Wings (Kapitel 13 Teil 1)

Irgendetwas störte meine Sicht, aber ich konnte nicht klar erkennen, was es war. Lucas saß mir gegenüber auf dem Teppich seines Zimmers, um ihn herum lagen bunte LEGO-Steine. Er baute eine komplette Burg auf, während ich ihn nur anschaute und einen gelben Baustein zwischen meinen Fingern hin und her bewegte. Es war ein heller, angenehmer Vormittag, der Vorhang filterte die Sonnenstrahlen, die durch das Fenster ins Zimmer traten. Mein Bruder nahm einen Plastikbaustein und stellte ihn auf die Burg.
»Schau, Blanka« sagte er. » Hier ist diese Burg, die ich gebaut habe. Stimmt’s?« er beobachtete seine Burg und verschönerte sie mit weiteren Bausteinen.
»Aham« antwortete ich leise. Die Stimmung war unheimlich ruhig, als würde uns ein dichter, unsichtbarer Nebel umhüllen.
»Für mich dauerte es nur einige Stunden, diese Burg zu bauen.«
Er nahm einen Soldaten vom Teppich und stellte ihn neben den anderen. Doch als ich die kleinen Plastiksoldaten näher betrachtete, merkte ich, dass der neue Soldat viel größer war als der andere. Er war kein Soldat, sondern ein General.
»Und« setzte Lucas fort, »dann kommt ein Fremder und nimmt sie ein. Ich kenne diesen Soldaten« er nahm die kleinere Figur von der Burg. »In meiner Kindheit hatte ich jahrelang mit ihm gespielt. Ich kenne jede seiner Bewegungen, seine Farbe, seinen Charakter. Was soviel bedeutet, dass er mir nahe steht.«
Eine Weile lang hielt er seinen Lieblingssoldaten in der Hand, dann stellte er ihn zurück auf die Burg.
»Wir haben auch diese andere Plastikfigur, einen General, den ich noch nie in meinem Leben zuvor gesehen habe. Falls doch, dann auf der Verpackung irgendeines LEGO-Spiels. Er erscheint wie aus dem nichts und fängt an, meinem Soldaten Befehle zu erteilen. Auf einmal steht mein Soldat unter seinem Einfluss und wendet sich gegen mich. Sieh nur« sagte er und zeigte auf die Burg. »Sie haben meine Burg eingenommen.«
Lucas blickte zu mir. Ich ließ mich mit seinen Worten treiben, sie berührten kaum mein Bewusstsein.
»Der Soldat hat mir gehört, doch vergebens – es zählt nicht, wie lange wir uns gekannt hatten, weil der General ihn manipuliert« kam er zum Schluss. »Wenn er den Befehl bekommt, sich gegen mich zu richten, wird er es auch tun. Er denkt nicht lange darüber nach, wie er es umsetzten sollte. Er wird alles versuchen, um den Befehl des Anführers umzusetzen. So gelangt die Burg in bessere oder schlechtere Hände. Im schlimmsten Fall geht sie zu Grunde. Aber« Lucas hob seine Hand, »wir können dagegen etwas tun.«
»Was denn?« stellte ich die Frage. »Wie willst du deine Burg zurückerobern?«
»Ganz einfach. Es gibt zwei Möglichkeiten. Entschuldige, drei« korrigierte er. »Die eine ist, dass du dir keine Burg baust. Du baust dir einfach nichts auf, was man dir wegnehmen kann. Diese Möglichkeit hört sich anfangs verkehrt an, weil wir von Natur aus anders sind. Gleich nach der Geburt beginnen wir, Dinge aufzubauen, an denen wir uns festhalten können.«
»Hm« ich nickte müde.
»Die zweite Möglichkeit wäre der Ausbau eines Schutzmechanismus, damit dein Eigentum in Sicherheit ist. Du umgibst damit deine Burg und lässt niemanden ran, der auffällig ist« er zeichnete mit seinem Zeigefinger einen unsichtbaren Kreis um die Burg und zog ihn wie eine schützende Wand in die Höhe.
»Und die dritte Möglichkeit?« fragte ich und richtete meine ganze Aufmerksamkeit auf ihn. Plötzlich war ich wieder munter.
»Du eroberst deine Burg zurück. Praktische und schnelle Methode« behauptete Lucas und schnipste.
Im selben Moment erschien eine kleine Flamme zwischen seinen Fingern. Er nahm den General als Zielpunkt und warf die Flamme auf ihn. Die Plastikfigur entflammte und brannte, bis sie ganz schwarz wurde. Das Feuer ließ die anderen Bausteine unberührt.
»Beeindruckend« flüsterte ich. Der schwarze Rauch versetzte mich ins Staunen.
»Der Erfolg ist garantiert« sagte er. »Aber vorsichtig mit dem aufgewühlten Feuer! Du darfst nicht jeden vernichten. Nur den, unter dessen Macht die anderen stehen. Nur den Mächtigsten« er blickte auf die geschmolzene Plastikfigur.
»Er wird aber die Spuren seines Daseins für immer auf der Burg lassen, oder?«
»Ja. Aber immerhin ist er weg« offenbarte er schulterzuckend.
»Immerhin« wiederholte ich kaum hörbar.
»Schöne Ohrringe hast du! Sind das deine Federn?« fragte Lucas plötzlich. Er stand auf und ging zum Fenster.
Ich griff zu meinen Ohren und spürte zwei große, leichte Federohrringe. Dass sie beigefarben waren, konnte ich nur ahnen, aber irgendwas sagte mir, dass ich richtig lag. Es waren meine Federn.
»Ich weiß nicht. Von welcher Farbe sind sie?« wollte ich wissen, um sicher zu gehen.
»Von der du sie sehen willst« kam die Antwort von meinem Bruder.
Ich konnte nichts damit anfangen.
»Welche Farbe haben sie für dich?«
»Rot. Für mich sind sie blutrot. Aber warum nimmst du sie nicht aus deinen Ohren und schaust sie dir selber an?« fragte er.
Daran hatte ich gar nicht gedacht, es schien aber eine gute Idee zu sein. Obwohl die Federohrringe groß waren, konnte ich sie keineswegs sehen, sie waren außerhalb meines Blickwinkels. Ich griff zum linken Ohr, damit ich den einen Ohrring herausnehmen und ihn anschauen konnte, doch der Ohrring bewegte sich nicht. Stattdessen spürte ich plötzlich starke Schmerzen hinter meinem Ohr.
»Aua« schrie ich laut und zog meine Hand zurück. Der Schmerz ließ nicht nach, er war gleichzeitig stechend und brennend.
»Es gibt Dinge, die man besser nicht erfahren sollte« teilte mir Lucas mit vollkommen ruhiger Stimme mit.
»Wie meinst du das?« fragte ich bestürzt, aber er antwortete mir nicht.
Ich wollte die Hand auf die brennenden Stelle drücken, aber ich konnte sie nicht erreichen. Je mehr ich mich bemühte, umso weiter entfernte sie sich.
Kurz darauf klopfte jemand an der Tür.
»Komm herein« sagte mein Bruder.
Camilla trat ins Zimmer. Völlig überrascht schaute ich zu, wie sie mit Leichtigkeit zu Lucas tanzte. Sie begrüßte ihn, dann setzte sie sich auf den Boden. Ich war derart erschrocken, dass mir kein Wort aus der Kehle kam. Camilla hatte sich verändert; ihre langen, glatten Harre waren schwarz wie die Nacht, ihre blauen Augen strahlten. Aber ihr Gesicht blieb unverändert, ganz dasselbe, das ich in Erinnerung hatte.
»Hallo Blanka« begrüßte sie auch mich. Sie beugte sich über die Burg und umarmte mich. Ihre Haut war eiskalt. »Wir haben uns lange nicht gesehen, nicht wahr?«
»Wieso bist du wieder hier? Was ist passiert?« plötzlich stellten sich tausend Fragen.
Ich wollte alles wissen. So dringend, dass ich ganz vergessen hatte, sie zu begrüßen. Und das, obwohl ich meine Cousine seit langer Zeit nicht gesehen hatte und es höflich gewesen wäre, wenigstens „Hallo" zu sagen. Aber ich tat es nicht. In meinem Kopf wirbelten ganz andere Gedanken herum.
»Wir sind zu Besuch« sagte sie. »Wir verbringen den Urlaub bei euch.«
»Aber was ist passiert? Wie bist du verschwunden? Und wohin?« wollte ich wissen.
Camilla lächelte verlegen. Ich blickte zu meinem Bruder. Er stand noch immer mit verschränkten Armen am Fenster und starrte hinaus.
»Ich bin weggegangen. Mein Freund hat mir dabei geholfen« antwortete sie.
»Du bist mit deinem Freund von Zuhause abgehauen?«
»Klar. Unsere Beziehung war schon damals sehr eng.«
»Und wo ist er jetzt?«
»Er kommt gleich« Camilla blickte zur Tür. Ich tat das gleiche. »Ihr würdet euch gut verstehen« fuhr sie fort. »Er ist der attraktivste Mann, den ich kenne. Seine Augen sind unglaublich schön!«
Die Tür öffnete sich langsam. Alex stand in der Tür.
»Hi!« winkte ich ihm zu.
Alex sah mich verwirrt an.
»Hi« sagte er ebenfalls, sein Blick wanderte dann zu Camilla. Als ihre Augen aufeinander trafen, lächelte er. »Hallo meine Liebe.«
Camilla sprang vom Boden auf und fiel in Alex' Arme. Ich verstand die Szene nicht.
»Alex, das ist Blanka, meine Cousine. Lucas kennst du schon« sie drehte sich zu mir. »Blanka, das ist Alex, mein Freund.«
Nein, das konnte nicht sein. Das war sicher nur ein Missverständnis.
»Alex?« sagte ich leise.
»Ja, mein Name ist Alex« bestätigte er lächelnd und küsste Camilla. Genauso, wie er mich immer geküsst hatte. In meinem Herz spürte ich einen starken Schmerz, als hätte man mir einen Dolch in die Brust geschlagen. Meine Augen füllten sich mit Tränen.
»Das kannst du mir nicht antun, Alex!« schluchzte ich verzweifelt.
Eine neue Flamme entfachte, diesmal kam sie von meinem Ohr. Ich brach zusammen und schrie auf. Von Alex' Gesicht verschwand das Lächeln, auch Camilla beobachtete mich aufgeregt. Ich versuchte, meine Tränen zurückzuhalten.
»Woher kennen wir uns?« fragte Alex. Seine Stimme war so natürlich, dass ich ihm fast glaubte, dass er mich nicht kannte…
Lucas drehte sich zu uns und sah geheimnisvoll zu mir, dann zu Alex. Seine Augen hüpften zwischen uns beiden hin und her, aber er sagte nichts. Ich umfasste meinen Oberkörper und versuchte, das Feuer wegzudenken, doch das Brennen ließ nicht nach. Der Schmerz hielt mich am Boden.

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