Wie ein Ertrinkender schnappte ich nach Luft. (A)

Thomas‘ Sicht:

Es war dunkel, man konnte die Hand vor Augen nicht erkennen. Es fühlte sich an, als würde ich schweben. Nicht außer Leere in mir. Ist es ein Traum? Träume ich? Ich versuchte, so leise wie möglich zu sein. Nichts. Die Stille machte nervös. Warum war das eigentlich? Warum machte Stille nervös? War unsere Welt so laut geworden, dass wir Stille nicht mehr kennen? Und was wir nicht kennen, mögen wir nicht. Dumm. Menschen sind dumm.

Was rede ich da? Ich glaube, ich werde verrückt. Oder tiefgründig. Obwohl meine Gedanken nicht einmal so falsch waren. Trotzdem. Wenn dies hier ein Traum ist, kann ich ihn steuern. Irgendwie. Langsam stieg in mir Panik hoch. Ich wusste, was jetzt kommen würde. Bitte nicht. Ich realisierte, dass ich die Luft anhielt. Wie ein Ertrinkender schnappte ich nach Luft. Plötzlich wurde alles erleuchtet. Langsam konnte ich etwas erkennen.

Wasser. Überall. Ab und zu eine Gestalt, die immer näher kam. Dann nur mehr Wasser. Ich spürte die salzige Flüssigkeit in meiner Lunge. Es befand sich noch kaum Sauerstoff in ihnen. Die Hand war Richtung Himmel ausgestreckt, die Augen schlossen sich. Plötzlich waren die Schmerzen weg. Es schien, als würde ich über meinem Körper schweben. Ich wurde kleiner und kleiner. Ich flog schwerelos und betrachtete den kleinen leblosen Körper im Wasser, der schon fast verschwunden war. Eine Frau sprang ins Wasser, die Geräusche des Wassers und die Schreie drangen nicht zu mir. Sie schienen Meilen entfernt. Die zierliche Gestalt kam wieder aus dem Wasser, in ihren Armen ein kleiner Körper. Auf einmal ging alles schnell. Es fühlte sich an, als würde man mich hinunter ziehen, der Schmerz kam zurück, die Luft war nur spärlich dar. Ich öffnete die Augen und spuckte Wasser. Ich versuchte so schnell wie möglich so viel Luft zu bekommen wie es meine kleinen Lungen ermöglichten. Ich spürte den heißen Sand unter mir. Wieder kam Wasser heraus. Alles in mir schmerzte. Mein Körper war taub, ich konnte mich nicht bewegen. Ich spuckte und spuckte, bis ich erbrach. Langsam erwachte alles in mir. Ich schüttelte die Taubheit ab und fing an zu zittern. Es war unerträglich kalt. Irgendjemand gab mir eine Decke, in die ich mich wickelte, und sprach mit mir. Oder versuchte es. Ich nahm nichts wahr, konnte nichts hören. Meine Augen schlossen sich und ich sank zurück in die Leere.



Mit einem Schrei fuhr ich hoch. Mein Herz raste immer noch. Neben mir sagte Grace etwas, doch ich war zu benommen, zu benebelt um zu antworten oder zu reagieren. Ich war schweißgebadet. Ich sprang aus dem Bett und flüchtete ins Badezimmer. Bevor Grace mir folgen konnte, sperrte ich zu. Langsam und immer noch unter Schock sank ich auf den Toilettendeckel. „Verdammt“, flüsterte ich. „Es war nur ein Traum.“ Das wiederholte ich immer wieder. „Nur ein Traum.“ Draußen hörte ich Grace näher kommen. Sie klopfte leise und ihre gedämpfte Stimme ertönte: „Tom? Alles okay?“ Ich lachte und schüttelte den Kopf. Langsam kamen mir die Tränen. „Tom? Mach bitte auf!“ Ich antwortete nicht. Ich durfte Grace dieses Häuflein Elend nicht zeigen. Warum auch genau heute? Genau dann wenn sie bei mir übernachtet! Verdammt, verdammt, verdammt,… „Tom! Sag etwas!“ Ich holte tief Luft und sagte mit einer nicht so festen Stimme wie ich wollte: „Es passt alles. Könntest du schon mal Kaffee machen?“ Sie schnaubte ungläubig auf, doch ihre Schritte verhallten. Ich verbarg mein Gesicht in meinen Händen. Es war heiß und ich bekam Kopfweh. Zitternd stand ich auf und suchte nach Kopfwehtabletten. Ich fühlte einen Becher mit Wasser. Ich zögerte bevor ich die Tablette mit der Flüssigkeit runterspülte. Ich war erbärmlich. Jetzt hatte ich auch schon Angst vor einem Glas Wasser! Als ich merkte, dass die Tablette wirkte, schloss ich die Tür auf und ging ins Wohnzimmer.



Dort saß auf der Couch Grace. Ihre schwarzen Haare waren noch zerzaust, ihre Haut blass. Als sie mich erblickte, sprang sie auf. „Tom!“ Ich lächelte schwach auf, ein gescheiterter Versuch sie zu beruhigen und so zu tun, als wäre nichts passiert. „Es tut mir leid“, war das einzige was ich heraus brachte. Ich setzte mich auf die Couch, nahm ihre Hand und zog sie zu mir herunter. Auf dem Beistelltisch standen zwei Tassen Kaffee. Ich testete, ob er zu heiß war. Anscheinend war ich lange drinnen gewesen. Ich trank einen kräftigen Schluck, Grace verfolgte jeden meiner Bewegungen, als würde sie dadurch herausfinden, was mit mir los war. Ich sah sie mit hochgezogener Augenbraue an, als sie meinen Blick bemerkte, sah sie weg.

„Was ist da gerade passiert? Du wachst schreiend auf, rennst ins Badezimmer und sperrst dich ein. Warum?“ Sie wartete, dass ich antwortete. Sollte ich es ihr erzählen? Die ganze Story? Wie alles angefangen hatte? Ich fasste meinen ganzen Mut zusammen und erzählte Grace, was ich noch nie jemanden erzählt hatte: „Es fing alles damit an, dass ich mit fünf fast im Meer ertrank. Ich habe seitdem panische Angst vor dem Meer… und Albträume.“

Grace sah mich schockiert an. Sie wollte etwas sagen, mich umarmen. Das sah ich ihr an. Aber sie ließ mich fertig erzählen. „In den Träumen durchlebe ich das alles nochmal. Eigentlich habe ich solche Träume, die immer anders anfangen aber gleich enden, zwei Mal im Monat. Aber seit unseren… ’Abenteuern‘ sind sie fast täglich.“ Ich sah zu Boden und trank schweigend meinen Kaffee.

„Hast du je etwas dagegen unternommen? Tabletten, Therapien?“ Ich nickte. „ Ich habe einen Therapeuten. Dr. McClair, er ist Ire, hat mir Schlaftabletten gegeben, aber dadurch, dass sie unregelmäßig sind und ich nicht süchtig nach Tabletten werden möchte, nehme ich sie nicht." Schweigen breitete sich aus. Grace sah mich mitleidig an.

„Schau mich nicht so an!“, rief ich und schlug sie mit einem Kissen. „Hey!“, schrie sie und revanchierte sich. Sie stürzte sich auf mich und irgendwann lagen wir aufeinander, lachend und fröhlich. Meine Sorgen waren für einen kurzen Moment vergessen. Leider nur für einen kurzen.

„Was willst du heute machen?“, fragte ich und sah sie fragend an, doch Grace überlegte noch. Ich ließ ihr Zeit und beobachtete sie. Grace kaute immer auf ihrer Lippe wenn sie nachdachte und manchmal zupfte sie an ihrem T-Shirt. „Keine Ahnung. Wie wär‘s wenn wir hier bleiben?“ Ich nickte nur lächelnd und küsste sie. Sie erwiderte den Kuss. Ich fuhr mit meiner Hand unter ihr T- Shirt und wir küssten uns leidenschaftlicher. „Wollen wir…“, fing Grace an. „… ins Schlafzimmer gehen?“ Erstaunt hörte ich auf und sah ihr in die Augen. „Nur wenn du wirklich willst“, flüsterte ich. Sie nickte entschlossen und küsste mich wieder. Ich hob sie langsam hoch und trug sie ins Schlafzimmer. Vorsichtig legten wir uns ins Bett. Plötzlich klingelte ihr Handy, sie stöhnte genervt auf. „Sorry, da muss ich rangehen. Wahrscheinlich Tante Susanne!“ Grace stand auf und mit einem letzten entschuldigenden Blick verschwand sie. Über beide Ohren grinsend legte ich mich hin. Eine Minute später kam sie wieder zurück. Doch als ich ihren Blick sehe gefriert mein Lächeln. „Das war meine Mum.“ Sie starrte mich fassungslos an und in ihren Augen glitzerten Tränen. „Ich werde Schwester.“ Eigentlich hätte sie jetzt lächeln sollen, aber etwas stimmte nicht. „Das ist ja toll!“, versuchte ich, sie aufzumuntern. Doch sie schüttelte den Kopf. „Nein. Ist es nicht.“ „Warum nicht?“, fragte ich vorsichtig. Ein schrecklicher Gedanke ging mir durch den Kopf. Aber das konnte nicht sein. Nein. Niemals. Oder? „Ich…“ Ihre Stimme versagte kurz. „Ich muss nach Europa ziehen.“ Doch. Grace würde mich verlassen.

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