Wings (Kapitel 10 Teil 2)

Alex führte mich erst durch die Stadt. Wir gingen langsam, ich hielt mich an seinem Arm fest und hoffte bei jedem Schritt, dass meine Highheels nicht in einem Loch oder Spalt stecken blieben. Die ersten paar Straßen verfolgte ich in Gedanken, doch wie wir durch die kleineren Gassen schlenderten, ließ mich meine Orientierungsfähigkeit in Stich. Alex bemerkte meine Verunsicherung und legte den Arm um meine Taille, mit der anderen Hand griff er nach meiner frei gewordenen Hand.
Der Weg kam mir lange vor und ich hatte keine Ahnung, in welche Richtung wir gingen, aber neben Alex fühlte ich mich in Sicherheit. Ab und zu wechselten wir ein paar Worte, doch die meiste Zeit spazierten wir schweigend nebeneinander. Da ich nichts sehen konnte, lauschte ich seinem rhythmischen Atmen und zählte seine Herzschläge.
Die Gespräche und Schritte um uns wurden immer leiser, bis selbst das Geräusch der vorbeifahrenden Fahrzeugen nur noch im Hintergrund zu hören war. Alex blieb unerwartet stehen und ich folgte seinem Beispiel, um nicht gegen eine Säule oder Wand zu rennen.
»Sind wir schon da?« fragte ich neugierig und bereute es sofort. Meine Stimme verriet, wie aufgeregt ich war.
»Noch nicht« antwortete er.
Ich atmete tief ein und wieder aus.
»Sind wir bald dort?« diesmal klang ich etwas ruhiger.
Anstatt zu antworten presste Alex die Lippen auf meinen Mund und ich öffnete langsam die Lippen. Unsere Zungenspitzen berührten sich und ich musste mich an ihm festhalten, um nicht umzukippen.
»Huh, was war das denn?« mein ganzer Körper fühlte sich taub an, als er mich wieder atmen ließ.
»Tut mir leid, aber ich hab’s nicht mehr ausgehalten. Du warst zu lange zu weit weg von mir. Und dein Anblick macht es mir auch nicht leichter« beschwerte er sich, aber ich nahm wahr, wie er lächelte.
»Oh. Das nächste Mal ziehe ich etwas längeres an« versicherte ich ihm.
»Netter Versuch, Blanka. Egal was du anhast, du schaust immer bezaubernd aus« seine Lippen streiften über meinen Hals.
»Alex…«
Wie auf Kommando richtete er sich auf und seufzte.
»Du machst es mir auch nicht leicht« fügte ich hinzu.
»Du vertraust mir blind, nicht wahr?«
Ich überdachte die Situation, in der ich gerade war und meine Mundwinkel verzogen sich leicht nach oben.
»Wie du siehst, ja« gestand ich ihm. Alex streichelte mit der freien Hand über meine glühenden Wangen.
»Gehen wir weiter, sonst kommen wir nie an« sagte er. »Kannst du fliegen?«
»Klar, wieso?«
»Wir werden bald ein paar Stufen steigen müssen« teilte er mir amüsiert mit.
»Ich gehe auch zu Fuß« betonte ich stark, obwohl ich wusste, dass er mich nur neckte.
Wir gelangen durch eine Tür in ein Gebäude und kletterten gefühlte zehn Stockwerke rauf. Kurz bevor ich mich beschwert hätte, wieso wir nicht den Lift benutzen, kamen wir oben an. Mein Puls war dank meinem Trainingsplan nur leicht erhöht und ich hätte nochmals so viele Stufen ohne Probleme geschafft, aber die Stöckelschuhe nervten schon nach der ersten Stufe. Am liebsten hätte ich sie ausgezogen und wäre Barfuß weitergegangen.
Nachdem wir einem langen Flur entlangliefen, waren wir wieder draußen. Kurz später blieb Alex stehen und ließ meine Hand los. Vorsichtig lockerte er das Tuch und die Dunkelheit verschwand. Das Licht blendete, so dass ich die Augen zusammenkneifen musste, doch dann gewöhnten sie sich wieder an die Helligkeit.
Ich schaute mich um. Wir waren auf dem Dach eines Hochhauses. Die Stadt vor uns glitzerte in der untergehenden Sonne, der Ausblick war traumhaft. Hinter mir stand ein weiß bedeckter Tisch mit roten und weißen geschnittenen Rosen in einer durchsichtigen Vase. An gegenüberliegenden Seiten befanden sich zwei Stühle. Und dann vielen mir die vielen roten Rosen auf, mit denen das Dachgeländer verziert war und ich wandte mich zu Alex, wusste aber nicht, was ich sagen soll. Ich war gleichzeitig gerührt und aufgewühlt.
»Das wäre die Überraschung« sagte er, da ich nur sprachlos herumstand.
»Du hast ein ganzes Dach gemietet…«
Alex blickte lächelnd Richtung Sonnenuntergang.
»Ich hatte die entsprechenden Kontakte« sagte er, als wäre es ganz selbstverständlich. »Wie gefällt’s dir?«
»Es ist wunderschön. Die Aussicht, die Blumen, der Sonnenuntergang… Alles so perfekt. Danke« ich stellte mich auf die Zehenspitzen und zog ihn mit den Händen sanft zu mir, damit ich seine Lippen erreichte. In meinem Blickwinkel nahm ich eine leichte Bewegung war und ließ Alex sofort los. Erst jetzt bemerkte ich die drei Kellner, die weiter weg vom Tisch standen. Alle drei waren ungewöhnlich groß und muskulös gebaut und mich überkam die Angst, ich fühlte mich wie eine kleine Maus. Aber wieso denn? Es waren doch nur ganz normale Kellner, die sich anscheinend über uns amüsierten… Ich musterte sie eine Weile, doch das ungute Gefühl schien nicht zu verschwinden, deshalb konzentrierte ich mich wieder auf Alex, der meine Verunsicherung natürlich mitbekommen hatte und lächelnd mein Kinn hochhob.
»Ich weiß, sie sehen etwas beängstigend aus, aber mach dir keine Sorgen« beruhigte er mich. »Und dass wir uns küssen ist auch ganz normal.«
Alex nahm meine Hand und führte mich zum Tisch. Sobald wir beide Platz genommen hatten, bewegten sich die drei großen Gestalten, zwei von ihnen bogen ab, der dritte kam zu uns. Wie er neben uns stand, kam er mir noch riesiger vor als vorhin. Als zweites fielen mir seine braunen, lückenhaften Haare auf. Er ging auf die vierzig zu. Sein Bart betonte zusätzlich den unheimlichen Blick, mit dem er uns musterte. Mir lief ein kalter Schauder über den Rücken, doch Alex blieb ganz entspannt.
»Wir hätten gerne die Vorspeise« sagte Alex.
Der Kellner nickte und folgte den anderen zwei. Ich blickte ihm noch lange nach und versuchte, mich zu überzeugen, dass er ganz harmlos war. Alex lachte los, als er meinen verängstigten Blick sah.
»Er ist gut gebaut, nicht wahr?« er schaute ebenfalls dem Kellner nach.
»Er würde definitiv als Türsteher oder noch schlimmer, als Auftragskiller durchgehen. Aber nicht nur er. Auch die zwei anderen… Kellner« ich brachte das Wort Kellner nur schwer raus. »Andererseits muss ja jemand das gute Essen tragen können« scherzte ich.
»Hast du Angst vor ihnen?« wollte Alex wissen.
»Wenn du nicht hier wärst, wäre ich schon längst davongelaufen« ich sah ihm in die Augen. Alex musterte mich nachdenklich.

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