Whyndrir V

Ich saß im Dunkeln und blickte geradeaus. Nachdem die Gespräche verstummt und die Euphorie erloschen waren, legte sich Stille über die Höhle. Ich genoss sie. Endlich bekam ich die Zeit, um über all die Dinge nachzudenken, die durch meinen Kopf geisterten und bislang keinen Platz darin gefunden hatten. Und erst, nachdem ich endlich saß, offenbarte mir die Ruhe eine verhängnisvolle Wahrheit: Ich würde niemals mehr ins Kloster zurückkehren. Karon würde mich nicht gehen lassen, und selbst wenn er es täte, würde ich dort schutzlos und ausgeliefert sein. Ein unscheinbarer Traum hatte mich ins Zentrum eines magischen Krieges katapultiert, dessen Sinn mir noch nicht wirklich klar geworden war, der aber zweifelsohne das Leben beendete, das ich bislang geführt hatte. Alles endete heute Nacht, ging vorüber und verwandelte sich in etwas Neues. Und mir blieb nichts anderes übrig, als zuzusehen.
Irgendwann, als es draußen längst dämmerte, und es im Inneren der Höhle immer finsterer wurde, kam Karon zu mir, setzte sich an meine Seite und musterte mich lange schweigend. Wie immer ließ er den Schutzwall um seine Gedanken herum zusammenbrechen und gestattete mir, einen Blick in seinen Kopf zu werfen. In den letzten Stunden hatte sich dieser in einen Strudel aus Sorge und Zweifel verwandelt. Von seiner Selbstsicherheit war nichts geblieben.
»Wie fühlt es sich an?«, fragte ich ihn, um die Stille mit Worten zu füllen. Mit einem leisen Rascheln wandte uns Selinia den Kopf und ihre Aufmerksamkeit zu. Ich sah, wie auch sie den Dämon musterte und auf die Antwort lauerte.
»Grenzenlos«, erwiderte dieser sanft. »Als ich dem Bann unterlag, hat nichts für mich noch Sinn ergeben. Ich wusste, was ich tat, aber ich fühlte es nicht. In mir war nichts als Stille. Ich hasste mich für diese Gefühlslosigkeit, aber ich war einfach nicht im Stande dazu, irgendetwas wahrzunehmen. Mein Kopf verwandelte sich in einen dunklen, leeren Ort. Ich hörte auf, nachzudenken und fiel in einen Abgrund, an dessen Ende nur Schwärze und Schweigen wartete. Manchmal hoffte ich sogar, ich würde sterben, ehe noch einmal die Sonne aufgeht. Zunächst nur, um mich zu befreien, und meinem Leiden ein Ende zu setzen, doch je mehr Unverzeihliches ich tat, desto mehr betete ich, es würde geschehen, um Theremal vor mir zu bewahren. Und irgendwann hörte ich auf, um ein Wunder zu bitten. Ich beschloss, alles auf eine Karte zu setzen, und wenn es mich zerstörte.«
»Karon..«, hörte ich Selinia murmeln. Sie kam auf die Füße, huschte zu uns hinüber und setzte sich an seine Seite. Langsam hockte sie sich zwischen uns, schob die Hände nach oben und bettete ihren Kopf in seinen Schoß. Karon tastete nach ihren Fingern und berührte sie kurz mit seinen Lippen.
»Ich dachte, mein Leben wäre vorüber, und Syra brächte mich um. Also sammelte ich ein letztes Mal alle Kraft zusammen, die mir geblieben war. Ich weiß nicht wirklich, wie es mir gelingen konnte, ihr mein Vorhaben zu verheimlichen, aber mir war zu jeder Zeit bewusst, dass mein Scheitern mein Untergang wäre. In dieser Nacht bin ich nach draußen gegangen. Ich habe am Waldrand gestanden und sie hat geschlafen. Vielleicht lag es an meine Verzweiflung oder daran, dass ich mich geschont hatte und Syra mich gehen ließ. Ich weiß es nicht. Aber in dieser Nacht floh ich in den Wald, und dann immer weiter, bis ich das nördliche Königreich erreicht hatte und deine Mutter fand.«
»Und heute?«, hakte ich nach. »Jetzt, in diesem Augenblick?«
Karons Lächeln wurde weicher. »Es geht mir gut. Wirklich gut. Ich bin in völligem Einklang mit mir und meiner Seele. Der Whyndrir schweigt. Es ist, als würde er schlafen und nur seine Frieden ist allgegenwärtig. Ich habe meine Aufgabe gefunden, und sie schenkt mir Kraft. Es ist gut, wieder Teil dieses Lebens zu sein. Seit ich wieder auf freiem Fuße bin, lerne ich das Leben von einer neuen Seite kennen. Alles fügt sich zusammen. Ich spüre, wie es mich heilt, dieses neue Dasein. All meine alten Wunden werden ausgebrannt. Stück für Stück fühle ich mich in diese neue Aufgabe, in diese neue magische Welt ein. Es tut gut. Ich höre jedes Lebewesen, das sich durch die Erde gräbt, jeden Schritt, der sie berührt. Ich habe Frieden im kalten, feuchten Untergrund gefunden und meine Sorgen und Ängste dort gelassen. Vielleicht stehe ich erst am Anfang einer großen Entdeckungsreise. Zum ersten Mal in diesem Leben gibt es Augenblicke, in denen ich mich wahrhaftig Vollkommen fühle und weiß, selbst wenn ich erst am Anfang meines Weges stehe, wird mir sein Ende Seelenfrieden schenken.«
»Nicht alle Wesen werden das so sehen«, mischte sich Selinia ein. »Sie glauben, du bist tot. Du hast viele Leben genommen und Angst gesät. Nicht jeder dort draußen ist dein Freund, und du wirst auf taube Ohren stoßen, wenn du deine Geschichte erzählen wirst.«
»Das habe ich nicht vor«, gestand der Dämon. »Und genau darüber wollte ich mit euch sprechen.«
Verwirrt warfen Selinia und ich uns rasche Blicke zu.
»Ich kehre nicht zurück«, sagte Karon daraufhin. »Ich werde mich zurückziehen, sobald ich kann, und aus der Ferne über Theremal wachen. Das ist mein Schicksal.« Seine Lippen verzogen sich zu einem bedauernden Lächeln. »Ich liebe Syra. Vielleicht werde ich sie trotz allem immer lieben. Solange ich lebe, macht mich dieses Gefühl gefährlich. Ich habe in den letzten Jahren Frieden mit diesem Leben geschlossen. Aber ich habe nicht vor, es wieder aufzunehmen. Ich kehre den Sterblichen den Rücken. Ich bevorzuge ein Leben in Freiheit.«
Ich dachte an seine Worte zurück. Daran, dass ihn die Rabengestalt von Kummer und Sorgen befreite. Und auch wenn ich nicht wollte, dass er mich verließ, wusste ich dennoch, dass es sein Recht war, diesen Weg zu gehen.
»Und ich habe lange nachgedacht«, fügte er schließlich hinzu. »Es gibt sehr wohl einen Ort, an dem du in Sicherheit bist, den niemand einnehmen, überrennen oder in Schutt und Asche legen kann.«
Ich schaute ihn an, verzog das Gesicht und schüttelte den Kopf. »Ich gehe nicht weg. Ich setze Selinia und dich nicht der Gefahr aus, dass-«
»Selinia«, sagte er und unterbrach mich damit, »wird dich begleiten. Ohne sie funktioniert es nicht.«
Rasch hob die Fee den Kopf, schaute den Whyndrir fragend an.
»Ganz Theremal ist von Krieg gespalten«, entgegnete Karon gelassen. »Ich spüre die Tränen und das Blut, die in der Erde eingetrocknet sind. Keine Welt hat je ihren Schmerz vergessen. Syras Schergen sind überall. Es gibt nur einen Ort, den Syra bisher nicht offen anzugreifen wagte. Das Schloss des Königs.« Sein Blick traf mich. »Ich weiß, dass dein Onkel nach dem Tod deiner Mutter und dem Verschwinden deines Vaters den Thron besteigen sollte. Er ist ein guter Mensch und ein gerechter König. Er wird dich aufnehmen. Und je länger ich darüber nachdenke, desto besser gefällt mir der Gedanke, dass du unter Deinesgleichen leben kannst.« Ein verzeihendes Lächeln ließ seine Mundwinkel beben. »Ich wäre gern dein Freund gewesen, Erias, aber das Rad des Schicksals dreht nicht immer in die Richtung, die wir am liebsten haben. Manchmal-«
Urplötzlich spürte ich eine Präsenz. Ich riss den Kopf zur Seite und Karon wandte sich ebenfalls um. Vor dem Höhleneingang näherten sich drei große, langgezogene Schatten. Zögernd stand der Whyndrir auf, bedeutete Selinia und mir mit einer Geste, hinter ihm zu bleiben, und trat selbst an den Eingang heran. Mondlicht berührte ihn. Ich hatte das Gefühl, in seinem dunklen Haar funkelte Sternenglanz.
»Ihr Drei!«, sprach eine tiefe, grollende Stimme ins Dunkel. »Folgt uns.«
Die drei Schatten machten je einen Schritt nach vorn und plötzlich fiel Licht auf ihre Leiber. Sie waren nackt und fahl. Ihre Haut war schneeweiß und doch auch nicht. Blätter sprossen aus ihren Hautporen. Große, saftig grüne Blätter. Ihre Haare ähnelten Moos und Gras. Sie waren wirr und zottelig. Ihre Gesichter besaßen einen grünlichen Schimmer, ihre Lippen waren braun wie Erde. Ich sah in ihren ungewöhnlich großen, schrägen Augen eine Natürlichkeit, ein Bund mit der Welt um sie herum. Mit gesenktem Blick schaute ich an einer der Kreaturen hinab. Ihre Unterschenkel waren dort, wo menschliche Beine mit deutlichem Haarwuchs versehen waren, von struppigem Gras bedeckt. Ihre Füße waren groß. Gras und Moos klebte an ihnen und dort, wo Menschen Zehennägel hatten, sprossen Pilze aus ihrer Haut. Die Zhian-Ag waren eine perfekte Symbiose aus Mensch und Wald. Sie fügten sich unsichtbar in ihre Umgebung ein, waren ein Teil von ihr.
Der Mann, der zuvor gesprochen hatte, runzelte seine dicken, buschigen Brauen. Eine feuerrote Blume prangte in seinem Haar. Ich wusste es nicht, aber ich spürte Autorität.
›Er ist der Herr der Zhian-Ag‹, sagte daraufhin eine leise Stimme in meinem Kopf. Unauffällig sah ich zu Karon hin. Er nickte mir flüchtig zu. ›Er ist ihr König. Überlass das Reden besser mir.‹
»Mein lieber Winter«, murmelte der Zhian-Ag schließlich. Sein Gesicht blieb unbewegt, doch seine dunklen Augen verrieten, dass er den Kampf nicht suchen würde. »Es ist sehr lange her, seit ein Whyndrir kam, um den Stein zu nutzen. Es ist unmöglich, dass er diesen Ort verlässt, aber er gehört dir, jederzeit.« Mit einer einladenden Geste wies er hinter sich ins Freie. An Stelle gelber Zähne blitzten verrottete Kieselsteine in seinem Mund auf, schief und krumm. »Folgt uns.« Er räusperte sich. »Wir sind ein gewaltloses Volk, aber werdet ihr uns mit Hass und Krieg entgegentreten, werden wir ihn erwidern.«
Karon warf Selinia und mir einen unsicheren Blick zu, doch dann nickte er. »Ihr braucht keine Angst zu haben«, versprach er uns. Dann trat er von den zwei anderen Zhian-Ag flankiert aus der Höhle heraus und Selinia und ich folgten ihm.

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