Was wäre gewesen, wenn...? (A)

Thomas Sicht:

Ich saß im Auto, das Handy in der Hand. Warum geht sie nicht ran? Verdammt. Irgendetwas stimmte nicht. Sie geht immer an ihr Handy. Immer. Außer in der Uni, aber sie wird ja nicht um Mitternacht Vorlesungen haben. Ich machte mir echt Sorgen. Ich hatte am Heimweg bemerkt, dass ich ihre Schlüssel eingesteckt hatte. Ich versuchte es noch einmal und noch einmal, doch sie hob nicht ab. Ich war fast da, nur wenige Minuten von ihr entfernt. Plötzlich durchschnitt ein leiser Schrei die Luft. Ein Mädchenschrei. Grace?


Ich lief so schnell wie ich konnte. Es schrie immer noch. Vor Grace' Haus standen Motorräder, dunkle, schwarze, bedrohliche. Die Haustür war sperrangelweit offen, davor standen zwei Jungs, stemmig, jedoch jünger als ich. Ungefähr in Grace’ Alter. “Lasst mich rein!” , sagte ich mit bedrohlicher Stimme. Ich versuchte, groß zu wirken, doch diese Jungen hatten keinen Respekt. “Vorher werd’ ich König von England”, lachte der eine, gepierct und tättowiert. Der andere, etwas schmächtiger, lachte nicht. Man sah ihm an, dass er Angst hatte, wenn auch nur ein bisschen und das wahrscheinlich nur, weil er sicher ist, dass ich die Polizei rufen werde, was mich  motivierte. Wieder der Schrei. GRACE! “Lasst sie gehen.” Der Gepiercte lachte wieder und schüttelte den Kopf. “Dann tut es mir leid.” Beide sahen mich verwirrt an, ich nutzte den Moment und verpasste dem Größeren einen Kinnhacken, der von der Wucht umgeworfen wurde. “Spinnst du?”, schrie mich dieser an, der andere wich nur verängstigt zurück. Er stand wieder auf und ich holte noch einmal aus. Wieder ging er zu Boden, seine Nase saß nicht mehr am richtigen Platz. Und meine verdammte Faust schmerzte.

Ich wartete nicht, dass der Typ sich wehrte, sondern rannte in das Haus und fand Grace in einer Ecke vor, schreiend, schutzlos und mit Tränen überströmt. Vor ihr stand ein kräftiger Junge, der sie an einer Hand packte, jedoch mir zu gewandt war. “Wer bist'n du? Wie bist du an Marc und Luke vorbeigekommen?” Ich sah hasserfüllt in seine schwarzen Augen und brüllte: “Lass sie sofort los!” Er lachte sarkastisch, als wäre ich ein Dreijähriger, der drohte, seine Sandburg kaputt zu machen. “Sonst was? Willst du das kleine Miststück etwa beschützen?” Das reichte, um meine Wut frei zu setzen. Ich spürte einen Adrenalinstoß und trat ihm mit meiner ganzen Kraft in den Magen. Er sackte zusammen und ich schlug ihm noch einmal in die Seite, so dass er zu Boden ging. Jeremy - so wie es auf dem Rücken seiner Jacke stand - rammte mich von der Seite und warf mich um. Ich wollte wieder aufstehen, doch er drückte mich zu Boden. Ich trat und schlug um mich. Einmal fühlte ich, wie ich Jeremys Nase traf und man hörte, wie die Knochen brachen. Doch er war auch nicht schlecht, ich spürte, wie mir das Blut herunter rann und meine Rippen schmerzten. Plötzlich wehrte sich Jeremy nicht mehr, ich sah auf und sah gerade noch, wie Grace ihm kräftig in den Rücken trat. Er stand mit seiner letzten Kraft auf und rannte weg, draußen hörte man die Motorräder wegfahren. Erschöpft sank ich zusammen.

*****

“Danke.” Ich lachte kläglich auf und sagte: “Du brauchst dich nicht mehr zu bedanken.” Wir saßen in der Küche, wie vorhin, nur diesmal hatte ich Beulen und angeknackste Rippen. Glaubte ich zu mindestens. Sie fühlte sich schuldig, das sah man ihr an. “Haben sie dir etwas getan?”, fragte ich leise. Grace antwortete nicht. “Grace - du kannst es mir sagen.” Langsam und leise begann sie zu erzählen: “Nein. Jedenfalls nicht bis du gekommen bist. Er wollte mich mitnehmen zu einer Party, doch als ich die Tür nicht aufmachen wollte, haben sie sie aufgebrochen.” Sie wurde still und ich nahm mitfühlend ihre Hand. Ich konnte mir denken, was sie da durchmachte. Dankend lächelte Grace mich an. “Ich habe mich geweigert, doch er wollte mich mitzerren. Als ich ihn geschlagen habe, ist er durchgedreht und hat mich geschlagen. Kurz bevor du gekommen bist…” Eine Träne floss ihr die Wange herunter. “Du kannst es mir sagen.” Sie atmete tief ein und aus und sprach mit einer festeren Stimme weiter: “Kurz bevor du da warst, haben sie mich angefasst.” Meine Augen weiteten sich, ich sah sie nur fassungslos an. “Sie haben dich…. angefasst? Wir müssen diese Vollidioten anzeigen. Die wollten dich vergewaltigen!” Meine Stimme wurde immer lauter, mein Zorn wuchs. Jetzt war ich es, der die Beherrschung verlor. “Bitte, Thomas. Beruhig dich! Mir ist nichts passiert, also lass uns das vergessen.” Ich starrte sie an, als hätte sie sie nicht mehr alle. “Was wäre, wenn ich nicht gekommen wäre, hm? Grace! Die hätten dich vergewaltigen können! Ich werde mich sicher nicht beruhigen. Gott verdammt.” Grace sah mich verängstigt an und ich bereute es, in ihrer Gegenwart so zu explodieren. Sie begann, leise zu weinen. “Grace. Bitte.” Ich ging zu ihr und umarmte sie. Ich konnte sie einfach nicht leiden sehen. Sie schlang ihre Arme um meinen Bauch und legte ihre Hand direkt auf die verletzte Stelle. Ich zuckte zurück. “Tut mir leid.” “Macht nix”, murmelte ich und verbarg meine Schmerzen vor ihr. “Thomas?” Ich brachte wieder etwas Abstand zwischen uns. “Kannst du heute hierbleiben?”Es war süß, dass sie mich fragte. “Natürlich bleibe ich da, Ich werde auf der Couch schalfen und hoffen, dass sie nicht wieder kommen.” Sie gab mir einen sanften Kuss auf die Wange. “Danke. Du bist der Beste.” Röte stieg mir ins Gesicht. “Keine Ursache.”

Es war drei Uhr in der Früh und ich lag immer noch wach. Egal was ich tat, an was ich dachte, meine Gedanken schweiften immer zu Grace. Meine Rippen schmerzten, ich musste dringend zum Arzt. Doch das konnte warten. Ich war so froh, dass Grace nichts passiert war. Ich bereute nicht einen Schlag in Jeremys Gesicht. Grace und ich hatten noch in der Küche geredet, doch irgendwann war sie eingeschlafen. Ich hatte sie ins Zimmer getragen, doch die Sorge um sie war größer, als meine Müdigkeit und mein Schlaf. Die heutige Nacht hat mir bewusst gemacht, was ich für sie empfand. Jedenfalls mehr als ich zugeben wollte. Was wäre gewesen, wenn ich ihre Schlüssel nicht eingesteckt hätte? Wäre sie geflohen? Wären die Idioten nicht reingekommen? Wäre sie vergewaltigt worden? Ich durfte nicht so denken, sonst hätte ich nie Ruhe. Ich würde sie schon beschützen.

Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media