"Wer bist du?"

Ich öffnete die Augen und sah mich um, dann erkannte ich den Raum. Ich glaubte beinahe, er müsste mir etwas fremd sein, doch dann sah ich die Poster meiner Lieblingsbands an den Wänden hängen und stellte fest, dass ich mich in meinem Zimmer befand.

Von unten vernahm ich ein Stimmengemurmel. Es klang nach Mom und auch nach Opa. Ich rappelte mich mühsam auf, sodass ich aufrecht im Bett saß. Mein Kopf tat unglaublich weh, meine Handgelenke waren verbunden und schmerzten wie die Hölle.

Ich schlug die Decke weg und entdeckte die Verbände um meine Knie. Es schien, als wären meine Beine grob gesäubert worden, doch an der Wade und an den Füßen befand sich Dreck.

Erst einige Sekunden später stand ich auf, ging über den Flur, hinein in das Bad und stellte mich vor den Spiegel. Ich sah grausam aus. Um meinen Kopf hatte ich einen weißen Verband. Meine Lippen waren so trocken und rissig, als hätte ich seit Wochen keinen Schluck Wasser gesehen. Nicht nur an den Waden, einfach überall auf mir, war Dreck.

Ich hatte blaue Flecken an den Armen, verbundene Handgelenke, eine kaputte Lippe und ich sah aus, als hätte ich wochenlang irgendwo verwahrlost gelebt. Der Kopf tat mir unglaublich weh.

Ich verließ das Bad und ging geradewegs die Treppe herunter, direkt in das Wohnzimmer. Noch in der Türe blieb ich stehen.

Meine Mutter sprang schluchzend auf und fiel mir um den Hals. „Endlich!“

Während sie mich im Arm hielt, sah ich ihr über die Schulter.

Noch im selben Moment stieß ein junger Mann meine Mom leicht weg und nahm mich in den Arm. „Endlich bist du wieder da, Douphne!“

Als er mich wieder losließ, sah ich ihn an und blickte ihm tief in seine rehbraunen Augen. „Wieder da?“

Ich sah mich in der Menge um. Ein weiterer junger Mann kam auf mich zu. Mir fiel die Prügelei zwischen Ben und Gary wieder ein. War er nicht dabei gewesen? Auf Bens Seite? Er kam zu mir und schloss mich so energisch in die Arme, dass ich glaubte, meine Rippen würden brechen.

Ben. Irgendetwas war mit Ben.

Ich schob ihn zögernd von mir weg und sah ihm in die Augen. Sein treu wirkender Blick war starr auf mich gerichtet, doch seine Augen wirkten müde.

Dann stellte ich die Frage, die allen Anwesenden die Sprache raubte. „Wer bist du?“

Sein Blick tat mir in der Seele weh und es traf mich wie ein Schlag. Er sah aus, als hätte ich ihm etwas Furchtbares angetan. Entsetzte Gesichtsausdrücke trafen mich, doch ich wusste nicht, warum.

„Irgendwas stimmt doch hier nicht. Mom? Opa? Wer sind all diese Leute und wo ist Alex?“

Eine Gruppe von Menschen stand vor mir, die mich fassungslos anstarrte. Der eine von ihnen noch immer dicht vor mir. Ein Fremder, der scheinbar verzweifelt meine Hand festhielt und den Eindruck machte, als würde er sie um keinen Preis wieder loslassen wollen.

„Douphne?“ Mein Großvater stellte sich zu mir und legte mir behutsam den Arm um die Schulter. „Erkennst du sie etwa nicht? Das sind deine Freunde.“

Ich sah durch die vielen Gesichter.

Ein junges Mädchen mit blonden Haaren. Ein großer Mann, der aussah, als wäre er gerade aus dem Bett gekrochen und seine Haare standen wüst in alle Richtungen.

Ein weiterer, wirklich gutaussehender Kerl mit einem sympathischen Gesichtsausdruck.

„Dich kenne ich!“ Ich deutete auf ihn. „Du arbeitest doch im Café neben meiner Schule.“

Dem Mann traten Tränen in die Augen. „Ja genau. Ich arbeite dort. Du kommst jeden Tag nach der Schule vorbei, erzählst mir immer wie dein Tag war und beschwerst dich über andere Leute oder erzählst mir, was dich bedrückt.“

Seine Stimme klang flehend, als müsste ich mich daran erinnern.

 „Ich wüsste nicht, dass wir schon einmal miteinander geredet haben.“ Mein Blick ging weiter durch die Runde.

Da war ein gutaussehender, junger Kerl. Er wirkte leicht überheblich, ein bisschen geistesabwesend, doch auch er war wohl wie auf Kommando aus dem Bett gesprungen. Sein Blick war gesenkt und er schien den Kopf leicht zu schütteln.

Schließlich waren da die beiden jungen Männer, die mich umarmt hatten. Der eine stand noch immer vor mir. Er trug ein Unterhemd, durch das man den gut trainierten Oberkörper sehen konnte, und eine Jogginghose, als hätte er keine Zeit gehabt, sich etwas anderes anzuziehen. Auch er hielt den Blick inzwischen gesenkt.

Der andere schien, ebenso wie der Mann aus dem Café, den Tränen nahe zu sein.

Schließlich wandte sich der Arzt an mich, den ich aus dem Krankenhaus in Spellington kannte. „Douphne, verrate mir mal, woran du dich erinnern kannst.“

Ich überlegte und schließlich fiel es mir wieder ein. „Ich ging mit Alex zur Schule, wie jeden Tag. Am Abend war ich spazieren. Ben geriet in einen Streit mit Gary und die beiden prügelten sich.“

Aus irgendeinem Grund schien das alles schon so weit zurückzuliegen.

„Irgendetwas stimmt mit mir nicht, oder?“ Ich hatte Angst. Was war nur los mit mir? „Ich habe Kopfschmerzen und unzählige Verletzungen. Was ist mir passiert?“

„Diese Antwort hätten wir so gerne von dir bekommen.“ Der Arzt sah mich voller Mitleid an.

 

„Was soll das heißen, Dr. Andrews?“ Mein Großvater war entsetzt.

„Es heißt genau das.“ Der Arzt wirkte traurig. „Douphne ist laut der Aussage dieses Mannes gestürzt. Sie war bewusstlos, bis sie hier wieder zu sich gekommen ist. Ich fürchte, dass dieser Sturz und der Stress, dem sie ausgesetzt war, ihr Gedächtnis beschädigt haben. Sie leidet unter Amnesie.“

Kai saß zusammengesunken auf der Couch, hatte den Kopf auf den Armen und die Ellbogen auf den Knien gestützt.

„Wie es scheint, hört ihre Erinnerung an dem Tag auf, an dem Benjamin Grolf eine Prügelei angezettelt hat. Sie erinnert sich anscheinend an niemanden, der erst nach diesem Tag in ihrem Leben aufgetaucht ist. Sie erinnert sich an nichts, was seitdem passiert ist.“

 „Was können wir dagegen tun?“ Ray war völlig übermüdet, doch er versuchte, es zu verstehen.

„Es gibt nicht viel, das man tun kann“, erklärte Andrews. „Es ist eine Sache, die Zeit braucht. Douphnes Unterbewusstsein schützt sich, weil es die Ereignisse nicht verarbeiten kann. Der Kopf sucht sich eine Zeit, in der alles in Ordnung war und blockt alles andere ab. Vermutlich war sie damals glücklicher, als sie es in letzter Zeit war. Vielleicht hängt es auch mit Orten oder Personen zusammen. Ihre Mutter lag lange im Koma, das hat sie mitgenommen. Sie glaubte wochenlang, dass ein wichtiger Mensch in ihrem Leben tot ist, nachdem sie mit ihm in einer Höhle verschüttet war. Und Gott weiß, was ihr in den letzten Wochen widerfahren ist. Es ist ein Trauma, anders kann ich es mir nicht erklären. Es wird vermutlich einen Tag geben oder ein Ereignis …, dann kommen die Erinnerungen zurück. Bis dahin kann man nur versuchen, ihre Erinnerung durch Bilder oder Geschichten wiederherzustellen.“

Kai stand auf und verließ das Wohnzimmer. Ich stand am Küchenfenster und sah ihn, wie er das Haus verließ. Ich überlegte kurz, was ich tun sollte, dann entschied ich mich und folgte ihm.

Er blieb an der Straße stehen und schien dann rastlos auf und ab zu laufen. Als er mich sah, hielt er inne und wandte sich von mir ab. Ich ging auf ihn zu, doch er schien sich immer wieder von mir abzuwenden, umso mehr ich ihm in die Augen sehen wollte.

„Ich fühle mich mies. Wirklich, das tue ich. Ich sollte mich an dich erinnern, nicht wahr?“ Er antwortete nicht. „Der Arzt hat gesagt, meine Art der Amnesie ist nicht für immer. Er meinte, dass mein Kopf unangenehme Dinge abschirmt wegen dem Stress, dem ich ausgesetzt war. Ihr könntet mir dabei helfen, mich zu erinnern. Ich weiß nicht, wie wir zueinander stehen, doch ich würde gerne wissen, ob du mir helfen würdest.“

Kai drehte sich leicht zu mir um, ließ den Blick aber weiterhin gesenkt und vergrub die Hände in den Taschen der Jogginghose. „Ich denke nicht, dass ich das kann.“

„Ich bitte dich!“ Ich bat ihn leise, kaum hörbar. „Du bist hier. Anscheinend kennst du mich sehr gut und ich habe einfach gehofft, dass wir uns nahestehen, weil du so emotional reagiert hast.“

„Man hat schon viel zu mir gesagt, aber nie, dass ich emotional wäre.“ Er schüttelte den Kopf.

„Du warst bei Ben, als Gary von ihm geschlagen wurde.“ Ich wurde entschlossener. „Ich weiß wirklich nicht, warum ausgerechnet du hier bist. Ich weiß nicht, wo Alex ist. Das sind aber Dinge, die ich wirklich gerne wissen würde. Ich frage dich doch bloß, ob du in Erwägung ziehen könntest, mir zu helfen.“

„Douphne, es tut mir leid.“ Er sah völlig fertig aus. „Ich kann jetzt einfach nicht ...“

„Kai?“

Wir drehten uns um und vor uns stand der andere junge Mann, der aussah, als würde er noch ins Bett gehören. Er sah ziemlich fertig aus mit seinen strubbligen Haaren und den Augenringen. Er hatte wohl eine Weile nicht mehr geschlafen.

„Was denn, Jess?“

„Da drin ist jetzt so eine Art Krisensitzung“, fuhr er fort. „Ich bin ehrlich gesagt nicht besonders scharf darauf und du weißt ja, wahrscheinlich bin ich auch nicht gerade der Beliebteste dort. Vielleicht gehst du rein und ich gehe mit Douphne ein bisschen spazieren?“

„Das musst du sie fragen.“

Als beide mich ansahen, zuckte ich bloß zögernd mit den Schultern.

„Ich denke, dass alles, was da drin gesagt wird, mich nur unnötig verwirren würde.“ Ich versuchte, zu lächeln. „Nur kann ich doch nicht so unter Leute gehen, oder?“

Jess reagierte nicht, stattdessen sah er Kai an. „Na meinetwegen. Nimm sie mit zu dir. Da kann sie duschen und sich frischmachen. Ich melde mich, wenn es etwas Neues gibt.“

Er wandte sich von uns ab und ging zurück ins Haus.

„Heute Abend?“ Ich rief es ihm noch hinterher, doch er antwortete nicht.

 

Nach einer langen und heißen Dusche, bekam ich von Jess ein T-Shirt und eine Jogginghose. So saß ich mit ihm im Park, in Spellington an der alten Eiche, dem Stammplatz, an dem ich mich immer mit Alex und den anderen traf.

„Ich wollte eigentlich von Kai ein paar Dinge erfahren.“ Ich drehte mich, im Schneidersitz sitzend, auf der Bank zu ihm. „Vielleicht kannst du mir aber auch Informationen geben. Was habe ich alles getan? Was ist passiert und warum tut mir jeder verdammte Zentimeter meines Körpers weh?“

Jess lächelte.

„Ich kann dir leider nicht viel erzählen“, entschuldigte er sich. „Du bist bei Kai schon genau an der richtigen Adresse, denn er und Ray, waren die ersten von uns allen, die du kennengelernt hast.“

 „Was kannst du mir denn erzählen?“

„Etwas über deine Beziehung zu den Menschen hier.“ Er drehte sich zu mir und sah mich aufmerksam an. „Ich kann dir erzählen, was an dem Tag passierte, an dem du verschwunden bist. Was in der Zeit hier los war, als du weg warst. Ich kann dir von dem Chaos erzählen, das gestern Abend hier herrschte.“

Ich nickte heftig, wollte so viel wie möglich wissen, denn ich wollte mich, so schnell wie möglich, wieder an alles erinnern.

„Dann fange ich mal bei dir und Van an“, begann Jess und hielt mir sein Handy hin, auf dem er mir nach und nach Fotos zeigte. „Das bei dir und Van ist eine gute Freundschaft. Er leitet die Disco hier im Dorf und wir sind hin und wieder mal da. Du hast dich mal mit einer Reporterin angelegt, wegen ihm. Die hatte es dann auf dich abgesehen und wollte dich in aller Welt schlechtmachen, was ihr aber nicht gelungen ist.“

Ich nickte. „Also ist Van ein Freund von mir.“

„Du hast dich ja bereits an Luk erinnert“, fuhr Jess fort. „Er arbeitet im Café neben der Schule. Den größten Teil deiner Freizeit verbringst du, mit uns allen, bei ihm. Er ist für dich wie ein großer Bruder, denke ich. Wenn du Sorgen hast, oder Ratschläge brauchst, dann gehst du meistens zu ihm. Er hat immer ein offenes Ohr für dich. Ihr beide seid sehr gut befreundet.“

Ich sah ihn verblüfft an. „Ich wusste nicht, dass es noch so einen Menschen in meinem Leben gibt. Ich brauchte eigentlich immer nur Alex. Wo ...“

„Auf jeden Fall wäre da noch Caitlin“, fuhr Jess hastig fort und ich war von seinem Verhalten irritiert. „Sie ist Kais Cousine. Ihr habt euch ziemlich schnell angefreundet. Sie ist quasi das nette Gegenstück zu Kai.“

Was sollte das bedeuten? War Kai nicht nett? Mich überkam ein ungutes Gefühl. Ich fühlte mich verloren.

„Nun ja … Kai und du, das sollte dir vermutlich lieber Ray erzählen. Ich weiß längst nicht alles und das zwischen euch war schon immer alles …, nur nicht einfach.“

Er grinste und sogar ich musste schmunzeln.

„Irgendwie fällt es mir gar nicht schwer, dir das jetzt zu glauben. Gerade war er einfach nur kühl und abweisend zu mir. Kann es sein, dass er mich eigentlich gar nicht mag?“

Jess schüttelte energisch den Kopf, um mich von diesem Gedanken abzubringen.

„Ich hab nicht viel Gutes an Kai zu lassen, weil wir uns nicht besonders gut verstehen, aber eines kann ich dir mit absoluter Gewissheit sagen.“ Er sah mir in die Augen. „Du bist mit Ray der wohl wichtigste Mensch in seinem Leben. Er war immer da, wenn du in Schwierigkeiten gesteckt hast. Ihr beide seid wirklich sehr gut befreundet.“

Jess seufzte.

„Du musst nur verstehen, dass er sich Sorgen um dich gemacht hat. Vermutlich mehr, als jeder andere von uns. Er würde es nicht zeigen, vor allem nicht vor mir, aber es hat ihn mit Sicherheit schwer getroffen, dass du dich nicht an ihn erinnern kannst. Er ist nicht die Art von Mann, dem es leicht fällt, Gefühle zu zeigen.“

Ich sah ihn erst verblüfft an, dann senkte ich den Blick. „Und welche Rolle spielst du in meinem Leben?“

Jess lächelte mich an und zögerte einen nur so kurzen Moment, dass ich es nicht bemerkte. „Wir sind Freunde. Wir haben ein bisschen was zusammen durchgemacht und das hat uns verbunden. Wir sind wirklich gute Freunde.“

Das klang beruhigend. Es tat gut, das zu hören. Ich brauchte einen Freund.

„Was ist mir passiert, Jess?“ Ich klang traurig, denn ich war es auch, fühlte mich verloren und völlig allein.

„Wir waren am letzten Schultag im Vergnügungspark“, berichtete er. „Wir waren gerade an einem Stand, als du alleine zur Toilette gegangen bist und plötzlich hörten wir Caitlin schreien. Wir sahen, wie du von einem maskierten Mann in ein Auto geschleppt wurdest und sind sofort losgerannt, doch er fuhr so schnell weg, dass wir gerade noch das Kennzeichen erkennen konnten. Wir riefen die Polizei und sie fingen sofort an, dich zu suchen. Drei Wochen lang gab es immer neue Spuren, doch nie fand man dich. Gestern Abend saßen wir alle bei Luk im Café und Caitlin sagte noch, dass du vielleicht in dem Wald wärst, wo wir mal gezeltet haben. Ihr beide habt dort einen Aufstand gemacht, weil ihr der Meinung wart, jemand hätte euch beobachtet. Anscheinend hattet ihr Recht. Der Mann, der dich entführt hat, heißt Rupert Every. Er sitzt nun im Gefängnis, bis du dich erinnerst und eine Aussage machen kannst. Als deine Mutter uns gestern Abend spät noch anrief und uns sagte, dass du gefunden wurdest, sind wir sofort zu dir gekommen. Du hattest nur äußere Verletzungen und Prellungen, doch nichts Ernsthaftes, deshalb wurde darauf verzichtet, dich in ein Krankenhaus zu bringen. Man wollte, dass du in einem vertrauten Umfeld aufwachst. Du hast Every anscheinend mit einem Brecheisen bewusstlos geschlagen und bist geflohen, hast dir bei der Flucht aber den Kopf angeschlagen, deshalb die Amnesie. Wir saßen die ganze Nacht im Wohnzimmer und haben darauf gewartet, dass du wachwirst. Wir wollten erfahren, was dir passiert ist. Wie es aussieht, werden wir darauf aber alle noch eine Weile warten müssen.“

Ich saß nur stumm da. Was konnte ich schon dazu sagen?

„Wie genau stehe ich zu Ray?“ Mir fiel auf, dass Jess bisher nicht erwähnt hatte, was uns verband. „Er schien sehr viel Angst um mich gehabt zu haben.“

Jess sah aus, als suchte er einen Ausweg. „Das ist nicht so einfach. Du denkst, alles ist soweit beim alten, doch das ist es nicht. Ray ist sozusagen dein bester Freund … Nicht sozusagen, er ist es.“

Ich riss die Augen überrascht auf. „Aber ...“

„Es gibt kein aber.“ Jess nahm meine Hand. „Du erinnerst dich nicht, doch kurz nachdem Kai und Ray in deine Klasse kamen, zogen Alex und Gary weg. Alex hat sich seitdem nicht mehr oft blickenlassen, deshalb hast du dich mit Ray angefreundet. Er hat seinen Platz eingenommen. Letztes Jahr an Weihnachten hast du Alex davongejagt. Du magst ihn eigentlich nicht mehr, weil er dich damals alleine gelassen hat, als du ihn am meisten gebraucht hast. Außerdem hatten er und Kai unüberwindbare Differenzen und du hast dich letztlich auf Kais Seite gestellt.“

Ich konnte es nicht glauben. Für einen kurzen Augenblick ging ich davon aus, dass Jess mich veralberte.

„Alex ist also weg und ich habe mich tatsächlich gegen ihn und für Kai entschieden?“

Ich kannte Alex mein ganzes Leben lang und nun erzählte mir ein Fremder, dass ich einen anderen Fremden meinem besten Freund vorgezogen hatte.

Plötzlich stand ich, wie von selbst, auf und sah Jess entschlossen an. „Versteh mich nicht falsch, doch ich kenne im Moment keinen von euch und der einzige, der mir jetzt nicht fremdgewesen wäre, der ist weg. Ich möchte woanders hin. Zu jemandem, den ich schon vorher kannte.“

Jess stand auf und lächelte müde. „Es wartet ohnehin jemand sehnsüchtig darauf, dich wiederzusehen.“

Er brachte mich zu Enya und Thalia, die mir sofort kreischend und weinend zugleich um den Hals fielen. Ich war so froh, jemanden zu sehen, den ich bereits kannte, dass ich Jess bat, zu gehen.

 

Während ich Zeit mit den Mädchen verbrachte, saßen alle anderen versammelt in meinem Wohnzimmer. Inzwischen war die Krisensitzung allerdings in einen richtigen Streit ausgeartet.

„Davon halte ich nichts“, wandte Kai sich an meine Mutter.

„Du kannst dich da nicht gegenstellen“, ermahnte sie ihn. „Was für eine Rolle sollte es spielen, was du willst?“

Kai stand auf und ging auf sie zu.

„Jeder in diesem Raum weiß, was meine Meinung Douphne bedeutet!“ Er war aufgebracht. „Als wäre es nicht schlimm genug, dass sie sich nicht an uns erinnert! Jetzt stellen Sie sich hierhin und wollen sie manipulieren!“

„Ich will sie nicht manipulieren“, schrie Mom. „Ich will eine zweite Chance bei meiner Tochter, die mir sonst niemals verzeihen kann, dass sie ihren Vater nicht kennenlernen wird!“

„Sie wird sich eines Tages wieder erinnern und dann wird sie wieder wütend sein! Sie versuchen, Zeit zu schinden, doch das bringt nichts!“

„Ich verlange von dir, es für dich zu behalten, Kai!“

„Ich werde nicht heute Abend auf sie zukommen und ihr sagen, was Sie abgezogen haben und dass sie Sie hasst!“ Kai konnte sich kaum noch beherrschen. „Aber Sie wissen, wie Douphne ist! Sie hinterfragt gerne die Dinge und sie wird dahinterkommen, dass sie bei mir wohnt und dann wird sie wissen wollen, weshalb und wenn sie mich fragt, dann werde ich sie sehr wohl daran erinnern, was Sie für ein Mensch sind!“

„Dazu wird es nicht kommen“, schrie meine Mutter ihn an. „Denn sie wird nicht mehr bei dir wohnen. Ab sofort wohnt sie wieder hier, wo ich kontrollieren kann, mit wem sie sich abgibt.“

„Mit anderen Worten, Sie wollen Douphne von uns fernhalten!“ Kai verschränkte wütend die Arme.

„Nein, ich will sie bloß von dir fernhalten!“ Meine Mutter erwiderte seinen Blick genauso kaltherzig. „Du bist nicht der richtige Umgang für meine Tochter und das wird sich niemals ändern! Du wirst dich nie ändern können! Ich lasse nicht zu, dass meine Tochter noch einmal so wird wie du!“

„Ich lasse mir Douphne nicht von Ihnen wegnehmen!“ Dass Kai diesen Satz so direkt aussprach, löste im Raum keine besonders große Verwunderung aus.

„Es ist mir gleich, was du glaubst, was ihr zwei habt! Sie ist meine Tochter und ich entscheide! Ich will, dass du dich von ihr fernhältst!“ Sie warf einen Blick zur Türe, denn dort lehnte inzwischen Jess. „Und ihn lasse ich auch nicht mehr in ihre Nähe!“

„Wie richtig ich doch lag, dass ich hier nicht erwünscht bin“, grummelte Jess und sah dann gezielt Kai an. „Trotzdem … Was ist hier los?“

„Offenbar sind sich hier alle darüber einig, dass man Douphne nicht erzählen sollte, dass sie ihre Mutter hasst!“ Kai starrte ihn an. „Und ich bin anscheinend hier der einzige, der findet, dass das nicht in Ordnung ist!“

Jess sah zu meiner Mutter. „Nein, bist du nicht.“

Kai wollte nichts mehr hören und stürmte aus dem Haus. Ray ging ihm sofort hinterher, während Jess sich an Van und die anderen wandte.

„Das kann nicht euer Ernst sein. Irgendwann wird sie sich daran erinnern und euch sollte klar sein, dass sie euch dann dafür hassen wird, weil ihr versuchen wolltet, ihr das zu verschweigen!“

Er schüttelte verständnislos den Kopf, dann ging er Kai ebenfalls hinterher.

„Jetzt warte!“ Ray hielt seinen besten Freund zurück. „Möchtest du Douphne nicht auch die Chance geben, wieder richtig glücklich zu werden?“

„Sie war glücklich bei uns.“ Kai wirkte verletzt. „Es ging ihr gut. Sie hatte Freunde, die sich um sie gekümmert haben. Sie konnte ihr Leben lang ohne einen Vater leben und mittlerweile kann sie es auch ohne ihre Mutter! Sie hat nur uns gebraucht und wir waren gerne für sie da und das soll verdammt nochmal so bleiben.“

„Du stellst dich auf die falsche Seite.“ Ray schüttelte sanft den Kopf.

„Nein, auf der falschen Seite seid ihr! Ganz besonders du, als ihr bester Freund, Ray“, ermahnte Kai ihn wütend. „Ihr denkt an das Wohl ihrer Mutter, doch es geht hier nicht um diese Frau, sondern um deine Freundin, Ray! Sie hat ein Recht darauf, alles zu erfahren. Ganz besonders die schlechten Zeiten mit Matt und all den anderen. Sie hat ein Recht darauf, zu wissen, wer wir sind. Sie soll sich an uns erinnern!“

Kai klang verzweifelt, doch Ray lächelte sanftmütig.

„Sie wird sich wieder an dich erinnern.“ Er sprach leise, wollte seinem besten Freund Hoffnung machen. „Ich glaube, dass sich irgendwann alles positiv klären wird und ich denke, dass Douphne dann das alles hier versteht.“

„Glaubst du das wirklich?“ Kai ließ ihn einfach stehen, weil er zu müde war, um noch weiter darüber zu streiten.

Ray warf Jess einen Blick zu, den er bis dahin kaum bemerkt hatte.

„Sieh‘ mich nicht so an“, sagte der jedoch nur. „So komisch sich das jetzt anhört … Ich bin hier vollkommen auf Kais Seite. Einer von uns wird es ihr sagen und da kann keiner von euch etwas gegen tun.“

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