Wiederkehrer III - Evyn

                 Evyn

Hinter mir jaulen die Wölfe. Ihr Lied klingt über die Berghänge hinab. Seit Tagen ist es das einzige Geräusch, das an meine Ohren dringt, neben dem Knistern brennender Äste und dem Knirschen meiner Schuhe, wenn der Schnee nachgibt. Ihr Lied handelt von Hoffnung, von Wut, von Gefahr, von tausend Feuern, die in ihnen brennen. Es ist vertraute Musik in abgestumpften Ohren.
Sie sind auf der Jagd. Aufgeregt. Etwas hat sie in Aufruhr versetzt. Und wo Wölfe leben, gibt es auch Nahrung und Wasser. Wo Wölfe heulen, ist irgendjemand. Und ich bin es nicht.
Das Rudel klingt viel zu weit entfernt, um meine Fährte aufgenommen zu haben. Der Wind verwischt meine Fußspuren, noch während ich den Schuh hebe, um neue zu treten. Nein, sie sind jemandem oder etwas Anderem auf den Fersen.
Ich bleibe stehen und wende mich um. Das wehmütige Singen der Wildnis hat mein Interesse geweckt. Bin ich doch nicht allein?
Wütend zerrt der Wind meine zusammengebundenen Haare hervor und wischt sie mir wie eine schwarze Flut ins Gesicht. Sie zurückzustreichen, völlig unnötig. Der Wind macht ohnehin, was er will. Für ihn bin ich eine Marionette, an der er nach Belieben herumreißen kann.
Mit zusammengekniffenen Augen sehe ich mich um.
Unter dem weiten Sternenhimmel glitzert der Schnee majestätisch. Das Dunkel der Nacht ist ungebrochen. Erst, als ich die Augen fester zusammenpetze, erkenne ich einen Punkt, an dem Licht die Schwärze durchschneidet. Ein Feuer lodert in weiter Ferne. Für einen Augenblick frage ich mich, ob dies die Überreste meines kleinen Feuers sein können, aber ich bin die halbe Nacht über gelaufen. Ich muss weiter gekommen sein, als einmal bis zum Horizont.
Dieses Feuer bedeutet die Welt für mich. Es ist der Hafen eines Ertrinkenden. Ich atme tief ein und aus. Es ist so kalt, dass mein Atem kleine Kristalle auf meinen Lippen bildet. Hastig greife ich nach der Rettungsleine, die mir irgendjemand zuwirft, ziehe mir den Kragen meines Mantels so hoch, dass ich nur knapp über ihn hinwegsehen kann, und treibe mich durch die Nacht voran.
Wer mag es angezündet haben? Ein Reisender, der hier kurz ausruhen und sich dann weiterschleppen wollte? Oder jemand wie ich? Gibt es tatsächlich noch Menschen hier im Gebirge? Vielleicht ein Dorf, von dem ich nichts weiß, oder ein paar ziellos dahintreibende Nomaden, die Essen und Kleider mit sich führen? Oder erwartet mich gar ein Heer, bis an die Zähne bewaffnet und voller mordlustiger Schwertschwinger, die mir für die Münze am Hals die Kehle durchschneiden würden?
Wer auch immer dort wartet, ich muss umkehren und um Hilfe bitten. Oder sie mir nehmen. Was auch immer das Schicksal mir abverlangen würde. Denn ich gebe nicht auf.
Niemals.
Das Knistern des Schnees unter meinen Stiefeln begleitet mich. Ihm allein ist es vorbehalten, das wilde Klopfen meines Donnerherzens zu übertönen. Ich bin längst so müde, dass ich im Stehen einschlafen könnte und so schwach, dass ich es irgendwann nicht mehr aufhalten kann. Aber dieses kleine Glimmen am Horizont lässt mich noch einmal alle Kräfte sammeln. Ich spüre Kraft in mir, die ich schon seit Tagen verloren glaubte.
Wer auch immer es ist, wer auch immer dort rastet, entweder hilft er mir, oder ich nehme ihm all das weg, was ich zum Überleben brauche. Der Gedanke zermürbt meinen Verstand. Ich gehörte nie zu jenen, die anderen Menschen oder Kreaturen gerne Leid zufügten. Es widerspricht meinem Naturell, etwas Schlechtes zu tun. Aber das Schicksal zwingt mich dazu, diese Überzeugung über Bord zu werfen. Wenn es mein Leben rettet, war mir jedes Mittel recht.
Wie Blei klebt der feste Boden an den Ledersohlen meiner Stiefel. Meine Füße sind kalt, die Zehen längst erfroren. Dass sie mir noch nicht abgefroren sind, grenzt an ein Wunder.
»Nicht aufgeben, Evyn«, ermahne ich mich. »Nicht aufgeben.« Nicht umsonst hatten mich meine Eltern zu einer starken jungen Frau erzogen.
Der Sturm, der mir um den Kopf weht, frisst jedes Wort, ehe es mein Gehör erreicht. Ich bin allein und doch schwebt plötzlich Hoffnung über mir.
Die Naturgewalten schließen mich ein. Sie verwickeln mich in einen Kampf, den ich unmöglich aus eigener Kraft bestreiten kann. Einen ungerechten Kampf auf Leben und Tod, denn meine Kräfte neigen sich dem Ende entgegen und der Wind scheint gerade erst Luft zu holen, um mir seine Wut entgegen zu speien. Dennoch gehe ich weiter. Getragen von einer Hoffnung, die sich schnell ins Gegenteil wandeln kann. Aber so weit will ich es nicht kommen lassen.
Nicht jetzt.

*

Kommentare

  • Author Portrait

    Du schilderst diese grauenhafte Kälte und die Naturgewalten äusserst glaubhaft und in eindringlichen Bildern. So, daß ich das Gefühl habe, ihnen selbst ausgeliefert zu sein!

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Feenstaub

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