Wings (Kapitel 14 Teil 1)

Ich war im selben grellen Raum, das Licht irritierte meine Augen. Ich richtete mich auf und warf die Decke von meinem Leib. Mein Kopf pochte pulsierend, ich klemmte ihn zwischen die Knien und hoffte, dass es helfen würde. Verschwommene Bilder blitzen auf und erinnerten mich an den gescheiterten Versuch einer unglücklichen Fluchtaktion. Eine spitze Nadel, ein Stechen irgendwo am Körper. Danach konnte ich mich nicht mehr bewegen, sie drückten mich zu fest an den Boden. Hatten sie mir eine Dosis Beruhigungs- oder Schlafmittel verabreicht? Das würde erklären, weshalb ich mich nicht an die Geschehnisse davor erinnern konnte. Dämliche Ärzte, ich hasse sie alle.
Die Wirkung der Dosis ließ mit der Zeit nach. Mein Gehirn arbeitete wieder einwandfrei, meine Gedanken strukturierten sich und die Erinnerungen kamen auch zurück. Nur die nachträglichen Kopfschmerzen quälten mich, aber ich war mir der Ursache nicht sicher. War es das Beruhigungsmittel oder lag es am Aufprall? Vielleicht am Schlafmangel? Wie lange hatte ich geschlafen? Ich schaute mich im Zimmer um und suchte nach einer Uhr – vergebens. Mein Fluchen richtete sich an diejenigen, die beim Einrichten dieses Raumes vergessen hatten, eine Uhr an die Wand zu hängen. Ich streckte mich und gähnte. Als ich vom Bett steigen wollte, wurde ich auf den bunten Haufen neben mir im ansonsten sterilen Zimmer aufmerksam.
Essen.
Bohneneintopf mit Fleisch, neben dem Teller eine Scheibe frisches Brot in eine Serviette gewickelt… Ich sabberte und stürzte mich auf das Essen, zog es zu mir und verschlang die Portion. Meine Performance war Lichtjahre von meinen normalen, menschlicheren Essgewohnheiten entfernt. Mein leerer Magen verlangte nach mehr, ich war ausgehungert.
Der Bohneneintopf war köstlich, nach dem Essen hatte ich alle zehn Finger im Mund und dachte darüber nach, ob ich noch eine Portion bekommen würde, wenn ich den Doktor darum bat. Für eine kurze Zeit schienen alle meine Sorgen surrealistisch weit weg zu sein. Ich vergaß, wo ich war, wie ich hierher kam und weshalb ich in diesem Raum eingesperrt war. Was sie von mir wollten und ob ich jemals wieder rauskommen würde.
Ich legte den Teller zurück auf dessen Platz und machte dabei eine weitere Entdeckung. Auf dem kleinen Tisch befanden sich saubere Kleider, Duschgel und ein schneeweißes Badetuch. Sie wollten also, dass ich dusche, doch wo war hier eine Dusche? Der blendend weiße Raum hatte keine weiteren Räume. Ich stand auf und spazierte herum. Mit der Hand streifte ich die Wand, um Unregelmäßigkeiten an der glatten Oberfläche zu erkennen. Ich fand nichts außer die Tür, die mir schon vorhin aufgefallen war. Dahinter befand sich die Toilette und ein kleines Waschbecken, das gerade ausreichte, um sich das Gesicht zu waschen. Ich schlenderte zurück zum Bett, nahm das Badetuch und schloss mich in den Toilettenraum. Es war ein unangenehmes Gefühl, doppelt eingesperrt zu sein, doch in dem kleinen Raum fühlte ich mich sicherer vor den bösen Blicken der Ärzte. Ich drehte das eiskalte Wasser auf und wusch mein Gesicht.
Mein Spiegelbild über dem Waschbecken war blass. Die Lippen angeschwollen, meine Haut voller Prellungen. Unter meinen Augen leuchteten dunkle Ringe, ich sah aus wie eine Leiche… Vielleicht würde mich noch mehr kaltes Wasser ein wenig auffrischen? Ich ließ das Wasser in meine Hände fließen und tauchte mein Gesicht nochmals ein. Dann schaute ich wieder in den Spiegel. Es machte mich neugierig, was sich dahinter befinden könnte. Ich drückte daran herum und freute mich, als ich begriff, wie man den Schrank öffnet. Auf den weißen Regalen befanden sich eine Zahnbürste, Zahnpasta, Wattestäbchen, Nagelschere, Haarbürste und andere Sachen, die ich gebrauchen könnte. All inclusive, wie toll! Was für eine Verwöhnung. Der groteske Gedanke brachte mich zum Lachen. Ich machte den Spiegelschrank wieder zu und verließ die Toilette.
Ich machte es mir bequem auf dem Bett und versuchte, mein Gehirn auszuschalten. Ich versuchte auch, nicht darüber nachzudenken, was in den letzten Tagen geschehen war und was alles noch auf mich zukam. Das gelang mir sehr gut, bis jemand an der Tür klopfte. Mein Puls beschleunigte sich, ich richtete mich blitzartig auf und lauschte nervös. Dr. Clear trat ins Zimmer. Sie schaute zu mir und wollte mir etwas erklären, was ich nicht ganz verstand. Erst als sie mit der Hand Duschbewegungen machte, nahm ich heraus, dass ich ihr mit dem Badezeug und den sauberen Kleidern folgen sollte. Gut. Wie sie es wünscht. Wenigstens durfte ich endlich duschen. Ich stieg von der Matratze, nahm die Sachen und folgte Dr. Clear, wohin auch immer sie ging.
Die Flure sahen überall gleich aus. Ich konnte mir noch immer nicht vorstellen, wie sich die Leute hier orientierten. Wir gingen einmal rechts und zweimal links um die Ecke, ehe wir das Ziel erreichten. Dr. Clear teilte mir mit, dass sie draußen auf mich warten würde und ich mich beeilen sollte.
Im Bad befanden sich sechs Duschkabinen, jeweils drei in einer Reihe auf der linken und rechten Seite. Ich sah überall weiße Fliesen, von denen mir schlecht wurde. Mein Blick schweifte auf die kleinen, schmalen Fenster über den Duschkabinen. Seit ich hier war hatte ich die Sonne nicht gesehen und freute mich über die wenigen Strahlen, die durch diese Fenster in den Raum drangen.
Die Möglichkeit einer Flucht raste durch mein Bewusstsein. Nein, nicht jetzt – dachte ich mir. Ich wusste nicht, wann ich das nächste Mal die Sonne sehen würde, aber ich ging davon aus, dass es mehrere Räume mit Fenstern gab. Die Flucht musste ich genau planen und vorbereiten, und derzeit wusste ich nicht einmal, wo ich mich befand und was mich außerhalb des Gebäudes erwarten würde.
Ich entschied mich für die mittlere Duschkabine auf der rechten Seite. Niemand würde hereinkommen, dennoch zog ich den Vorhang zu. Ich hob die Flügel in die Höhe und drehte das Wasser auf. Das Duschgel hatte einen beruhigenden Himbeerduft, ich rieb mich gleich zweimal damit ein. Als ich fertig war, zog ich die Kleider an. Es waren dieselben Klamotten, die ich seit meiner Ankunft tragen musste: ein weißes Top und eine weiße Baumwollhose. Meine Flügel hingen frei aus dem Oberteil und fielen auf meinen Rücken, jeder konnte sie sehen.
Ich wollte nicht tun, was sie sagten, doch das war das Einzige, das ich tun konnte, damit sie mich halbwegs in Ruhe ließen. Ich eilte zu Dr. Clear, die meine Flügel nach wie vor nicht anstarrte. Die Doktorin fragte mich, ob ich fertig sei und ich nickte. Sie bat mich um meine gebrauchten Kleider, die ich ihr überreichte, dann brachte sie mich zurück in mein weißes Gefängnis. Bevor sie verschwand, sperrte sie die Tür ab.
Die Zahnpasta, die sie mir gaben, war ekelhaft. Ich stürzte mich genervt auf das Bett und zählte die langen Minuten. In diesem Raum konnte ich nichts Sinnvolles unternehmen. Wenn ich nur ein Buch hätte… Oder ein Blatt Papier und Bleistift, um mich zu beschäftigen. Das Brummen der Lampe ging mir auch auf die Nerven. Haben diese weißen Aliens sich jemals darüber Gedanken gemacht, wie langweilig es hier werden kann? Ich fühlte mich wie eine Kriminelle, die etwas ganz Schlimmes begangen hatte. Das grelle Zimmer kam mir vor wie eine Zelle im Gefängnis. Den Gefängniswärtern war es schließlich auch egal, ob die Gefangenen sich langweilten oder genug gegessen hatten. Ich legte mich auf den Rücken und ließ die Flügel auf meinem Bauch nieder. Ich streichelte die kleinen schmutzigen Federn. Sie hatten nicht mehr die schöne Farbe von Butter. Ich müsste sie demnächst einmal waschen.
Stunden vergingen, bis wieder etwas geschah. Dr. Clear klopfte an und kam ins Zimmer. Ich schaute sie nicht allzu begeistert an, während sie versuchte, mir etwas beizubringen. Ich verstand zwar, was sie wollte, ließ sie aber noch eine Weile gestikulieren. Als mir dann einfiel, was passieren würde, wenn ich zu lange zögere, sprang ich vom Bett, schlüpfte in die weißen Schuhe und folgte ihr aus dem Zimmer.
Draußen sah ich zwei weitere Professoren – den jüngeren mit den braunen Haaren und den alten. Der ältere Prof begrüßte mich. Ich nickte und blickte sofort wieder weg, als ich die Handschellen in seiner Hand zu Augen bekam. Der jüngere Arzt hielt mich an den Schultern fest, ich wurde nervös.
Kein Widerstand. Kein Widerstand. Ich wiederholte den Satz, bis ich mich einigermaßen beruhigte. Der alte Professor zog meine Arme hinter den Rücken und befestigte die Handschellen an meinen Handgelenken. So viel von den Chancen auf eine Flucht… Sie machten es mir unmöglich. Ich fühlte mich wie ein Verbrecher, der für den Tod der halben Erdbevölkerung verantwortlich war.
Wir schlenderten durch das chaotische Labyrinth der Gänge. Dr. Clear ging vor mir, rechts von ihr der alte Prof, hinter mir der jüngere. Ich drehte mich ab und zu um, um zu checken, ob er noch da war. Nach einer Ewigkeit blieben wir vor einer Tür stehen, die in ein Labor führte. Auch in dem Raum befanden sich unzählige ärztliche Instrumente, was nicht gerade dazu beitrug, meine Nervosität zu lindern.
Der Ablauf war ähnlich wie das letzte Mal: ich musste mich auf eine Tragbahre setzen, wo meine Werte gemessen wurden. Ich gab mich gelangweilt, doch die Zahlen verrieten die innere Unruhe, die in mir tobte. Zum Glück war keine Nadel in der Nähe, sonst wäre ich längst wieder auf der Flucht.
Dr. Clear fing an, meine Flügel abzutasten. Ich zog sie erst geekelt zurück und wickelte sie um meinen Oberkörper. Sie soll gefälligst meine Flügel in Ruhe lassen… Die Blondine. Ich warf ihr böse Blicke zu. Sie redete leise zu mir, wollte, dass ich sie locker ließ. Als ich nicht nachgab, ging sie seufzend zum Tisch und kam mit einer Spritze zurück. Meine Flügel entspannten sich sofort. Dr. Clear legte die Spritze wieder weg und untersuchte sie. Erst den rechten Flügel, dann den linken. Sie tastete die Muskulatur ab, notierte sich etwas, wickelte ein Messband um sie und schrieb dann wieder etwas auf ein bedrucktes Blatt Papier. Ich verfolgte jede ihrer Bewegungen mit misstrauisch zusammengekniffenen Augen.

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