Wie ein Phönix aus der Asche

Zwei Tage waren vergangen, nun durfte ich mit Olivia und Jamie nach Hause fahren. Olivia hatte bereits die wenigen Sachen, die die Beiden mir mitgebracht hatten, in eine schwarze Reisetasche gepackt.
Gestern hatte mich Linda erneut besucht. Vanessa, Zack, Daphne und Cassidy hatte sie zu meiner Überraschung mitgebracht. Die ganze Zeit über hatten meine Freunde im Halbkreis um das Bett herumgestanden und mich entweder mitleidig oder traurig angesehen, bis auf Linda.
Sie hatte nur vorwurfsvolle Blicke für mich übrig gehabt. Nach ihr hatte James mal wieder an allem Schuld und ich war zu naiv oder zu blöd, um das begreifen.
Auch von ihnen hatte ich die Frage ertragen müssen, was mit mir passiert war. Es erklärte sich wohl von selbst, dass ich ihnen ebenfalls nichts über die Geschehnisse erzählte.
Seitdem ich sehr sparsam mit meinen Informationen umgegangen war, waren einige von ihnen misstrauisch gewesen. Alle, bis auf Vanessa und Daphne. Die Beiden waren ja auch diejenigen, die James mochten und ihn nicht für den Teufel höchstpersönlich hielten.
Also waren die Gespräche eher oberflächlich und ihr Verhalten unterkühlt gewesen. Die anfängliche Heiterkeit war abgeflaut und eine unangenehme Stimmung war übriggeblieben. Dabei hatte ich das Gefühl gehabt, dass meinen Freunden diese Stimmung mehr ausgemacht hatte, als mir. Vermutlich hatte das aber bloß daran gelegen, dass ich mir einfach zu viele Sorgen um James gemacht hatte. Die ganze Zeit war es mir so vorgekommen, als seien meine Freunde gar nicht richtig da. Ich hatte sie nur verschwommen wahrgenommen, wie geisterhafte Schemen.
James dagegen hatte ich klar vor mir gesehen, als hätte er tatsächlich in meinem Zimmer neben dem Bett gestanden. Die dunklen Haare hatten zerzaust von seinem Kopf abgestanden. Seine grauen, unvergesslichen Augen hatten unglaublich hell und intensiv geleuchtet, wie ein flammendes Inferno. Seine Lippen hatten ein breites, unwiderstehliches Lächeln geziert. Augenblicklich hatte mein Herz heftig zu schlagen begonnen und ich hatte sein Lächeln erwidert.
Er war kerngesund gewesen. Nichts war zu sehen von gebrochenen Rippen, Blutergüssen oder sonstigen Verletzungen. Ich war beinahe soweit gewesen meine Halluzination für wahr zu halten. Doch meine Freunde hatten alles zunichte gemacht, als sie sich verabschiedet und gegangen waren. Sie waren nicht mal eine Stunde bei mir gewesen.
„Bist du soweit, Holly?“, fragte mich Olivia aus heiterem Himmel. Ich erschrak und zuckte zusammen, da ich in Gedanken versunken gewesen war.
„Ja, ja“, rasselte ich herunter und schnappte mir mit meiner gesunden Hand die Tasche.
„Lass mich das machen“, wandte sich mein Onkel an mich und wollte mir schon die Tasche aus den Händen reißen.
„Ich bin ja wohl noch in der Lage eine Tasche zu tragen, oder?“, meckerte ich ihn an und wich ihm aus. Schnurstracks durchquerte ich das Zimmer und trat auf den Flur. Hinter mir hatte ich meinen Onkel noch schnauben hören können. Er und Olivia hatten sich anscheinend immer noch nicht an meine Wut gewöhnt, obwohl diese bereits seit Stunden in mir brodelte und ich die beiden jedes Mal anschnauzte, wenn sie mit mir sprachen. Dabei hatte ich guten Grund dazu.
Schließlich zwangen die Beiden mich mit ihnen nach Hause zu kommen, trotz meines Wunsches bei James im Krankenhaus zu bleiben. Ich wollte ihn auf keinen Fall alleine lassen, aber dass war den beiden völlig egal. Seit Dr. Travis ihnen gesagt hatte, dass ich nun gehen dürfe, bestanden sie darauf so schnell, wie möglich, aus dem Krankenhaus zu verschwinden. Natürlich, denn für sie gab es hier nichts mehr. Für mich schon. Aber leider hatte ich keine andere Wahl. Ich musste gehen.
Ich stand im Flur und scharrte mit den Füßen über den glatten Boden. Dafür, dass die Beiden hier raus wollten, trödelten sie ziemlich herum. Ungeduldig und mit den Nerven am Ende starrte ich den Flur entlang. Ich entdeckte zwei Krankenschwestern, die sich unterhielten und gemeinsam lachten. Am Ende des Flures wurde eine ältere Frau von einem jungen Mann gestützt. Vermutlich war der Mann ihr Sohn oder auch ihr Enkel. Ich wandte meinen Blick ab und starrte auf meine schwarzen Sneaker.
Was hätte ich nicht alles dafür gegeben bei James zu sein und mich um ihn zu kümmern. Ich bekam ein schlechtes Gewissen, weil ich ging, obwohl es nicht mal nach meinem Willen geschah. Auf einmal wurde ich panisch, denn was war, wenn es James besser gehen und er wieder zu sich kommen würde? Ich würde nicht da sein. Er wäre ganz allein.
Daran hatte ich bis jetzt überhaupt noch nicht gedacht. Abrupt ließ ich die Tasche fallen, welche mit einem Rumpfs auf den Boden aufkam. Ohne Jamie oder Olivia Bescheid zu sagen, nahm ich die Beine in die Hand und rannte in Richtung Aufzüge.
Bei jedem Schritt quietschte der Boden unter meinen Füßen, als ich den endlosen, hallenden Flur verließ und rechts abbog. Nach ein paar Metern bremste ich ab und blieb vor zwei Aufzügen stehen. Wie eine Wahnsinnige drückte ich immer wieder auf den Knopf, bis meine Finger ganz rot waren.
„Na komm schon“, brüllte ich die metallenen Tür an, die einfach nicht aufgehen wollte. Aufgeregt hibbelte ich mit meinem rechten Fuß. Innerlich verfluchte ich die langsamen Aufzüge in diesem Krankenhaus.
Endlich, nach einen halben Ewigkeit, hörte ich einen Aufzug, der in meine Etage fuhr. Und tatsächlich hörte ich ein schwaches Pling, das die Ankunft des Aufzuges ansagte. Leicht ruckelten die Türen, als diese auseinander glitten. Ich verlor keine Zeit und schritt in die geräumige Kabine. Hektisch drückte ich auf den Knopf mit der Nummer 3. Gemächlich setzte sich der Aufzug in Bewegung. Zornig schnaubte ich.
Mir ging das alles nicht schnell genug. Wütend schlug ich gegen die Metalltür. Ein leichter Schmerz durchfuhr meine Hand und machte mich nur noch wütender. Ich knurrte laut und rieb mir die Hand. Wieso dauerte es so lange in den dritten Stock zu fahren?  
Dann, ich hatte nicht mehr daran zu glauben gewagt, stoppte der Aufzug unsanft und unter mir vibrierte es. Die Türen öffneten sich. Sogleich wandte ich mich nach links und bog erneut in einen langen Flur ein. Meine Augen huschten die Zimmernummern entlang, die seitlich an den breiten Türen angebracht waren. Als ich die Nummer 350 entdeckte, hielt ich mitten im Lauf an und wäre beinahe über meine eigenen Füße gestolpert.
Atemlos hielt ich Ausschau nach einem Arzt oder einer Krankenschwester, die mir einen der schrecklichen, grünen Kittel geben könnten. Ohne ihn dürfte ich das Zimmer nicht betreten.
„Hallo?“, fragte ich mit lauter Stimme und sah mich um. Zuerst dachte ich, dass sich niemand auf der Intensivstation aufhalten würde, aber dann tauchte aus einem anderen Zimmer eine junge, blonde Frau auf, die eine Krankenschwesterntracht trug.
„Entschuldigen Sie?“, sprach ich sie fröhlich an. Ich versuchte mir meine Ungeduld nicht anmerken zu lassen.
„Ja?“ Sie klang gestresst. Wahrscheinlich hatte sie Besseres zu tun, als sich mit mir zu beschäftigen.
„Könnten Sie mir vielleicht einen Kittel geben? Ich möchte meinen Verlobten besuchen.“ Ich lächelte sie an.
„Wie heißt Ihr Verlobter?“, fragte sie mich gelangweilt. Ihr Mund war bloß ein schmaler Strich.
„James Roddick“, antwortete ich ihr schon etwas weniger freundlich.
„Einen Moment“, entgegnete sie barsch und ging schnellen Schrittes an mir vorbei.
Ich folgte ihr, wobei ich mich bemühte meinen Unmut gegen sie herunterzuschlucken.
Plötzlich verschwand die Schwester in einem Raum. Kurze Zeit später kam sie wieder heraus. Sie hielt eine Akte in den Händen, die sie aufmerksam studierte.
„Ich fürchte, dass ein Besuch momentan nicht möglich ist“, brachte sie hervor. Mir klappte die Kinnlade herunter.
„Wieso denn nicht?“ Mein Ton war schärfer, als beabsichtigt. Dies brachte mir einen argwöhnischen Blick von ihr ein.
„Weil ihr Verlobter erst vor einer halben Stunde von der Beatmungsmaschine genommen worden ist. Er braucht jetzt erstmal Ruhe“, erklärte sie mir und klappte die Akte zu.
„Machen Sie sich keine Sorgen. Er steht momentan unter der Beobachtung von Dr. Williams.“
Sie sah mich auf eine Art an, die mir sagte, dass ich nun verschwinden sollte, da sie mir alle nötigen Informationen gegeben hatte.
„Warum hat mir niemand gesagt, dass er die Beatmungsmaschine nicht mehr braucht?“
Aus mir brach die ganze Wut, Angst und Verzweiflung heraus, die mich seit Tagen begleitet hatten. Ich ließ alles an der Krankenschwester aus.
„Das kann ich Ihnen leider auch nicht sagen“, zischte sie. „Das müssen Sie schon Dr. Williams fragen.“ Mit einem Mal drehte sie sich um und verschwand, ohne mir zu sagen, wo ich Dr. Williams finden konnte.
„Scheiße“, kam es augenblicklich über meine Lippen. Nicht nur, weil die Krankenschwester einfach abgehauen war, sondern auch, weil ich James nicht sehen durfte.
Auch wenn ich Dr. Williams finden würde, würde es nichts bringen mit ihm zu reden. Er würde sicherlich keine Ausnahmen mehr für mich machen und mich zu James lassen. Ich seufzte und ließ enttäuscht die Schultern hängen. Mir blieb nichts anderes übrig, als zurückzugehen und mir Jamies und Olivias Geschrei anzuhören, weil ich einfach abgehauen war.
Nach einem letzten sehnsüchtigen und sorgenvollen Blick auf James´ Zimmertür machte ich mich auf den Rückweg. Unterwegs dachte ich noch einmal über das Gespräch mit der Krankenschwester nach. Er ist von der Beatmungsmaschine genommen worden. War das ein Zeichen für seine endgültige Genesung? Würde es ihm bald besser gehen? Würde ich ihn sehen und mit ihm reden können?
Beim Gedanken daran, dass James das Schlimmste überstanden und die Quälereien der Killer überlebt hatte, tauchte ein erleichtertes Grinsen in meinem Gesicht auf und ich spürte, dass sich der störende, riesige Knoten in meiner Brust langsam, aber sicher, löste. Vor Glück traten mir einzelne Tränen in die Augen, die ich aber sofort mit meinen Händen wegwischte.
Keine Tränen mehr, beschloss ich. Ich hatte schon zu oft und zu viel geweint. Das musste jetzt aufhören.

„Wo bist du gewesen?“ Jamies scheppernde Stimme tat mir in den Ohren weh. Soeben hatte ich mein Krankenzimmer betreten. Und kaum hatte ich einen Fuß hineingesetzt, da wurde ich schon angebrüllt.
„Das geht dich nichts an“, entgegnete ich emotionslos und vermied es ihm in die Augen zu sehen. Er schien der Einzige zu sein, der hier war, denn Olivia konnte ich nirgendwo entdecken.
„Und wie mich das was angeht“, ärgerte er sich. Ich konnte ihn lautstark atmen hören.
„Na schön.“ Ich hob blitzschnell den Kopf. Strähnen meines schwarzen Haares schnitten durch die Luft. „Ich wollte James besuchen, aber man hat mich nicht zu ihm gelassen, weil er sich ausruhen muss. Er ist nämlich endlich von der Beatmungsmaschine genommen worden, aber dass ist dir und Olivia egal. Euch ist alles egal, denn euch interessieren meine Wünsche, Sorgen und Ängste überhaupt nicht. Ihr wollt mich bloß nach Hause zerren. Ihr wollt euren Willen durchsetzen, mit allen Mitteln, aber dass will ich nicht. Ich will nicht mit euch nach Hause kommen. Ich will bei James bleiben.“
Nach meiner Ansprache spürte ich eine unglaubliche Hitze in meinem Kopf und ich musste nach Atem ringen.
Jamie schaute mich derweil verstört an. Er schien wie vor den Kopf gestoßen. Doch dann schüttelte er sich und seine strenge Miene kam wieder zum Vorschein.
„Mir ist klar, dass du hier bleiben willst, aber das geht nicht. Du kommst mit nach Hause“, sagte er mir mit erhobenem Zeigefinger. Bei diesem Anblick konnte ich ein spöttisches Grinsen nicht unterdrücken. Es war lachhaft von ihm zu glauben, dass er mich zu irgendetwas zwingen konnte.
„Ich bleibe hier“, blaffte ich ihn an und stemmte entschlossen die Hände in die Hüften, wobei ich mit meiner linken, lädierten Hand ein paar Probleme hatte.
„Nein!“, schrie er ungehalten. Instinktiv wich ich einen Schritt zurück. „Du kannst nicht hier bleiben, weil die Ärzte bestimmt auch nicht von dieser Idee begeistert wären.“
„Aber…“
„Kein aber. Du tust, was ich dir sage, junge Dame“, schrie er zornig und verengte die Augen zu Schlitzen.
Junge Dame. Seit Ewigkeiten hatte er mich nicht mehr so genannt. Das letzte Mal war an meinem zwölften Geburtstag gewesen. Damals hatte er mir eintrichtern wollen, dass ich mich ja über alle Geschenke freuen müsse. Es war kein Wunder gewesen, dass ausgerechnet er dies zu mir gesagt hatte. Schließlich war ich nicht gerade in Freudentaumel verfallen, als er mir ein übergroßes hässliches T-Shirt geschenkt hatte.
„Du hast mir gar nichts zu sagen. Du bist nicht mein Vater“, warf ich ihm an den Kopf. Keine Sekunde später bereute ich meine Worte. Nicht nur, weil ich sah, wie weh ich Jamie damit getan hatte, sondern weil mich die Trauer zu erdrücken schien. Die Erinnerungen an meinen Dad brachten mich fast wieder zum Heulen. Ich wünschte mir, dass er hier wäre und mich in seine Arme nahm. Eine Umarmung von ihm und seine Nähe hatten mich immer getröstet, doch er war nicht da. Er würde niemals zu mir zurückkehren und mir beistehen.
Ich unterdrückte einen Schluchzer, der meine Kehle hinauf kroch und herauswollte. Ich wandte mich von meinem Onkel ab und blinzelte mehrmals, damit erneute Tränen keine Chance hatten meine Augen zu verlassen.
„Wir sollten jetzt gehen, Holly“, meinte er nach fünf Minuten Stillschweigen. Ich konnte hören, wie verletzt er war. Ich fragte mich nur, ob es wirklich an meinen Worten lag oder daran, dass er an seinen verstorbenen Bruder erinnert worden war.
„Olivia wartet in der Eingangshalle.“ Ich konnte mir nicht erklären, warum er mir ausgerechnet diese Information gab. Mir war es gleichgültig. Mir war alles egal, was nicht mit James zu tun hatte.
Auf einmal setzte sich Jamie in Bewegung. Er nahm die Tasche, die ich im Flur hatte fallen lassen, in die rechte Hand. Dann ging er an mir vorbei und öffnete die Tür.
„Komm.“ In seiner Stimme hörte ich eine Mischung aus Verärgerung und Sanftmut. Es war ein äußerst komischer Klang. In mir sträubte sich alles dagegen ihm zu folgen, denn wenn ich jetzt das Krankenhaus verließ, dann würde ich James im Stich lassen.
Jamie schaute zurück. Ich konnte in seinem Gesicht ablesen, wie sehr er sich wünschte, dass ich ihm ohne Widerworte und Widerstand folgte, aber ich konnte nicht. Eine unsichtbare Barriere hielt mich davon ab einen Schritt zu tun. Mein Platz war an James´ Seite und nicht Zuhause oder in der Schule. Ich weigerte mich strikt dieses Krankenhaus zu verlassen.
„Jetzt komm endlich, Holly“, kam es von ihm jetzt schon etwas eindringlicher. Sein Griff um die Tasche wurde deutlich stärker. Zornig schob er seine dunklen Augenbrauen zusammen. Ich hörte nicht auf ihn.  
„Holly…“
„Das kannst du nicht von mir verlangen, Jamie“, erwiderte ich in einem Ton, der mich selbst erschreckte. So kalt und gefühllos hatte meine Stimme noch nie geklungen. Seine Reaktion war genau dieselbe, wie eben, als ich ihm knallhart ins Gesicht gesagt hatte, dass er nicht mein Vater war und über mich bestimmen konnte. Ich selbst spürte, dass ich mich veränderte, wenn es um James ging.
Dann wurde ich immer gemein, wütend und verletzte die Menschen, die ich liebte und mochte. Selbst meine beste Freundin Linda behandelte ich wie Dreck, wenn wir wegen James stritten.
Aber ich konnte nichts dagegen tun. Ich musste James verteidigen; zu ihm halten, weil er doch niemanden anderen außer mir hatte. Außerdem liebte ich ihn. Ich liebte ihn so sehr, dass ich keine Worte dafür fand. Die Liebe zu diesem Mann machte mich einfach sprachlos und ließ mich nicht klar denken.
„Du kannst nicht hier bleiben und dass weißt du, Holly“, sagte er leise und sah mich mit einem seltsamen Blick an, den ich nicht deuten konnte. Es nervte mich, dass er immer wieder sagte, dass ich nicht bleiben konnte. Vor allem, da ich wusste, dass er Recht hatte. Doch ich dachte nicht im Traum daran, nachzugeben und mit ihm nach Hause zu kommen.
„Du bringst mich nicht dazu hier wegzugehen.“ Ich presste meine Lippen aufeinander und vermied es ihn anzusehen.
„Bitte zwing mich nicht dazu Dr. Travis zu holen.“ Nach dieser Aussage musste ich erstmal kichern. Das konnte doch unmöglich sein Ernst sein.
„Willst du mir jetzt damit drohen einen Arzt zu rufen, der mich aus dem Krankenhaus befördert?“, fragte ich spöttisch und zog eine Augenbraue in die Höhe.
„Ja!“, brüllte er. „Mir ist jedes Mittel recht, um dich nach Hause zu bekommen.“ Ich konnte nicht sagen, ob seine Sorge um mich die Überhand hatte oder die Wut auf mein trotziges Verhalten. Keine Ahnung. Ich wusste nur, dass nichts und niemand mich aus dem Krankenhaus kriegen würde.
„Gut“, murmelte er, bevor er auf mich zukam und mich packte. Überrascht riss ich die Augen weit auf.
Jamie verließ schnurstracks das Zimmer und schleppte mich den Flur entlang. Meine Überraschung schlug in unbändigen Zorn um.
„Du hast kein Recht Gewalt anzuwenden“, kreischte ich. Mein Geschrei hallte an den Wänden wieder und war vermutlich im gesamten Stockwerk zu hören.
„Du lässt mir keine andere Wahl, Holly“, war seine schwache Erklärung. Was für eine tolle Antwort, dachte ich sarkastisch und schnaubte.
Während er mich durch den Flur, bis in die Eingangshalle schleifte, versuchte ich seinem Griff zu entkommen, aber seine Entschlossenheit schien ihm unvorstellbare Kräfte zu verleihen. Jamie war es egal, dass sich die anderen Leute nach uns umdrehten und miteinander flüsterten oder auf uns zeigten. Für ihn zählte nur, dass er seinen Willen bekam und mich nach Hause brachte.
In der Eingangshalle war kaum etwas los. Darum entdeckte ich Olivia, die auf einem der blauen Sofas saß, sehr schnell.
Als sie uns kommen hörte, was bei meinem Geschrei nicht allzu schwer war, sprang sie, wie von der Tarantel gestochen, auf und eilte gehetzt auf uns zu.  
„Was machst du denn da, Jamie?“ Olivia war außer sich, als sie mich schreiend und aufgebracht in Jamies Arm hängen sah.
„Sie wollte nicht mitkommen“, meinte er kurz angebunden. Damit war für ihn das Thema beendet.
„Aber du kannst doch nicht…“, stammelte sie und wurde blass.
„Und ob ich kann“, raunte er und ging weiter. Seine Frau hatte Probleme mit ihm Schritt zu halten. Durch die elektrische Schiebetür verließen wir das Krankenhaus. Kaum fühlte ich die Kälte und den frischen Wind auf meiner Haut, da fing ich an zu frösteln. Noch immer lag eine dicke Schneedecke auf der Erde und erschwerte mir die Orientierung.
„Wir fahren jetzt nach Hause“, sagte mein Onkel eher zu sich selbst. Seine Augen blitzten, als er sich auf dem Weg zum Parkplatz machte. Ich ließ alles geschehen. Ich ließ mich von ihm in den Mercedes bugsieren und sogar anschnallen.
Seit das Krankenhaus aus meiner Sichtweite verschwunden war, hasste ich meinen Onkel für das, was er mir antat. Die ganze Fahrt über traktierte ich seinen Nacken mit abschätzigen und wütenden Blicken. Er hatte mich dazu gezwungen James zu verlassen; ihn allein im Krankenhaus zurückzulassen. Wenn James etwas geschehen sollte und ich nicht da war, dann würde ich ihm das nie verzeihen. Niemals.
Nach zwanzig Minuten fuhren wir die Auffahrt hoch. Sofort schnallte ich mich ab und stieg aus. Im Vorgarten lag so viel Schnee, dass man die Büsche am Gartenzaun kaum noch sehen konnte. Ich stöhnte und setzte meine Füße in das eisige Weiß. Das untere Drittel meiner Stiefel verschwand völlig. Ich knallte die Autotür mit voller Wucht zu und stapfte durch den Schnee Richtung Haus.
Auf einmal hörte ich, wie zwei mir bekannte Stimmen nach mir riefen, doch ich beachtete sie nicht und ging weiter. Mir war bewusst, dass es Daphne und Cassidy waren, aber ich wollte sie nicht sehen und auch nicht mit ihnen reden. Ich wollte bloß alleine sein. Ich betrat die Veranda und blieb stehen. Da ich keinen Schlüssel dabei hatte, musste ich wohl oder übel auf Jamie und Olivia warten. Mein Onkel holte die Tasche aus dem Kofferraum, während seine Frau ihren Hausschlüssel zückte und die Tür aufschloss. Na endlich.
Bevor ich jedoch nur einen Schritt ins Haus machen konnte, berührte mich Olivia sanft am Arm und hielt mich zurück.
„Wo willst du hin?“ Ihre Miene zeigte nichts als Besorgnis.
„In mein Zimmer“, antwortete ich schroff und wollte mich an ihr vorbeizwängen, aber das ließ sie nicht zu.
„Ich halte es für eine gute Idee, wenn wir alle gemeinsam über die vergangenen Tage sprechen würden“, meinte sie vorsichtig. Sie wollte bestimmt über die Streitereien zwischen Jamie und mir sprechen, aber auch über das, was mit James und mir passiert war. Über diese Themen wollte ich mit den Beiden ganz sicherlich nicht reden.
„Kein Interesse“, sprudelte es aus mir heraus. Erneut versuchte ich mich an ihr vorbeizudrängen und diesmal hatte ich Erfolg. Mit nassen Stiefeln rannte ich die Treppe hinauf in mein Zimmer.
Augenblicklich schloss ich die Tür ab, damit ja keiner auf die Idee kam mich zu stören. Erschöpft und entnervt ließ ich mich auf mein weiches Bett fallen. Endlich durfte ich wieder in einem bequemen, großen Bett schlafen. Ich zog mir die Stiefel von den Füßen, legte mich flach auf den Rücken und zog mir die Tagesdecke über den Kopf.
Die Luft wurde stickig und warm. Ich konnte kaum noch atmen. Die Dunkelheit schloss mich ein und machte mir Angst. Ich kam nicht umhin an James zu denken.
Es tut mir leid, dass ich nicht bei dir bin; dass ich nicht für dich da sein kann, James. Aber ich verspreche dir, dass ich dich morgen besuchen komme und nicht mehr von deiner Seite weichen werde.
„Ich vermisse dich“, hauchte ich und schloss meine Augen. Dann dauerte es nicht mehr lange, bis ich einschlief.

Mit dicker Jacke, einer dunkelblauen Mütze und Fäustlingen gegen die niedrigen Temperaturen gewappnet, saß ich in meinem Ford und drehte zum dritten Mal an der Heizung. Da es immer noch bitterkalt im Wagen war, hatte ich die Befürchtung, dass die Heizung nun endgültig im Eimer war. Verärgert haute ich gegen das Armaturenbrett.
„Mistding“, schrie ich die Heizung an und warf ihr einen bösen Blick zu. Ich gab auf. Dann musste ich eben frieren.
Ich fuhr die Hauptstraße entlang, die ziemlich glatt war, obwohl ich Winterreifen drauf hatte. Vorsichtshalber fuhr ich langsamer, als erlaubt, denn ich hatte keine große Lust einen Unfall zu bauen und schon wieder im Krankenhaus zu landen. Dabei war ich gerade auf dem Weg dorthin.
Vor einer halben Stunde hatte ich noch in der Schule gesessen und versucht, Mr. Wests Unterricht zu folgen, was mir außerordentlich schwer gefallen war. Unentwegt hatte ich bloß daran denken können ins Krankenhaus zu fahren und James zu besuchen.
Jetzt war es soweit. Ich war auf dem Weg zu ihm. Je näher ich dem Krankenhaus kam, desto glücklicher wurde ich. Mein Herz pochte gegen meinen Brustkorb, als wolle es herausspringen. Durch das Gefühlchaos musste ich mich noch mehr auf die Fahrt konzentrieren. Ich musste sowieso aufpassen, da ich nur mit meiner rechten Hand fuhr.
Olivia und Jamie hatten mir eigentlich verboten mit dem Auto zu fahren. Jamie hatte sogar darauf bestanden mich zur Schule zu fahren. Wahrscheinlich hatte er aber bloß sichergehen wollen, dass ich tatsächlich in die Schule ging und nicht zum Krankenhaus fuhr.
Ohne zu Murren hatte ich mein Okay gegeben, aber nur, weil ich bereits einen Plan im Kopf gehabt hatte. Ich hatte meinen Wecker eine ganze Stunde vorgestellt. Ich war früher aufgestanden, hatte mich lautlos für die Schule fertig gemacht und war aus dem Haus geschlichen, ohne, dass Jamie und Olivia etwas mitbekommen hatten. Ich hatte mich in den Ford gesetzt und war losgefahren.
Immer noch in Gedanken versunken fuhr ich auf den Parkplatz des Krankenhauses. Ich zitterte am ganzen Körper, als ich ausstieg und den Eingang des Krankenhauses anpeilte. Ich schlug meine Arme um mich, damit mir etwas wärmer wurde. Der eisige Wind pfiff mir um die Ohren und fuhr unter meine Jacke. Ich legte einen Gang zu und betrat mit klappernden Zähnen das Krankenhaus. Die Eingangshalle war im Vergleich zum letzten Mal schon fast überfüllt. Ich zog mir die Mütze vom Kopf und glättete mir mit meiner rechten Hand provisorisch die Haare. Ich bahnte mir einen Weg zum Empfangstresen. Dabei zog ich meine Handschuhe aus und stopfte sie in meine Jackentaschen.
Als ich am Empfang ankam, entdeckte ich die dunkelhaarige Frau mit der Brille, die mich damals zu James auf die Intensivstation gelassen hatte, obwohl ich eigentlich nicht dazu berechtigt gewesen war. Sie saß auf einem drehbaren Stuhl und tippte eilig auf der Computertastatur herum. Verhalten räusperte ich mich, um ihre Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen.
Tatsächlich blickte sie auf, wobei sie ihre Brille, die auf ihre Nase gerutscht war, zurückschob.
„Guten Tag. Ich bin hier um meinen Verlobten zu besuchen“, klärte ich sie freudestrahlend auf. Ich konnte es kaum erwarten James wiederzusehen.
Im ersten Moment sagte sie gar nichts. Dagegen musterte sie mich eindringlich.
„Ich kenne Sie doch“, stellte sie nach zwei Minuten fest. „Waren Sie nicht schon mal wegen Ihres Verlobten hier?“ Die Frau klang misstrauisch. Davon ließ ich mich jedoch nicht beirren.
„Genau“, bestätigte ich und hob meine linke Hand in die Höhe, um ihr meinen Verlobungsring zu zeigen. Merkwürdig stierte sie auf meine Hand. Ich folgte ihrem Blick. Der Verband um meine Hand schien der Grund für ihre komische Reaktion zu sein.
„Was haben Sie denn gemacht?“, fragte sie mich ernst und betrachtete meine Hand. Der Ring schien sie nicht zu interessieren.
„Ach, nichts Besonderes.“ Ich winkte ab. „Kann ich jetzt zu meinem Verlobten? Gestern war mir ein Besuch bei ihm nicht erlaubt.“ Ich versuchte meine Stimme nicht allzu flehend klingen zu lassen. Die dunkelhaarige Frau ließ ihren Blick von meiner Hand zu ihrem Computer wandern.
„Ich bräuchte dann noch mal den Namen Ihres Verlobten“, kehrte sie schlecht gelaunt heraus.
„James Roddick.“ Angespannt wartete ich auf eine Antwort. Ich wippelte nervös mit meinem rechten Fuß. Sie tippte seinen Namen in den Computer ein.
„Sie können Ihn besuchen. Ich werde Dr. Williams benachrichtigen, dass Sie hier sind.“ Herzlich bedankte ich mich bei ihr, bevor ich zu den Aufzügen ging. Ich hoffte, dass der Arzt gute Nachrichten für mich hatte und es James endlich besser ging. Es musste ihm besser gehen, sonst wäre er nicht von der Beatmungsmaschine genommen worden. James musste wieder gesund werden.
Mit wackligen Knien eilte ich zum Zimmer mit der Nummer 350. Vor der Tür stand bereits Dr. Williams. In der Hand hielt er James´ Krankenakte. Ich verlangsamte meinen Schritt und ging auf den Arzt zu. Mit einem breiten Lächeln begrüßte er mich. Ein gutes Zeichen.
„Gibt es etwas Neues?“, fragte ich direkt heraus. Meine Aufregung konnte ich kaum vor ihm verbergen. Beruhigend legte er eine Hand auf meine Schulter und nickte.
„Ihrem Verlobten geht es um einiges besser, als noch vor ein paar Tagen.“ Ich hörte die Worte, auf die ich so lange gewartet hatte, doch ich konnte sie nicht realisieren.
„Gestern haben wir ihn von der Beatmungsmaschine genommen. Seine Atmung ist jetzt wieder regelmäßig.“ Obwohl diese Information nichts Neues für mich war, fiel mir ein tonnenschwerer Stein vom Herzen.
„Ihr Verlobter hat sich sonst sehr gut von der Operation und den Strapazen erholt“, teilte er mir mit erleichterter Miene mit. Er war wohl auch froh um den guten Ausgang.
„Wie lange muss James noch im Krankenhaus bleiben?“ Ich hoffte inständig, dass er bald hier raus kam.
„Sie müssen mit mindestens sechs Wochen rechnen“, meinte er. Mir klappte die Kinnlade herunter.
„So lange?“
„Ich fürchte schon. Die Rippenbrüche Ihres Verlobten sind nicht einfach. Er muss erstmal eine längere Zeit liegen bleiben und sich so wenig, wie möglich, bewegen. Außerdem müssen wir sichergehen, dass seine Milz und seine Leber gut verheilen.“
Innerlich dankte ich ihm, dass er mich von medizinischen Fachbegriffen verschonte und mir alles verständlich erklärte.
„Kann er nicht etwas früher nach Hause?“ Ich verschwieg ihm lieber, dass James momentan keine Unterkunft hatte.
„Das kann ich nicht machen, Miss Dugan. Ich würde ein Risiko eingehen, wenn ich Ihn vorzeitig entlasse.“ Sein Tonfall zeigte mir, wie ernst die Lage war.
„Kann ich ihn jetzt sehen?“ Erwartungsvoll sah ich ihn an. Er konnte unmöglich nein sagen.
„Natürlich, Miss Dugan.“ Ein breites, überschwängliches Grinsen zierte meine Lippen. Ich konnte meine Freude einfach nicht mehr zurückhalten. Schnell zog ich mir den Kittel über, den mir Dr. Williams reichte. Dann betrat ich James´ Zimmer.
Die Vorhänge waren vorgezogen und die wenigen Sonnenstrahlen, die die grauen, dichten Wolken durchließen, erhellten das triste Zimmer. Ich schritt am Badezimmer vorbei und bekam einen guten Blick aufs Bett. James Position war unverändert. Flach lag er auf der Matratze und eine Nadel steckte in seiner rechten Hand. Wahrscheinlich war diese Lage besser für seine verletzten Rippen. Wieder nahm ich mir den Stuhl und stellte diesen nah ans Bett heran.
Ich setzte mich und nahm seine linke Hand. Seine Haut sah wesentlich gesünder aus, als bei meinem letzten Besuch. Für mich war es schon eine Erleichterung, dass diese grauenvolle Maschine mit ihrem unaufhörlichen Zischen verschwunden war.
Etwas zögerlich stützte ich meine Ellbogen auf der Matratze auf und zog seinen Arm sanft an meinen Oberkörper. Ich seufzte und sah ihn an. Seine Haare klebten leicht an seiner feuchten Stirn und seine Lippen bewegten sich, als murmelte er etwas vor sich hin.
Bitte mach die Augen auf. Wenige Tränen rollten über meine Wangen und tropften auf die Bettdecke. Leise fing ich an zu schluchzen, dabei verstärkte ich den Druck auf seine Hand. Seine Wärme, die ich auf meiner Haut spürte, machte mich unerklärlicherweise noch trauriger und aus den wenigen Tränen wurde ein heftiger Schwall. Er musste aufwachen. Obwohl Dr. Williams mir gesagt hatte, dass es ihm gut ging, würde ich es erst glauben, wenn James seine Augen öffnete.
Meine heißen Tränen der Verzweiflung wollten nicht aufhören. Ich schämte mich und fühlte mich schwach, weil ich mir doch vorgenommen hatte nicht mehr zu weinen. Wieso konnte ich mich nie an meine eigenen Vorsätze halten?
Von der ganzen Heulerei brannten meine Augen wie Feuer und mein Blick verklärte sich. Reiß dich endlich zusammen, schrie die kleine nervige Stimme in meinem Kopf, die ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr gehört hatte.
„Ich versuche es doch“, giftete ich schrill zurück. Die Stimme machte alles nur noch viel schlimmer. Sie sollte verschwinden und mich in Ruhe lassen. Ich hatte bereits genug Probleme. Ich…
Ein lauter, angestrengter Atemzug drang an meine Ohren. Wie mechanisch drehte ich den Kopf und konnte es kaum glauben. James hatte die Augen aufgemacht und schnappte nach Luft. Seine Reaktion war bestimmt auf Panik zurückzuführen, schließlich hatte er keine Ahnung, wo er sich befand und was alles geschehen war.
Blitzschnell wischte ich mir die Tränen weg und beugte mich über ihn, damit er mich sehen konnte.
„Hi“, flüsterte ich mit brüchiger Stimme. Ein dicker Kloß bildete sich in meinem Hals und erschwerte mir das Schlucken. Mit der rechten Hand strich ich ihm die nassen Haare aus dem Gesicht. Er wirkte orientierungslos und mit der Situation völlig überfordert.
„Was…“, krächzte er. Weiter kam er nicht. Er wollte sich aufsetzten, doch ich drückte ihn sanft wieder zurück auf die Matratze.
„Du bist im Krankenhaus, James. Du hast mehrere gebrochene Rippen, darum musst du liegen bleiben“, erklärte ich ihm eindringlich und hielt zur Sicherheit meine Hand auf seiner Brust.
„Was…ist…pa…“ Das Sprechen strengte ihn unglaublich an. Nach jedem Wort musste er erstmal tief durchatmen.
„Als wir Ophelias Haus verlassen haben, bist du zusammengebrochen. Ich vermutlich auch, weil ein Passant uns bewusstlos im Schnee gefunden hat. Er hat dann einen Krankenwagen gerufen. Ich selbst bin ebenfalls erst im Krankenhaus aufgewacht“, sprudelte es aus mir heraus. Ich war mir nicht sicher, ob James alles verstanden hatte.
Nach meiner Erzählung konnte ich es regelrecht hinter seiner Stirn rattern sehen. Ich ließ ihm Zeit die Informationen zu verarbeiten. Dann, ganz unerwartet, schnellte sein Kopf zu mir. Ängstlich schaute er mich an.
„Bist…du…okay?“ Hart schluckte er. Auf seiner Stirn bildeten sich die ersten Schweißperlen.
„Mach dir keine Sorgen, James. Mir geht es gut“, redete ich beruhigend auf ihn ein und lächelte, um ihm zu zeigen, dass ich gesund war.
„Jetzt ist das Wichtigste, dass du wieder auf die Beine kommst, James. Also denk bitte einmal an dich und deine Gesundheit und nicht an mich“, ermahnte ich ihn. Er öffnete den Mund, um zu widersprechen, aber das ließ ich nicht zu.
„Das ist mein Ernst, James.“ Verdutzt schaute er mich an. „Ich will mich ja nicht beschweren, dass du dich um mich kümmerst und dir Sorgen um mich machst, aber im Moment geht es nur um dich. Du musst dich erholen und gesund werden, okay?“ Ich konnte nicht verhindern, dass ich verzweifelt, ja beinahe schon panisch klang. Ich hatte Angst, dass er unvernünftig wurde. Bei ihm war das leider ein Dauerzustand.
„Ich weiß, dass du das alles für halb so schlimm hälst, aber du weißt nicht, wie schwer du verletzt warst, wie…“ Meine Stimme brach ab. Ich musste mich zusammenreißen, damit ich nicht wieder weinte. Ich hasste und verabscheute meine Emotionalität. James drückte zart meine Hand, die seine umklammert hielt.
„Mir…geht…es…gut“, meinte er und spielte die Situation herunter. Ich hatte befürchtet, dass er so reagieren würde. Wie auf Knopfdruck schüttelte ich den Kopf, sodass meine Haare wild umherwirbelten.
„Jetzt geht es dir gut, aber du hast keine Vorstellung, wie schlimm es um dich gestanden hat, James“, keuchte ich und kämpfte mit den Tränen. Bis jetzt kam ich ganz gut gegen meine aufkommenden Gefühle an, doch die Frage war, wie lange ich das noch durchhalten würde.
„So schlimm kann…kann es ja…ja nicht gewesen sein“, entgegnete er mit einem leichten Schmunzeln. Wenn er nicht verletzt gewesen und im Krankenhaus gelegen hätte, dann hätte ich ihm auf der Stelle eine reingehauen. Wollte oder konnte er den Ernst der Lage nicht verstehen?
„Schlimm ist gar kein Ausdruck“, presste ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Nun war ich nicht mehr traurig oder ängstlich, sondern richtig wütend.
„Du musstest dreimal wiederbelebt werden. Dreimal.“ Das Wort Dreimal betonte ich dabei besonders. „Außerdem hattest du einen Riss in der Milz und in der Leber und musstest notoperiert werden. Also sag mir, ist es wirklich nicht so schlimm gewesen?“
Ich konnte kaum glauben, dass ich ihn anbrüllte. James sah mich derweil entsetzt an.
Es stellte sich die Frage, ob mein Ausraster oder doch meine Schilderungen über die Verletzungen, die er davon getragen hatte, ihn dermaßen schockierten.
„Holly ich…ich hatte ja keine Ahnung“, nuschelte er beschämt und vermied es mir in die Augen zu sehen. Seine Verletzungen erschütterten ihn mehr, als er zugeben wollte.
„Tschuldigung, dass ich dich so angefaucht habe“, sagte ich. Meine Wut war verraucht. Ich beugte mich vor und küsste ihn vorsichtig.
„Nun geht es…es mir noch besser“, schmeichelte er sich bei mir ein. Dabei hatte er dieses charmante Lächeln im Gesicht, mit dem er mich in seinen Bann zog und mein Herz zum Rasen brachte und dass wusste er.
„Das freut mich Mr. Roddick“, neckte ich ihn und küsste ihn ein weiteres Mal. Diesmal war der Kuss erheblich länger.
„Wie lange…muss ich hier bleiben?“, fragte er mich erwartungsvoll. Er hoffte wohl, dass er bald das Krankenhaus verlassen durfte. Für ihn musste es die reinste Hölle sein, untätig herumzuliegen. Mir gefiel es nicht ihn enttäuschen zu müssen, aber ich hatte keine andere Wahl.
„Leider sechs Wochen“, antwortete ich betrübt und seufzte. Auch für mich waren sechs Wochen eine sehr lange Zeit.
James reagierte auf diese Nachricht anders, als erwartet. Ich hätte gedacht, dass er niedergeschlagen oder traurig sein würde, aber mit aller Kraft, die er aufbringen konnte, ballte er seine Hände zu Fäusten. Durch seine bleiche Haut konnte ich seine Handknöchel überhaupt nicht erkennen.
„Was ist los?“, wollte ich verdutzt von ihm wissen. Keine Antwort.
„James?“ Ich war irritiert. Was hatte er nur?
„Ich bringe sie um. Ich bringe sie alle um“, knurrte er und fletschte die Zähne.
Wutentbrannt glühten seine Augen unnatürlich hell. James sah schaurig und beängstigend aus.
„Was redest du da?“ Ich kam nicht umhin mir Sorgen um ihn zu machen. Hatte er etwa den Verstand verloren?
Plötzlich setzte er sich so schnell auf, dass ich gar nicht reagieren und ihn zurückhalten konnte. Nicht eine Sekunde verzog er das Gesicht, obwohl die Schmerzen seiner Rippen kaum auszuhalten sein mussten.
„Ich werde jeden einzelnen dieser Bastarde eigenhändig zur Strecke bringen. Ich werde sie…ich werde sie…“, ein tiefes, furchteinflößendes Grollen entfuhr seiner Kehle. Erst jetzt kam ich darauf, dass er über seine Ex-Kollegen sprach.
„Bitte beruhige dich und leg dich wieder hin, James“, befahl ich streng und versuchte ihn dazu zu bewegen sich hinzulegen, aber James war stur wie immer. Er ließ es nicht zu, dass ich seinen Oberkörper zurück auf die Matratze drückte.
„Sie alle werden für das büßen, was sie uns angetan haben“, redete er weiter. Seine Wut war kaum zu stoppen.
„Das…“
Ohne Vorwarnung drehten sich auf einmal seine Pupillen nach oben, sodass ich nur noch seine weißen Augäpfel sehen konnte. James kippte mit einem lauten Rumpfs nach hinten aufs Bett.
„Oh, Gott!“, schrie ich und sprang auf. Ohne lange darüber nachzudenken, rannte ich aus dem Zimmer und rief laut nach Hilfe. Je mehr Zeit verging, desto verzweifelter und panischer wurde ich. Irgendjemand musste doch hier sein.
„Was ist denn, Miss Dugan?“ Dr. Williams kam schnellen Schrittes den Flur entlang auf mich zu.
„James. Er ist…er ist…“
Im wichtigsten Moment versagte mir die Stimme. Trotz meiner fehlenden Worte schien der Arzt zu verstehen, dass sich James´ Gesundheitszustand verschlechtert hatte. Sogleich stürmte er in das Krankenzimmer. Etwas unentschlossen folgte ich ihm, denn ich war mir nicht sicher, ob ich mit reinkommen durfte; ob ich wirklich reingehen wollte, aber meine Beine trugen mich automatisch in das Zimmer, dem Arzt hinterher.
„Was ist passiert?“, fragte er mich barsch, während er James durchcheckte. Im ersten Moment blieb ich einfach nur stumm, weil ich nicht in der Lage war irgendetwas zu sagen. Die gesamte Situation überforderte mich vollkommen. War es meine Schuld, dass es James wieder schlecht ging? Hätte ich ihn nicht so aufregen dürfen? Warum…
„Miss Dugan!“, brüllte Dr. Williams ärgerlich und funkelte mich zornig an. Erschrocken zuckte ich zusammen. Ich wusste, dass der Arzt dringend eine Antwort von mir brauchte, doch ich konnte nichts sagen. Es schien, als sei ich stumm.
„Was ist passiert?“, fuhr er mich an. Ich konnte hören, wie ungeduldig er war.
„Ich…ich…hab mich mit…mit ihm unterhalten“, stotterte ich plötzlich und kam mir ziemlich dämlich vor. „Irgendwann hat…hat er sich aufgesetzt.“
„Aha“, brummte er. Dann wuselte er blitzschnell hin und her, sodass ich nicht genau sehen konnte, was er machte.
Während der ganzen Prozedur hielt ich die Luft an und blickte James ängstlich an. Seine Augen hatte er immer noch nicht geöffnet.
Nach fünf Minuten voller Anspannung und Furcht trat Dr. Williams vom Bett zurück und notierte eilig etwas eilig in James´ Krankenakte.
„Ist mit James jetzt wieder alles in Ordnung?“, fragte ich verunsichert und ging auf das Krankenbett zu.
„Ja“, meinte er kurz angebunden. Auf mich wirkte er gestresst.
„Was ist denn passiert?“, wollte ich zusätzlich von ihm wissen. Ich musste wissen, ob James´ Zustand meine Schuld war.
„Durch das Aufsetzen wurden seine verletzten Rippen gequetscht und zu stark belastet. Darum ist ihr Verlobter bewusstlos geworden.“ Nun war seine Stimme neutral und nicht mehr wütend.
„Wieso hat er mir dann nicht gesagt, dass er Schmerzen hat?“ Ich war verwirrt.
„Er hat keine Schmerzen, weil er mit Schmerzmitteln behandelt wird“, meinte er.
Daraufhin klappte er die Krankenakte zu und wandte sich an mich. Sein Gesichtsausdruck gefiel mir ganz und gar nicht.
„Worüber haben Sie denn mit ihm gesprochen, Miss Dugan?“ Seine Frage kam für mich überraschend, obwohl ich sie erwartet hatte.
„Ich habe ihm bloß gesagt, dass er im Krankenhaus ist und wie wir beide hierher gekommen sind. Dann habe ich ihm noch erzählt, was für Verletzungen er davongetragen hat. Mehr nicht“, rechtfertigte ich mich und verschränkte trotzig die Arme vor der Brust.
„Hat sich Ihr Verlobter während Ihres Gesprächs aufgeregt?“ Ich fragte mich, ob er übernatürliche Fähigkeiten besaß und wusste, dass James außer Kontrolle geraten war.
„Ja“, gab ich düster zu, nachdem ich mich übertrieben lange geräuspert hatte. Nun hatte ich endgültig das Gefühl an allem Schuld zu sein. Danach schwieg der Arzt lange.
„Es ist besser, wenn sie jetzt gehen, Miss Dugan“, sagte er auf einmal in einem Ton, der keine Widerrede zuließ. Pures Entsetzen überfiel mich und ließ meinen Körper zitterten. Er durfte mich nicht rauswerfen. Er durfte mich nicht von James trennen. Die vergangenen Stunden hatte bloß der Besuch bei James meine Gedanken beherrscht und mich aufrecht gehalten.
Ich war unbeschreiblich glücklich gewesen, als er seine Augen geöffnet und mit mir geredet hatte und jetzt?
„Bitte schicken Sie mich nicht weg“, jammerte ich und faltete flehend die Hände. Dr. Williams sah mich zwar mitleidig an, doch er schüttelte eisern den Kopf.
„Es tut mir leid, aber Ihr Verlobter braucht wirklich Ruhe“, belehrte er mich. Er blieb hart. Enttäuscht seufzte ich und schaute James an. Friedlich lag er in seinem Bett.
Bevor ich das Zimmer und somit auch ihn verließ, schlurfte ich zu James herüber. Ich beugte mich vor und küsste ihn. Ein heißes Glühen durchzuckte meine Lippen und machte mir eine Trennung von ihm nur noch schwerer.
„Ich liebe dich“, flüsterte ich ihm zu. Danach ging ich hinaus, ohne mich noch einmal umzudrehen.

Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media