Wiederkehrer IV - Livan

   ›Da hast du’s!‹ Nissas Flügel spreizen sich, während sie sich zu voller Größe aufbaut. Schleichend umrundet sie ein Feind, den man in den Schatten nur an seinen grün aufblitzenden Augen erkennen kann. Die Bisswunden, die die Vogeldame davongetragen hat, sind wirklich. Sie sind tief und bluten, aber keine von ihnen ist tödlich. Der Geruch, den tiefen Kratzer hinterlassen, lockt weitere Jäger an. Mehr und immer mehr. ›Dein verfluchtes Feuer hat uns dieses Pelzpack auf den Hals gehetzt! Sieh zu, dass du sie loswirst, ehe sie unsere Vorräte fressen!‹
Als ich das erste Mal versuche, aufzustehen, versagen mir meine Beine den Dienst. Selbst wenn ich wollte, mein Körper ist zu sehr entkräftet, um meiner alten Freundin zu helfen. Der Ort, den Nissa für unser Nachtlager wählte, liegt im Tal, versteckt zwischen hohen Bergen und tiefliegenden Wolken. Wir sind vor aller Augen gut getarnt, aber niemand überlistet die Nase einer hungrigen Wölfin und ihrer Jungen. Auch wir nicht. Es wäre töricht zu glauben, dass wir für sie mehr sind, als eine Nahrungsquelle. Vier Augenpaare blitzen durch die Finsternis, die nur vom Schein der Flammen ab und an durchzuckt wird.
Im rötlichen Schimmer sehe ich Nissas Augen. Auch sie ist müde. Natürlich, immerhin musste sie mich weit in den Norden tragen, weil ich mir selbst nicht mehr helfen konnte. Mit drei oder vier Wölfen würde sie fertig werden, aber ich fühle, dass es in den Schatten noch sehr viel mehr von ihnen gibt. In sicherer Entfernung ziehen sie ihre Kreise um ihre in die Enge getriebene Beute. Bereit, genau dann zuzuschlagen, wenn wir am verwundbarsten sind.
›Ich kann nicht‹, erwider ich ihr wehmütig, während die Schwäche meine Glieder erbarmungslos niederdrückt. Das Blut, das in meine Kleider sickern konnte, macht diese schwerer als sie sind. Mein Umhang und mein Hemd triefen vor Blut, selbst das Wams aus weichem Wollrindleder, fühlt sich vollgesogen an, wie ein Amboss an, der mich auf die Knie zwingt. Die Last der Welt, das Gewicht meines eigenen Egos und all meiner Fehltaten, tun ihr Übriges. Es sind nicht die Schmerzen, die mich davon abhalten, uns beide zu retten, es ist die Trägheit, die Leere, die Hoffnungslosigkeit. Melancholie ist mein Todfeind geworden. Irgendwann hat sie angefangen, mich langsam aber stetig auszuhöhlen. Irgendwann hat sie mich ausgezehrt und nie wieder zu Kräften kommen lassen. In diesem Stadium scheint mir der Tod ein würdiger Ausweg. Aber wie, wenn er nicht ewig andauert?
›Livan‹, droht Nissa mit vor Wut verengten Augen. ›Ich kann sie nicht alle töten. Jetzt hilf mir endlich! Es sind einfach zu viele.‹ Jede Silbe zieht sie künstlich in die Länge. Ich kenne sie gut genug, um zu wissen, so lange, wie jeder einzelne Buchstabe in meinen Ohren nachklingt, wird sie mich anschließend mit Schweigen strafen. Oder Schlimmeres. Als ich mich nicht bewege, stößt sie ein schrilles Kreischen aus. So gellend, dass es auch in meinen Ohren schmerzt. ›Ich warne dich!‹, fährt sie mich an. ›Tu endlich irgendwas oder dieser Tod ist unser Letzter!‹
Der Letzte. Hätte Nissa ahnen können, wie süß diese Versuchung in meinen tauben Ohren klang, hätte sie die Worte wohl besser für sich behalten. Der letzte Tod. Ein endgültiges Ende. Die vollkommene Erlösung von meinem Schicksal und der damit verbundenen Pein. Aber diesmal lösen ihre Worte einen anderen Reiz in mir aus. Etwas, das ich so lange nicht gefühlt habe, dass ich es im ersten Augenblick kaum erkenne: Schuld. Meinen Tod ertrage ich mühelos. Er bedeutete mir nichts. Aber das Leben des Dämmervogels besitzt einen unschätzbaren Wert für mich, kostbarer als alle Schätze dieser Welt.
Ich kämpfe mich in die Höhe, obwohl mir noch immer die Kraft dazu fehlt. Ich weiß, ich muss es versuchen, wenn nicht um meinetwillen, dann für Nissa. Die Stärke, die mir fehlt, um aufrecht zu stehen, ziehe ich aus der Wunde zurück, mit deren Heilung mein Körper seit Stunden beschäftigt ist. Das Blut fließt wieder, aber ich steht. Die Kraft tropft dunkelrot zu meinen Füßen in den Schnee. Dieser letzte Funken Magie beschwört das Feuer in mir, mehr als es fremde Magie je könnte.
Der tropfnasse Umhang zieht mich nach unten. Mein Körper ächzt protestierend, als ich dennoch die Arme hebt und eine Böe heraufbeschwöre, die einen der Wölfe packt und von den Beinen reißt.
Bittersüß surrt dieser winzige Zauber durch meine Venen, doch selbst das ist noch zu viel. Ich werde es bereuen, wenn der Morgen graut.
Jeden einzelnen Zauber.
Früher hätte es eine Zeit gegeben, in der ich mir den Spaß gemacht hätte, den Wolf wieder und wieder von den Beinen zu reißen, nur um ihn aufstehen und wieder fallen zu sehen. Je wütender dieser wurde, desto lustiger. Aber diese Zeiten sind lange vergangen. Genauso wie die alte Pracht, die Schönheit vergessener Dinge und das Leben, das weit hinter mir zurückliegt.
Heute zählen diese kleinen Freuden nicht mehr. Heute zählt, dass die Wunde in meiner Brust noch immer zwickt und es mit jedem Mal länger dauert, bis meine Kräfte wieder hergestellt sind. Ein Echo des Fluches, der in meinen Adern dröhnt. Heute zählt, dass Nissa sich ganz allein einem achtköpfigen Rudel hungriger Wölfe stellen muss, nur um mich zu schützen. Weil ich so dämlich gewesen bin, mich in irgendeiner heruntergekommenen Spielunke von einem namenlosen Räuber mit einem Messer durchbohren zu lassen.
Nissas Anblick inmitten der aufblitzenden Zähne und geifernden Münder, bricht schließlich den Bann, der auf meinem Körper liegt.
Mit zusammengepressten Lippen hebe ich auch noch die zweite Hand und bringe den Zauber zu Ende. Aus dem Nichts, beschworen und erschaffen durch meine bloße Gedankenkraft, wächst aus der Nebelwand eine Windhose zur Erde hinab. Ein Sturm, der Schnee und Kälte in sich einschließ, schraubt sich vom Himmel hinab und zerrt fordernd an meinen Haaren und an Nissas Federn.
Der große, schneeweiße Vogel faltet blitzschnell die Schwingen zusammen und duckt sich an den Grund. Kluges Tier. Diese kleine, vorausschauende Handlung, entlockt mir nun doch das Grinsen, auf das ich insgeheim gewartet habe. Der Sturm, den meine Hände heraufbeschwören, tobt auch in meiner Brust. Er übertönt das Jaulen der Wölfe und das Schlagen meines Herzens. Jeder noch so gewaltige Laut wird unter ihm begraben. Dort, umschlossen von Wut und Zweifeln, findet der Wirbelsturm seinen Ursprung und das Zentrum seiner Macht. Er ist nur eine Manifestation der Magie, die irgendeinen Ausweg sucht, um ihrem fleischlichen Gefängnis zu entfliehen. Einen Ort, an den sie nicht gehört und in dem sie nie zuhause sein kann.
Ich vollführe eine Geste nach rechts. Der Wirbelsturm folgt gehorsam der Bewegung meiner Finger. Wie eine Marionette tanzte der Wind nach dem Willen eines einzelnen Mannes. Und doch bin ich so viel mehr als das. Mein Wille drückt dem Sturm meinen Stempel auf. Er gehört mir, ist ein Gefangener meiner Gedanken, bis ich ihn gehenlasse, oder nicht länger halten kann.
Vor uns knurren die Wölfe. Nur ihre Augen blitzen in der Dunkelheit auf, wie Smaragde. Das Sternenlicht verfängt sich in ihrem Fell. Es reflektiert nicht. Die Wölfe bleiben unsichtbar.
›Elendes Schattenwolfpack!‹, krächzt Nissa. Ihre Gedankenstimme klingt wütend.
Ich blicke zurück zu ihr und sehe, wie sie ihr Gesicht in den Schnee presst, als der Sturm stärker wird und um sich greift. Die stolze, starke und stets freche Nissa kauert sich ängstlich zusammen. Mein Zorn erwacht wie das Grollen eines Vulkans.
Unter meinen bebenden Händen manifestiert sich die Magie wie ein glühend heißer Gegenstand, an dem ich mich festklammern kann. Ihn loszulassen, scheint unmöglich, selbst wenn ich spüre, wie es meine Haut verbrennt. Es ist verboten. Es ist falsch. Aber es fühlt sich großartig an.
Ist die Magie erst einmal entfesselt, reicht der Geist eines Sterblichen kaum aus, ihn zu bezwingen. Und weil ich diese Wahrheit kenne, lasse ich meine Gedanken frei und den Wirbelsturm ziehen.
Brüllend wie ein Tiger reißt der Orkan alles mit sich. Frei von gesprengten Ketten, bahnt er sich einen Weg durch das Nichts und hinterlässt nichts als Stille.
Aufgewirbelte Schneeflocken rauben mir die Sicht auf meine alte Freundin. Ich presse die Hände vor die Augen, wische mir mit den Handinnenflächen über das Gesicht und atme so lange tief ein und aus, bis die Euphorie in meinem Herzen erlischt.
Was dem Freudentaumel folgt, so viel Kraft auf einen Schlag freigesetzt und bezwungen zu haben, sind Leere und Ernüchterung. Ein nie enden wollender Sturz in unendlich tiefes Schwarz. Der Boden unter meinen Füßen reißt auf und saugt mich in den Abgrund. Ich falle, während der Fluch mich kribbelnd daran erinnert, was geschieht, wenn ich versuche, ihn zu hintergehen.
Selbst wenn ich weiß, dass es den Abgrund nur in meinen Gedanken gibt, ist die Wucht des Aufpralls erschreckend real. In Form greller Blitze durchzuckt der Widerhall des Zaubers meinen Verstand. Ich presse mir die Fäuste an die Schläfen, bis die Farben verloschen sind und meine Ohren nicht mehr rauschen. Dann, erst dann, wage ich es, mich umzudrehen.
Hinter mir liegt Nissa im Schnee. Den Kopf unter einem Flügel begraben. Schneeflocken überziehen ihre weißen Flügel wie ein Hauch von Silber. Ich kann es nicht sehen, aber ich spürt ihre Angst noch immer. Ihre Augen sind geschlossen. Jeder Atemzug hebt ihren Körper stärker als der vorige.
Eigentlich sind meine Kräfte schon lange erloschen. Jeder Schritt, den ich mich der Vogeldame nähere, ist einer zu viel. Aber ich strecke die Hand aus, berühre mit den Fingerkuppen zart ihr Gefieder und schon hebt sie die Schwingen und spreizt sie auf, wie eine Blume die Blätter. Die großen wachen, saphirblauen Augen schauen auf zu mir. In ihnen liegt noch immer ein Widerhall der Angst. Sie sind von Schatten und Nebel durchdrungen. Ich könnte das Echo ihrer Furcht mühelos ersticken und ihr die einstige Stärke wiedergeben, aber ich will nicht. In mir ist genug Magie übrig, um alles zu tun, was immer ich will, aber alles, was ich will, ist Stille. Eintauchen in den süßen Nebel einer Ohnmacht, die hinter den Pforten meines Verstandes wartet. Ich beschließe, Nissa das Pochen ihres Herzens zu lassen, die Aufregung, die Angst davor, in den Abgrund zu gleiten, denn ich weiß, hinter diesem Schrecken gibt es nichts mehr. Hört man auf, sich zu fürchten, ist das Herz längst tot und gebrochen.
Stattdessen lasse ich mich an ihrer Seite nieder, lehne mich an ihren Hals und kralle meine blutigen Finger in ihr Fell. Es tut so gut, sie zu berühren. Ein kleiner Hauch ihrer Gegenwart lässt mich die Qual vergessen, die Erinnerungen wie ein altes Schloss einstürzen und Frieden in mir aufwallen. Die Farben vermischen sich. Weiß und Rot. Mein Blut sickert in ihr Gefieder und niemanden stört es hier draußen. Nicht einmal sie selbst.
Nissa dreht den Kopf, unsere Augen treffen sich und es fühlt sich an, als wäre sie kein Vogel, sondern ein Mensch. So wahr, so aufrichtig, so ängstlich ist ihr Blick.
»Es ist gut«, schwöre ich ihr. Nicht über die Worte, die ich in ihren Kopf pflanzen kann, wie üblich, sondern mit meiner Stimme. Ihr Klang dröhnt in meinen Ohren. In den letzten Jahrzehnten habe ich kaum ein Wort gesprochen. Die Sprache fühlt sich seltsam an, fremd. Sie ist hart und kalt. Stimmen können nie die Klänge erreichen, die unsere Kommunikation für gewöhnlich erreicht. Und doch empfinde ich es diesmal als wichtig, meine Stimme zu benutzen. Die Stimme, die ich selbst so unfassbar menschlich und sterblich erscheinen lässt. »Sie sind alle weg.«
›Und wenn sie wiederkommen?‹ Nissa bleibt hart. Ihre Worte liebkosen ,ein Bewusstsein wie ein Hauch. Sie hat keine Stimme, mit der sie sprechen kann. Nur Gesten und Gedanken, Berührungen und Blicke, die oft mehr sagen, als es Stimmbänder je tun könnten.
»Dann töte ich sie«, gebe ich ihr mein Wort. Durch unsere verbunden Herzen erfährt sie auf der Stelle, dass ich jedes Wort ernst meine. Keine Mauer trennt mehr unsere Gedanken und Gefühle. Wir sind eins, ganz und gar verschmolzen. Ich gestatte ihr grenzenlos tiefe Einblicke in meine Seele, und diese Wahrheit lässt Nissa neue Kraft schöpfen. »Jeden von ihnen, bis du wieder in Sicherheit bist.«
Unter Nissas Blick schmilzt die Härte in meiner Brust dahin. Sie ist immer da, wenn ich sie suche. Die letzte Verbündete eines gefallenen Mannes. Wann immer ich jemanden brauche, wann immer ich alleine nicht ausreiche, ist sie an meiner Seite. Jetzt an ihrer zu sein, wo sie sonst immer so stark und heldenhaft ist, ist meine Pflicht.
›Da bist du ja.‹ Auch wenn sie keine Miene verzieht, spüre ich ihr Lächeln. Es erwärmt unsere Seelen, wie ein Sonnenaufgang. ›Ich habe dich wahrhaftig vermisst. Den Mann, der du irgendwann einmal gewesen bist. Vor Hunderten von Jahren. Ich wollte ihn immer schon kennenlernen, das Wesen vor dem Fluch.‹
›Besser nicht‹, tadel ich sie, lehne mich fester an sie und schließe die Augen. Ich weiß, als ich die Magie heraufbeschworen habe und sie zwang, mir zu helfen, ist meine alte Wunde wieder aufgerissen. Der Schmerz betäubt schleichend meine Sinne. Ob Nissa es bereits weiß? Lange kann ich mein Schwinden nicht vor ihr verbergen, also versuche ich es gar nicht erst.
Liebkosend streichen meine Finger durch ihr schneeweißes Gefieder. Ich will ihr so nahe sein, wie schon lange nicht mehr. Eine einzelne Feder löst sich unter meinen Fingern. Ich halte sie fest, hebe noch einmal die Lider und bemerke, dass es wieder zu schneien begonnen hat.
Ein hauchdünner Film aus tanzenden Schneeblumen breitet sich über uns aus.
›Ich habe nicht gewollt, dass du so viel Magie für uns erübrigen musst‹, lässt sie mich wissen. Ihr Schnabel stupst mich an, um meinen Körper daran zu erinnern, dass er in dieser Welt verankert ist.
›Doch, das wolltest du.‹ Meine Stimme klingt härter, als beabsichtigt. Mühsam kralle ich mich mit meinen Gedanken an ihr fest, in der Hoffnung, dass die Blutung zum Stillstand kommt, ehe ich noch einmal sterben muss. ›Und es ist, verdammt nochmal, dein gutes Recht, auch irgendwann einmal etwas von mir zu fordern! Wie oft warst du da, um mich aufzugabeln, wenn ich nicht mehr alleine gehen konnte? Wie oft habe ich während all meiner Tode deine Kräfte angezapft, um nicht ganz verloren zu gehen? Es ist dein Recht, auf meine Hilfe zu pochen. Ich bin genauso dein, wie du mein bist.‹
›Ich liebe es, wenn dein Herz spricht.‹
Ihr Hals schmiegt sich an meine Brust. An sie gedrückt, wird ihr Herzschlag mit meinem langsamer. So eng sind wir verbunden. Vor meinen Augen hören die bunten Sterne auf, zu tanzen. Ich atme flacher. Diesmal werde ich dem Tod entkommen. Auch ohne, dass ich mich wie ein Parasit an ihrer Lebenskraft labe.
›Du weißt, egal was ich sage, ich tu das gern für dich.‹
Sie stupst mich ein letztes Mal mit ihrem stahlgrauen Falkenschnabel an. Dann schweigt sie. Ich fühle sie an meiner Seite, als die Magie abklingt. Als ich unter flackernden Augenlidern hindurch auf meine Finger hinabschiele, zittern sie nicht mehr. Der Zauber ist weg. Er kommt nicht zurück.
›Weißt du noch‹, beginne ich mit geschlossenen Augen in der Vergangenheit zu schwelgen, ›als ich dich in den Höhlen fand? Ein kleiner, völlig entkräfteter Vogel? Der schwächste der ganzen Brut. Deine Mutter ließ dich zurück, weil sie nicht an dich glaubte. Aber ich glaubte an dich. Ich wusste, von allen Dämmervögeln Andheras, würdest du immer etwas Besonderes sein.‹
Damals, als ich Nissa im leeren Nest ihrer Eltern liegen sah, diesen seltsamen, schneeweißen Vogel, kribbelte so viel Magie in mir, dass ich sie einfach berühren musste. Dass aus dieser zufälligen Begegnung ein so tiefes Seelenband erwachsen konnte, hätte ich damals nie für möglich gehalten.
›Wie lange ist es schon her?‹, fragt sie mich schläfrig. Die Aufregung fordert ihren Tribut.
›Fast drei Jahrhunderte. Kommt es dir so lange vor?‹
Dreihundert Jahre lang, in denen Nissa mir hilft, die Schmach zu ertragen, die ich mir selbst aufhalste, aus Torheit und Frust. Dreihundert Jahre, in denen ein Fluch mein Leben bestimmt und uns mehr und mehr in die Einöde treibt.
›Länger‹, gesteht sie mir schmunzelnd.
Plötzlich entgleitet mir ihre Stimme. Ihre Gedanken verwandeln sich in Wellen, die auf den Ozean hinaus geschwemmt werden. Sie ist fort, ihr Körper schläft. Nur durch ihre Atmung fühle ich, dass sie bei mir ist. Schweigend lausche ich den tiefen Atemzügen und ihren dumpfen Herztönen, bis der Schlaf mich wie eine Lawine überrollt. Ich tu es ihr gleich, hebe die Hand und webe einen letzten Zauber, um das magische Feuer noch einmal neu anzufachen, damit wir nicht erfrieren. Der Schneevorhang verdichtet sich dort, wo wir liegen. Aber keine Eisblume berührt uns wirklich. Nur für Außenstehende sieht es so aus.
Dann gebe auch ich mich meiner Schwäche hin und lasse mich ins Dunkel gleiten.

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