Wings (Kapitel 18 Teil 1)

Es war schon drei am Nachmittag, als ich die Augen öffnete. Ich gähnte und setzte mich auf. Alex’ Blick war auf die Straße gerichtet, Michael betrachtete durch das Fenster die Landschaft. Ich öffnete die Kühltasche unter dem Sitz und fischte eine Flasche kühles Mineralwasser raus.
»Möchtet ihr auch was trinken?« fragte ich sie. Michael blickte über den Sitz nach hinten.
»Ja, bitte gib zwei Flaschen nach vorne« antwortete er.
Ich nahm zwei weitere Flaschen hervor und überreichte sie ihm.
»Danke« sagte Michael. Er zeigte auf die Karte in seinem Schoß. »Wir müssen die nächste Ausfahrt nehmen.«
»Geht klar. Und dann?«
»Dann einfach weiter auf der Landstraße. Ist nicht mehr weit weg, höchstens eine halbe Stunde.«
»Ist Halifax noch weit weg?« wollte ich wissen.
»Wir werden noch eine ganze Weile fahren« antwortete mir Michael.
Ich lehnte mich zurück und bewunderte Kanadas bezaubernde Natur. Kurz später fuhren wir von dem Highway und ich erblickte eine Siedlung in der Ferne.
Im Auto war es trotz der Hitze draußen angenehm kühl. Wir redeten nicht, jeder schien in seinen eigenen Gedanken versunken zu sein. Ich saß in der Mitte, um den leeren Weg vor uns sehen zu können. Plötzlich fiel mir etwas auf. Es war klein und träge und versuchte sich über die Straße zu schleppen. Wir fuhren mit hoher Geschwindigkeit auf den verletzen Hund zu, der sein Hinterbein kraftlos hinter sich zog.
»Was sucht ein verletzter Hund mitten auf der Straße?«
Meine Frage blieb ohne Antwort. Das Tier schaffte es auf die andere Seite.
»Er wurde wahrscheinlich ausgesetzt« sagte Michael, schien dem Hund aber keine Beachtung zu schenken.
»Wer ist so herzlos? Das arme Wesen hat hier überhaupt keine Überlebenschancen« stellte ich fest. »Können wir ihn nicht mit zum nächsten Tierheim nehmen?«
Alex regte sich nicht. Wir fuhren am Hund vorbei, der dem Auto mit traurigen Augen nachschaute. Niemand interessierte sich für ihn. Ich wandte mich verärgert zu Alex.
»Bleib bitte stehen!« bat ich ihn.
Es kam keine Antwort, wir fuhren weiter.
»Alex. Bleib stehen« versuchte ich es erneut.
»Wir haben keine Zeit, uns mit dem Hund zu beschäftigen« sagte Alex gleichgültig.
»Du bist Arzt, du kannst ihm helfen! Tu einmal etwas Gutes« sagte ich fast schreiend.
Ich hatte gehofft, dass der letzte Satz wirken würde, doch Alex schien mich zu ignorieren.
»Bleib sofort stehen!« brüllte ich schließlich und er trat auf die Bremse. Ich konnte mich noch rechtzeitig an den zwei Vordersitzen festhalten, ehe der Sicherheitsgurt in meine Schulter schnitt.
Der Wagen blieb quietschend stehen, dann fuhren wir rückwärts und blieben beim Hund stehen. Ich wollte aussteigen, die Türen waren jedoch verriegelt.
»Lass mich raus!« zischte ich und boxte in den Vordersitz.
»Blanka« seine Stimme zitterte.
»Mach die verdammte Tür auf!« Ich biss auf meine Unterlippe, um die aufsteigende Wut zu bändigen. »Bitte« fügte ich leise hinzu.
»Dein Pulli« sagte Michael.
»Da ist niemand.«
»Blanka. Bitte.«
Ich zog hastig den Pulli über mein Leib und sprang aus dem Wagen, sobald Alex die Türen aufsperrte. Der Hund hüpfte zu mir, ich streichelte seinen Kopf.
»Alles wird gut« flüsterte ich ihm zu.
»Sein Hinterbein ist mehrmals gebrochen« hörte ich Alex hinter meinem Rücken. »Er braucht umgehend einen Gips. Es ist ein Wunder, dass er noch nicht überfahren wurde.«
Ich schaute zu ihm, dann wieder zum Hund. Alex trat zu mir und hockte sich hin. Ich wollte den Hund hochheben, aber Alex hinderte mich daran.
»Nicht so« sagte er und nahm den Hund selbst in die Arme.
Er stand auf und spazierte mit ihm zurück zum Wagen. Michael stand mit verschränkten Armen an der Beifahrertür. Sein Bruder bat ihn, das Erste-Hilfe-Kästchen und eine Flasche Mineralwasser zu holen.
»Das nennt man Durst« lächelte Michael, nachdem der Hund die halbe Flasche ausgetrunken hatte. Das Tier machte sofort einen glücklicheren Eindruck.
»Da hast du wohl recht« Alex streichelte ihn.
Ich schritt neben Alex und legte meine Hand sanft auf das Tier. Seine schwarzen Augen glänzten im Sonnenlicht.
»Es wird alles wieder gut« wiederholte ich leise. Ich sah aus dem Augenwinkel, dass mich Alex beobachtete. »Was können wir tun?«
»Es gibt sicher ein Tierheim in der Stadt« sagte Michael. »Wir könnten ihn dort abgeben.«
»Das wäre eine gute Idee« antwortete ich.
»Lass mich mal sehen« Alex überreichte seinem Bruder den Hund und untersuchte dessen Hinterbein.
»Mehrfacher Bruch, wie vermutet« stellte er fest.
Alex nahm den Verband aus dem Kästchen und wickelte ihn vorsichtig um das Hinterbein des Hundes. Dann setzten wir uns wieder ins Auto und fuhren weiter. Ich hielt den Hund in meinem Schoß und streichelte ihn die ganze Zeit.
Nach einer halben Stunde erreichten wir die Stadt und fuhren zum Tierheim. Alex verbot mir, aus dem Wagen zu steigen, also übergab ich Michael den Hund. Ich blieb mit Alex allein im Auto.
Es war ruhig, nur die Lüftung summte leise im Hintergrund. Alex lehnte sich nach hinten und seufzte. Ich starrte aus dem Fenster und wartete darauf, dass Michael zurückkam.
»Alles ok? Geht es dir schon besser?« fragte Alex ganz plötzlich.
Ich war so überwältigt, dass ich keine Antwort herausbrachte. Er setzte die Sonnenbrille ab und musterte mich im Rückspiegel. Ich drehte den Kopf wieder Richtung Tierheim.
»Ja« antwortete ich dann schwach. »Es geht mir gut.«
»Tun deine Flügel weh?«
»Ein bisschen« log ich. Meine Flügel schmerzten bei der kleinsten Bewegung. Da ich aber nichts dagegen tun konnte, versuchte ich, den Schmerz auszublenden.
»Wir fahren erst morgen nach Halifax. Heute Nacht bleiben wir in der Stadt« teilte mir Alex mit.
Ich drückte die Stirn gegen das kühle Glas.
»Wieso?« Eigentlich war es mir egal. Ich stellte die Frage nur, um irgendetwas zu sagen. Es war unwichtig, wo und warum wir unterwegs waren, solange ich am Leben war und heil nach Hause kommen würde.
»Es gab Komplikationen« sagte Alex.
»Aham« auf eine ähnliche Antwort hatte ich gewartet, denn sie könnte alles bedeuten.
»Wenn alles gut läuft, sitzt du morgen Abend im Flieger.«
Meine Ohren wurden auf das Wort „du“ aufmerksam. Hieß das, dass ich alleine fliegen würde? Ich hatte gehofft, sie würden mich nicht alleine lassen. Ich musterte Alex im Rückspiegel. Seine grünen Augen sahen müde aus.
»Wie meinst du das?« wollte ich wissen. Vielleicht hatte ich seinen Satz nur missverstanden.
»Ich kann nicht mit dir fliegen, ich muss noch einiges erledigen. Aber ich komme dir mit dem nächsten Flieger nach« erklärte er mir.
Ich hielt seinem Blick stand und verspürte einen Hauch von Traurigkeit.
»Meine Schwester holt dich am Flughafen in Frankfurt ab. Ihr checkt im Hotel ein, sie passt die Nacht auf dich auf und am nächsten Morgen bin ich schon bei dir.«
»Und du sagtest du wärst ein Einzelkind…« ärgerte ich mich. Es war einfacher, den Blick abzuwenden. Wie viele Lügen würden noch ans Tageslicht kommen? Dass nichts davon wahr war, was er mir von sich erzählt hatte, tat weh.
»Blanka…«
»Lass mich in Ruhe« sagte ich gleichgültig.
»Ich muss dir was sagen« fing er an, doch in dem Moment öffnete Michael die Autotür und stieg ein. Er kam so plötzlich, dass ich aufschreckte.
»Der Hund muss heute noch operiert werden. Sie sind dankbar für unsere lebensrettende Hilfe« sagte Michael.
»Gott sei Dank konnten wir ihm helfen« schnaufte ich erleichtert.
»Ja. Fahren wir« hörte ich Alex’ leise Stimme.
In der Stadt mussten wir zweimal auf die Karte schauen, bis wir die versteckte Gasse fanden. Die Adresse führte uns zu einer eleganten Stockwerkswohnung. Bevor wir ausstiegen, musste ich den Pullover wieder anziehen und die Sonnenbrille aufsetzen. Ich ärgerte mich, es war viel zu heiß für meine Bekleidung.
Ich hatte ständig das Gefühl, verfolgt zu werden. Ich hatte Angst, dass jeder draufkommen könnte, wer wir waren und was wir vorhatten. Was Alex und Michael vorhatten… Mir war nur bewusst, dass wir auf der Flucht waren und mit gefälschten Dokumenten reisen würden. Alex war vor Kurzem noch der Liebling vom Boss, doch jetzt wurde er genauso verfolgt wie ich. Der Einzige von uns drei, der mehr oder weniger in Sicherheit war, war Michael.
Wir gingen die schmale Wendeltreppe hoch. Im zweiten Stock befand sich eine Tür aus hellbraunem Holz. Ich hätte mir nie gedacht, dass man an so einem schlichten Örtchen zu gefälschten Dokumenten kommen konnte. Es war nicht gerade legal, doch was hatte es für eine Bedeutung? Mich meiner Freiheit zu berauben war auch keine legale Handlung. Gegen das Institut hatte ich jedoch kaum Chancen, deshalb blieb uns keine andere Wahl übrig, als den Kontinent mit gefälschten Reisepässen zu verlassen.

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