Weltensplitter

Weltensplitter

Kira

Kadra hatte recht. Ich musste ihn finden, selbst wenn ich wusste, dass diese Suche vielleicht ein Fehler war. Ganz gleich, was Kadra über Will zu wissen glaubte, er würde es irgendwann verstehen. Aber ich kannte mich. Und ich wusste, ich würde mir nie verzeihen können, wenn ich Varek an die Zeit verlor, die ihm davonlief.
Ich nahm das erstbeste Taxi, ließ mich ans Feld fahren und stieg aus. Mit den Händen in den Manteltaschen stapfte ich hinaus auf das verschneite Feld. Als ich sah, dass der Zirkus noch nicht abgebaut, der Platz aber ruhig und leer war und Vareks Anwesenheit wie ein Nebel über den Zelten schwebte, fiel mir ein Stein vom Herzen. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass er ohne ein Wort des Abschieds verschwinden würde, aber ich hatte nicht gewusst, wo und wann ich ihn finden würde und war auf alles gefasst gewesen. In den vielen Szenarien, die mein Bewusstsein bereits durchgespielt hatte, war mir auch schon durch den Kopf gegangen, dass es das Schicksal vielleicht böse mit mir meinte und ich Varek erst finden würde, wenn es zu spät war. Ja, sein Abgang, nachdem John und ich ihn befreit hatten, war seltsam gewesen. Als er, lange nach uns, durch das Tor gestolpert war, hatte ich ihm angesehen, dass etwas nicht stimmte. Sein Blick hatte mir verraten, dass etwas in den wenigen Augenblicken geschehen war, in denen wir getrennt gewesen waren. Und selbst wenn ich nicht wusste, ob es richtig war, hier zu sein, war ich es ihm schuldig, nach ihm zu sehen.
Als ich mich dem Tor näherte, begann ein Licht in dessen unmittelbarer Nähe zu flackern. Ich hob den Blick zu der Glühlampe empor, als ich hinter mir einen Schatten wahrnahm. Dunkle Wolken hingen schwer vor dem Himmel. Es schneite ein wenig. Die waren bereits eingeschaltet, auch wenn es erst früher Vormittag war.
»John«, flüsterte ich erleichtert, als der Geruch des Werwolfs meine Sinne durchströmte. Ich drehte den Kopf und schenkte dem Dämon ein flüchtiges Lächeln, als er sich dem Tor näherte. »Ich muss mich für Wills Benehmen entschuldigen.«
Mit einer Handbewegung winkte der hochgewachsene Mann ab. »Unsinn. Er hat sich um dich gesorgt. Ich habe sehr viel Verständnis für einen Mann, der sich, um seine Freundin zu beschützen, gegen einen Dämon stellt. Wäre ich nicht selbst ein Wesen der Dunkelheit, hätte ich wohl ähnlich gehandelt.« Ein Lächeln ließ seine Mundwinkel zucken. »Zwischen uns ist alles in Ordnung. Aber du bist nicht meinetwegen hier, oder?«
»Nein«, entgegnete ich verlegen. Wärme schoss mir in die Wangen. Wenn John mich ansah, hatte ich das Gefühl, all meine besorgten Gedanken seien plötzlich falsch, unhöflich. Ich war mir nicht sicher, ob er verstand, weshalb ich Vareks Nähe suchte. »Ich wäre schon früher hier gewesen. Aber nach dem Streit habe ich keine Kraft gefunden, ihm entgegen zu treten.«
»Er hätte niemals irgendetwas getan, das deinem Gefährten geschadet hätte.« Johns Lächeln erstarb. Seine Hand schnellte vor und packte etwas grober als beabsichtigt den Ärmel meines Mantels. »Das weißt du, oder?«
Ich nickte und sagte: »Ja, das weiß ich.«
»Er war impulsiv und es mag böse ausgesehen haben, aber er wusste, was er tat. Sei nachsichtig mit ihm. Es war ein schwerer Tag.«
»Ich weiß, dass er es nicht böse gemeint hat. Und deshalb muss ich jetzt zu ihm gehen und ihm sagen, dass zwischen uns alles in Ordnung ist.«
Plötzlich flammte etwas in seinen Augen auf. »Der Zeitpunkt ist ungünstig«, sagte der Dämon sachlich und ließ den Blick über den Jahrmarkt schweifen. »Es geht los. Morgen bei Sonnenuntergang ist seine Schonfrist vorüber. Das Portal ruft nach ihm. Ich weiß nicht, ob du die Bedeutung dieser Tage kennst, aber bitte glaube mir, es geht ihm alles andere als gut. Varek hat alle Hoffnung in das Gespräch mit seinem Vater gesetzt. Er dachte, als der letzte Erbe ihrer Blutslinie würde sein Vater ihm vielleicht die Freiheit schenken. Ich will nicht wissen, wie es ist, wenn der eigene Vater ein Monster aus einem gemacht hat.«
»Ist er das?«, fragte ich. Mit der rechten Hand strich ich mir eine lose Strähne aus dem Gesicht. »Ich meine, ist er ein Monster?«
Seit Will diese Worte in dem Mund genommen hatte, hingen sie wie ein Omen über meinen Gedanken. Waren wir tatsächlich Ungeheuer?
Achselzuckend ließ John sein Lächeln aufleben. »Sag du es mir.«
Ich schüttelte den Kopf. »Schon gut. Kannst du mir sagen, wo ich ihn finde?
»In dem Holzwohnwagen am Ende es Weges. Du kannst ihn kaum verfehlen. Aber der Zeitpunkt ist wirklich ungünstig.«
»Soll ich gehen?«
»Nein, aber..« Achselzuckend vergrub er die Hände in den Taschen. »Sei vorsichtig.«
»Ich gebe mein Bestes. Das ist vielleicht meine letzte Chance, ihn von der Flucht zu überzeugen. Ich muss es wenigstens versuchen.«
»Kira warte.« Mit einem tiefen Seufzer lehnte sich der Dämon an den Jahrmarktszaun. »Ich halte es für keine gute Idee, dass du hier bist. Aber..«
»Aber?«
»Du hast recht. Und ich würde alles dafür tun, wenn er nur endlich aufwachen und von hier verschwinden würde. Vielleicht wacht er auf, wenn du ihn darum bittest.«
»Und wenn nicht?«
»Dann ist es nicht deine Schuld. Dann hast du es wenigstens versucht. Er war schon immer ein Sturkopf. Aber vielleicht kannst du zu ihm durchdringen und ihm sagen, dass er diesmal nur durchhalten kann, wenn er jetzt verschwindet. Ohne dich. Ohne mich. Nur allein kann er Layra noch entkommen.« Sein Blick grub sich in den meinen. »Verstehst du mich?«
»Natürlich.« Ich schlang den plötzlichen Anflug von Schrecken hinunter und nickte geduldig. Was war in den Stunden meiner Abwesenheit nur geschehen, dass John alles auf diese eine Karte setzte? »Ich werde mit ihm sprechen.«
Der Dämon nickte mir zu. »Soll ich dich zu ihm bringen?«
»Gern«, sagte ich und wandte mich zum Gehen. »Wir haben nicht genug Zeit, damit ich mich verlaufen kann.«
Ich hätte gerne so getan, als ob mich Johns Worte nicht erschreckten. Aber Tatsache war, dass ich Varek stark, stolz und gefährlich kennen gelernt hatte. Nun zu wissen, dass er in den kommenden Tagen stark abbauen würde, gefiel mir nicht besonders. Und noch weniger, wenn er bereits meilenweit fort sein könnte und nur blieb, weil der verrückte Dämon in ihm Kadra nicht loslassen wollte.
»Ich weiß beinahe gar nichts über dich«, sagte ich zu ihm, nachdem wir ein paar Schritte gegangen waren. »Wer bist du, dass du seine ganze Familie kennst?«
»Nicht alle. Nur seine Brüder und ihn.« John vergrub die Hände in den Taschen und senkte den Blick auf den Boden hinab. »Vareks jüngster Bruder, Gerion, war mein Freund. Wir teilten alles; jedes Geheimnis, gemeinsame Träume und all unsere Gedanken. Er war stur und eigensinnig. Manchmal zu neugierig. Gerion brachte uns immerzu in Schwierigkeiten. Aber er war das Produkt seiner Erziehung. Er war der dritte Sohn einer sehr alten Dämonenfamilie, vom Vater dazu ausersehen, der Gemahl einer Göttin zu werden. Du kannst dir vorstellen, dass er stolz und stur war, wenn ich mit ihm über diesen Plan sprach. Als sein Vater ihn dem Bann unterwarf, wurde Gerion schwächer, und als Layra zum allerersten Mal an der Schwelle zu dieser Welt kratzte, brach er zusammen und starb noch in derselben Nacht. Er bekam hohes Fieber und fantasierte von einer Welt jenseits aller Vorstellungen. Einer versteckten Dämonenwelt, die nur der sehen kann, der ausersehen dazu ist, für immer unsterblich zu sein. Ich war im Zimmer, als er starb. Und bis heute kann ich seinen Todeskampf nicht vergessen. Ich hätte ihn davon abhalten können, aber ich habe im entscheidenden Augenblick den Mund gehalten und zugesehen.« Der Blick des Werwolfs ging ins Leere und ich spürte mehr und mehr, wie eben diese in seine Seele eindrang. Selbst nach so langer Zeit war es ihm unmöglich, die Schuldgefühle abzustreifen und frei zu sein. »Einhundert Jahre später starb Vareks jüngerer Bruder Vlorjan. Und dann Thanios.«
»Kannst du dir denken, wieso sie den Bannspruch nicht überleben konnten?«
»Anfangs dachte ich, der Tod würde sich jeden Sohn dieses verrückten Mannes holen. So lange, bis er einsam ist und begreift, wie weit sein Wahnsinn fortgeschritten ist. Aber als Varek überlebte habe ich angefangen, darüber nachzudenken. Ich glaube, die Antwort ist schnöde. Varek war der Älteste und hat überlebt, weil er das stärkste Erbgut in sich trägt. Das Blut eines erstgeborenen Dämonensohnes ist etwas Besonderes.«
»Hätte sein Vater davon gewusst, wären seine Brüder vielleicht noch am Leben«, schlussfolgerte ich und schaute über die Zelte hinweg. Wir hatten uns einem von ihnen genähert, dessen Plane im Wind flatterte. Fluoreszierende Sonne-Mond-und-Sterne-Zeichnungen auf der Außenplane begannen langsam, zu neuem Leben zu erwachen, während die Dämmerung stetig fortschritt.
Doch John schüttelte den Kopf und erwiderte: »Ich denke nicht. Varek war schon immer ein anderer Schlag als seine Brüder. Er war der, mit dem ich am wenigsten zu tun hatte.«
»Wart ihr zu verschieden?«
»Vielleicht. Die Beziehung zwischen Varek und seinem Vater war nie gut. Sie haben einen erbitterten Kampf ausgefochten. Deshalb glaube ich, selbst wenn er gewusst hätte, dass seine Söhne sterben würden, hätte er jeden von ihnen dennoch vorgezogen.«
»Und du?«, hakte ich nach und lenkte das Thema in eine Bahn, die mir anfangs eher vorgeschwebt hatte. »Wieso bist du nie darüber hinweggekommen? Wieso bist du hier?«
»Als ich erfuhr, das Varek den Bann überlebt hat und auf der Flucht war, bot ich ihm meine Hilfe an. Ich hatte dreimal mit ansehen müssen, wie Layra einen Dämon durch ihre Nähe tötete. Ich kannte sie und ihre Methoden besser als er. Und ich glaubte, ich könnte mein Versagen bei Gerion wieder gut machen, wenn ich Varek half, am Leben zu bleiben. Seitdem«, fuhr er unbeirrt fort, den Blick teilnahmslos ins Leere gerichtet, »sind viele Jahre vergangen und ich konnte ihm Zeit verschaffen. Zeit, die er brauchte, um Kadra zu finden. Nur darum ging es ihm. Es ging immer nur um sie. Wenn sie nicht gewesen wäre, wäre er Layra schon vor hunderten von Jahren in den Tod gefolgt.«
Ich hatte zwar längst angenommen, dass Kadra der Grund für Vareks Kampf gewesen war, doch nun Gewissheit von John zu bekommen, bestärkte mich in der Hoffnung, dass ich ihn dazu überreden konnte, das Land zu verlassen. Inzwischen musste er doch verstanden haben, dass nicht genug von Kadra übrig war, um zu ihm zurückzukehren.
»Hast du Familie?«, fragte ich John und ließ den Blick über seine ernste Miene schweifen.
»Meine Eltern sind vor sehr langer Zeit gestorben. Werwölfe oder Wolfswandler leben lange, aber wir sind sterblich. Wir altern und wir vergehen. Als ich geboren wurde, war mein Vater ein alter Mann und meine Mutter starb, als ich noch ein Kind war. Ich habe Mal eine Frau geliebt, aber das liegt lange Zeit zurück.«
»War sie ein Mensch?«
»Sie war eine Wölfin. Ihren Namen habe ich vergessen, aber ihr Wesen nicht. Sie war wie ein Schmetterling. Flatterhaft und voller Energie.«
»Aber?«
»Sie war Teil eines Rudels und um ihr Gefährte sein zu dürfen, hätte ich mich ihnen anschließen müssen.« Ein Grinsen flog über die Lippen des Dämons. »Und ich kann nicht Teil eines Rudels sein, in dem ein Leitwolf über mir steht und mir sagt, was ich tun und lassen soll. Ist nicht meine Art.«
Als ich diesmal aufsah, bemerkte ich, dass wir uns dem Herzen des Jahrmarktes genähert hatten; dem großen Zelt, in dem ich das letzte Mal auf Varek gestoßen war. Sein Schatten fiel dunkel vor meine Füße und hinter den Planen lugte der schimmernde Mond zwischen schweren Wolken hervor, die den immer dunkler werdenden Himmel verhüllten. Nicht mehr lange und die letzten Sonnenstrahlen würden verschwunden und alles dunkel sein.
Dass John die Frau, die er einst geliebt hatte, wegen eines Rudels ausgeschlagen hatte, erinnerte mich daran, wie verwundbar William sich machte, wenn er mir gestattete, Teil der dämonischen Welt zu sein. Ein Seufzen kam über meine Lippen und plötzlich spürte ich den stärker werdenden Drang in mir, einfach umzukehren und nach ihm zu suchen. Aber ich wusste, Will würde auch morgen noch da sein und Varek sollte bis Sonnenaufgang verschwunden sein.
Manchmal, dachte ich, muss man Prioritäten setzen und irgendwann würde Will sicher verstehen, dass ich ein Leben zu retten hatte.
»Weiter gehe ich nicht mit dir«, entschied John, als wir das Zelt erreicht hatten. »Varek ist in seinem Wohnwagen. Der dort vorne.« Sein Blick grub sich in Meinen und ich nickte verständnisvoll. »Sei vorsichtig.«
»Er wird mir nichts tun.«
»Ich wäre dennoch vorsichtig an deiner Stelle.«
John verschwand vor meinen Augen, als hätte er sich einfach in Luft aufgelöst. Doch zwischen den Zelten sah ich seine Wolfsaugen blitzen und wusste instinktiv, dass er dort ausharren würde für den Fall, dass ich seine Hilfe brauchte. Mit einem tiefen Atemzug wandte ich mich dem Wohnwagen zu.
Varek ahnte nicht, wie glücklich er sich schätzen durfte, einen Freund wie John zu haben. Jemanden, der ihm durch das Unrecht der Welt half, ohne über den Sinn seines Handelns nachzudenken. Jemanden, der bei ihm blieb, selbst wenn er das eigene Leben verlieren konnte. Und wieder dachte ich an William und fragte mich, wieso er diese Person nicht für mich sein konnte.
Als ich mich dem Wagen näherte, durchtränkte die Kälte dieses Ortes meine Gedanken. Als ich das letzte Mal hier gewesen war, war dieser Ort auf eine fremd wirkende Art und Weise warm und vertraut gewesen. Diesmal jedoch fühlte es sich kalt an, hier zu sein. Leblos. Leer.
Ich stieg die Erste von drei Stufen hinauf, legte die Hand auf den eisernen Handlauf und hielt den Atem an. Hinter dieser Tür saß ein Dämon, der unsterblich verliebt war in eine Frau, die er nicht haben konnte. Ein Dämon, dem nur zwei Sonnenuntergänge blieben, bis er eine Wahl treffen musste. Und der Dämon, für den ich, ohne ihn näher zu kennen, durch die Hölle gegangen wäre. Ich hielt den Atem an, konzentrierte mich darauf, nicht durchzudrehen und resignierte vor der Tatsache, dass mein Hiersein eine Entscheidung war. Ging ich durch diese Tür, jetzt und heute, traf ich eine Entscheidung, die ich nicht zurücknehmen konnte. Noch konnte ich gehen, in mein Leben zurückkehren und wissen, dass ich Will sagen konnte, ich würde Varek nie wiedersehen und er war mir egal. Doch wenn ich diese Tür öffnete, gab es keinen Weg zurück. Dann zählte das Wort nicht mehr, das ich John gegeben hatte. Dann wusste ich nicht länger, ob ich die Macht besaß, Varek fortzuschicken.
Ich senkte die Lider und horchte in mich hinein. Vor meinem geistigen Auge lief noch einmal die Furcht ab, die ich verspürt hatte, als ich ihn in der fremden Welt nicht finden konnte. Ich sah mich noch einmal der Angst gegenüber, für immer mit der Leere in mir leben zu müssen, wenn ich jetzt ging. Ich sah mich selbst noch einmal vor ihm am Boden seiner Zelle knien, sein Haar in meinen Händen, das wie Seide zwischen meinen Fingern hindurchfloss.
Mein Herz begann zu schlagen, wie die Flügel eines Schmetterlings. In diesem Moment, dachte ich, hätte ich laufen und fliehen können. Dieser Augenblick war meine letzte Gelegenheit gewesen, fortzulaufen. Denn in dieser Sekunde hatte ich mein Herz an einen Dämon verloren, den ich nicht haben konnte.
Meine Finger begannen auf dem Geländer zu beben. Ich konnte nicht Atmen, nicht denken. Jeder Gedanke kreiste um die eigenartige Offenbarung, die mir mein Herz gerade gemacht hatte. Und von jetzt auf gleich schien gar nichts mehr wie vorher zu sein. Ein Teil von mir, ganz gleich, ob es der Dämonische, Wilde oder der Menschliche war, ein Teil von mir hatte sich bereits für Varek entschieden, ob ich wollte oder nicht. Ein Gefühl, dem ich nichts entgegenzusetzen hatte, kratzte zart an der Oberfläche.
Wie ein Hauch, der mich mit der Zeit überrennen und durchfluten musste, wie die Luft, die ich atmete.
Plötzlich erklang ein metallisches Klicken. Die Klinke der Tür wurde heruntergedrückt und ein schmaler Streifen Licht fiel ins Innere des Wagens. Hinter Vareks schattenhafter Gestalt sah ich Kerzen, die auf maroden Schränken, auf Tischen und dem Boden abgestellt waren.
»Komm rein«, erklang seine Stimme. »Und schließ die Tür.«
Ich löste schnell die Hand vom Geländer und wagte den Schritt auf die dritte und letzte Stufe. Aus dem Inneren des Wohnwagens flog mir Vareks dämonischer Geruch entgegen. Ich schlüpfte durch den schmalen Spalt zwischen Tür und Rahmen und schloss die Tür hinter mir, ohne mich umzudrehen. Es war das feine Gefühl, dass etwas nicht in Ordnung war, das mich innehalten ließ.
Bei unserer letzten Begegnung war er auf William losgegangen. Ich war nicht sicher, auf welcher Seite wir beide standen. Doch als ich die Gegenwart seiner pulsierenden Dämonenaura fühlte, kehrte schnell Ruhe ein in mein aufgebrachtes Bewusstsein. Ich drehte mich um, lehnte mich mit dem Rücken an die Tür und hob den Blick zur Decke hinauf. Was ich dort erblickte, hatte ich schon einmal gesehen: ein Meer aus funkelnden, an dünnen Fäden hängende Glassplitter, die sich sanft drehten und unzählig viele Farben einfingen. Die vielen Talismane, die mich beschützten, als er mir dabei half, meine Wunden zu heilen.
Als mein Blick Varek streifte, zog er sich rasch zurück. Von mir abgewandt war der Dämon in die Ecke des kleinen Wagens gegangen, in der ein durchgelegenes Bett stand.
»Wieso bist du hier hergekommen?«, fragte er heiser, als hätte er beschlossen, mich endgültig als Wesen zu akzeptieren, das in diesem Moment Teil seines Einsamkeit geworden war.
»Ich hatte einen Traum von dir und wollte dich fragen, ob er echt ist.«
»So? Was hast du geträumt?«
»Es war genau dort, wo die schwarzen Wellen an den Strand geschlagen sind. Ich bin ins Wasser gegangen, geflohen vor etwas, das niemand außer mir sehen konnte.« Meine Stimme kippte. Selbst wenn der Traum noch immer wie ein schwarzes Tuch über mir schwebte, fühlte er sich leerer an nun, da ich ihn teilte. »Du bist in die Wellen gestiegen um mich zu retten und nie mehr fortgegangen. In diesem Traum bin ich Kadra gewesen. Es ist, als wäre etwas in mir zerbrochen, dass sie und mich trennte. Das war nicht mein Traum.«
Ein verächtlicher Laut drang aus der Kehle des Dämons. »Wieso erzählst du mir davon?«
»Also ist es wahr?«
Mit einem angedeuteten Nicken verzog Varek die Augen zu schmalen Schlitzen, verschränkte die Arme vor der Brust und musterte mich eisig. »Als ich Kadra traf, hatte sie sich in Layras Welt verirrt. Den Teil hinter dem Portal, der hin und wieder durchlässig für Sterbliche wird. Ich habe sie beobachtet, sah sie ins Wasser gehen und wusste nicht, ob sie aus eigener Kraft entkommen konnte. Doch als ich ihr Leben schwinden sah, wusste ich, was zu tun war. Ja. Was du gesehen hast, muss eine Erinnerung sein, die Kadra mit dir teilen wollte. Es ist wahr.«
Ich senkte die Augen zu Boden. »Ich war besorgt um dich.«
»Es besteht kein Grund dazu«, wehrte der Dämon ab und musterte mich vom Scheitel bis zu den Zehenspitzen. »Es geht mir gut.«
»Das sah anders aus, als du durch das Portal getaumelt und William an die Kehle gegangen bist.«
»Ich habe dir geschworen, dass ich ihm nichts tun werde!«, fuhr mir der Krieger wütend ins Wort. »Ich habe nie behauptet, ich würde mich nicht wehren, wenn die Situation es erfordert. Es geht ihm doch gut, nicht wahr?«
Ich ballte die Hände zu Fäusten. »Ich bin nicht hier, um dir Vorwürfe zu machen! Ich wollte sehen, wie es dir geht, weil ich das Gefühl hatte, dass du aufgewühlt warst, als du geflohen bist. Du wirktest verstört und ich weiß, dass sich deine Frist dem Ende entgegen neigt. Kannst du nicht einfach akzeptieren, dass ich mich um dich gesorgt habe?« Hilflos suchte ich sein Verständnis. »Bitte.«
Während ich ihn hoffnungsvoll musterte, schmolz sein Zorn dahin und verschaffte mir einen Einblick in sein gehetztes Inneres. Varek wirkte noch immer aufgewühlt. Etwas drohte ihn innerlich zu zerreißen und ich wusste, dass dieses Gefühl stärker wurde, je mehr Zeit verstrich. Doch durfte ich ihn einfach bitten, zu gehen?
»Varek«, nahm ich den Faden wieder auf. »Du hast versucht, dich mit deinem Vater zu versöhnen und er hat dir diesen Wunsch ausgeschlagen. Ich kann verstehen, wenn du wütend bist. Ich wüsste nicht, wie ich mich fühlen würde, wenn meine Mutter mich abgestochen und in Ketten gelegt hätte, aber bitte, sperr mich jetzt nicht aus. Ich wäre nicht hier, wenn du mir egal wärst.«
Seine Miene entspannte sich. Er atmete ruhiger. Mit zwei Schritten hatte er das Bett erreicht und ließ sich schwer darauf nieder. »In Sorge«, hörte ich ihn murmeln. »Ich bin die gefährlichste Kreatur innerhalb dieser Stadtmauern. Du musst dir keine Sorgen um mich machen.«
»Dann sag mir, was hinter dem Portal passiert ist. Du warst wie ausgewechselt, als du die Bar betreten hast. Was hast du gesehen?«
»Layra«, antwortete Varek. »Ich habe Layra gesehen.«
»Um Himmels Willen«, murmelte ich und hob eine Hand vor den Mund. »Hat sie dir.. ich meine, bist du verletzt?«
»Sie hat keine Macht in dieser Welt, also kann sie mich auch nicht verletzen. Es geht mir gut.«
»Aber sie weiß jetzt, wo du bist. Varek, du musst auf der Stelle die Stadt verlassen. Wenn sie dich einmal gefunden hat, dann findet sie dich auch wieder. Deine Zeit läuft ab.«
»Ich wollte schon den ganzen Tag mit dir reden.« Varek strich sich das Haar zurück. »Aber ich wusste nicht, wie. Ich habe mir gewünscht, du würdest deinen Gefährten packen und laufen, soweit du kannst. Aber da du noch hier bist, werden wir jetzt darüber sprechen müssen.« Seltsam träge faltete er die Hände im Schoß. »Ich werde nicht weglaufen dieses Mal. In den letzten Jahrhunderten habe ich alles verraten, woran ich geglaubt habe. Ich kann so nicht mehr leben.«
»Was heißt das?«
»Wenn sich diesmal das Portal öffnet, werde ich hier sein und es zu Ende bringen. Ich werde Layra ein letztes Mal entgegen treten. Gibt sie mich frei, werde ich verschwinden und niemals wieder kommen. Scheitere ich, muss sie sterben.«
»Ich verstehe nicht..«
»Wenn ich Layra nicht besiegen kann«, sagte Varek, »dann werde ich sie töten.«

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