Frank überprüfte ein letztes Mal ihre Ausrüstung. Heute Nacht war es soweit und es durfte nichts schief gehen. Er nickte zufrieden. Der Akku der Kamera war voll aufgeladen, das Richtmikrofon kalibriert und der Laptop mitsamt Surfstick sicher in der Tasche verstaut. Jetzt musste er nur noch auf Martin warten, der sich gerade im Badezimmer fein machte. Frank packte die Ausrüstung zusammen und ging zur Badezimmertür, an die er klopfte. »Bist du endlich fertig? Wir haben nicht die ganze Nacht Zeit.«

Anstatt einer Antwort kamen Schritte zur Tür, die sich dann endlich öffnete. Franks Herz setzte einen Schlag aus, als er sich einer zwei Meter großen Gestalt in einem Clownskostüm gegenüber sah, die auf ihn herabblickte. Mordlust glitzerte in ihren gelben Augen und ihr dämonisches Grinsen entblößte eine Reihe spitzer Zähne, zwischen denen einzelne Fleischbrocken hingen. Als die Gestalt die Arme hob, zuckte Frank vor Schreck zusammen. Er konnte nun verstehen warum manche Menschen Angst vor Clowns hatten.

»Scheiße Mann, dein Outfit ist wirklich perfekt; du hast dich eindeutig selbst übertroffen. Das wird bestimmt ein hammergeiles Video! Ich kann es kaum erwarten. Brauchst du noch was oder können wir los legen?«

Martin sagte nichts, sondern ging zum Schrank und entnahm einen Baseballschläger, den er locker über der Schulter trug. Frank grinste breit, schnappte sich die Ausrüstung und ging gemeinsam mit Martin aus der Wohnung.

 

***

 

Aufziehende Nebelschwaden dämpften das Licht der Straßenlaternen und der Autoscheinwerfer. Aus den Lautsprechern drang leise das nächtliche Musikprogramm eines regionalen Radiosenders und übertönte das monotone Brummen des Motors.

»Fahr nicht so schnell«, sagte Martin, der gelangweilt aus dem Fenster blickte.

»Außer uns ist niemand unterwegs! Was soll passieren?«

»Wir könnten von einer Polizeistreife kontrolliert werden, was ein Problem werden könnte. Denk an unser letztes Projekt.«

Frank begann zu glucksen, lockerte jedoch seinen Druck auf das Gaspedal und ließ den Wagen auf die zugelassene Geschwindigkeit laufen. Martin verdrehte die Augen. Er wusste was gleich kommen würde. Die beiden hatten sich im Laufe der letzten drei Jahre eine Existenz als Amateurfilmer im Internet aufgebaut und waren auf Streiche spezialisiert. Sie versuchten dabei alle möglichen Themenbereiche abzudecken, angefangen bei harmlosen Dingen wie eine mehr oder weniger gezielt geworfene Torte bis hin zu scheinbaren Verbrechen, wie Bankraub oder Entführung.

»Es ist wirklich eine Schande, dass wir das Gesicht der Polizisten nicht aufgenommen haben, als sie dich Nackt und gefesselt im Kofferraum sah und du ihr erklärtest, dass alles halb so wild sei und wir nur Spaß machten.«

Martin seufzte schwer. Auch wenn seit dem Vorfall mehrere Monate vergangen waren, konnte Frank es nicht lassen ihn immer wieder damit aufzuziehen.

»Nächstes Mal bauen wir auch auf der Rückbank eine Kamera ein, wäre das in Ordnung für dich? Dann hast du gleich mehrere Perspektiven, die du dann zusammenschneiden kannst.« Obwohl sie manchmal mit Laienschauspielern zusammenarbeiteten, waren sie die meiste Zeit ein Duo. Die Ideen für ein Projekt erarbeiteten sie gemeinsam, Martin kümmerte sich um die Verkleidung und die Requisiten, während Frank den Schnitt und die finalen Arbeiten übernahm, ehe das fertige Video hochgeladen wurde.

»Dafür brauchen wir aber ein paar Aufrufe mehr auf unserem Kanal, mein Baby kostet ein paar hundert Euro und die müssen wir erst verdienen.«, antwortete Frank.

»Ich weiß, aber das machen wir ja auch gerade. Wenn wir aber schon mal beim Thema sind: Was erwartet mich?«

Frank runzelte die Stirn und sah Martin verwundert an.

»Hast du dir nicht die Dokumente angesehen, die ich dir in unserem gemeinsamen Netzwerkordner abgelegt habe?«

»Die habe ich mir angesehen, aber aus Bildern des Drehorts, einer Karte mit diversen Einzeichnungen sowie deinen spärlichen Kommentaren kann ich mir schwer zusätzliche Regieanweisungen herausarbeiten. Wie weit soll ich gehen? Was ist erlaubt?«

»Hmm«, entgegnete Frank. Martin warf beiläufig einen Blick zur Seite und musterte ihn. Er konnte sehen, wie sein Freund angestrengt nachdachte. Nach einigen Minuten brach er endlich sein Schweigen.

»Fang‘ langsam an, der Typ sitzt die meiste Zeit in seinem Wohnzimmer am Laptop und schaut ab und zu auf. Der scheint mit irgendwas beschäftigt zu sein, vielleicht ist er eine Art Schriftsteller oder Künstler. Er hat jedenfalls jede Menge Bücher bei sich daheim rumstehen und macht einen eher ruhigen und gefassten Eindruck. Er ist der klassische Spießer: gepflegte Jeans, ordentliche Frisur, stets rasiert und immer in Hemd oder Pullover und Hemd unterwegs. Ich glaube es wäre der falsche Ansatz ihn sofort zu erschrecken. Betritt am besten den Lichtkreis und warte bis er dich bemerkt, ehe du näher kommst. Schwing dabei ein bisschen die Keule und wirke bedrohlich. Versuche ihm auf jeden Fall Angst zu machen, vielleicht kannst du ja noch versuchen ins Haus zu kommen. Das wäre das absolute Highlight!«

»Und was ist wenn etwas schief geht?«

»Wie meinst du das?«

»Was ist wenn er raus kommt oder Hunde los lässt?«

Frank zuckte einfach mit den Schultern. »Dann lauf weg. Ernsthaft: Sobald du merkst, dass etwas merkwürdig wird, verschwinde. Wir treffen uns dann am Auto wieder.«

Martin nickte bestätigend. Er hatte schon einen groben Ablaufplan erfasst und nutzte den Rest der Fahrt um sich mental auf seinen Auftritt vorzubereiten. Frank hingegen fing an mit seinen Finger auf dem Lenkrad im Takt der Musik zu trommeln und kicherte bei der Vorstellung wie ihr auserkorenes Opfer reagieren würde. Das würde ein gewaltiger Spaß werden, die Klickzahlen würden explodieren! Endlich erreichten sie ihr Ziel und stiegen aus. Frank musterte die Umgebung. Alles war perfekt. Ein bewölkter Himmel verdeckte den Vollmond und um diese Uhrzeit kamen ihnen keine Passanten entgegen. Obwohl die Luft schneidend kalt war, setzte Frank sich seine Basecap auf, drehte den Schirm nach hinten und steckte sich noch eine Zigarette an. Es waren diese kleinen Momente vor dem Beginn eines Drehs, die ihm einen besonderen Kick gaben. Er fühlte sich dabei immer wie jemand, der auf der Plattform unter einer Brücke stand und sich dann mit einem Bungee-Seil mehrere Meter in den Abgrund stürzen würde. Martin ging derweil auf und ab und schwang den Baseballschläger bedrohlich hin und her und murmelte unverständliche Worte zu sich selbst. Nach seinem letzten Zug schnippte Frank die Zigarette weg, öffnete den Kofferraum, nahm die Ausrüstung und gab Martin das Zeichen zum los legen. Gemeinsam ging das ungleiche Paar auf die Straße herunter und verschwand im dunklen Waldstück.

 

***

   

Dumpfer, pochender  Schmerz füllte seinen Kopf aus. Was war passiert? Wie war er hier her gekommen? Und was war das für ein beißender Geruch, der ihm in die Nase stieg und unangenehme Erinnerungen an Krankenhäuser und Arztpraxen weckte? Mühsam öffnete Frank die Augen und kniff sie umgehend wieder zusammen als er von flackernden Licht aus Neonlampen geblendet wurde. Als sich seine Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten musterte er neugierig seine Umgebung. Der Raum, in dem er sich befand, war komplett gefliest. Mehrere Abflüsse waren im Boden eingelassen; Gartenschlauch und Wasserhahn befanden sich an der Wand gegenüber, direkt neben mehreren Tischen und Regalen aus Edelstahl. Die Gegenstände, die er erblickte, verliehen seiner Situation einen Hauch des Bizarren. Er hatte den Eindruck im Lager eines Händlers zu sein, der sowohl Hobbyheimwerker, Zahnärzte als auch Betreiber von SM-Studios ausrüstete. Gegen seinen Willen fing er laut an zu lachen. Das konnte nicht wahr sein, das war alles viel zu skurril und schien einem Trashfilm entsprungen zu sein. Fast wäre er vor Lachen vom Stuhl gekippt, wären da nicht die Fesseln an Händen und Füßen gewesen. Schlagartig kam die Erinnerung zurück und sein Lachen erstarb.

Alles war soweit nach Plan verlaufen. Martin hatte einen Kiesel gegen das Fenster geworfen und kam dann langsam Näher, den Schläger bedrohlich schwingend. Jedoch war der Mann nicht erschrocken, sondern stand auf und ging ans Fenster. Martin kam so nah wie möglich näher und schlug mit der flachen Hand mehrmals gegen die Scheibe. Der Mann zeigte sich unbeeindruckt, aber dann kam etwas, womit weder Martin noch Frank gerechnet hatten. Anstatt weg zu laufen oder die Polizei zu rufen öffnete der Mann seine Hose, griff hinein und holte seinen Penis heraus. Nicht, dass diese Aktion ungewöhnlich genug war, es war darüber hinaus noch das Aussehen, welches einen starken Kontrast zu dem sonst so unscheinbaren Mann bildete. Frank hatte zwar schon viel gesehen, aber noch nie einen dickbäuchigen, asiatischen Teufel, der auf einen Penis tätowiert war und dessen Bauch und Hörner durch Piercings dargestellt waren. Als er dann noch dreimal gegen die Scheibe schlug und dem Clown sagte, dass es nur für ihn sei war es zu viel.

Martin  und Frank ergriffen die Flucht. Der Motor ihres Wagens gab nur ein Stottern von sich und beide waren viel zu sehr damit beschäftigt zu lachen und zu fluchen um die dunkle Gestalt zu sehen, die näher kam und die Scheibe Einschlug. Franks Lachen verwandelte sich in ein panisches Schreien als ein stechender Schmerz ihn durchfuhr und er das Bewusstsein verlor.

Und jetzt war er hier. Gefesselt an einem Stuhl mit Blick auf Regale in denen sich Hämmer, Bohrer, Peitschen, Zangen, Ballknebel und Dildos nebeneinander reihten. Hinter sich hörte er ein Stöhnen: Das musste Martin sein! Er rief leise seinen Namen und fragte ob er in Ordnung sei, aber Martin stöhnte nur weiter. Frank zerrte verzweifelt an seinen Fesseln und sank zurück in seinen Stuhl. Es war hoffnungslos. Sein Kopf dröhnte immer noch und nur langsam verknüpfte sein Verstand die einzelnen Bestandteile des Puzzles. Ihm wurde übel, als er den Ernst seiner Lage begriff. Erschrocken zuckte Frank zusammen, als die Tür aufging und eine groß gewachsene Gestalt den Raum betrat, die einen Servierwagen vor sich herschob. Ihr Gesicht wurde von einer schwarzen Ledermaske verhüllt, die einen Kontrast zur weißen Fleischerschürze und den gelben Gummistiefeln bildete. In aller Seelenruhe positionierte sie den Servierwagen so, dass die Kamera alles erfassen konnte und wandte sich Frank zu. Dieser fing an zu wimmern, ahnte er bereits wage, was ihm bevorstünde. Er wimmerte kläglich, als die Gestalt auf ihm zutrat und ihm einem Ballknebel in den Mund steckte und ihm sanft über das Gesicht strich.

»Pscht«, sagte die Gestalt mit einer Männerstimme, die ein angenehmes Timbre hatte. »Ich weiß, dass ihr kleinen Scheißer euch nur einen Scherz erlauben wolltet, aber ihr seid nun einmal an den Falschen geraten. Seid unbesorgt, wir werden noch jede Menge Spaß miteinander haben aber glaub mir, am Ende bin ich es, der zuletzt lacht.« Der Mann wandte sich um, schaltete Franks Computer ein und rief deren Website auf. Frank konnte sehen, dass über ihren Kanal für den heutigen Tag eine besondere Liveübertragung stattfinden würde und die Teilnehmerzahlen waren astronomisch hoch. Unheimlich langsam bewegte ihr Peiniger den Mauszeiger auf den Startknopf und begann die Übertragung mit einem sanften Klick.

Mit rasenden Herzen beobachtete Frank, wie der Mann eine Schere aus einem der Regale nahm und näher trat. Er schloss die Augen und versuchte sich auf den Schmerz vorzubereiten, aber er kam nicht. Stattdessen zerschnitt der Mann mit der Maske nur die Kleidung seines Opfers und ließ es einen Moment zurück. Franks Blase entleerte sich, als er sah wie der Mann einen großen Fleischhammer ergriff und näher kam. Irrsinniger weise fing Frank an zu lachen, der Mann mit der Maske fiel ebenfalls in das Lachen ein, hob dem Hammer und zeigte der Welt auf welch vielfältige Art und Weise man Lachen in Schreien verwandeln kann.

Kommentare

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    *Enthält kleinere Spoiler* Das Ende erinnert einen an eine Mischung aus Hostel und Pulp-Fiction :D Ich find's echt unterhaltsam. Der Typ mit dem Teufelspimmel hat ja echt einen an der Klatsche, mit dem würd ich mich sehr gerne mal näher unterhalten ^^ Die ganze Story ist wohl viel mehr ein (durchaus gelungenes) Experiment als eine echte "Gruselstory", da man sich ja zu keinem Zeitpunkt im klassischen Sinne gruselt und sogar der Klappentext im Endeffekt schon ein bisschen spoilert - wie ein Videotitel der lautet "Clown prank goes horribly wrong". Genau wie solche Videos weckt es halt die Neugier, inwiefern genau das schiefgeht, und vor allem wollen wir doch alle gern lesen, wie so ein Clown eins auf die Nase bekommt. Seriously, F**k Clowns. :D Außerdem find ich, dass es ein tolles Stilmittel ist, den "actionreichen" Teil einfach mal zu überspringen. Ich hätt's fast sogar noch besser gefunden, wenn du die Erinnerung an die Gefangennahme nicht im Nachhinein doch noch nachgeliefert hättest (allerdings hätten wir dann auch nie den Dödel von dem Typen gesehen). Auch, dass du die tatsächlichen Folterszenen am Ende nicht zeigst, find ich super. Das überlässt die ganzen Schrecken der eigenen Fantasie, und nichts ist bekanntlich erschreckender als das. 5/5 + <3 von mir.

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    Großartig geschrieben :-) Ich muss zugeben ich hatte so eine gewisse klammheimliche Schadenfreude beim Lesen, als es die Horrorclown-Deppen erwischt hat ;-) Ansonsten bleibt nicht mehr viel zu sagen, außer dass du dir vielleicht einige der Sätze besonders im letzten Drittel der Geschichte noch einmal ansehen solltest. Da sind ein paar dabei, wo sich einige seltsame Wörter mit eingemogelt haben. (z.B. "und kicherte sich bei der Vorstellung" oder "wie der Mann eine Schere aus einem der Regale kam")

  • Author Portrait

    Normalerweise ist sowas gar nicht mein Genre, aber ich hab es trotzdem sehr gerne gelesen. Ich mag deinen Schreibstil und wie bereits gesagt gefällt mir der plötzliche Wechsel in der Szene. Danke für die Preview und ich kann mir richtig vorstellen wie es den Armen ergehen wird. *schauder*

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