Wiederkehrer V - Evyn

Evyn

Das Jaulen und Knurren reißt so plötzlich ab, wie es begonnen hat. Ein Sturm, als hätten ihn die Götter selbst zum Leben erweckt, erhebt sich aus dem Nichts und fegt so wild über die Ebenen hinweg, dass ich mich im Schutz der Felsen zusammenkauern muss, um nicht fortgerissen zu werden. Die Arme über dem Kopf verschränkt, das Gesicht zur Brust gesenkt, mit angewinkelten Knien und eingezogenen Schultern, sitze ich da, bis ich nur noch Stille höre.
Wie lange ich dort sitze, spielt keine Rolle. Erst, als ich mich erhebe, den nassen Schnee von meinen Kleidern und meinen Haaren klopfe und den Kopf drehe, verspüre ich einen Anflug von Erleichterung. Keine Wölfe sind zu sehen, obwohl ich ihre Stimmen deutlich hören konnte, als er Sturm über mich hinwegfegte.
Während ich mich einmal um die eigene Achse drehe und mit zusammengekniffenen Augen über das Land blicke, bemerke ich, dass es wieder zu schneien begonnen hat. In diesem Moment schlägt meine Erleichterung um und Fassungslosigkeit zermartert meine Knochen. Ich bin diesen Umweg gegangen, um genau dort zu enden, wo ich nicht sein wollte: in der Einöde. Hier war nichts.
Der weiße Tod beherrschte diese Gegend wie ein gnadenloser König. Ich war meilenweit durch den Schnee gestapft, um nichts zu finden. Keine Wölfe, keine Beute, keine Menschen. Nur die Stille, der ich entfliehen wollte.
Die Betroffenheit wandelt sich in Wut, in Entrüstung. Mit zur Faust geballten Händen stehe ich da und starre durch den Schleier herabfallender Schneeflocken. Sie tanzen um mich, wie kleine Gespenster. Feen oder Fabelwesen gehörten zu einer Welt, an die ich ebenso glaube, wie meine Eltern und deren Eltern. Wer in der Wildnis lebt, lernt schnell, sich mit den magischen Wesen dort anzufreunden. Aber gesehen habe ich nie eine von ihnen.
Mit jedem Moment, den ich schweigend in die weiße Wildnis blicke, erkenne ich mehr, dass meine Reise an ihrem Tiefpunkt angelangt ist. Der Mut strömt aus mir heraus, wie Blut aus einer gerissenen Wunde. Ich schließe die Augen und falle in meinen eigenen Unmut hinein.
Als ich erwache, ist es Tag. Bitterkalt, aber hell. Ich weiß, dass ich nicht wirklich geschlafen habe, weil meine Füße und mein Kopf noch genauso müde sind, wie zuvor. Aber die Erschüpfung hat mich in den Schnee sacken und dort verharren lassen, bis meine Gedanken auf ein Minimum reduziert waren. Jetzt fühle ich sie erwachen. Ich blinzle dem funkelnden Schnee entgegen und er glitzert zurück.
Und dann geschieht etwas Eigenartiges. Dort, ich beim letzten Mal nichts als Schnee und Weite und Himmel sah, liegt eine Kreatur von imposanter Größe. Schneeweiße Flügel, von einer eisig glitzernden Frostschicht überspannt, liegen ausgestreckt im Schnee und verhüllen den Leib eines Vogels. Zusammengerollt, mit abgeknicktem Hals und geschlossenen Augen döst das Wesen vor sich hin. Seine Augen sind geschlossen. Nur die winzigen, kaum sichtbaren Regungen, wenn seine Brust auf und ab wippt, deuten von Leben. Der Rest ist Schweigen.
Blut tränkt die Federn und trocknet auf der Haut des Ungeheuers. Ich weiß im selben Augenblick, in dem ich das Tier erspähe, was es ist, auch ohne je etwas Ähnliches gesehen zu haben. Alte Legenden erzählen von Wesen wie diesen. Von Geschöpfen aus Wolken und Licht, die auf den Winden schweben und über das Wasser gleiten können, wie Drachen, aber Federn besitzen, Klauen und Schnäbel. Ausgestorben sollen sie sein, oder nahezu verschwunden. Das Exemplar vor mir lebt. Es atmet, es träumt, es bewegt sich wie ein Schatten durch Andhera.
Nur in den Geschichten waren Dämmervögel bunt wie der Regenbogen: rot wie Feuer, grün wie der Wald, blau wie das Meer, aber niemals weiß wie Schnee.
Zaghaft mache ich einen Schritt vor. Wieso habe ich es nicht landen sehen? Hat mich der Schnee derart geblendet, dass ich ein so großes Geschöpf nicht landen sah?
Ich habe gehört, diese Wesen sind rein und unglaublich magisch. Ihrem Gefieder schreibt man heilende Kräfte zu, es gibt Menschen, die für diese Gabe töten würden. Eine Feder von ihm muss kostbarer sein, als Gold und Edelsteine, und wenn ich es je in die Stadt schaffe, habe ich mit diesem Kleinod für mehrere Monate ausgesorgt.
Hinter meiner Stirn regen sich ein winziger Gedanke. Seit wie vielen Wochen bat ich das Schicksal um ein wenig Glück, um diesem Unheil entkommen zu können? Wie sehr wollte ich nur ein wenig Normalität zurückgewinnen? War das die Art des Schicksals, mir zu zeigen, dass ich Hilfe bekomme?
Nimm eine dieser Federn, denke ich bei mir, und man überschüttet dich mit mehr Gold, als du tragen kannst. Genug Gold, um den Winter zu überstehen. Vielleicht sogar genug, um eines Tages in mein Dorf zurückkehren und es neu aufbauen zu können.
Während sich mein klopendes Herz an dem Gedanken erfreut, realisiert mein Kopf, wie wahnwitzig dieser Plan ist. Bin ich lebensmüde? Ein Blick auf die riesigen, gebogenen Klauen des Ungeheuers und den spitzen, falkenähnlichen Schnabel sagen mir, jede dieser Waffen ist dazu gemacht, alles in Stücke zu reißen, das sich ihnen nähert. Auch mich, da mache ich mir nichts vor.
Und wenn ich klug bin, laufe ich. Wenn ich leben will, fliehe ich.
Also wieso bin ich noch hier?
Weil Überleben nicht leben ist. Im Zwiegespräch mit meiner Unvernunft erkenne ich vielleicht zum ersten Mal die Wahrheit: Sollte ich diesem Albtraum entkommen, brauche ich mehr, wenn ich nicht fallen will oder weniger, um nie übermütig zu werden. Ich will nicht nur am Leben bleiben, ich will es auch mögen, es lieben, morgens aufzuwachen.
Diese Feder macht es möglich. Mit einer dieser Federn könnte ich-
Der Flügel des Dämmervogels bewegt sich. Ich erstarre und halte den Atem so fest an, dass die kalte Luft in meinen Lungenflügeln brennt. Unter dem mächtigen Flügel bewegt sich etwas. Ein Junges? Liegt hier eine Mutter vor mir, die ihr verletztes, blutendes Junges hütet und bereit ist, alles zu tun für das Kleine? Denn das Blut auf den Flügeln des weißen Vogels, stammt nicht von ihm. Ich sehe Blut, aber keine Wunden.
Wieder hebt sich der Flügel leicht. Ich denke daran, vorzuschnellen, eine Feder auszureißen und dann zu laufen, als wäre der Teufel selbst hinter mir her. Aber meine Beine sind am Boden festgefroren. Die steifen Muskeln gehorchen mir nicht. Ich bin hin und hergerissen.
Wohin ist das schüchterne Mädchen verschwunden, das träumend am Fenster am Fenster saß und keiner Fliege etwas zu Leide tun konnte? Fort. Weit fort.
Ich bin an seine Stelle getreten. Ich bin hier, und ich brauche diese Feder.
Wie von Geisterhand lösen sich meine bleiernen Stiefel vom Grund. Der Schnee knirscht unter meinen Sohlen, aber der Vogel wacht nicht auf. Ich gehe zwei, vielleicht drei Schritte, bis die Vernunft an meinen Verstand klopft und mich dazu zwingt, abermals anzuhalten. Nur noch wenige Schritte trennen mich von dem Ungeheuer.
Ich bleibe nicht stehen, weil ich mich fürchte. Es gibt nicht viel, außer meinem Leben, das ich verlieren kann. Ich bleibe stehen, um die Schönheit dieses Tieres in mich aufzusaugen, wie neue Lebenskraft. Vielleicht sehe ich nie wieder etwas von solcher Schönheit. Dann muss ich auskosten, was mir bleibt.
Die Sonne steigt höher. Ihr wärmendes Licht gleitet über die Schwingen des Vogels, und unter ihrer Berührung verwandelt sich das Gefieder in Gold. Die letzten Schneeblumen trocknen darin. Alles was bleibt, ist der Glanz der Unsterblichkeit, denn diese Vögel leben ewig. Sie sind alt wie das Meer und rein wie die Tränen der Götter. Dieses Wesen könnte den Beginn der Zeit gesehen haben, die Entstehung des Gebirges, in dem wir stehen, es könnte zum ersten Mal im Licht der Sonne gebadet haben, und vielleicht wird es auch das letzte Mal noch dort sein. Ich aber bin nur ein Staubkorn. Vergangen, ehe ich zu leben beginne.
Der Gedanke stimmt mich traurig und friedlich zugleich. Er hat etwas Versöhnliches.
Er hilft mir, zwei weitere Schritte zu gehen. Behutsam strecke ich die Hand aus und in diesem Moment gleitet der Flügel von der Gestalt, die darunter verborgen liegt. Ein Mann fällt unter den Federn hervor und kippt in den Schnee. Eingewickelt in einen kratzigen, schwarzen Umhang liegt er blutend an die Brust des Vogels gelehnt. Das leichenblasse Gesicht wirkt, wie von Eis umschlossen. Vielleicht ist es das sogar. Es glitzert feucht. Die Kälte klebt an ihm. Seine Augen sind von Dunkelheit umschlossen. Ich kann nicht erkennen, ob er tot ist, oder lebt. Es klebt so viel Blut an ihm, dass er nur tot sein kann. Seine Hände, seine Arme, selbst sein Mantel ist voll davon. Der dicke Stoff ist vollgesogen und dort, wo er den Boden berührt, verfärbt sich der Schnee.
Mein Atem rasselt. Ich halte die Hand noch immer ausgestreckt, unfähig, die Finger zurückzuziehen. Irgendwie weckt dieses Gesicht den Wunsch in mir, es zu berühren. Es wirkt so zerbrechlich wie Glas. Der Rest seiner Gestalt ist unter Kleidern und Blut versteckt. In Schlangenlinien wandert mein Blick an ihm hinab. Dort, genau da, wo das meiste Blut aus ihm ausgedrungen ist, bewegt sich sein Körper ein Ast im Wind. Er atmet noch.
Ich erstarre, als ich begreife, dass ich ihn retten sollte. Einen Sterbenden, einen Verwundeten zurückzulassen war niederträchtig. Wüsste mein Vater auch nur, dass ich mit dem Gedanken spiele, mich umzudrehen und wegzulaufen, er wäre enttäuscht von mir. Er war ein guter, ehrlicher Mann, der harte Regeln liebte und jede einzelne von ihnen befolgte. Jemanden zurückzulassen, hätte er sich niemals gestattet.
Ich bin nicht er. Der Gedanke tut weh, aber er reinigt mich auch von der Last. Nimm die Feder und lauf. Er stirbt auch ohne dich. Meine Augen wandern über das Blut, das an ihm klebt. In meinem ganzen Leben habe ich niemals mehr davon auf einem Lebenden gesehen. Ich weiß genau, dass er nicht überleben kann. Wenn ich bleibe, helfe ich ihm nicht. Nicht ich.
Ich schlucke meine Moral zusammen mit zähem Speichel hinunter, der in meinem Mund eingetrocknet ist. Wer bin ich? Wann habe ich denn aufgehört, ich selbst zu sein?
Meine Hand sinkt herab. Sie zittert. Ich werde diesen Mann sterben lassen, für eine einzelne kostbare Feder.
Seine Brust hebt und senkt sich. Ihre Bewegung ist hypnotisch. Ich warte darauf, dass jeder Atemzug sein letzter sein kann, aber er atmet immer weiter. Schließlich gehe ich den letzten Schritt. Das Untier bewegt sich nicht. Es schläft so tief, dass es nicht einmal bemerkt, als der Schatten, den meine Gestalt wirft, auf sie fällt. Dennoch halte ich abermals den Atem an, ehe ich langsam in die Hocke sinke.
Nimm eine verdammte Feder und lauf! Die Stimme in meinem Kopf klingt so fremd, als würde sie nicht länger zu mir gehören. Ich hebe die Hand, lasse sie kurz über dem Flügel des Vogels schweben, als sich der Sterbende plötzlich bewegt. Seine Hand hebt sich, sein Leib fällt zur Seite und aus seinem Umhang stürzt eine Kette hervor: eine einfache, sehr fein geschmiedete Kette mit einem goldenen Anhänger daran.
Kreisrund und etwa so groß wie meine Handinnenfläche, pendelt er über die Brust des Verwundeten. Ein Symbol prangt darauf; eines, das ich schon einmal gesehen habe. Eine Sonne mit zwölf Strahlen, die von ihr abgehen und dem Amulett seine Form verleihen. In seinem Zentrum sitzt ein Edelstein. Er ist oval und vollkommen durchsichtig. Alle Edelsteine Andheras besitzen eine Farbe, alle farblosen sind aus Glas. Aber dieser Edelstein ist anders. Ich blinzel. Irgendetwas ist in ihm. Etwas wie.. Sand?
Der Talisman mit dem Sonnensymbol ist das Erkennungszeichen der Magier. Das Symbol, an dem jeder Mann und jede Frau ein Wesen erkennen kann, dem Zauberei innewohnt - wenn es denn erkannt werden will. Es ist ein Angebot der Magier an uns einfache Menschen: Wenn wir sie sehen und sie einen Talisman wie diesen tragen, sind sie bereit, Hilfe zu leisten, wenn man sie braucht.
Diesem Zauberer hat seine Macht nicht viel genützt. Er stirbt dennoch einsam und wertlos an der Brust dieses Vogels.
Während ich an die Kraft denke, die man Dämmervögeln nachsagt, erkenne ich, dass auch diese Legende unwahr ist. Wäre sie wahr, würde der Magier nicht sterben müssen.
Und tote Magier brauchen keine Schätze mehr.
Du kannst doch nicht.. Evyn! Dieser Gedanke macht etwas Böses aus mir. Nur weil ich ihn in mein Herz gelassen habe, bin ich augenblicklich ein schlechterer Mensch. Das erkenne ich, noch während ich ihn denke. Wer weiß, wie viele Leben dieser Mann gerettet hat? Wie viel Magie durch diese blutverschmierten Finger geronnen ist? Wem er geholfen, welches Leben er geführt hat? Einen Sterbenden bestehlen ist schlimmer, als das Schwert zu führen, das ihn tötet. Es ist abscheulich. Aber kostbarer noch als die Feder des Dämmervogels ist der Talisman eines echten Zauberers.
Ich kaue auf meiner Lippe herum, während der Anblick des sterbenden Magiers eine Kluft in meine Gedanken reißt. Helfen kann ich ihm nicht. Ich konnte meine Familie nicht retten, niemanden aus dem Dorf, und schon gar keinen Zauberer mit einer Stichwunde.
Als sich meine Finger senken, um nach ihm zu greifen, spüre ich, wie sich ein Schatten auf meine Seele legt. Alles, woran ich glaube, alles, was ich tief in mir für richtig erachte, beginnt in einem Strudel aus Fehlern und Zweifeln zu verschwimmen. Niemals zuvor habe ich mich so einsam in mir drin gefühlt. Jetzt schweigt die Stimme in meinem Kopf, die mich immer zur Vernunft ermahnte. Jetzt herrscht Stille in mir.
Ich weiß, dass ich es tun werde. Um mich zu retten, und weil er keine Chance hat.
Lautlos strecke ich mich, neige mich über den Flügel der Beste hinab zu dem Fremden. Meine Finger umschließen den Talisman sanft. Der Verwundete regt sich nicht. Ist sein Geist schon fort oder steckt er noch in diesem verwelkenden Leib?
Erstaunt stelle ich fest, dass sich das Amulett warm in meine Handfläche schmiegt. Es besteht nicht aus Gold. Das Gold ist nur eine dünne Schicht, mit der das hölzerne Artefakt bestrichen ist. Eiche, schießt es mir durch den Kopf, aber ich weiß nicht, ob es stimmt. Das Holz darunter ist so fein abgeschliffen, dass es keinerlei Muster mehr aufweist.
So wie ich. Abgeschliffen, bis der Mensch unter dem Gerüst aus Haut und Knochen ganz verschwunden ist.
Noch während ich diesen Gedanken abzuschütteln versuche, spüre ich die Wärme tiefer in mich dringen. Ich schaue hinab. Der seltsame Stein im Zentrum des Anhängers, das Auge der Sonne, leuchtet plötzlich. Ein verstohlenes Glimmen erhebt sich inmitten der zusammengerutschten Sandkörner. Erst jetzt bin ich wirklich sicher, dass das, was sich darin bewegt, auch wirklich Sand ist. Plötzlich weiß ich es.
Ich will den Anhänger loslassen, aber meine Finger sind so fest um ihn geschlossen, dass jeder Versuch vergebens scheint.
Wie Blitze beginnen Bilder vor meinen Augen zu zucken. Keins von ihnen erscheint mir vertraut. Ein Gesicht, das Ufer seines Sees, oder sind es Klippen am Meer? Wellen türmen sich zu Mauern auf. Ich blinzel und öffne die Augen, um die Illusionen abzuschütteln, aber sie weichen nicht. Stattdessen trage ich sie irgendwie mit meinen Sinnen hinüber in die Wirklichkeit.
Über mir scheint auf einmal die Sonne. Nicht irgendeine, die aus meinem Kopf. Die Bilder auf meiner Netzhaut vermischen sich mit der Wirklichkeit. Ich sehe, wie sich der Schnee in Sand verwandelt, die Kälte in einen lodernden Sommersturm. Sand streift an meiner Haut entlang. Ich weiß nicht, wie sich Sand wirklich auf der Haut anfühlt, weil ich niemals barfuß über den Strand gelaufen bin. Aber ich weiß instinktiv, dass es sich genauso anfühlen muss.
Der kalte Sturm, der mir die Haare zerzaust, verwandelt sich in eine warme Liebkosung. Fester umklammere ich den Talisman des Zauberers. Die Trugbilder gaukeln mir vor, am Ufer zu stehen. Um mich herum höre ich das Tosen der Wellen, das Singen des Sturms, das Kreischen der Wasservögel weit über mir. Ich hebe die freie Hand um meine Augen vor dem grellen Licht abzuschirmen und schaue hinauf. Die grauen Wolken sind verschwunden und der Nebel hat sich in tiefes Blau verwandelt.
Wo bin ich?
Plötzlich höre ich ein Geräusch und fahre herum. Der große, schneeweiße Donnervogel erwacht. Sein Kopf hebt sich, sein Blick wandert von dem blutenden Mann an seiner Seite zur mir hinüber. Irgendwie muss es mir gelungen sein, auch sie in diese bizarre Abweichung der Wirklichkeit mitzunehmen, in der ich mehr und mehr versinke.
Große, himmelblaue Augen heften sich auf meine Gestalt, doch es sind nicht die eines Vogels. Sie erscheinen mir wild, uralt und geradezu menschlich, auch wenn sie nichts mit meinen Augen gemeinsam haben. Die Pupille in ihnen ist schmal, senkrecht aufgestellt und nicht schwarz, sondern von tiefem Blau.
Mit einem Fauchen, das auch ein Knurren oder ein Brüllen sein könnte, spreizt das Tier die mächtigen Schwingen und wirft sich so schnell auf den Zauberer, dass ich zurückweiche, und rücklings zu Boden gehe. Mit meinem Aufprall wird der Sand wieder zu Schnee, und die Kälte holt mich ein. Ich sehe aus den Augenwinkeln, dass ich den Talisman im Sturz vom Hals des Mannes abgerissen habe und die Kette nun in meinen Fingern baumelt.
Steh auf, Evyn! Renn!
Irgendwie gelingt es mir, aufzuspringen. Schon bin ich auf den Beinen und renne. Alles zieht wie im Traum an mir vorüber. Noch immer hallt ein Echo durch meinen Verstand, das mir sagt, es ist falsch. Ich muss umkehren und helfen, aber meine Angst ist riesig. Ich habe die Klauen des Dämmervogels gesehen, und er hat ein Auge auf mich geworfen. Atemwolken rauschen mir aus Nase und Mund. Ich haste durch den Nebel und ignoriere, wie sehr die kalte Luft in meinen Lungenflügeln brennt. Durch die schiere Masse des Schnees kostet mich jeder Schritt viel mehr Kraft, als ich besitze.
Ich werfe einen Blick über die Schulter zurück. Dort, hinter mir im Schnee, stupst der Vogel die reglose Gestalt an, die vor ihm liegt. Er folgt mir nicht. Nein, er hat kein Interesse an mir. Es scheint fast, als wollte er mich nur verjagen. Fortscheuchen von dem Mann, dem ich offenbar nicht helfen wollte.
Weg von -
Unter den Sohlen meiner Stiefel bröckelt der Fels. Ich spüre den Boden nachgeben. Meine Arme rudern durch die Luft und auf einmal geschieht alles unendlich schnell. Während ich den Halt verliere und rückwärts über die Felsen stürze, verschwimmt die Welt um mich herum abermals.
Ich schließe die Augen. Habe ich durch den dichten Nebel den Abgrund übersehen oder hat der Schnee den Boden mürbe gemacht? Ich weiß es nicht. Aber ich falle und es ist kein Ende in Sicht. Mit wild rudernden Armen versuche ich, mich irgendwo festzukrallen, bis mich ein Schmerz, so allumfassend wie blendend aus dem Körper hebt und alles, was ich bin und war, auf einen Schlag verblasst.

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beta
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