Wings (Kapitel 17 Teil 3)

»Wie lange bleiben wir hier und was kommt danach?« fragte ich. Schließlich hatte Alex erwähnt, dass ich bald wieder nach Hause darf.
»In etwa zwei Stunden fahren wir ein Stück weiter nach Halifax. Wir werden einen Zwischenstopp machen, um die Dokumente abzuholen.«
»Was für Dokumente?«
»Gefälschte Reisepässe. Wir dürfen nicht ausschließen, dass das Institut hinter euch her ist« sagte Michael und sah mir besorgt in die Augen. »Es ist eine Sicherheitsmaßnahme.«
»Verstehe« flüsterte ich. Alles, was Michael sagte, klang logisch, aber mein Verstand wollte seine Worte nicht realisieren. Ich befand mich auf der anderen Seite der Welt in einem fremden Land und war auf der Flucht vor bösen Menschen, die mich eingesperrt hatten. Und das mit der Person, die mich eigentlich in diese Situation gebracht hatte. Des Weiteren würden wir mit gefälschten Pässen wieder nach Europa fliegen. Ich fühlte mich wie in einem Mafiafilm. »Und was ist in Halifax?«
»Der Flughafen. Alex hat dort Bekanntschaften. Es ist die einzige Möglichkeit, die Kontrollen zu umgehen. In Europa wird es dann leichter für euch« teilte mir Michael mit.
»Für uns? Meinst du mich und Alex? Fliegst du nicht mit?« fragte ich verzweifelt.
»Ich kann nicht, Blanka. In vier Tagen muss ich wieder in Boston sein. Meine Arbeitszeiten sind strikt geregelt.«
»Schade« seufzte ich den Teppich musternd.
Die Gewissheit, nicht in Sicherheit zu sein, machte mich nervös. Sie könnten uns überall und zu jeder Zeit finden und wieder einsperren. Ich wollte nicht in den sterilen Käfig zurück. Und wer weiß, was sie Alex antun würden…
»Ich habe Angst« gestand ich. »Angst, dass alles schlimm enden könnte…«
»Das wird es nicht« versprach mir Michael. »Alex hat für sie gearbeitet, er kennt sich aus. Wir sind vorsichtig genug, es wird nichts passieren« beruhigte er mich.
»Was geschieht mit ihm? Wird er entlassen?«
»Aus dem Institut? Höchstwahrscheinlich. Aber mach dir deswegen keine Sorgen.«
»Was ist das überhaupt, das Institut?« Ich wusste nicht viel über den Ort, wo ich eingesperrt war.
»Es ist eine geheime Forschungseinrichtung. Projekte und deren Ergebnisse werden der großen Masse nicht bekanntgegeben« Michael sprach mit leiser Stimme, als hätte er Angst, dass ihn jemand hören könnte. Ich hörte ihm aufmerksam zu. »Ich selbst war zwei Jahre lang Mitglied, aber es war mir von Anfang an bewusst, dass dort nicht alles korrekt abläuft. Alex kam mit siebzehn zum Institut. Er war klug, jung und attraktiv. Der Boss hat sein Talent früh erkannt und ihn immer mehr unter seinen Einfluss genommen. Er hat ihn an die Universität geschickt und sein Medizinstudium finanziert, damit er aktiv an den Experimenten teilnehmen kann« erzählte Michael.
»Der Boss…« verzog ich den Mund.
»Wie ich sehe, muss ich ihn dir nicht vorstellen« stellte Alex’ Bruder fest.
»Ich kenne ihn leider schon zu gut.« Die Erinnerung an den seelenlosesten Menschen, dem ich jemals begegnet bin, widerte mich an.
»Er war mir nie sympathisch. Alex war sein Liebling. Was er getan hat, war das Schlimmste, was er dem Boss nur antun konnte. Er hat das Vertrauen des ganzen Institutes verloren. Und seinen Studienplatz.«
»Vertrauen gewinnen und missbrauchen kann er anscheinend ziemlich gut« seufzte ich. »Aber wieso fällt jemand die Entscheidung, mit gefälschtem Reisepass aus einem so vielversprechenden Leben zu fliehen?«
»Manchmal muss man schwere Entscheidungen treffen« sagte Michael.
Seine Worte hätten mich schockieren sollen, taten es aber nicht. Ich war nicht im Stande, jedes Detail abzuwiegen und mit meinem Wertesystem zu vergleichen.
Ich schleppte mich in die Küche und wurde sofort auf das kleine Stückchen Brot aufmerksam, das vom Frühstück übrig geblieben war. Mein Magen war zwar voll, aber ich war wieder hungrig. Ich beugte mich zum kleinen Kühlschrank und versuchte mein Glück.
»Im Kühlschrank sind Schokoriegel, falls du noch Hunger hast« kam Michaels Stimme aus dem Zimmer.
Schokolade… Der Klang dieses wunderschönen Wortes aktivierte all meine Geschmacksknospen. Im Kühlschrank waren unterschiedliche Schokoriegel von einer mir unbekannten Marke verstaut. Ich nahm einen Karamellriegel heraus und drückte die Kühlschranktür wieder zu.
Michael schaute aus dem Fenster, während ich mich auf das Bett setzte und den Riegel aß.
»Ich verstehe es nicht ganz« setzte ich das Thema fort, nachdem mein Magen befriedigt war.
»Was verstehst du nicht?« fragte Michael.
»Warum Alex das gemacht hat. Wieso er mir geholfen hat. Ich verstehe nichts« sagte ich leise. »Ich frage mich immer wieder, wer er wirklich ist… Ich kann einfach nicht glauben, dass die Person, die ich kennengelernt habe, gar nicht existiert. Er hat es versprochen. Er hat versprochen, egal was passiert, mich nie zu verraten« von den Erinnerungen fingen meine Augen an zu brennen.
»Alex ist ein guter Schauspieler, der mit seinen Gefühlen nicht immer umgehen kann. Ich weiß nicht, welche seiner Seiten du kennst, aber grundsätzlich ist er ein guter Mensch. Und das sage ich nicht nur, weil er mein kleiner Bruder ist« meinte Michael.
»So habe ich ihn auch kennengelernt« schluchzte ich kaum hörbar und biss die Zähne zusammen.
»In diesem Berufsfeld ist es nicht immer leicht. Du musst die Anweisungen befolgen, auch wenn du Taten vollziehen musst, für die du nicht gewachsen bist. So ist nun mal unsere Arbeit« gab er zu.
»So ist eure Arbeit« wiederholte ich und senkte den Blick.
Die Tür ging auf. Ich musste nicht hinschauen, um festzustellen, wer hereingekommen war.
»Michael, könnten wir kurz reden?« hörte ich Alex vom Eingang.
»Natürlich.«
Michael folgte ihm aus dem Zimmer. Ich machte es mir bequem auf dem Bett und verbarg mein Gesicht.
Zehn Minuten später stürmten beide herein und rissen mich aus dem Halbschlaf. Sie fingen sofort an, alle Sachen in die großen Taschen zu packen. Ich sprang hastig aus dem Bett.
»Es gab Komplikationen. Wir fahren« teilte mir Alex mit. »Pack deine Sachen und trag das hier« er drückte mir eine schwarze Sonnenbrille in die Hand.
Ich hatte nichts, außer den weißen Sack mit den neuen Kleidern. Im Badezimmer sammelte ich noch Haarshampoo und Haarbürste auf und verstaute sie im Sack, während die beiden in der Küche die restlichen Lebensmittel in eine Kühltasche packten.
»Hast du alles?« Michael trug die Taschen zur Tür.
»Ja.«
»In Ordnung, dann können wir gehen.«
»Die Sonnenbrille« warf Alex ein. »Und deine Flügel.«
Ich setzte die Sonnenbrille auf, doch mit meinen herausschauenden Flügeln konnte ich nichts anfangen.
»Zieh das an« sagte Michael und warf mir aus der einen Sporttasche einen breiten, langen Pullover zu.
Ich zuckte vor Schmerz zusammen, als ich ihn fing, ließ mir jedoch nichts anmerken.
»Ausgezeichnet« freute er sich. »Tu die Kapuze auch auf.«
Ich folgte seinen Anweisungen. Alex und Michael nahmen die großen Sporttaschen und die Kühltasche, ich trug den leichten weißen Sack. Im Pullover war es mir heiß, doch solange wir nicht im Auto saßen, durfte ich ihn nicht ausziehen.
Wir verließen das Hotelzimmer. Die Scheine, die Alex beim Zahlen heimlich hinblätterte, kamen mir zu viel vor. Ich hatte das Gefühl, verfolgt zu werden und wollte raus aus dem Hotel.
Vor dem Gebäude stand derselbe weiße Sportwagen, mit den wir Boston verlassen hatten.
»Fährst du? Ich erledige ihre Flügel« Alex warf seinem Bruder den Schlüssel zu. »Danach können wir tauschen.«
»Natürlich« Michael fing ihn mit einer leichten Bewegung auf.
Sie räumten die Taschen schweigend in den Kofferraum. Ich war nah dran, sie zu fragen, wieso wir schon so früh weiterfahren mussten, als mich Alex in den Wagen bat. Wir fuhren los und erreichten in Kürze den Highway. Als meine Verfolgungsangst langsam nachließ, lehnte ich mich gegen den Sitz, bereute es aber sofort.
»Autsch« stöhnte ich schmerzhaft auf, als hätte jemand ein heißes Messer in meinen rechten Flügel gestochen und umgedreht.
Alex drehte sich zu mir.
»Darf ich?« fragte er vorsichtig.
Michaels Gesichtsausdruck im Rückspiegel war nicht zu übersehen. Anstatt zu protestieren, übergab ich mich Alex’ Händen.
»Danke« flüsterte er. Ich vermied es, in seine leuchtend grünen Augen zu schauen.
Alex rückte näher und half mir erst den Pullover, dann das Oberteil auszuziehen. Er untersuchte in ganzer Länge erst den linken, dann den rechten Flügel.
»Deine Wunden heilen erstaunlich schnell« stellte er fest. »Deine Muskeln hingegen werden noch lange brauchen, um sich zu regenerieren.« Seine Finger tasteten meine Wirbelsäule ab. »Tut’s da weh?«
»Es tut überall weh« sagte ich hart.
Alex nahm ein kleines Kästchen unter dem Sitz hervor und suchte zwei weiße Verbände aus, mit denen er meine Flügel einwickelte. Mit dem dritten befestigte er sie an meiner Taille. Bei jedem seiner Berührungen rutschte ich ein Stück weiter zum Fenster, um die Distanz zu vergrößern, doch er kam mir nach. Nachdem er endlich fertig war, zog ich erleichtert das blaue Shirt mit dem Pinguin wieder an und lehnte mich, diesmal vorsichtiger, nach hinten.
Die Schmerzen ließen mit der Zeit nach. Alex übernahm das Steuer, Michael setzte sich auf den Beifahrersitz. Der ganze hintere Sitz gehörte somit mir alleine. Ich legte mich hin und schloss die Augen.

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