Die Diagnose hatte er letzte Woche erhalten. Er hatte nur noch ein Jahr zu leben. Die Zeit wurde knapp, deshalb beschloss er es heute zu tun. Schon oft hatte er darüber nachgedacht sie anzurufen. An vielen Abenden hatte er in seinem Wohnzimmer gesessen, den Hörer in der Hand, die Nummer schon eingetippt. Doch immer war er zu feige gewesen. An diesem Abend aber war es anders. Er saß wieder auf der Couch vor seinem Fernseher mit dem Hörer in der Hand. Er tippte aufgeregt die Nummer ein. Nach kurzem Klingeln meldete sich eine Frauenstimme. Nachdem sich der Mann kurz vorgestellt hatte, fragte er sie nach einem Treffen am nächsten Tag. Sie stimmte zu und legte auf.

Der Mann legte erleichtert den Hörer auf den Tisch vor sich und strich sich anschließend eine graue Strähne aus seinem Gesicht. In seinen blauen freundlichen Augen sah man deutlich wie glücklich er war. Mühsam stand er auf und legte sich schlafen. Er konnte den nächsten Tag kaum erwarten.

Der Wecker riss den Mann aus dem Schlaf. Mit seiner kühlen Hand stellte er schnell den Wecker ab, bevor dieses schrille, ohrenbetäubende Klingeln auch noch die Nachbarn aufwecken würde. Seufzend setzte er sich auf. Da erinnerte er sich wieder an das Treffen, das diesen Nachmittag stattfinden sollte und sofort hob dieser Gedanke seine Stimmung wieder. Der Nachmittag kam schneller als gedacht. Die Sonne ging schon langsam unter und der Mond war schon schwach zu sehen. Der Mann stand mit einem kleinen Geschenk vor dem Café, in dem er sie treffen würde. Er sah zum siebten Mal aufgeregt auf seine Uhr.

Plötzlich erschien eine Frau neben ihm. Sie sah ihn freundlich an, bekam aber nicht mehr heraus als ein schwaches: „Hallo.“ Er konnte seinen Augen nicht trauen, sie war noch hübscher als erwartet. Er begrüßte sie ebenfalls und führte sie ins Café. Viele Blicke waren auf die junge, hübsche Frau gerichtet und der Mann freute sich darüber. Die zwei verstanden sich gut. Sie lachten viel miteinander, konnten aber auch über ernste Themen reden. Er wusste, dass er ihr über seine Diagnose berichten musste, doch er konnte es nicht. Nicht, wenn er in diese strahlend blauen Augen und auf dieses wunderschöne Lächeln sah. Es war schon spät, als die zwei aus ihrem Gespräch gerissen wurden und zum Gehen gebeten wurden. Dem Mann überkam ein kleines Gefühl von Traurigkeit, da der Abend so schnell vorbei gewesen war. Doch er wusste, dass er sie wiedersehen würde. Der Mond stand schon klar am Himmel und die einzigen auf dieser Straße waren sie. Er nahm vorsichtig ihre Hände und gab ihr einen zärtlichen Kuss auf die Wange: „Ich bin froh, dich endlich kennengelernt zu haben.“ Die Frau nickte leicht und erwiderte: „Ich auch. Ich auch.“

Als der Mann wieder in seiner kleinen, aber gemütlichen Wohnung war, konnte er einfach nicht mehr aufhören zu lächeln. Er bekam sie nicht mehr aus dem Kopf. In seinen Augen war sie perfekt. Am nächsten Tag rief er sie nochmal an. Sie unterhielten sich stundenlang über alles Mögliche. Erst als er die Augen kaum noch offenhalten konnte, beendete er das Gespräch. Die nächsten Wochen trafen sie sich oft. Er besuchte sie bei der Arbeit, sie gingen essen oder einfach nur im Park spazieren und redeten.

Nach vielen, wunderschönen Treffen musste er es ihr dann endlich sagen. Er konnte es ihr nicht mehr verheimlichen. An der Tür klingelte es. Den ganzen Tag schon hatte er sich überlegt wie er es ihr sagen sollte. Jetzt war es so weit. Er öffnete ihr die Tür und sie setzten sich gemeinsam an den Tisch. Mit besorgter Miene fragte sie ihn: „Was ist los?“ Er atmete tief ein und erzählte ihr von seiner Diagnose und dass er nur noch ein paar Monate zu leben hatte. Sie saß ihm noch immer gegenüber, doch dieses wunderschöne Lächeln und das Funkeln in ihren Augen war verschwunden. Stattdessen liefen ihr Tränen über die Wangen. Sie fing an zu schluchzen und schrie: „Warum? Warum?“ Voller Verzweiflung vergrub sie ihr Gesicht in ihren Händen. Er saß ihr gegenüber. Entschuldigend, hilflos und stumm. Nach einer Weile ging er zu ihr und nahm sie in die Arme. Die ganze Nacht saß sie weinend dort.

Die Nacht hatte viel verändert. Immer noch war sie traurig, doch jetzt wollten sie das Beste aus der noch vorhandenen Zeit machen. Sie sahen sich fast täglich und unternahmen viel gemeinsam. Doch nach ein paar Wochen war der Tag gekommen. Ihm ging es sehr schlecht. Er hatte Schmerzen und konnte nicht mehr gehen. Verzweifelt rief sie den Krankenwagen, der ihn schnell ins Krankenhaus brachte. Er musste dortbleiben. Und er wusste, dass dies der letzte Ort sei, den er sehen würde. Sie besuchte ihn wieder jeden Tag. Obwohl er wahnsinnige Schmerzen hatte, freute er sich immer mehr über ihre Besuche und ihre Blumen, von denen sie ihm jeden Tag welche mitbrachte. Sie war die einzige, die er noch hatte. Täglich sah er zu, wie das Leben, eine Blume nach der anderen verließ.

Er lag dort, sah aus dem Fenster und beobachtete die Vögel, die draußen glücklich herumflogen, als sie wieder mit einem Blumenstrauß das Zimmer betrat. Sie gab die Blume in die Vase neben seinem Bett, setzte sich neben ihn und nahm seine Hand. Er zwang sich zu einem leichten Lächeln: „Danke.“ Sie lächelte schwach, drückte seine Hand ein bisschen fester, und umarmte ihn liebevoll. Dies war die letzte Begegnung die sie hatten. Denn in dieser Nacht machte er es den Blumen gleich und ließ seine Tochter traurig zurück.

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