereinst die glorreiche Mitte der Reiche bilden und im äußersten Fall das günstig gelegene Land welches einen natürlichen Engpass bildete vollkommen abschotten.
Das Schicksal jedoch verfolgte ihre eigenen verworrenen Wege.

Kommentare

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    Gerade dazu gekommen reinzulesen, eine tolle Beschreibung der Umgebung, da kann ich mich jetzt schon richtig reinträumen (: ich freue mich darauf den Rest zu lesen!!!

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    So, jetzt habe ich auch mal angefangen eins deiner Werke zu lesen und ich muss sagen, bisher gefällt es mir sehr gut! Es ist toll geschrieben und macht Lust auf mehr! :-)

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    Ich finde deine Wortwahl kongenial... ich werde heute nicht mehr alles lesen (wollen), aber das Kompliment wollte ich dir schon mal da lassen :)

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    Musst du nicht auch so eine Zusammenfassung von dem Buch machen?

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