„Jetzt leben wir im Jahre 2075 und es hat bisher keiner geschafft, mit den einfachsten Widrigkeiten eines stinknormalen Winters fertig zu werden." Frustriert ließ sie die bunte Reisetasche fallen und plumpste auf einen der wenigen freien Plastikstühle. Überall in der Wartehalle warteten diese fest verankert auf dem grau-schwarz-marmorierten Boden auf ungeduldige Flugreisende. Sie war nicht die Einzige, deren Flug sich verspätete. Es wimmelte in diesem Bereich nur so vor gelangweilten, gereizten, hektischen oder eingeschlafenen Fluggästen. Der Stuhl unter ihrem kalten Hintern war noch warm vom Vorgänger. Das mochte sie gar nicht. Inständig hoffte sie, dass sich ihr halb erfrorenes Hinterteil schnell erwärmen würde.

„Verübeln Sie es mir bitte nicht, aber als ganz normal würde ich den Schneesturm da draußen nicht bezeichnen", widersprach jemand neben ihr.

Den angenehmen, sonoren Klang dieser Stimme mochte sie auf Anhieb. „Wir machen Urlaub auf dem Mond und zum Spaß einen Tagestrip durch das All, aber wehe, es liegen drei Schneeflocken auf der Startbahn!" Frustriert schälte sie sich mühsam aus ihrem engen, hellgrauen Mäntelchen und warf es achtlos auf ihre Gepäcktasche. Sie wollte sich nicht ihrem Schicksal fügen und ein bisschen wütend auf alles sein. Vielleicht erbarmte sich Petrus ja aufgrund ihrer Schimpftiraden.

„Wohin möchten Sie reisen?"

Jetzt wandte sie ihren Kopf der sympathischen Stimme zu, strich sich ein paar vorwitzige, braune Strähnen aus der Stirn und blickte in ein warmes, neugieriges Augenpaar in einem nicht unbedingt frisch rasierten Gesicht. Böse Zungen würden es Dreitagebart nennen.

„Nach New York. Schließlich ist bald Weihnachten", gab sie bereitwillig Auskunft und hob schulterzuckend, fast schon leicht entschuldigend die geöffneten Hände nach oben.

„Zum Einkaufen auf der Fifth Avenue und in das Rockefeller-Center!" Er wischte sich einen imaginären Fussel von der dunklen Bundfaltenhose und musterte sie unauffällig. Hübsches Profil, stellte er anerkennend fest, egal, welche ihrer Körperregionen er in Augenschein nahm. Gepflegtes Äußeres, modische Kleidung und sieben winzige Sommersprossen um die schmale Nase.

Sein leicht spöttischer Unterton war ihr nicht entgangen. „Meine Freundinnen." Resigniert ließ sie die Luft geräuschvoll aus der Lunge entweichen. Wäre es nach ihr gegangen, gäbe es keinen Einkaufsbummel durch die übervollen Läden, sondern Schlittschuhlaufen bei Weihnachtsbeleuchtung, Christbaumbestaunen und einen Besuch der Metropolitan Opera. „Ehrlich gesagt, ich hasse Shoppen. Wir treffen uns einmal im Jahr, seit wir das Studium abgeschlossen haben. Und dieses Mal ist es Weihnachten in New York. Nur verliere ich jetzt durch die paar Schneeflocken drei Stunden Zeit. Würde ich drei Wochen dort Urlaub machen, wäre mir die Verzögerung egal." Schnaubend lehnte sie sich auf ihrem harten Stuhl zurück.

„Ein Kurztrip also?" Neugierig beugte er sich auf dem unbequemen Plastikstuhl nach vorn und schob seinen kompakten Reisetrolley galant mit dem Fuß darunter. So konnte er ihr besser ins Gesicht sehen und ihre blaugrauen, dezent geschminkten Augen bewundern.

„Ja, nur das Wochenende. Ätzend sind die drei Stunden Flug, die sich leider nicht umgehen lassen", antwortete sie und schielte verzagt lächelnd zu ihm herüber. Es war unübersehbar, dass Fliegen nicht zu ihren Lieblingsbeschäftigungen zählte.

„Nun, früher dauerte ein Flug über den Atlantik wesentlich länger", bemühte er sich, sie aufzumuntern. Nachdenklich strich er sich mit einer Hand durch die dunklen, leicht verstrubbelten Haare. „Und solange die Teleportationsforschung keine größeren Fortschritte macht, werden wir weiterhin ausgedehnte Reisezeiten einplanen müssen."

„Ihnen macht die Fliegerei nichts aus. Sie fühlen sich in der Luft wohl", stellte sie bewundernd fest und zog einen Teil ihrer Unterlippe zwischen die Zähne.

„Ein probates Mittel, um entspannt von A nach B zu kommen." Er rieb sich die Hände und bemerkte verwirrt, dass sie schwitzten. Wann war er das letzte Mal aufgeregt gewesen? Nervosität konnte er sich in seinem Job nicht leisten. Inneren Aufruhr ebenso wenig. Oder würde er krank?

„Bei Schnee sitzen wir hier noch genauso fest, wie vor hundert Jahren." Sie verschränkte bockig die schlanken Arme vor der Brust, betrachtete dabei aber neugierig sein Gesicht. Der leichte Bartschatten betonte seine vollen Lippen. Lachfalten umspielten die dunklen Augen. Vermutlich war er nur ein paar Jahre älter als sie.

„Sie haben doch hoffentlich einen Multimediaplatz oder einen Wellness-Service gebucht?", versuchte er es erneut. „Da vergeht die Reisezeit viel schneller und angenehmer. Unter Umständen werden Sie in einer solchen Erholungsliege so ausgezeichnet verwöhnt, dass Ihnen nicht auffällt, dass Sie fliegen."

„In so einem Ding kann ich mich absolut nicht entspannen", entgegnete sie resigniert, hob ihren Blick zur Anzeigescreen, verzog mürrisch das Gesicht und verdrehte genervt die Augen. „Es ist schon schlimm genug, dass man 11 000 Meter über der Erde in einer fliegenden Sardinenbüchse sitzt und nicht raus kann. Aber auch noch blind wie ein Maulwurf und taub wie eine Schlange? Das ist nichts für mich. Außerdem mag ich es, wenn ich festen Boden unter den Füßen habe. Auch im Flieger."

Innerlich hatte er über ihre Grimasse lachen müssen. Nicht, dass sie lächerlich dabei ausgesehen hätte, sondern vielmehr ... süß. „Abgesehen davon, dass Schlangen nicht taub sind, verstehe ich Sie nur zu gut. Wenn ich ehrlich bin, werde ich diese gebotenen Annehmlichkeiten, die ich zugegebenermaßen für Zeitverschwendung halte, nicht nutzen. Flugzeit ist für mich Arbeitszeit." An die Arbeit zu denken, sollte seine abdriftenden Gedanken zurück auf neutraleres Gebiet lenken. Hoffte er. Und damit es erfolgreich funktionierte, blickte er zur riesigen Glaskuppel auf, die den Wartesaal überspannte. Nur, um im gleichen Moment ärgerlich festzustellen zu müssen, dass der pudrige Schnee jegliche Aussicht auf den Himmel und die startenden Flugzeuge verhinderte. Es stürmte und schneite, als müsse Frau Holle Pechmaries mangelhafte Arbeit der letzten Jahre aufholen.

„Sie haben also eine dieser Workaholic-Kabinen gebucht. Die kenne ich nur aus der Werbung. Um eine zu bekommen, muss man doch vorweisen, dass man mindestens achtzig Stunden in der Woche arbeitet! Wobei ... so sehen Sie gar nicht aus!" Kritisch musterte sie ihn von oben bis unten, so gut es ihr im Sitzen möglich war. Aber alles, was sie auf die Schnelle erkannte, war seine sportlich durchtrainierte Figur und das leicht gebräunte Gesicht.

„Ich habe es nur auf achtundsiebzig Stunden gebracht. Einer meiner guten Geschäftsfreunde ist verhindert und hat mir seine Kabine großzügigerweise überlassen", ging er schmunzelnd auf ihre Unterstellung ein. Dass sie den Nagel auf den Kopf getroffen hatte, wollte er ihr nicht gestehen. Er arbeitete viel, liebte seinen Job und verbrachte gern Zeit in seinem modernen, komfortabel ausgestatteten Büro oder auf den unterschiedlichsten Geschäftsreisen rund um den Erdball. Dadurch hatte er immer wieder das Vergnügen, interessante Menschen kennen zu lernen. Eine stupide Alltagsroutine konnte sich somit glücklicherweise nicht einstellen. Außerdem hatte er es immer tunlichst vermieden, Verpflichtungen in seinem Leben einzugehen, die es ihm Wert genug wären, einen Teil seiner geschäftlichen Aufgaben an andere fähige Leute zu delegieren.

„Und Sie? Wo wollen Sie hin?" Ihre blaugrauen Augen blitzten und ein einnehmendes Lächeln umspielte ihre Lippen. Von ihrem eben noch allzu offensichtlichen Unmut über die zeitraubende Verzögerung wider Willen, war nichts mehr zu spüren.

„Ich bin auf der Durchreise", erzählte er ihr, erfreut darüber, dass sie sich ein Stück weit für ihn interessierte. „Nach Sydney."

Sie suchte auf der leuchtenden Fluganzeige einen Flug Richtung Australien. „Dann verschiebt sich Ihre Abflugzeit aber auch um drei Stunden", bemerkte sie mitfühlend.

„Ja, so ergeht es den meisten hier", stimmte er ihr lächelnd zu. „Nur ärgere ich mich nicht über diese Umstände, sondern verbringe stattdessen meine unverhoffte freie Zeit mit einer äußerst hübschen und charmanten Unterhaltung."

Sie spürte, wie ihr die Röte in die Wangen schoss und senkte verlegen den Blick. Nervös rieb sie ihre zittrigen Hände an den Oberschenkeln. „Jetzt brauche ich etwas zu essen", rief sie übertrieben fröhlich, nur um von sich und diesem Thema abzulenken. „Gegen den Frust. Vielleicht hilft es ja!" Unsicher wühlte sie erst in ihrer Handtasche, tastete suchend ihre Manteltaschen ab und zog etwas Kleines, Buntes aus einer.

„So etwas essen Sie?" Angewidert betrachte er das rechteckige Päckchen mit dem schwarzen Verschluss, dass sie stolz zu Tage gefördert hatte.

„Ja, es ist praktisch. Außerdem leicht und billig." Sie klopfte sich mit dem Tütchen energisch auf die andere Handfläche. „Ich hole mal schnell Wasser."

Er beobachtete sie, wie sie zielstrebig auf einen der vielen Wasserspender zusteuerte und das handtellergroße Päckchen vorsichtig füllte. Zwei, höchstens drei Jahre war sie jünger als er, lebte aber scheinbar in einer anderen Welt. Solche Lebensmittel würde er nicht einmal mit der Kneifzange anfassen. Innerlich schauderte es ihn bei dem Gedanken an solch eine Ernährungsform.

Mittlerweile hatte sie sich wieder neben ihn gesetzt und schüttelte die quietschgelbe Verpackung kräftig auf. Das raschelnde Geräusch wurde zunehmend durch ein schmatzendes ersetzt.

„Mögen Sie solche Sachen nicht? Sie sehen angewidert aus." Neckisch grinsend und völlig undamenhaft hielt sie ihm das dick aufgequollene Päckchen unter die Nase.

‚Energieschub' las er. Apfelgeschmack. Und rümpfte unwillkürlich die Nase. „Haben Sie es schon einmal mit einem echten Apfel probiert?"

Unbefangen schüttelte sie den Kopf und streckte ihre durch die enge, topasfarbene Hose extra betonten langen Beine aus. „Wollen Sie ein Stück? Wir müssen nur noch einen Augenblick warten. Sie können natürlich auch einen Eigenen haben. Moment." Sie kramte im roten Eck ihrer Reisetasche und zog triumphierend zwei weitere Päckchen heraus. Blau und orange. Genauso auffallend bonbonfarben.

„Orange oder Blaubeere?" Erwartungsvoll blickte sie in seine dunklen Augen.

Er legte die Stirn in missbilligende Falten und wedelte angeekelt mit den schlanken Händen. „Das kann man doch beim besten Willen nicht essen!"

„Schon. Einfach abbeißen und kauen." Achselzuckend steckte sie die beiden ungeöffneten Packungen in ihre Handtasche und riss die Umhüllung des aufgequollenen vorsichtig zu einem Drittel auf. „Ich finde diese dehydrierten Nahrungsmittel unglaublich praktisch. Vor allem halten sie lang und man braucht nur einmal im Monat einkaufen."

„Sie können das unmöglich zu sich nehmen!" Nun schaute er wirklich entsetzt die gelb-braun-graue krümelig-verklebte Masse an, die entfernt an einen Müsliriegel erinnerte, wie man sie Anfang des Jahrhunderts im Veggie-Wahn gegessen hatte.

Ungeachtet dessen biss sie herzhaft hinein. „Sydney", nahm sie nachdenklich kauend den Gesprächsfaden wieder auf. Sorgsam zupfte sie die Folie von ihrem Energieriegel. „Dort liegt zumindest jetzt kein Schnee. Da feiert man Weihnachten am Strand, oder?" Gedankenverloren tippte sie ihre Fußspitze auf den Steinboden. „Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Das passt für mich nicht zusammen. Obwohl in Deutschland weiße Weihnachten auch nicht so oft vorkommen. Statistisch gesehen alle sieben Jahre, glaube ich. Und heute. Wenn ich mit dem Flieger loswill." Schmollend verzog sie ihren mit hellem Lipgloss geschminkten Mund und ließ den Rest des Energieschubs darin verschwinden. „Vielleicht sollte ich Sydney in unser Schwein werfen?", murmelte sie versonnen vor sich hin.

„Schwein?" Irritiert sah er sie an.

Ein blaugrauer Abfall-Kehr-Roboter kurvte flüsterleise und im Schneckentempo um all die Ausharrenden und ihr verstreutes Gepäck herum. Schwungvoll warf sie die zerknüllte Folie ihrer verzehrten Mahlzeit hinein, während die Maschine fegend ihre Reisetasche umrundete. „Ja. Am Ende eines Ausflugs steckt jede von uns einen Vorschlag für den kommenden Trip in das Reiseschwein. Und dann wird gelost, wo wir uns das nächste Mal treffen."

Ein Besorgnis erregendes Raunen und erschütterndes Aufstöhnen brauste durch den Warteraum. Beide studierten dessen ungeachtet hoffnungsvoll die leuchtende Anzeigescreen. Doch sie wurden enttäuscht. Weitere Flüge listete man als verspätet auf der Informationsplattform. Eine monotone Frauenstimme bat über unsichtbare Lautsprecher mit unerschütterlicher Ausdauer um Verständnis und Geduld.

„So ein Mist!" Aufgebracht sprang sie von ihrem Stuhl und kickte mit ihrem Fuß gegen die blaue Seite ihrer Reisetasche. „Jetzt sitze ich noch ein paar Stunden länger auf diesem dämlichen Flughafen fest. Das darf doch echt nicht wahr sein!"

„Kommen Sie, setzen Sie sich. Davon wird es nicht besser." Beschwichtigend ergriff er ihre Hand und zog sie neben sich auf den harten, hässlich grauen Stuhl. Insgeheim war er froh, dass sich ihr Flug um weitere drei Stunden verzögerte. Ihre Gesellschaft gefiel ihm. Mehr als er sich eingestehen mochte. Meist lernte er steife Geschäftsleute auf seinen Reisen kennen. Sie dagegen war so, so ... so anders. Frisch, spritzig, offen, ein bisschen impulsiv und ziemlich frustriert. „Falls es Sie tröstet, mein Flug wurde soeben um vier Stunden verschoben." Er raffte den linken Ärmel seines beigefarbenen Rollkragenpullovers nach oben und sah auf die edle, schwarze Uhr. Den ersten Geschäftstermin in Sydney würde er streichen müssen, es sei denn, er nähme ihn in legerer Reisekleidung wahr. Wobei das seine Geschäftspartner nicht stören sollte, schließlich wollten sie ihn überzeugen, dass er sein Geld in ihre Firma investiere. Allerdings konnte er sich darüber während des Fluges Gedanken machen. Falls dieser jemals abheben würde. Jetzt galt es, die junge Dame neben ihm von ihrer schlechten Laune zu erlösen. „Erzählen Sie mir von ihren Freundinnen. Sie müssen Sie sehr mögen, sonst würden Sie sich nicht auf solch eine grässliche Shopping-Tour im vorweihnachtlichen New York einlassen."

„Wie gesagt, wir haben zusammen studiert. Danach hat es die drei anderen nach Übersee verschlagen." Verträumt lächelnd starrte sie auf den rot blickenden, glitzernden Christbaum am Check-In. Irgendein schlauer Mensch hatte in dort aufgestellt, um den hektisch und gestresst Durchreisenden den Hauch eines besinnlichen Weihnachtsgefühls vorzugaukeln. Am heutigen Tag versagte diese Strategie auf der ganzen Linie. Gedankenverloren strich sie sich mit der Hand über den Unterarm. „Wir haben uns versprochen, dass wir uns nicht aus den Augen verlieren wollen. So entstand die Idee des jährlichen Treffens. Und ich freue mich jedes Mal, alle drei wiederzusehen. Deshalb nehme ich die blöden Flugreisen und diesmal auch das Einkaufschaos in Kauf."

Ihm entging nicht, dass ihr Lächeln nur ein gezwungenes war. Es erreichte ihre Augen nicht im Geringsten, sondern diese blickten unglücklich den inzwischen blau blinkenden Weihnachtsbaum an. „Warum buchen Sie nicht um und treffen sich mit Ihren Freundinnen nächstes Wochenende?", schlug er mitfühlend vor.

„Haben Sie eine Ahnung, wie schwierig es ist, einen gemeinsamen Termin für vier Frauen zu finden?" Entrüstet setzte sie sich auf und stemmte energisch eine Faust in die Hüfte.

Überrascht schmunzelnd schüttelte er den Kopf und fuhr sich mit den Händen über die Oberschenkel. „Nein, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen." Was nicht einfach so daher gesagt war. Er war es gewohnt, dass sich alles und jeder nach seinen Erwartungen richtete und die jeweiligen Pläne den seinen widerspruchslos anpasste.

„Das glaube ich Ihnen gerne", erwiderte sie schnippisch. „Sie sind ein Mann!" Und noch dazu ein verdammt gut aussehender. Aber das behielt sie für sich. „Wissen Sie, eine von uns hat inzwischen Familie, die andere kämpft mit den Widrigkeiten einer Schwangerschaft und die dritte im Bunde steckt mitten in den Hochzeitsvorbereitungen. Sie sehen, es ist einfach unmöglich, diese Reise zu verschieben. Abgesehen davon, sind die anderen bereits unterwegs."

Erneut schwappte eine Welle ungehaltenen Gemurmels durch den Wartebereich. Dieses Mal größer und lauter. Böses ahnend überflog sie die leuchtende Anzeige. „Scheiße!" Wie von der Tarantel gestochen sprang sie auf und stampfte mit ihren eleganten Winterstiefeln auf den Boden. „Jetzt haben die Idioten meinen Flug gestrichen." Zitternd vor Wut verschränkte sie die Hände ineinander. „Argh! Das darf doch alles nicht wahr sein. Einmal im Jahr! Einmal im Jahr will ich einen dämlich Flieger benutzen. Und dann? Einfach gestrichen!"

„Hey", flüsterte er. Zwar etwas langsamer, aber dennoch war er aufgestanden und zog sie sanft in den Arm. „Das bringt nichts. Das Wetter und die Zeit kann man nicht ändern." Er war sich sicher, dass es ein Fehler war, was er jetzt tat. Behutsam legte er den anderen Arm um sie, zog sie an sich und genoss die unverhoffte Nähe. Sie duftete gut, süß, wie der Frühling nach Vanille und Rosen.

Sie löste sich später als nötig aus seiner tröstenden Umarmung. Es, vor allem aber er fühlte sich gut an. Stark, warm, beruhigend. Zu gut.

„Ich, ich ..." stotterte sie zaghaft und sah verschämt auf den Boden. „Ich muss meinen Freundinnen Bescheid geben, dass ich nicht komme." Sie griff fahrig nach ihrer Handtasche und fischte umständlich ihr Handy heraus. Ihre Finger zitterten leicht, obwohl die Wartehalle angenehm temperiert war.

Erst jetzt gewahrte sie den Trubel und Tumult um sich herum. Die wieder erwachten, wütenden und frustrierten verhinderten Fluggäste machten zwischen den weiter dösenden und gelangweilten einen Höllenlärm. An eine ungestörte Holoverbindung war nicht zu denken. „Sie haben nicht zufällig eine Holozelle in der Nähe gesehen?", wandte sie sich hoffnungsvoll an ihre Nichtreisebekanntschaft.

„Ja." Traurig lächelnd über ihren baldigen Abschied wies er mit einer Hand in Richtung der Buchungsschalter. „Dort drüben."

Zögernd trat sie zu ihrer Reisetasche und hob sie widerwillig auf. Sein männlich herber Duft begleitete sie, seine beruhigende Wärme nicht. Sie wollte nicht gehen. Nicht nach Hause. Nicht in ihre leere, kalte Wohnung.

Nicht, dass selbige nicht gemütlich gewesen wäre. Es wartete nur niemand auf sie. Nicht einmal eines dieser neumodischen, antiallergischen elektronischen Haustierchen.

„Warten Sie!" Mit einer fließenden Bewegung riss er den pechschwarzen Reisetrolley unter der Plastiksitzreihe hervor und warf sich seinen edlen, dunkelgrauen Filzmantel, der ihm während der Wartezeit als Sitz- und Rückenpolster gedient hatte, eilig über den Arm. „Ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, aber würden Sie mir nach Ihrem Telefonat bei einem Essen ein wenig Gesellschaft leisten? Schließlich habe ich noch fünf Stunden Aufenthalt hier." Inständig hoffte er auf ein klares „Ja". Ob aus Mangel an alternativen Unterhaltungen oder weil ihm ihre Gesellschaft gefiel, wollte er nicht weiter mit sich erörtern. Kurz zweifelte er an seiner Kondition und notierte sich im Geiste, das nächste Mal ein paar Runden mehr im Pool zu schwimmen. Mit leicht erhöhtem Puls sah er ihr erwartungsvoll in die blaugrauen Augen.

Sie überlegte noch kürzer. Was hatte sie für eine Alternative? Eine dehydrierte Mahlzeit? In einer leeren Wohnung? Da ging sie lieber mit einem kultivierten Geschäftsmann essen. „Danke für die Einladung", nahm sie sie strahlend an. „Ich verschwinde schnell in die Holozelle und danach können wir los. Wohin eigentlich?"

„Da ich hier öfter einen Zwischenstopp einlegen muss, kenne ich ein reizendes Restaurant unweit des Flughafens", erklärte er, hoch erfreut über ihre spontane Zusage.

„Würden Sie in der Zwischenzeit auf meine Tasche aufpassen?" Die schallisolierte Glastür der Holozelle hatte sich bereits dematerialisiert. Flüchtig zog sie in Betracht, dass es keine gute Idee wäre, einem Fremden ihre paar Habseligkeiten anzuvertrauen. Aber in ihrem Reisegepäck war nichts, was sich nicht ersetzen ließe, außer der Ärger der Wiederbeschaffung, auf den sie gern verzichten würde. Wenn es dieser Mann allerdings nötig haben sollte, mit ihrer Urlaubstasche zu verschwinden, dann war ihr entweder die Menschenkenntnis abhandengekommen oder er war ein begnadeter Schauspieler, beruhigte sie sich selbst.

Kurze Zeit später saßen sich die beiden in dem kleinen, eleganten Restaurant gegenüber. Sie schaute sich neugierig um. Es musste ein Geheimtipp sein, vermutete sie. So gut wie keine weiteren Gäste waren da. Vielleicht war aber auch das Essen hundsmiserabel, möglicherweise extrem überteuert. Oder, noch schlimmer, letzten Endes ein bisschen von allem.

Hinterher würde sie es nicht beurteilen können, schließlich lud er sie ganz gentlemanlike ein. Und da sie sonst kaum frische Produkte aß, konnte sie über die Qualität gleichermaßen nichts sagen. Ihr fehlte schlichtweg der Vergleich. An eines würde sie sich aber mit Bestimmtheit erinnern, nämlich dass das Essen mit ihm lecker und vor allem unterhaltsam gewesen war.

Er hatte für sie beide gewählt, und als sie nach dem Essen mit einem italienischen Digestif anstießen, betrachtete sie gedankenverloren seine langen, schlanken Finger. Fast war sie ein bisschen neidisch. Sie waren perfekt manikürt. Er trug keinen Ring. Weder rechts noch links.

„Es ist schön, mit Ihnen zu reden." Sie betrachtete eingehend seine dunklen Augen. Verlieren könnte sie sich in dem Graubraun mit den kleinen, amberfarbenen Sprenkeln. „Vielleicht deshalb, weil ich weiß, dass ich Sie nie wiedersehe. Da sind die Hemmungen weg." Leichtes Bedauern schwang in ihrer Stimme mit. Doch sie wollte nicht, dass er es bemerkte.

„Sie machen auf mich überhaupt keinen gehemmten Eindruck, im Gegenteil", widersprach er überrascht. Seiner Meinung nach war sie vieles, aber bestimmt nicht schüchtern oder gar gehemmt.

„Wenn es so wäre, würde ich dann gerade vor Weihnachten zu meinen Freundinnen nach New York fliegen?"

Er antwortete nicht, sondern sah ihr grübelnd in die blaugrauen Augen.

Sie hielt seinem Blick stand. Keiner von beiden wandte sich ab.

Erst der Kellner erlöste sie. „Haben die Herrschaften noch einen Wunsch?"

„Die Rechnung und unsere Mäntel", antwortete er, schenkte dem Ober allerdings keinerlei Beachtung und betrachtete weiterhin versonnen ihr Gesicht. Er wollte sich jede noch so kleine Kleinigkeit einprägen. Das Grübchen auf ihrer linken Wange, wenn sie lächelte. Der etwas schiefe Mund, wenn sie schmollte. Und das leichte Rot auf ihren Wangen, wenn er ihr zu nahe kam.

Und unweigerlich näherte sich auch der Moment des Abschieds.

Sie standen wieder vor dem Flughafengebäude. Hier würden sich ihre Wege auf Nimmerwiedersehen trennen.

„Ich rufe mir ein Flugtaxi", begann sie und steuerte auf die Rufsäule eines Taxiunternehmens zu.

„Aber Sie fliegen äußert ungern", gab er zu bedenken.

„Bei dem Schnee kommt man auf der Straße ja schon zweimal nicht vorwärts. Und in der Luft muss zumindest kein Schneepflug den Schnee beiseite räumen", widerlegte sie auf pragmatische Weise seine Vorbehalte, die sie dummerweise teilte.

„Viele werden so denken", versuchte er es noch einmal. Eigentlich konnte es ihm egal sein, ob sie nun eine Stunde unterwegs wäre oder erst in zwei Stunden ihre Wohnung erreichen würde. Aber das war es nicht. Es war ihm ganz und gar nicht egal.

„Ich habe Zeit. Dieses Wochenende hatte ich sowieso anders geplant. Schon vergessen?" Freudlos lächelnd drehte sie sich zum Sprachholoboard der Taxivermittlung. „Ich brauche ein Flugtaxi vom Flughafen in die Stadt. Sobald als möglich." Am liebsten hätte sie etwas gänzlich anderes zu dem Empfangsgerät gesagt. Aber das wäre völliger Quatsch. Sie würde diesen Mann nie wieder sehen. Eine zufällige Bekanntschaft an einem zufälligen Ort. Das passierte Menschen jeden Tag. So funktionierte nun einmal eine Gesellschaft. Man hielt Smalltalk, verbrachte ein paar gemeinsame Minuten und sah sich nie wieder. Spätestens an der nächsten Straßenecke wurde man wieder in so ein zufälliges Gespräch verwickelt und hatte das vorherige bereits vergessen. Allerdings fand sie es in diesem Moment äußerst bedauernswert, dass man manchen Menschen nur einmal im Leben begegnete.

Ein letztes Mal wandte sie sich ihm zu, um sich zu verabschieden. Ein ohrenbetäubendes Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus, doch keinem von beiden gelang es, es zu brechen. Sie verloren sich in ihren Augen. Eiskalte Schneeflocken tanzten über ihren Köpfen und schmolzen in ihren warmen Gesichtern zu kleinen, glitzernden Wassertropfen.

Er hob eine Hand und strich ihr vorsichtig eine widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht. Genauso, wie ein paar der geschmolzenen Schneekristalle. Sie ließ es stillschweigend geschehen, dass er mit seinen weichen Lederhandschuhen ihre Wange zärtlich berührte.

„Ham Se ne Flugtaxe gerufen?", brüllte ein bärbeißiger Taxifahrer hinter ihr ungeduldig durch das geöffnete Fenster. Er musste direkt um die Ecke unterwegs gewesen sein. Ihr Taxiruf war noch keine fünf Minuten her. „Wie lange soll ich denn noch hier wartn? Soll der Sitz von dem olln Schnee noch ganz nass werdn?"

„Ich muss ...", begann sie zögernd, riss dann allerdings ihren Blick von seinen dunklen Augen und hastete auf das weiße Auto zu. Die ursprünglich gelbe Farbe konnte sie unter den Schneemassen nur vermuten. Für eine Sekunde hielt sie inne, öffnete dann aber schwungvoll die hintere Tür. Ihre bunte Reisetasche landete unsanft auf dem Rücksitz, sie schob sich eilends daneben und schlug die Tür genauso hektisch, wie sie sie geöffnet hatte, scheppernd hinter sich zu.

In dem in die Jahre gekommenen Flugtaxi umhüllte sie augenblicklich der Gestank alten Zigarettenqualms und benebelte ihre Sinne. Eine angefangene Schachtel voller Glimmstängel lag in der Mittelkonsole. Angewidert verzog sie das Gesicht. Seit der Entwicklung der gesundheitsfreundlichen Kräuter-Rillos rauchten die Menschen wieder mehr. Was aber noch lange nicht bedeutete, dass es deswegen besser roch.

Durch die getönten Scheiben betrachtete sie ein letztes Mal ihre unverhoffte Abendbegleitung. Seine dunkelbraunen Haare waren inzwischen fast weiß. Kein Stück hatte er sich bewegt, seitdem sie sich umgedreht hatte. Zu einem letzten Gruß drückte sie ihre kalte Hand an die noch kältere Scheibe, doch er konnte es nicht sehen. Ächzend hob das Taxi ab und reihte sich hustend in den stockenden Luftverkehr zwischen diversen Flugvehikeln, Gleitbussen und schwebenden Lieferwägen ein.

„Na Mädel, wo solls hingehn?"

„Nach Hause." Seufzend gab sie ihm die Adresse. Ein allerletztes Mal blickte sie wehmütig über die Schulter nach unten, wo er noch immer stand und ihrem Taxi lächelnd hinterher sah.

„I'm dreaming of a white Christmas", dudelte es aus ihrer Manteltasche. Wie konnte sie auch so dämlich sein und sich diesen noch dämlicheren, hundert Jahre alten Klingelton auf ihr Handy laden! „Kein Holo, nur Ton", sagte sie zu dem kleinen Gerät in ihrer Hand und hielt es sich ganz altmodisch ans Ohr. Keine Zehntelsekunde später brachte sie es blitzschnell auf den größtmöglichen Sicherheitsabstand zu diesem, den ihr Arm zuließ. Um einen bleibenden Gehörschaden durch das kreischende Gegacker ihrer Freundinnen zu vermeiden, stellte sie auf Lautsprecher um.

„New York ist so geil im Dezember ... Sina schleppt schon den halben Vormittag zwanzig Taschen mit sich rum ... Überall stehen hier glitzernde und singende Weihnachtsmänner ... Wir haben jede Menge Holos gemacht und sie dir alle auf deine Holostation geschickt", krähten ihre Mädels wild durcheinander.

Sie konnte sich genau vorstellen, wie die drei durch New York zogen und sich von einer Vergnügung in die nächste stürzten. Schließlich war sie oft genug dabei gewesen. Nur jetzt nicht in der passenden Stimmung, um mit ihren ausgelassenen Freundinnen zu sprechen. „Mädels, nehmt es mir nicht übel, aber im Moment ist mir nicht danach. Ich melde mich." Den Seufzer, der ihr schon wieder im Hals steckte, gestattete sie sich nicht.

„Warte", hörte sie Lucy gerade noch rufen. Sie war die Einfühlsamste von ihnen allen. „Ich weiß, wie gern du um den riesigen, glitzernden Weihnachtsbaum gelaufen wärst. Wir werden dir ein extra langes Holo schicken. Und das ganze nächstes Jahr noch einmal in Angriff nehmen. Versprochen. Von mir aus auch ohne Einkaufen." Damit beendete ihre Freundin die Übertragung und sie war wieder allein und von Stille umgeben, die nur durch die rauschenden Fluggeräusche des Taxis gestört wurde.

„Tschuldigung, dass ich Ihre Unterhaltung mit angehört hab", setzte der Taxifahrer nach einer Weile an. „Lassn Se den Kopf nich häng. Nächstes Jahr is so schnell, so schnell könn Se gar nich guckn. Und bald is Weihnachten! Da ham Se bestimmt och een schön Weihnachtsbaum in ihrer Wohnung."

Langsam nickend wischte sie sich eine kleine, heiße Träne aus dem Augenwinkel, steckte ihr Handy in die Seite ihrer Reisetasche und zog die Hand wieder heraus. Dabei streifte sie etwas Kaltes und Glattes. Verwundert griff sie noch einmal hinein und holte einen runden, frischen Apfel hervor. Sie machte sich keine Gedanken darüber, wie das grüne, gesunde Ding da hinein gekommen sein mochte, sondern fasste aufgeregt noch einmal in die große Seitentasche, tastete ein wenig herum und berührte etwas Raschelndes. Vorsichtig zog sie es heraus. Es war Papier.

So etwas Seltenes in ihrer Tasche!

Früher einmal war Papier nichts Besonderes gewesen. Jeden Tag wurde es benutzt und achtlos weggeworfen. Heute waren all diese Dinge elektronisch. Angefangen von Essensmarken, über Ausweise bis hin zu Büchern. Die besaß sie auch, aber außerdem eine Handvoll aus echtem Papier. Erbstücke ihres Großvaters. Und sie hütete sie wie ihren Augapfel.

Aber das hier war kein Buch. Es war ein Brief. ‚Frohe Weihnachten' stand in elegant geschwungener Schrift auf der Vorderseite. Hastig wendete sie den Briefumschlag und riss ihn ungeduldig auf. Ratsch! Eigentlich sollte sie ihn andächtiger behandeln. In der heutigen Zeit wusste kaum einer, dass Mitteilungen früher nicht einfach in eine Holonachricht diktiert, dann auf irgendeinem Endgerät sichtbar und sekundenschnell durch Welt und All geschickt wurden, sondern sorgsam, schludrig, schnell oder liebevoll von Hand zu Papier gebracht wurden.

Doch das war ihr gerade alles völlig egal. Sie drehte den Brief auf den Kopf und in ihren Schoß fielen klappernd zwei rechteckige, himmelblaue Flugchips. Zitternd nahm sie einen in die Hand und überflog die fluoreszierenden Buchstaben:

Flugticket nach New York
Hinflug am 23.12.2075
Rückflug am 27.12.2075

Kopfschüttelnd und befreit auflachend nahm sie auch den anderen Flugchip.

Zwei Flüge nach New York. Über Weihnachten.

Doch der zweite Chip war anders.

Verwundert wendete sie ihn zwischen ihren Fingern.

Seltsam. Etwas auf ihm spiegelte. Oder war er schmutzig? Sie schaltete die Leselampe am Rücksitz ein, um ihn genauer betrachten zu können. Und strahlte.

Schnell angelte sie wieder ihr Handy aus der Tasche. „Holoverbindung aufbauen zu ...", begann sie glückselig und las aufgeregt, aber quietschvergnügt die Nummer auf dem zweiten Flugchip vor.

Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media