Wings (Kapitel 12 Teil 3)

Ich war in der glühenden Sonne in meinem Zirkuskostüm auf mich gestellt. Die Häuser, Gärten, Spielplätze waren alle verlassen. Ich könnte fliegen und es würde niemandem auffallen.
Ich glaubte wirklich, dass die Stadt seelenleer ist, bis am Ende der Straße eine winkende Person auftauchte. Sie winkte mir zu. Oder auch nicht? Ich ging einfach weiter. Der Weg führe einen Hügel hinunter, links davon befand sich ein großes rotes Gebäude aus Ziegelstein, Topfblumen zierten die Balkons. Das benachbarte Haus mit der hellblauen Fassade stach heraus, im Garten ragten die Sonnenblumen bis in den ersten Stock. Je weiter ich ging, umso bunter wurde die Gegend und die ersten spielenden Kinder erschienen in den Gärten und dann auch auf der Straße.
Die Stadt war auf einmal belebt. Wie ich näher zum winkenden Jungen kam, erkannte ich ihn. Er hatte blonde Haare und tiefgrüne Augen.
»Alex!« rief ich erfreut und fiel ihm um den Hals.
»Hallo Blanka« begrüßte er mich und zeigte mir sein schönstes Lächeln, das ich so sehr liebte. Er hob mich vom Boden und wirbelte mich herum. Neben uns fuhren Kinder mit Inlineskates und Fahrrädern vorbei.
»Was machst du hier?« grinste ich. Noch nie in meinem Leben hatte ich mich so sehr über jemanden gefreut.
Alex ließ mich wieder auf den Boden und küsste mich zärtlich.
»Ich hab auf dich gewartet« antwortete er. »Wie war es am Strand?«
»Es ging. Komische Männer wollten mich umbringen, aber ich habe die Verfolgungsjagd genossen. Der Direktor vom Zirkus nebenan hat mich gerettet« erzählte ich. »Aber woher hast du gewusst, dass ich hierher kommen würde?«
»Ich hatte Glück« sagte er. »Ich hätte sonst vor dem Hallenbad auf dich gewartet. Möchtest du eine Runde spazieren?«
»Gerne.«
»Dein Kleid ist süß« Alex musterte mich liebevoll und streichelte mir über den Rücken. Ich wurde rot, als ich realisierte, dass er das Zirkuskostüm meinte, das ich noch immer anhatte.
Wir bogen auf einen betonierten, engen Weg, der unter den Kronen von Eichen einen anderen Hügel hinaufführte. Händchenhaltend genossen wir das Zwitschern der Vögel, die Farben der Natur, den Tanz der Eichhörnchen, den Duft der Blumen und das Lachen der spielenden Kinder. Alles schien perfekt zu sein. Doch das vollkommenste Gefühl war, dass ich mit Alex diese wunderschönen Momente erleben durfte. Sein Lächeln wärmte mein Herz, ich wusste, dass es uns beiden gut ging und uns nichts auf der Welt etwas antun konnte.
Unser Spaziergang führte zu einem kleinen Lebensmittelladen, wo Alex uns ein Eis holte.
»Ein Cookie-Eis mit gehackten Nüssen für die Dame« er überreichte mir das Stieleis.
»Danke« sagte ich und küsste ihn auf die Wange.
»Oh, ich glaube, ich muss dir öfters ein Eis holen« lachte Alex.
»Was hast du für eins?«
»Vanille im Schokomantel.«
»Auch gut« lächelte ich und befreite das Eis aus der Packung.
Wir gingen weiter. Der Weg wurde immer breiter und oben am Hügel blieben wir vor einem großen Gebäude stehen.
»Hier bin ich zur Schule gegangen, als ich klein war« verriet mir Alex.
Das schmutzig-weiße Steingebäude hatte große Fenster, über dem Eingang hing eine riesige Uhr.
»Dort drüben sind die Turnsäle. Es sind zwei übereinander« sagte er und zeigte auf das kleinere Gebäude nebenan.
»Die Schule ist schön« stellte ich fest und spazierte zur nächsten Bank. Ich setzte mich mit überkreuzten Beinen hin.
Alex studierte noch eine Weile seine alte Schule, kam dann zu mir und setzte sich ebenfalls hin. Ich kuschelte mich zu ihm und bewunderte den großen Spielplatz vor uns, als mir auffiel, dass wieder jegliches Leben weg war. Wir waren nur noch zu zweit. Ich blickte zu Alex und sah, dass das Lächeln von seinem Gesicht langsam verschwand.
»Was ist los?« fragte ich besorgt.
»Nichts« antwortete er. Tränen flossen ihm über die Wangen. »Erinnerungen« fügte er noch hinzu und umarmte mich.
Ich betrachtete die Schule und versuchte mir vorzustellen, wie er wohl als Kind gewesen sein muss, aber mir fehlten die Bilder, Alex hatte mir nie was von seiner Kindheit erzählt. Ich schloss die Augen und hörte dem immer stummer werdenden Singen der Vögel zu, die ich nicht sehen konnte.

»Komm, gehen wir« weckte mich Alex.
Als ich die Lider öffnete, dämmerte es schon. Müde rieb ich meine Augen und stand auf.
»Langsam wird es kühl, ich möchte nicht, dass du dich erkältest.«
»Wie lange war ich weg?« wollte ich wissen.
»Nur ein paar Stunden.«
Seine Finger verflochten sich mit meinen, wir machten uns auf den Weg nach Hause. Wir verließen das Schulgelände, die Straßen und Häuser, kamen über Ackerfelder in eine andere Gemeinde. Ich wusste nicht, wohin wir gingen, ich verließ mich ganz auf Alex. Wir gingen und gingen, als würden wir das Ziel nie erreichen.
Es war schon dunkel, als wir vor einem mehrstöckigen Wohnblock stehen blieben.
»Wir sind daheim« kündige Alex an, öffnete die Tür und trat ins Gebäude.
Die Wohnung war im ersten Stock. Im Vorraum empfing uns ein weicher roter Teppich, der sich bis zum Wohnzimmer streckte. Wir gingen in die Küche, wo mir Alex mitteilte, dass er für uns kochen wird. Als er das Essen erwähnte, knurrte mein Magen laut und ich wunderte mich, wieso mir bislang der große Hunger nicht aufgefallen war. Ich setzte mich an den Tisch und sah ihm beim Kochen zu.
»Was gibt’s Feines?« fragte ich neugierig.
»Überraschung. Dir wird’s schmecken« murmelte er, drehte sich um und hauchte mir einen Kuss auf die Lippen.
»Noch einen« bat ich ihn erwartungsvoll.
Er beugte sich wieder zu mir und küsste mich lange. Ich hielt mich an seinem Hals fest, damit er nicht aufhört. Alex befreite sich geschickt aus meinen Armen und sah mich mit seinen dunkelgrünen Augen an.
»Später, Blanka« lächelte er. »Erst sollten wir was essen.«
»Du hast recht.«
Ich stützte den Kopf mit den Händen und sah Alex beim Kochen zu. Das Hackfleisch mischte er in der Pfanne mit der Tomatensoße zusammen, erhitzte währenddessen Wasser in einem großen Topf und gab die Spaghetti hinein. Da ich nicht viel zu tun hatte, außer ihn zu bewundern, spielte ich mit der weißen Tischdecke. Mir gefiel das gestickte Blumenmuster und der dunkelbraune Holztisch darunter. Auch die Stühle waren aus demselben Material.
Alex bat mich, aus der Küche zu gehen, damit er den Tisch ordentlich decken konnte. Erst wollte ich nicht gehen, aber er meinte, dass ich kein Essen bekommen würde, wenn ich nicht brav war. Ich streckte ihm die Zunge entgegen und lief ins Wohnzimmer, ehe er mich fangen konnte. Wenige Minuten später kam er aus der Küche und blieb in der Tür stehen.
»Das Abendessen steht bereit« sagte er. Die eine Hand ließ er in die Seitentasche seiner Jeans gleiten, die andere wartete darauf, dass ich sie nahm.
Alex hatte sich vermutlich umgezogen, da er ein weißes Hemd anhatte. Ich stellte mir vor, wie er sich mit der Tomatensoße anpatzt und musste lachen. Heiter stieg ich von der Couch und gab ihm meine Hand, wir gingen in die Küche. Auf dem Tisch standen zwei Teller Spaghetti und in der Mitte eine Kristallvase mit blutroten Rosen drin. Rund um die Vase waren lilafarbene Teelichter aufgestellt. Ich setzte mich hin, Alex nahm gegenüber Platz.
»Guten Appetit, Liebes« lächelte er sanft.
»Danke, dir auch guten Appetit« antwortete ich ebenfalls lächelnd.
Beim Essen redeten wir über alltägliche Ereignisse, es kam aber nicht zu einem tieferen Gespräch.
»Ach nein« seufzte ich. »Ich habe mich angepatzt.«
»Macht nichts. Hier« Alex überreichte mir eine Serviette.
Ich bedankte mich und nahm die Serviette entgegen. Als ich den Patzer wegwischen wollte, erstarrte ich mitten in der Bewegung. Plötzlich hatte ich eine rosafarbene Bluse und enge, dunkle Jeans an. Wann hatte ich mich umgezogen? Und wieso konnte ich mich daran nicht erinnern? Wo war das Kostüm?
»Soll ich dir helfen?« fragte Alex amüsiert.
»Ich krieg das schon hin« antwortete ich.
Alex war es nicht aufgefallen. Da es während des Abendessens keinen Sinn gemacht hätte, darüber nachzudenken, ließ ich es sein und war froh, dass ich nicht wie ein Clown gekleidet im Kerzenlicht vor Alex saß. Ich wischte die Soße von der Bluse und verzehrte die restlichen Spaghetti.
»Danke für das himmlisch gute Essen« schwärmte ich.
»Freut mich, dass es dir geschmeckt hat« sagte er und blies die Kerzen aus.
Es wurde ganz dunkel, ich sah nichts mehr. Auf einmal spürte ich seine weiche Lippen an meinem Hals und schauderte leicht.
»Komm mit« flüsterte er und nahm meine Hand.
Alex führte mich zur Couch im Wohnzimmer, legte seine Lippen auf meine und küsste mich verlangend. Mir wurde es heiß, ich vergrub die Finger in seinen Haaren und zog ihn eng an mich… Ich begehrte ihn hier und jetzt. In mir brannte das Feuer, das bei jedem Atemzug stärker wurde. Ich atmete seinen süßen Duft ein, genoss jede einzelne Berührung. Ob ich noch die Bluse anhatte, wusste ich nicht. Alex’ Hemd lag hingegen schon auf dem Boden, er küsste mich ununterbrochen und ich verlangte immer mehr und mehr…

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