Wartest du etwa auf mich

ELLA

Als ich am nächsten Morgen erwachte, hatte ich das Gefühl von einem Bus überrollt worden zu sein. Ich quälte mich aus meinem traumhaften Himmelbett, welches mir nun nicht mehr so traumhaft erschien. Als ich fertig war schlich ich die Treppe herunter, denn auf keinem Fall wollte ich Alexander begegnen, was wenn er mich doch erkannte? Wie sollte ich ihm erklären was ich in seinem Zimmer getan hatte? Oh nein so ein Gespräch wollte ich definitiv nicht mit ihm führen. Weder jetzt noch irgendwann! In der Küche war von Mary nichts zu sehen, was mich nicht wundert denn sie hatte ihren freien Tag. Das hieß Heute würde ich mir mein Frühstück selbst machen müssen, wie schnell man sich daran gewöhnt so jemanden wie Mary um sich zu haben, sie ist einfach toll. Ich schaltete die Kaffeemaschine ein und warf mir zwei Toastscheiben in den Toaster, danach durchsuchte ich den Kühlschrank nach etwas, das nach meinem Geschmack war. Obwohl von der offenen Kühlschranktür eine gewisse Kälte ausging spürte ich sofort die Hitze die hinter mir wie aus dem nichts auftauchte, ich musste mich nicht umdrehen um zu wissen das Alexander hinter mir stand. Wie macht er das bloß, das ich mir seiner Nähe so bewusst bin? "Guten Morgen Ella, kannst du mir vielleicht die Milch geben?" sagte er so nah an meinem Ohr, das sein Atem meinen Hals streifte und bei mir sofort eine Gänsehaut verursachte. Ich griff nach der Milch und drehte mich ruckartig um, da sein Gesicht noch verdammt nah an meinem Ohr war, knallten unsere Köpfe mit einem dumpfen Ton zusammen. Autsch! "Ähm...Sorry, das wollte ich nicht... hier ist deine Milch" ich drückte ihm die Packung gegen die Brust, er nahm sie mir mit einem schiefen Grinsen ab, schnell ging ich zum Toaster und legte die fertigen Toast auf einen Teller und holte mir eine Tasse Kaffee. "Bekomme ich auch einen Kaffee?" bat er mich, konnte er mich nicht einfach in Ruhe lassen? Ich stellte ihm wortlos eine Tasse auf den Tisch und starrte wieder auf meinen Toast. Alexander schien Cornflakes zu essen, ich konnte das rascheln der Verpackung hören. Langsam sah ich zu ihm auf, mein Blick wanderte von der Cornflakesschüssel weiter zu ihm, er trug ein weißes Shirt und man konnte deutlich erkennen das er regelmäßig Sport trieb, ich hob den Blick weiter und sah das er sich rasiert hatte, der Bartschatten, den er im Krankenhaus hatte war nun verschwunden. Wieder blieb mein Blick an seinen vollen Lippen hängen und ich starrte regelrecht darauf, als ich es bemerkte zwang ich mich einen Blick auf sein gesamtes Gesicht zu werfen. Ich zuckte zusammen als ich sah das er mich anlächelte. "Oh" stammelte ich und senkte schuldbewusst meinen Blick. "Also erzähl mal wie ist die Uni, gefällt es dir? Du studierst Medizin, richtig" Bitte keinen Smalltalk darin war ich wirklich nicht gut. Woher wusste er das alles, hatte er mich doch erkannt und im Krankenhaus nach mir gefragt? "Ja ich studiere Medizin, ich denke es gefällt mir gut" antwortete ich knapp. "Du redest nicht gern, oder?" bemerkte er, naja eigentlich rede ich schon gern allerdings meist mit mir selbst, so in Gedanken halt. Er macht mich nervös und was soll ich ihm schon erzählen ich war wirklich langweilig, er hingegen war alles andere als langweilig "Vielleicht, du aber schon!" stellte ich fest. "Sagen wir mal, ich würde halt gern wissen mit wem ich unter einem Dach lebe, ist das denn so schlimm?" sagte er mit einem lächeln, er ist ziemlich süß wenn er so lächelt "Nein natürlich nicht" gab ich zu und schämte mich, weil ich ihn so vor den Kopf gestoßen hatte. Aber in seiner Nähe fühlte ich mich, wie die Außenseiterin die niemand bemerkt und er ist der Kapitän des Footballteams im meiner damaligen Highshool. Wir aßen schweigend, ich erhob mich um das Geschirr abzuräumen und wollte gerade gehen als Alexander mich aufhielt "Karl hat mich gebeten dich heute zur Uni zu fahren, schaffst du es in zwanzig Minuten fertig zu sein" Was? Ich riss erschrocken die Augen auf, niemals würde ich mit ihm zur Uni fahren, das würde verdammt peinlich werden "Das ist nicht nötig ich nehme die U-Bahn" versuchte ich so ruhig wie möglich zu antworten. Mein Puls hatte sich von einer Sekunde auf die Nächste verdoppelt. Ich musste hier raus und zwar sofort! Ich ging durch die Tür und wartete seine Antwort gar nicht erst ab.

Als ich meine Sachen für die Uni zusammengepackt hatte betrat ich den Flur, nahm meine Jacke und versuchte mich aus der Tür zu schleichen. Ich hatte weniger als zwanzig Minuten gebraucht " Warte" hörte ich es hinter mir rufen und sah Alexander, wie er die Treppe herunter rannte und auf mich zu stürmte. Er schnappte sich seine Jacke vom Haken, trat zur Tür heraus und lief zu dem Auto das in der Einfahrt stand. Ich stand da wie angewurzelt und beobachtete die Szene die sich gerade vor meinen Augen abspielte. "Kommst du Ella!" das klang nicht nach einer Frage eher nach einem Befehl und ich sollte wohl besser nicht noch einmal auf die U-Bahn hinweisen. Ich schaute Alexander verwirrt an, sah wie er die Beifahrertür öffnete und ging auf ihn zu. Als wir im Auto saßen, sammelte ich meinen Mut zusammen "Du musst das nicht tun, du hast sicher etwas besseres vor als mich zur Uni zu fahren" Alexander sah mich skeptisch an "Nein, hab ich nicht" gab er knapp zurück und fuhr los. Dieser Mann ist mir jetzt schon ein Rätsel und ich fühlte wie meine Illusion von ihm langsam in viele kleine Teile zerfiel. Aber was ich immer noch nicht verstand war warum Mary ihn Ben nennt, wenn er doch Alexander heißt? Auf der Fahrt sagten wir kein Wor, das lag eher an mir als an ihm, ich schaute aus dem Fenster, trotzdem spürte ich seine Nähe, wieder hing sein Parfüm in der Luft. Mir fiel auf das er gelegentlich zu mir herüber sah, aber ich konnte seinen Blick nicht deuten. War das Neugier oder Missbilligung. Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen als der Wagen hielt "Wir sind da" stellte er sachlich fest, um damit die Stille zu unterbrechen oder um mich zum aussteigen aufzufordern, ich wusste es nicht. Ehrlich gesagt hatte ich das Gefühl gar nichts mehr zu wissen, er trübte mein Urteilsvermögen. Vielleicht war er aber auch nur genervt von mir, wundern würde es mich nicht.

Ich lächelte, stieg aus und ging auf den Campus zu, plötzlich spürte ich wieder dieses kribbeln und wusste das er hinter mir her lief, ich drehte mich um und sah Alexander mit großen Augen an. "Willst du mich jetzt auch noch rein bringen, glaub mir ich finde den Weg allein" sagte ich etwas zorniger als beabsichtigt. "Nein hatte ich nicht vor, aber ich muss auch zur Uni, deswegen sollte ich dich ja mitnehmen, aber wenn du willst begleite ich dich gern bis zum Hörsaal" sagte er mit einem schmunzeln im Gesicht, was verdammt sexy war. Was denkt er eigentlich wer er ist? Ich drehte mich um und ging weiter, Alexander lief neben mir her nach einer Weile fragte er "Wie lange hast du heute Uni?" nicht schon wieder Smalltalk bei ihm bin ich darin eine echte Niete "Bis 14.00 Uhr" antwortete ich schnell. "Gut, bis nachher Ella" verabschiedete er sich und ging dann in die andere Richtung. Ich sah ihm nach, er war in der Masse von Menschen nicht zu übersehen, mich wunderte es nicht das die Studentinnen ihm nach sahen.

Im Hörsaal traf ich auf Anna und Jan sie winkten mich zu sich "Hallo ihr zwei" begrüßte ich sie "Hey Ella" sagten sie fast gleichzeitig und ich setzte mich zu ihnen. Zwei Stunden später war die Vorlesung vorbei und wir gingen zusammen in die Mensa, wir stellten uns an und suchten anschließend einen freien Platz. Als wir fast fertig waren, fühlte ich mich beobachtet, ich sah mich um und blickte geradewegs in Alexander's blaue Augen, er sah mich an und lächelte mir zu. "Wen starrst du denn an?" riss mich Anna aus meinen Gedanken "Was ich? niemanden!" verteidigte ich mich. Anna folgte meinem Blick und entdeckte natürlich Alexander, sie lächelte mich an "Der ist süß" sagte sie knapp, ja da hatte sie recht er ist süß, aber irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los das hinter der süßen Fassade etwas bitteres wartete. "Das ist Ben" rutschte es mir heraus ohne auch nur einen Moment darüber nachzudenken. Warum hatte ich ihr das denn gesagt? Jetzt würde sie nicht mehr locker lassen "Warte mal, der Ben der im Haus deines Vaters wohnt?" versuchte sie den Zusammenhang herzustellen, ich nickte "und er ist auch Alexander, das heißt er sieht jedenfalls so aus wie er" jetzt sah sie mich mit großen Augen an. Ich hatte ihr erzählt das ich ihn im Krankenhaus manchmal etwas vorlas, da sonst niemand ihn besuchte, jetzt bereute ich es fast. "Ist nicht dein ernst? Der Alexander aus dem Krankenhaus und Ben sind ein und dieselbe Person? Bist du sicher? Hast du nicht gesagt er wäre verreist? Vielleicht irrst du dich ja" sie sah verwirrt aus "Ich weiß nicht vielleicht hast du ja recht und sie sehen sich nur ähnlich" meine innere Stimme sagte allerdings das da mehr als nur eine Ähnlichkeit dahinter steckte. Bevor wir weiter darüber nachdenken konnten mussten wir zur nächsten Vorlesung, noch zwei Stunden Anatomie und dann war es das für Heute. Ich war froh das wir das Thema vorerst auf sich beruhen lassen würden, aber Anna wäre nicht Anna wenn sie es nicht ganz genau wissen wollen würde, sie würde nicht locker lassen sobald sie die Gelegenheit dazu bekommt.

Die Vorlesung verging wie im Flug und nun stand ich auf dem Parkplatz und wartete auf Alexander oder Ben wie auch immer er jetzt hieß, hatte er überhaupt schon Schluss? Vielleicht hätte ich einfach mit der U-Bahn fahren sollen. Er hat ja nicht gesagt das er mich mit zurück nimmt. Wahrscheinlich, fährt er gar nicht nach der Uni nach Hause und ich steh hier völlig unnötig herum, gerade als ich den Gedanken zu Ende gebracht hatte spürte ich dieses kribbeln, ich wusste das er in der Nähe war, dazu brauchte ich mich nicht nach ihm um zusehen. Wie macht er das nur?" Wartest du auf mich?" hauchte er mir ins Ohr und ich bekam Gänsehaut im Nacken, warum musste er mir immer so nah kommen? "Ähm nein.. also ja tue ich"ich gab es auf er wusste sowieso das ich auf ihn warte, warum sonst sollte ich hier an seinem Auto stehen. Er lachte und öffnete die Beifahrertür, ich stieg schweigend ein. Warum fällt es mir so schwer auch nur einen klaren Gedanken zu fassen, wenn er in der Nähe ist? Auf der Rückfahrt fragte er mich wie die Uni war und ob ich schon Freunde gefunden hatte, ich erzählte ihm von Anna und Jan und fragte ihn was er studiert, so langsam lief das mit dem Smalltalk einigermaßen solange ich ihn dabei nicht ansah. "Ich mache gerade meinen Master in Betriebswirtschaft und werde im nächsten Jahr meinen Abschluss machen" erklärte er mir. Ich überlegte wie ich ihn Fragen könnte warum Mary ihn Ben nennt, ohne das er sich fragt wie ich darauf komme? Ich kam nicht mehr dazu, er hielt in der Einfahrt und wir stiegen aus dem Wagen, als wir das Haus betraten war es totenstill, es roch nicht wie sonst nach Essen. Ich wollte direkt auf mein Zimmer gehen ich musste dringend mal durchatmen, als er mich am Arm fest hielt. Was will er denn noch von mir? "Lass uns ein bisschen in den Garten gehen und die Sonne genießen" ich sah ihn an und nickte ich war nicht in der Lage ihm zu widersprechen, obwohl ich eigentlich nur soweit weg wie möglich von ihm wollte. Auf der anderen Seite war ich neugierig, ich wollte wissen wie er ist und das werde ich sicher nicht durch Google erfahren, aber einen Versuch wäre es wert, Google weiß bekanntlich ja alles.


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