Wiederkehrer I - Livan

Ich spüre den Stich. Wie ein feines Netz aus Lavaströmen fließt der Schmerz in meinem Bewusstsein zusammen. Ich hebe die Hand und presse sie auf die Wunde. Die Berührung lindert meine Qual nicht im geringsten. Ein Blick hinab genügt, um mir zu offenbaren, wie schwer ich getroffen bin, und wie schnell das Blut zwischen meinen Fingern hervorquillt. Wie ein Wasserfall schießt das Rinnsal über meine Knöchel und färbt meine fahle Haut rot.
Ich kann mich nicht erinnern, schon einmal so viel Blut aus einer einzelnen Wunde rinnen gesehen zu haben, aber der Strom reißt nicht ab. Das Gefühl in meinen Beinen schwindet. Benommenheit liegt in der Ruhe, die das Gift in meinem Gewebe freisetzt. Jeder Atemzug scheint schwerer als der vorige. Ich zähle sie, bis die Zahlen an Bedeutung verlieren. Meine Knie ächzen.
Als ich mich fallenlasse, und mich die kühle Steinfläche auffängt, beginnt der Schleier bereits, meine Sinne aufzulösen. Diffuse Nebel sickern in meinen Verstand. Das Gefühl, vom Schlaf eingeholt zu werden, ist mir bestens vertraut.
Mühsam kämpfe ich mich auf die Beine zurück. Ich stütze mich gegen die windschiefe Fassade des Hauses, am nächsten zu mir, und halte den Atem an. Zwei Schritte trennen mich von der Dunkelheit. In einer Nische zwischen den Hauswänden gleite ich langsam in die Hocke. Das Herz in meiner Brust schlägt wild um sein Leben. Vergebens.
Wie Sternenregen fallen meine Instinkte über mich her. Wut und Müdigkeit nagen an meiner verbliebenen Willenskraft. Nichts hätte ich lieber getan, als mein Schwert zu ziehen und dem Dieb, der mir aus der Taverne gefolgt war und im Dunkeln aufgelauert hatte, den Stahl zwischen die Rippen zu treiben. Nur die Kraft dazu fehlt mir.
Ich bin getroffen. Diese Wunde ist tödlich, obgleich sie mein Herz verfehlt hat. Das Blut fließt in das umliegende Gewebe, nicht mehr dorthin, wo es gebraucht wird. Das Ende nähert sich mir schleichend. Nicht mehr lange und meine Zeit läuft ab.
Vorübergehend. Es ist nicht das erste Mal.
Ich schließe die Augen und friere. Wie ein Gespenst erscheint mir der Schwarze Engel mit riesigen schwarzen Flügeln, leichenblass und mit langen Knochenfingern. Seine schneeweiße Hand hebt sich mir entgegen, berührte mein Gesicht. Sie ist kalt und starr wie Marmor. Ich blinzel der Erscheinung zu und bete, dass es diesmal für immer ist.
In diesem Leben ist mir der Tod schon unzählige Male über den Weg gelaufen. Wir sind alte Vertraute, Freunde, Feinde, die einander umrunden, aber nie den letzten Schritt wagen. Auch heute nicht. Dieses Spiel spielen wir bereits eine halbe Ewigkeit lang und keiner scheint es je zu gewinnen.
Ich spüre das Schlagen der Flügel meines Totemtieres in weiter Ferne. Niemals kann Nissa rechtzeitig hier sein, um mich sterben zu sehen. Und das brauche ich auch nicht. Wenn der Dämmerfalke eintrifft, ist der Spuk längst vorüber.
Mein Tod ist nie von Dauer. Das war er nie und wird er auch nie sein.
Als ich aufsieht, ist die Hand des Todesengels verschwunden und das Trugbild, das meine Sinne heraufbeschworen haben, löst sich langsam auf. Mein Gesicht reckt sich dem wolkenverhangenen Himmel entgegen. Es ist bitterkalt und dunkel.
Der Schnee, durch den ich stolperte, verrät den Weg, den ich genommen habe. Die zweite Spur, die meines feigen Angreifers, liegt spöttisch daneben. Ich verließ die Taverne, nachdem ich ein paar Krüge Bier und Wein zu viel getrunken und ein paar Kartenspielern leichtfertig das Geld aus der Tasche gezogen hatte. Mit meinen Fähigkeiten, kein Problem. In meinem Leichtsinn muss ich wohl übersehen haben, dass ich nicht ganz so unauffällig gewesen bin, wie ich glaubte. Und niemand mochte Betrüger und Scharlatane.
Ein müdes kleines Grinsen erfasst mein leichenblasses Gesicht. Ich weiß, nachdem meine Augen zugefallen sind und der letzte Atemzug verhaucht ist, wird es nur Minuten dauern, bevor Nissas Geist meinen aus der Ewigkeit zurückreißt und ich in meinem Körper erwache, bereit dazu, auch diese schaurige Wunde zu heilen.
Deshalb wehre ich mich nicht, als die Schwere drückender wird. Ich habe gelernt, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Der Kampf gegen den Tod ist immer ein sinnloses Unterfangen. Ich lehne mich mit dem Rücken an die Wand, rutsche das letzte Stück an ihr herab, und als mein Steißbein den Boden berührt, ist mein Leib tot und mit Schnee bedeckt.
Ich halte den Atem an und zähle, während die kalte Luft erste Eiskristalle auf meinen Augen bildet. Diesmal dauert es lange, bis ich die Kraft wiedererlange, das erste Mal zu blinzeln. Vor mir bewegt sich ein Umriss.
›Das ist das dritte Mal diesen Monat‹, tadelt mich eine weiche, grollende Stimme. Ich höre das Schlagen mächtiger Schwingen, aber noch klingt es dumpf und weit entfernt.
Etwas packt meinen Leib, umschließt ihn fest. Ich spüre, wie mir der Grund entgleitet. Meine Finger kratzen leblos über den Schnee, aber sie bekommen ihn nicht zu fassen. Danach umschließen mich Wind und Schnee. Als ich das nächste Mal die Augen öffne, liegt die Welt weit unter mir zurück. Dächer, Straßen und Zäune, zwischen denen frierende Tiere eingepfercht sind, ziehen unter uns vorüber. Es ist ein vertrauter Anblick. Aus der Luft erscheint mir die Welt friedlicher, einfacher.
Das dritte Mal schon. Langsam werde ich unvorsichtig, spiele mit der Gefahr, lasse mich treiben und verliere langsam den Halt in dieser verrückten Welt.
›Wird nicht mehr vorkommen‹, verspreche ich ihr entkräftet und kneife die Augen zusammen, um die Welt unter uns klarer erkennen zu können.
Die bescheidene Pracht der nördlichsten Einöde liegt unter einer weichen Schneedecke begraben. Nur die Schornsteine Nordbergs und die schneebedeckten Zinnen ragen aus dem weißen Meer hervor. Normalerweise macht die Kälte Halt hinter den Bergen, die das verschneite Land wie eine Grenzmauer vom Rest der Welt trennen, aber dieses Jahr ist bitterkalt.
Die Stadt, die mir einst so viel bedeutet hat, ist nun nicht mehr als ein Strudel bitterböser Erinnerungen.
›Tut es weh?‹ Plötzlich wird Nissas Stimme sanfter. Spürt der Dämmervogel, dass mein Geist noch immer dunkel und verworren ist? ›Diesmal hat es dich ganz schön erwischt. Als ich das ganze Blut gesehen habe, dachte ich schon, du stehst diesmal nicht wieder auf.‹
›Nein‹, lüge ich. Ich habe gelernt, dass es manchmal einfacher ist, nicht die Wahrheit zu sagen, als sich dieser stellen zu müssen. Das längst überfällige Gespräch mit der Vogeldame steht mir ohnehin bevor. Wieso also nicht die Ruhe vor dem Sturm genießen und stumm die Schönheit dieser Welt bewundern? Ich schließe die Augen und lasse seine Seele treiben. Fort von diesem Ort, hinaus, dem Sternenhimmel entgegen, aus dem wir alle einst geboren wurden. Ich halte sie nicht fest, als sie zu entschwinden droht.
Nur Nissa hält mich zurück. ›Du solltest wirklich langsam versuchen, dein Leben wieder in den Griff zu kriegen‹, tadelt sie mich, als wäre sie die Mutter und ich ein trotziges Kind, das nicht hören will. ›Dein Leichtsinn bringt uns noch beide um.‹
›Ich weiß doch. Aber diesmal habe ich Wandler gefunden. Ich dachte, ich wäre ihnen endlich auf den Fersen.‹
›Das denkst du immer. Und jedes Mal endet es damit, dass ich dich wieder einmal vom Boden kratzen muss. Du musst damit aufhören.‹
›Du weißt, dass ich das nicht kann.‹
›Du wirst es lernen müssen. Es wird Zeit für dich. Fang endlich an, wieder zu leben. Dein Tod wäscht deinen Namen nicht wieder rein. Nur du kannst das tun. Reiß dich am Riemen oder ich lasse dich eines Tages einfach liegen ziehe weiter. Manchmal wäre ich lieber tot, als noch einmal Zeugin deines schleichenden Untergangs.‹
›Hast ja recht‹, murmel ich.
Langsam legt sich wieder Schwere über mein Bewusstsein. Zunächst kämpfe ich noch dagegen an, aber als mir Dracias Gesicht erscheint, lasse ich mich von der Ohnmacht abholen. Ich weiß genau, Nissa wird mich in Sicherheit bringen. An einen Ort, an dem ich ausschlafen und neue Kraft tanken kann, irgendwo versteckt in der schneeverhangenen Einöde. Dort werde ich ihr schwören, in Zukunft vorsichtiger zu sein, und meine Versprechen binnen weniger Wochen brechen. So, wie immer.

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