Willkommen in Moskau

Scheremetjewo.

Moskaus ganzer Stolz. Der wichtigste Flughafen der Metropole glänzte im Schein der Sonne, wie ein polierter Rohdiamant. Gierig spuckte und verschluckte er Touristen, Businessmänner und Angestellte.

Ruhige Momente gab es in der riesigen Gebäudegruppe ebenso, wie regen Verkehr. Ansammlungen wahrer Menschentrauben, die darauf warteten endlich dorthin zu verschwinden, wovon andere nur träumten.

Dabei machten die Mitarbeiter des Flughafens es den Reisenden nicht leicht. Oft ignorierten sie die Gäste. Redeten mit Kollegen, während sie den Pass eines gehetzten Geschäftsmannes einbehielten. Oder sie stellten die unmöglichsten Fragen. Ah, Russland. So manch ein Gast, der oft den Flughafen betrat und verließ, kannte die Arbeitsmoral und plante extra Zeit mit ein.

Masha und Sasha waren keine Ausnahme. Auch sie waren unentbehrliche Mitarbeiter des Flughafens Scheremetjewo. Und auch sie unterhielten sich gerne während der Arbeitszeit, wenn hibbelige Passanten um Eile baten.

„Kannst du dir vorstellen, was er mir gesagt hat? ,Tut mir leid, du bist einfach zu gut für mich.‘ Und ich sage ihm ,Moment mal, was für ein Problem hast du eigentlich? Gib mir drei Monate und du wirst mich kaum wieder erkennen.‘

„Bekomme ich meinen Pass wieder?“, fragte eine ungeduldige Männerstimme vor dem Eincheckpult des Flughafens.

„Stören Sie nicht“, sagte Masha kurz angebunden und wand sich wieder ihrem Kollegen zu.

„Sasha! Du hörst mir ja gar nicht zu.“

„Oh, tut mir leid.“

Müde rieb sich der blonde Mann neben ihr über die Augen und ließ ein herzhaftes Gähnen verlauten, das er nicht zu unterdrücken versuchte.

„Hast du nicht ausgeschlafen?“, fragte sie und inspizierte sein Gesicht mit Argusaugen.

Träge nahm Sasha die ihm gereichten Papiere entgegen, stempelte sie lustlos ab, bevor er sie der Dame zurückgab. Er brauchte einige Sekunden, bis er auf Mashas Frage reagierte.

„Ja. Bin hundemüde.“ Er gähnte noch einmal. „Gestern hat‘s unsere Mannschaft wieder verbockt. Ich hab die ganze Nacht kein Auge mehr zugemacht“, nuschelte er unzufrieden in seinen nicht vorhandenen Bart hinein, haute den Stempel ins Papier und gab den Pass zurück. Um gleich alles noch einmal zu machen.

Masha reichte dem nun mehr verzweifelten Passanten seinen Pass. Desinteressiert fragte sie die Nächsten in der Reihe nach dem Grund ihres Aufenthalts.

„Touristisch“, antwortete das Pärchen vor ihr wie aus einem Mund. Beide kicherten gleichzeitig los. Masha verdrehte die Augen.

„Wegen so einem Blödsinn machst du dich fertig?“, schimpfte sie.

Flugs erstickte das Lachen des jungen Paares. Irritiert starrten sie Masha an. Wären die aufgespritzten Lippen der Frau weißrot gefärbt, hätte man diese für einen Rettungsring halten können.

„Nicht sie“, winkte Masha ab und sah wieder zu Sasha, der eine Zeitung hervorkramte und sie an seine Kollegin weiterreichte. Er glich einem schmollenden Kleinkind, so wie er die Unterlippe hervor schob.

„Das ist kein Blödsinn. Das ist Fußball, Masha. Solange du Fußball nicht verstehst, wirst du nie einen richtigen Mann finden. Glaub mir, ich weiß, wovon ich rede.“

Einige Sekunden lang sah sie ihn mit ihrem durchdringenden Blick an, während sie das Paar ignorierte, das sie zum wiederholten Mal ansprach. Dann wanderten ihre Augen über die Titelseite der Zeitung. Darauf war das entsetzte Gesicht eines jungen Mannes abgebildet, der sich verzweifelt an den Kopf fasste. Über dem Bild prangerte in fetten Lettern ein Wort: Schande!

„Der ist ja schnucklig“, gluckste sie. Ihre Augen hefteten sich auf das Schwarz-Weiß-Bild vor ihr.

„Schnucklig, ja. Hat aber nichts drauf.“

„Würden die alle ihre T-Shirts ausziehen, würde ich auch zu einem Spiel gehen.“

Wütend bedankten sich die Passagiere für die Rückgabe ihrer Pässe und stampften davon. Masha würdigte ihrer Höflichkeit keinen Funken Aufmerksamkeit. Pärchen, typisch. Immer hormongesteuert und ihren ständigen Stimmungsschwankungen ergeben. Darüber konnte sie nur den Kopf schütteln. Vielleicht sollte sie froh darüber sein, dass sie wieder Single war.

„Da hast du nichts zu befürchten“, schnaubte Sasha und unterbrach ihre Gedanken. „Die schießen nur selten ein Tor.“

Mit seinen schlanken Fingern zeigte er auf das Foto in der Zeitung.

„Seinetwegen hat die Mannschaft verloren.“ Nachdrücklich tippte er noch ein paar Mal mit dem Finger in Igors Gesicht. „Nicht ein Tor hat er getroffen. Alle sind daneben gegangen. Und ständig hat er den Ball verloren. Einmal hat er ihn sogar der falschen Mannschaft zugepasst“, entrüstet gestikulierte Sasha mit den Armen. Er fasste sich mit dem Zeigefinger an die Stirn, als wäre ihm das unbegreiflich. Schande war das richtige Wort. Es war peinlich.

Neben ihrem Gespräch über Männer und Fußball setzten sie ihre Arbeit fort. Wenn sich jemand über die lange Wartezeit beschwerte, wurde er einfach ignoriert. So machte man das auf dem russischen Flughafen. Alle Antworten wurden infrage gestellt. Sasha erdreistete sich sogar Zwillinge zwei Mal nach ihrer Verwandtschaft zu fragen, obwohl sie sich wie einem Tropfen glichen.

„Früher, da hat er tolle Tore geschossen, aber heute-“, griff Sasha das Thema wieder auf. Seit dem Spiel ging ihm Igor nicht mehr aus dem Kopf.

„Schießt er keine mehr“, beendete Masha den Satz für ihn.

Der Blonde verzog das Gesicht zu einer leidvollen Grimasse. „Keine! Masha, gar keine!“

Unmotiviert wandte er sich an den nächsten Passagieren und sagte seinen Text wie im Schlaf auf.

„Willkommen in Moskau. Ich wünsche einen schönen Aufenthalt. Der Nächste.“

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