Wiederkehrer II - Evyn

Evyn 

Vor meinen Augen tanzen Schneeflocken hinab zur Erde. Ich spüre ihre Berührung wie ein Streicheln auf meiner Haut. Vom Sturm umhergewirbelt bleiben sie in meinem langen, dunklen Haar hängen und schmelzen darin. Ein kleiner Tod, wann immer sie meine Wärme zu spüren bekommen.
Genau das ist es, was ich bin: eine Seelenlose, eine Verlorene. Jemand, der nimmt und niemals gibt, der zerbricht, ohne je zu heilen, der zerstört, aber niemals bleibt, um die Trümmer einzusammeln.
Obwohl es bitterkalt ist, brennt die Luft um mich herum. Das Feuer, für dessen Brennholz ich stundenlang durch die Ödnis wandern und jeden noch so kleinen Ast auflesen musste, dringt durch die vielen Schichten meiner Kleider hindurch, geradewegs in mein Herz. Während ich die Flammen tanzen und züngeln sehe, erinnern sie mich an die vielen Abende, die ich am Kamin gesessen und dem Tanz der Feuerzungen zugesehen hatte, bis das Leben entschied, dass meine Glückssträhne vorüber war. In der Nacht kam der Sturm, die Kälte, dann das Eis und der Hunger. Wie ein schwarzer Teppich legte sich der Tod über das kleine Bergdorf, aus dem ich stammte, und holte sie alle. Zunächst meine Schwester, meinen schlafenden Bruder, meine Großeltern und schließlich meine Mutter. Dass Vater nicht mehr lebte, um die Scherben aufzulesen, war an ihrem Begräbnis mein einziger Trost. An jenem Tag, an mir wir aufhörten, zu den Göttern zu beten und begannen, ihre Güte als selbstverständlich anzusehen, ließen sie Andhera alleine.
Wir sind selbst schuld daran, dass uns der Tod einer nach dem Anderen holen kommt. Ich weiß es, denn ich bin die Letzte. Als auf den Äckern nichts mehr wuchs, als die Krankheiten und das Sterben kamen, lachten einige in meinem Dorf noch, denn sie glaubten mit unserem Wissen und unserer Stärke könnten wir den Göttern und deren Macht ins Gesicht grinsen. Heute lacht niemand mehr. Ich habe nie gelacht. Vielleicht ist das nach allem, was geschehen ist, der einzige Grund, weshalb ich noch da bin. Weil ich nie über das Schicksal und die Götter gelacht oder mich über andere Menschen amüsiert habe.
Nachdenklich blicke ich in die Flammen, während ich die Halskette meiner Mutter, ein einfaches Lederband mit einer Silbermünze daran, durch die Finger ziehe und weiß, dass sie alles ist, was mir geblieben ist. Das Geld ist fort, alles, was an Nahrung übrig war, haben wir aufgebraucht, und nun werden meine Wasservorräte knapp. Der Durst zwingt mich, meine gewohnten Pfade zu verlassen und immer weiter aus dem Schutz der Täler hinauszuziehen, in den Süden, in der Hoffnung, dass der Schnee irgendwann endet. Dieser Winter ist bitterkalt. Er hat mich gezwungen, das Dorf zu verlassen und nun führt er mich immer tiefer ins Landesinnere. Dorthin, wo ich nie sein wollte und ich mich nicht mehr auskenne. Ich trotte seit Tagen ziellos umher. Nur der Sternenhimmel kennt meinen Weg.
Es scheint, als würde die Welt über mich lachen.
Alles, was ich besitze, trage ich am Leib. Kleider, einen wärmenden Mantel, ein paar abgenutzte Stiefel, die einst meinem jüngeren Bruder gehörten, mir aber hervorragend passen, ein Tuch, das ich mir um den Kopf wickeln kann, um die Kälte abzuwehren, einen Wasserschlauch, einen Dolch, einen Speer, der meiner Familie einst als Waffe diente, mir aber nur zur Jagd verhilft, und die Kette meiner Mutter. Das ist alles, was ich habe, alles, was ich bin.
Seit vielen Mondzyklen stelle ich mir bereits die gleichen Fragen: Wieso holt das Unheil uns ein und nicht den Rest dieser verfluchten Welt? Wieso erhören die Götter seit einer Ewigkeit keines unserer Gebete mehr? Waren sie wirklich so erzürnt über uns, dass sie beschlossen hatten, uns alle unserem Hochmut zu opfern? Wo blieben die Helden, von denen meine Familie Tag und Nacht erzählte? Wo bleiben die Engel und Dämonen, die Zauberer und Hexen, die magischen Wesen und Drachen, die Wünsche und Feen, wenn man sie brauchte?
In meinem Alter, nur noch knapp von der Volljährigkeit entfernt, und mit meiner Vorgeschichte, fällt es mir schwer, noch daran zu glauben, dass es irgendwann wieder besser wird. Das Unheil der Welt hält uns alle in seinem Würgegriff gefangen.
Ich schließe die Augen und lausche dem Knistern des Feuers. Die Holzscheite brennen lichterloh. Wenn irgendjemand in der Nähe ist, muss er mein Feuer meilenweit sehen, selbst durch den Dunst. Ich verstecke mich nicht. Nein, ich will gefunden werden. Wenn hier jemand ist, ob Freund oder Feind, er kann kommen. Und was immer er besitzt, werde ich ihm wegnehmen.
Ja, ich habe mir vorgenommen, am Leben zu bleiben. Egal, was es mich kostet. Ich bin die Letzte, die der Welt von meinem Volk, meiner Familie und unserem Schicksal berichten kann. Die Letzte, die übrig ist.
Die schweren Zeiten und mein knurrender Magen machen seit Wochen eine Überlebenskünstlerin aus mir. Keine Gute, aber es reicht aus, um durchzuhalten - bisher.
Aber je weiter der Schnee ins Landesinnere kriecht, desto länger wird mein Weg und desto mehr schwinden meine Kräfte dahin. Auch wenn es unterhalb des Nordgebirges wärmer sein muss, wenn die Äcker dort am besten austreiben und die Ernten mit Sicherheit noch üppig sind, sind die Menschen dort vom Wasser und von der Versorgung der Schiffe abgeschnitten. Auf meinem Weg bin ich keiner Menschenseele begegnet, aber dunkle Träume verfolgen mich. Sie flüstern mir zu, dass die Schiffe, die für gewöhnlich den Handel zwischen Elodia im Südwesten und der gläsernen Stadt, im Nordosten Andheras aufrechterhalten, sind durch die beschwerlichen Seewege durch das nördliche Meer, in dem Eisschollen so hoch wie Berge und so breit wie Städte treiben, Monate brauchen, um in den nächsten Hafen einzulaufen. Was dann von den zu handelnden Gütern bleibt, brauchen die Menschen vor Ort. Nur wenig wird an die umliegenden Dörfer jenseits der Berge verteilt. Obwohl es nur finstere Träume sind, spüre ich, wie sie der Wahrheit immer näher kommen.
Die Menschen leiden Hunger. Überall.
Der Gedanke, dass mein Schicksal kein Einzelfall ist, tröstet mich wenig. Mein Dorf war das nördlichste vor der Schneegrenze. Vielen Bewohnern Andheras, die nie über die Gipfel der weißen Berge geblickt hatten, existierten wir gar nicht. Niemand interessierte sich für das kleine, letzte Dorf vor am Rande des eisigen Meeres. Es war das Erste, das fiel, aber je länger der Winter dauert, desto mehr werden ihm folgen.
Seit einer Ewigkeit bin ich keinem Menschen mehr begegnet. Ich starre jeden Tag in die Ferne, aber der Nebel über den Bergen hüllt alles, was mein Blick erreichen kann, in dumpfes Grau. Kann ich wirklich der einzige Mensch in dieser gottverlassenen Einöde sein, der versucht, sich einen Weg über die Berge zu bahnen?
Die Hoffnung, dass mich irgendjemand findet, habe ich bereits aufgegeben. Selbst wenn die Menschen fernab des Schnees von meinem Leiden wüssten, niemand würde kommen, um mich zu holen. Ich war ein Niemand. Und niemanden kümmerte es.
Ich weiß, wenn ich mein geliebtes Gebirge nicht verlasse, wenn ich in meiner Heimat bleibe und nicht vorhandenen Hoffnungen nachhänge, werde ich hier sterben. Aber loszulassen war noch niemals meine Stärke.
Ich weiß es, aber mein Herz hängt zu sehr an dieser Gegend. Die Berge sind seit jeher mein Zuhause. Ich liebte den Schnee, bis er zu gierig wurde. Als wir noch Kinder waren, reiste mein Vater mit uns manchmal ans Nordmeer, dort, wo Wale, groß wie Berge aus dem Wasser tauchten und Eis das Meer mit dem Land verband. Nach seinem Tod reiste ich noch ein einziges Mal dorthin, dann niemals wieder. Jetzt wäre ich gerne dort.
Als ich aufstehe, habe ich eine Entscheidung gefällt und bin dennoch unglücklich. Es dämmert bereits. Meine Knochen schmerzen und die Kälte nagt an mir. Aber es gibt eine noch größere Macht, die mich antreibt: der Wunsch, zu leben. Ich muss weitergehen, auch wenn es keine Hoffnung hinter dem Horizont gibt, sondern möglicherweise einfach nur noch einen weiteren Berg oder ein endlos großes Tal.
Ein letzter Blick in die Flammen lässt mein Herz wehmütig werden. Ich werde dieses Land vermissen, sollte mir je die Flucht gelingen. Seine wilde Schönheit, die mich über neunzehn Jahre hinweg in den Schlaf getragen hat, das Heulen der Wölfe und des Windes, das Aufblitzen tausender Lichter am Abendhimmel und der unverhüllte Blick auf ein Meer aus Sternen, all das wird mir furchtbar fehlen. Aber ich muss gehen. Wenn ich bleibe und bete, dass sich alles zum Guten wendet, bin ich längst verloren.
Als ich aufsehe, hängt die Sonne bereits tief in den Wolken. Ihr Gesicht habe ich seit Tagen nicht gesehen, aber ihr dünner Schein zeichnet sich wie ein Hoffnungslicht hinter den dichten Wolkenbergen ab. Vielleicht, ganz vielleicht, sind all meine dunklen Vorahnungen ja nicht mehr als wirre Träume einer Heimatlosen. Vielleicht ist jenseits der Berge alles wie immer und Andhera zeigt mir den Weg in ein neues Leben. Aber so ganz kann ich daran noch nicht glauben. Ich schulter meinen Wasserschlauch, atme ein letztes Mal tief durch und lasse das Feuer brennen, während ich mich entferne.
Es hat keinen Nutzen mehr für mich und seine Wärme berührt mich nicht weiter, aber wann immer ich mich umdrehe, zurückschaue und die Säule aus dunklem Rauch aufsteigen sehe, die ich nach jeder Rast zurücklasse, fühlt es sich wie ein kleiner Sieg an. Wieder ein paar Meilen zurückgelassen. Einen weiteren Tag Kälte und Hunger getrotzt und immer noch am Leben.
Mit diesem Wissen stapfe ich vorwärts. Immer weiter. Zeit spielt keine Rolle.
Ich ahne nicht, wie falsch ich mit dieser Vermutung liege.
Hier in den Bergen kommen die Nächte rasch. Eben noch blitzt der Umriss der Abendsonne zwischen den Gipfeln hindurch, dann ist sie verschwunden und ein Schleier aus Sternen wird über die Welt geworfen.
Am Tag zu reisen ist mühsam. Wer tagelang durch nichts als Schnee gegangen ist, mit Bergen im Rücken und Nebel vor sich, verliert schnell die Orientierung. Wenn der Mond aufgeht und die Nebelschwaden lautlos in ihre Höhlen zurückkriechen, verwandelt sich der Himmel in eine Landkarte. Sterne, überall Sterne. Mein Vater brachte mir bei, sie zu lesen. Ich kenne jeden von ihnen, jedes Sternenbild, jeden Punkt, den sie markieren. Ich weiß, unter dem größten von ihnen, dem Stern Harivur, liegt die gläserne Stadt. Ein sagenumwobener Ort, eingebettet in Hügel und Wälder, in dem die großen Festungen aus Glas sind und schimmern wie die Oberfläche eines Sees. Wenn es den Bewohnern Andheras irgendwo besser ging, dann dort. Und genau dort wollte ich hin.
Meine Sternenkarte versagt nie, Sie kennt jeden Weg. Wie ein Gespenst schlängel ich mich durch das Tal, jeden Tag ein Stück weiter. Manchmal glaube ich fast, ich kann die Schneegrenze erkennen, aber irgendeine höhnisch grinsende Macht, lässt eben dann neuen Dunst aus dem Boden treiben.
»Evyn«, sage ich zu mir. Ich sage es, ich denke es nicht nur. Seit ich mich allein durch das Land schlagen muss, spreche ich oft mit mir selbst. Mit aller Macht klammer ich mich am letzten Rest Normalität fest. Sprechen ist Normalität. Es gehörte mein Leben lang zu mir und jetzt will ich es mir nicht nehmen lassen. »Mach dich nicht über die Götter lustig.« Eigentlich will ich das auch gar nicht. Aber hinter meiner Stirn regt sich der Verdacht, dass ich sie längst zum Teufel gewünscht habe.

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