Wings (Kapitel 14 Teil 3)

Ich schrak aus dem Schlaf auf, das Blut pulsierte in meinen Ohren. Erleichtert ließ ich die Luft aus, als ich realisierte, dass ich atmen konnte und meine Kleider trocken waren. Ich öffnete meine Augen und es fiel mir sofort ein, wo ich mich befand. Ich war mir sicher, dass etwas nicht stimmte… Meine Augen wurden feucht. Wenn mein Traum die Realität widerspiegelte, war ich niemand mehr. Hektisch griff ich zu meinen Flügeln und brach in Weinen aus, als ich Federn unter meinem Rücken spürte. Sie waren noch da. Ich setzte mich auf und nahm sie in den Schoß. Mein rechter Flügel brannte, auf der Außenseite befand sich ein großes weißes Pflaster, umgeben von eingetrocknetem Blut. Ich legte eine Hand drauf. Unter den Federn spürte ich meinen Herzschlag. Was hatten sie mit meinen Flügeln getan? Am liebsten hätte ich das Pflaster runtergerissen, um zu schauen, was sich darunter befand, doch wahrscheinlich hätte ich damit auch eine große Wunde mitgerissen.
Ich schaute nicht auf, als mir das Essen ins Zimmer gebracht wurde. Es war mir egal, was es gab, ich wollte nichts essen. Der Hass drehte mir den Magen um, ich verabscheute das ganze Gebäude samt Professoren und Ärzten.
Es dauerte nicht lange, bis der Hunger sich dann doch meldete. Erst wollte ich nicht nachgeben, doch als ich einen kurzen Blick auf die Kakaoschnecke warf, konnte ich nicht anders. Die Schnecke war innerhalb von Minuten weg. Ich wusste nicht, ob sie nun das Frühstück oder das Abendessen war… War wieder ein Tag vergangen? Wie lange hatte ich geschlafen?
Ich spazierte in den Toilettenraum und spülte mit kaltem Wasser den Mund aus. Dann wusch ich meine Zähne und schlenderte genauso lahm wieder zurück. Der Tag machte so keinen Sinn… Kein Tag machte irgendeinen Sinn. Ich war in ein nervig steriles, blendend weißes Zimmer eingesperrt, verstand nichts davon, was diese IQ-Hunde redeten. Außerdem taten sie mir weh und langweilten mich zu Tode. Ich durfte weder fliegen noch laufen, noch frische Luft schnappen. Die Bewegung fehlte mir so sehr… Schlafen konnte ich auch nicht wie gewohnt, meine Träume ließen mich nicht in Ruhe und anscheinend war hier niemand so intelligent, die verdammten Neonlichter über Nacht auszuschalten. An andere Sachen wollte ich gar nicht denken, es fehlte einfach zu viel aus meinem alten Leben.
Neben dem Teller entdecke ich einen Stift mit einem Rätselheft voller Sudoku. Es war ein Wunder, dass mir jemand zugehört hatte… Ich sprang mit dem Heft aufs Bett, breitete mich aus und blätterte es auf. Einige Sudokus waren schon gelöst, doch die meisten Kästchen standen leer. Ich fing an, sie einzeln zu lösen.
Das Sudoku war ein netter Zeitvertrieb, solange mir die Tinte im Stift nicht ausging. Da niemand den Teller abholte, faltete ich aus den Seiten des Rätselheftes kleine Papierboote. Die Seiten des Heftes waren jedoch gezählt und irgendwann hatte ich nichts mehr zu tun. Aus Frust warf ich die Papierboote auf den Boden und legte mich hin.
Ich war mir sicher, dass ich einen ganzen Tag durchgeschlafen hatte. Die IQ-Hunde weckten mich mit dem Mittagessen. Auf dem Teller sah ich Nudeln mit Fleischsoße und da ich am Verhungern war, bedankte ich mich aus Vorfreude auf das Essen. Die Professorin lächelte mich freundlich an und ging dann mit dem vorigen Teller aus dem Zimmer. Ich konnte sie langsam nicht mehr unterscheiden – entweder sahen alle Lieferantinnen gleich aus, oder ich war am Durchdrehen.
Mein Magen schien nach dem Mittagessen befriedigt zu sein. Ich hätte gerne noch ein Glas Cola oder Orangensaft getrunken, jedoch war mein Aufenthalt kein Urlaub und mein Zimmer kein schickes Hotel. Auf dem Boden verstreut lagen noch immer meine sechzehn Papierschiffe. Zumindest durfte ich diese behalten.
Mir war es den ganzen Tag langweilig. Schlafen half auch nichts mehr, ich war hellwach. In Gedanken bereitete ich die Flucht vor. Es musste irgendwo im Gebäude ein Fenster geben, das größer war, als das im Duschraum. Sonst würde ich mich dort durchpressen müssen… Ich bezweifelte, dass ich tatsächlich durch das kleine Fenster passen würde. Was danach auf mich wartete, war unklar. Befand sich das Gebäude in einer Stadt? Oder auf einer kleinen Insel? Vielleicht im Wald? Oder in einem verlassenen Dorf auf der anderen Seite der Welt? Wenn mein Zimmer im selben Gebäude war, das ich von außen gesehen hatte, dann befand ich mich höchstwahrscheinlich in einer Großstadt.
Ich rollte vom Bett und stellte mich in die Mitte des Zimmers. Es war groß genug, um meine Flügel nach dem Aufwärmen unterzubringen. Ich bewegte sie, schlug mit ihnen und hob mich leicht vom Boden ab, da es nichts gab, woran ich mich festhalten konnte. Die Haut unter meinen Federn dehnte sich langsam und die abgedeckte Wunde zerriss. Ich schrie auf und sank zu Boden, als auf den Riss heftiger Schmerz folgte. Heißes Blut strömte über meine schmutzigen Federn und tropfte auf die Kunststoffoberfläche.
Nach dem anfänglichen Schock stand ich auf, rannte in den Toilettenraum und drückte das Handtuch auf die blutende Wunde. Nach einigen Minuten schrumpften meine Flügel wieder zusammen und die Blutung und der Schmerz ließen nach. Ich zog den rechten Flügel vor mich und wischte das Blut von den Federn. Um die Risswunde herum, die vorhin noch eine heilende Schnittwunde war, befanden sich kleine schwarze Fadenstücke. Ich ließ sie in Ruhe und war froh, als sie aufhörte zu bluten.
Die Wunde selbst war weit aufgerissen, die Haut angeschwollen und rot. Ich bemerkte einen kleinen Fremdkörper, der leicht durch das Fleisch schimmerte und als mir bewusst wurde, was das sein könnte, stürzten alle meine Pläne von einer möglichen Flucht zusammen. Es war ein Chip, damit sie mich überall auf der Welt lokalisieren konnten… Damit ich nicht fliehen konnte. Würde ich fliehen, so würden sie mich sofort finden und wieder einsperren. Vorausgesetzt, der Chip blieb in meinem Flügel. Mit einer Nagelschere könnte ich ihn beseitigen… Beim Gedanken drehte sich mein Magen. Ich wäre nicht in der Lage, das Teil selbst rauszuschneiden.
Die weißen Ärzte stürmten ohne Vorankündigung ins Zimmer und suchten mich. Sie waren zu sechst, unter ihnen Dr. Clear und der Boss. Sie zerrten mich aus dem Toilettenraum und setzten mich auf das Bett.
»Wir müssen die Wunde sofort desinfizieren« sagte der Boss nervös.
»Das war keine Absicht« murmelte ich deprimiert.
»Es wird wehtun« warnte er mich. Er legte die kleine sterile Tasche auf das Bett, Dr. Clear suchte das Desinfektionsmittel raus. »Beiß rein und halte still« sagte der Boss und überreichte mir ein zusammengeknülltes Tuch.
Ich wollte erst protestieren, doch dann fiel mir schnell wieder ein, dass das bei denen alles nur schlimmer machen würde. Ich nahm das Tuch und biss sanft drauf. So schmerzhaft wie vorhin konnte es nicht werden.
Zwei von ihnen standen links von mir, drei hielten meinen Flügel. Ich kniff die Augen zusammen und hielt mich am Bettrand fest. Die Flüssigkeit entfachte einen schmerzhaften Brand in der Wunde, alle meine Federn standen in Flammen. Ich hielt das Grölen nicht zurück, biss aber stark in das Tuch und wartete auf die Erlösung.
Ich war der Ohnmacht nahe, aber irgendwann ließ der Schmerz nach. Auf meiner Stirn glänzten die Schweißtropfen, als sie endlich fertig waren.
»Versuche ja nicht zu fliegen« mahnte mich der Boss.
Ich schaute sein böses, angsteinflößendes Gesicht an.
»Ich leide an Bewegungsmangel« keuchte ich.
»Wenn du mir versprichst, brav zu sein, werden wir deine Flügel nicht zusammenbinden.«
»Bin ich nicht brav genug?!« fragte ich wütend. Seine Worte weckten Hass und Verachtung in mir.
»In deinem Interesse« antwortete er kalt.
»Ich werde mich benehmen« jedes einzelne Wort kostete mich Überwindung, doch der Satz war vielleicht das Tor zur größeren Freiheit. Wenn mich hier wenigstens einer verstand, musste ich es versuchen.
»Gute Entscheidung.«
»Herr Professor…« sagte ich, obwohl ich nicht einmal wusste, ob er auch ein Professor war, oder die anderen nur herumkommandierte.
»Ja?«
»Könnte ich eine Bitte haben?«
»Kommt darauf an« er schien nicht begeistert zu sein, hörte mir aber aufmerksam zu.
»Könnte ich etwas zum Lesen bekommen? Es ist mir nämlich ziemlich langweilig in diesem Raum« beschwerte ich mich.
»Natürlich. Aber nur so lange du brav bist.«
»Ich werde mich benehmen« versprach ich. Es war eine Lüge, jede Zelle in mir protestierte. Ich werde bald diesen verfluchten Chip aus meinem Flügel reißen und wegfliegen.
»Steh auf, deine Wunde muss noch zugenäht werden« befahl er.
»Wird’s weh tun?« wollte ich wissen.
»Nein. Dein Flügel wird betäubt. Du baust keinen Mist, verstanden?«
»Klar« nickte ich.
Mein rechter Flügel hing runter, mit dem linken umarmte ich meinen Bauch. Der Boss führte mich zu einem größeren Saal, der aussah, wie alle anderen. Dr. Clear betäubte die Wunde und als ich nichts mehr spürte, nähte sie die offene Stelle zu. Ich drehte den Kopf weg, das Geräusch der Nadel irritierte mich trotzdem. Der Boss stand an meiner anderen Seite und beobachtete mich. Ich machte die Augen zu, um ihn nicht ansehen zu müssen.
»Alex hatte Recht« brach er die Stille. »Du bist sehr einfallsreich.«
Alex’ Name schlitzte mich innerlich auf, doch bevor die Erinnerungen es an die Oberfläche schafften, stoppte ich sie. Ich durfte nicht an ihn denken. Nicht jetzt. Sein Name war begraben, die Gedanken durften nicht aus dem Gefängnis, das ich für sie gebaut hatte.
»Ich möchte nicht darüber reden« sagte ich eisig, doch mein Magen zuckte schon.
»Wie du willst« sagte der Boss. Er entschied, einen Spaziergang im Raum zu machen, anstatt mein bitteres Gesicht anzuschauen.
Ich hörte der Nadel zu, wie sie meine Haut rhythmisch durchdrang. Was mich vorhin irritiert hatte, wirkte jetzt beruhigend und lenkte mich ab. Nach dem letzten Stich trennte Dr. Clear den restlichen Faden ab und verpasste mir ein neues Pflaster, das etwa fünfmal so groß war, wie sein Vorgänger. Ich bedankte mich höflich und richtete mich auf.
Dr. Clear war mir, den Umständen entsprechend, sympathisch. Sie konnte wahrscheinlich nicht viel dafür, dass ich hier war. Sie hatte mir sogar ein Rätselheft mitgebracht, damit es mir nicht so langweilig wird. Ich war ihr dafür dankbar, auch wenn aus den Seiten des Heftes Papierschiffe wurden.
»Wenn die Wunde verheilt ist, darfst du fliegen« hörte ich hinter meinem Rücken.
»Darf ich echt fliegen?« Mein Mund blieb offen. Ich hätte es mir nie erträumt, dass sie mich jemals fliegen lassen würden.
»Ja, wir werden einige Tests durchführen und erwarten deine Kooperation. Das vorzeitige Benutzen deiner Flügel würde unsere Arbeit um Wochen verzögern, also bleib brav und bewege sie nicht. Du weißt, was sonst passiert, nicht wahr?«
Ich nickte ängstlich.
»Wie lange muss ich warten, bis die Wunde verheilt ist?«
»In vier Wochen wirst du fliegen können« antwortete der Boss. »Voraussichtlich. Vielleicht dauert es länger« fügte er noch hinzu.
Ein ganzer Monat… Wie werde ich das bloß aushalten? Ohne Sonne, ohne frische Luft und ohne Bewegung, eingesperrt in ein steriles Zimmer, das aussah wie ein Leichenraum… Ich wollte nach Hause, in mein Zimmer, in mein Bett. Nach Hause zu meinen Eltern, zu meinem Bruder und zu Stella…
»Dr. Clear begleitet dich zur Dusche. Halte die Wunde fern von Wasser« sagte der Boss.
Dr. Clear blickte zu uns, als sie ihren Namen hörte.
»Danach gibt’s Abendessen. Bis dahin schaue ich, ob ich was gegen deine Langweile tun kann.«
»Danke« flüsterte ich, doch meine Gedanken waren ganz woanders. Daheim bei meiner Familie.

Das frische Kleid und Handtuch warteten in meinem Zimmer auf mich. Dr. Clear zeigte mir den Weg zu denselben Duschen wie das letzte Mal.
Ich beruhigte mich mit dem Duft des Himbeershampoos. Als ich fertig war, wickelte ich das Badetuch um mich und schaute aus dem Fenster, wo ich den wunderschönen, hellblauen Himmel sah. Die kleinen Wolken hatten einen orangen Stich, die Sonne ging vermutlich gerade am Horizont unter.
Im Zimmer war schon das Abendessen aufgetischt: gegartes Gemüse mit Rahm. Ich gabelte motorisch Bissen nach Bissen in den Mund, doch vor meinen geistigen Augen sah ich nur den orangen Sonnenuntergang.

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