Wings (Kapitel 18 Teil 3)

Ich war im Halbschlaf, als es anfing, heftig zu donnern. Der Regen knallte brutal gegen das Fenster, es hörte sich so an, als würden hunderte Vögel gegen das Glas fliegen. Dennoch war es nicht das Gewitter, das mich aufweckte, sondern die leisen Töne eines Gesprächs in der Küche. Ich gähnte, rollte vom Bett und schlürfte zum kleinen Esstisch.
»Guten Morgen, Blanka« begrüßte mich Michael mit einem Lächeln. Alex sah mich ausdruckslos an. Ich konnte mir vorstellen, wie amüsant der Anblick meiner zerzausten Haare war.
»Ist es schon Morgen?« fragte ich erstaunt und unterdrückte ein Gähnen. So lange hatte ich doch gar nicht geschlafen.
»Nein, natürlich nicht« sagte er. »Es ist erst kurz nach acht. Wir wollten mit dem Abendessen auf dich warten.«
»Verstehe« murmelte ich müde und schaute aus dem Fenster. Dunkle Gewitterwolken bedeckten den ganzen Himmel, es schüttete unerbittlich aus dieser schwarzen Masse. Ab und zu erhellte ein Blitz die Gegend, gefolgt von einem lauten Knall.
Alex stand auf und zog die Vorhänge zu, dann machte er das Licht im Zimmer an und eilte zum Kühlschrank.
»Wer hat Lust auf eine Pizza?« fragte er und zog zwei riesige Tiefkühlpizzen aus dem Gefrierfach.
»Wir« lachte Michael über Alex’ Frage. »Mm, Pizza, ich hab einen Riesenhunger!«
»Ich kenne das Gefühl« sagte ich und lächelte Michael an. Ich konnte kaum erwarten, dass die Pizzen fertig waren.
Ich hatte befürchtet, dass das Hotelzimmer nicht über ein funktionsfähiges Mikrowellengerät verfügt, doch das Prachtexemplar in der Küche funktionierte tadellos und hatte sogar eine Ofenfunktion. Die zwei großen Pizzen wurden binnen kürzester Zeit fertig. Der Teig war goldbraun und knusprig, der Käse zart schmelzend, ich konnte mich nicht beschweren. Sie waren himmlisch und ich war ausgehungert, obwohl ich den ganzen Tag nur geschlafen hatte. Ich stopfte meinen Magen voll und danach war mein einziger Wunsch nur noch, mich auf das Bett zu legen.
»Das war jetzt genau das Richtige« Michael lehnte sich im Stuhl zurück und legte beide Hände auf den Bauch. Er sah ebenfalls satt aus. »Heute Abend muss ich noch in die Stadt« sagte er seinem Bruder. »Ich werde erst in der Nacht zurück sein.«
»Wir werden schon zurechtkommen« antwortete Alex.
Ich schaute zu ihm, sein Gesicht war völlig ausdruckslos. Wie machte er das? Ich wusste, dass er ein guter Schauspieler war, letztendlich hatte er mir auch vorgespielt, dass er mich lieben würde. Und ich hatte es ihm zweifellos geglaubt. Die Erinnerungen trieben mir Tränen in die Augen, mein Magen verkrampfte vor Schmerz. Ich lehnte mich an den Tisch und verbarg mein Gesicht in den Armen. Dadurch, dass Alex neben mir saß, fiel es mir noch schwerer, meine Gefühle unter Kontrolle zu halten. Wäre er nicht hier, könnte ich die Erinnerungen an die gemeinsame Zeit wieder verdrängen. Ich durfte nicht einmal aus diesem erbärmlichen Hotelzimmer, weil sie es mir verboten hatten. Mir blieb nichts anderes übrig, als schluchzend gegen die bitteren Gefühle anzukämpfen und die Schmerzen zu unterdrücken, so gut es ging.
Was war ihr Geheimnis? Warum hatte man bei ihrem Anblick sofort das Gefühl, ihnen blind vertrauen zu können? War es ihre unglaubliche Ausstrahlung? Oder war ich die Einzige, die sie von Anfang an verzauberten? Schon bei der ersten Begegnung hatte mich Alex mit seiner lockeren und freundlichen Art beeindruckt. Seine hellgrünen Augen wirkten vertraut und gaben mir das Gefühl, auf einen Seelenverwandten getroffen zu haben. Ich verliebte mich schnell in sein einzigartiges, perfektes Lächeln. Alex verhielt sich so natürlich und offen, dass ich mir keine Sekunde lang darüber Gedanken gemacht hatte, dass alles gespielt sein könnte. Und deshalb konnte ich es noch immer nicht fassen. Die Person, die ich geglaubt hatte zu kennen, existierte gar nicht. Es war ein Idealbild, ein Traum, der zu schnell zum Alptraum wurde. Auf der Suche nach der Freiheit fand ich Gefangenschaft. Wie konnte ich nur so naiv sein? Die Erkenntnis krallte tiefe Wunden in mein Inneres.
Meine Tränen fielen unerbittlich auf den Holztisch und ich war froh darüber, dass sie mich in Ruhe ließen. Am liebsten hätte ich mich unter dem Tisch verkrochen, um die nächsten Stunden dort zu verbringen. Ich hatte Angst, aufzuschauen und Alex mein Gesicht zu zeigen. Nicht, weil ich mich vor ihm fürchtete, sondern aus Angst davor, was ich dabei empfinden würde.
Bevor mein Ausbruch die Oberfläche erreichte, sprang ich auf und lief mit verdecktem Gesicht ins Bad. Ich sperrte die Tür zu, drehte das kalte Wasser auf und rieb damit Stirn und Wangen ein. Mein Gesicht wurde taub vom eiskalten Wasser. Ich fiel mit dem Rücken gegen die Fliesenwand und sank langsam zu Boden. Die Pose, die ich annahm, erinnerte mich an die Zeit im Institut. Mein Magen drehte sich.
An der Badezimmertür klopfte es leise. Ich wollte in Ruhe gelassen werden, da ich es noch immer nicht geschafft hatte, die Tränen zu stoppen. Egal, woran ich dachte, die unerwünschten Gedanken schlichen sich von allen Seiten in meinen Kopf. Es war unmöglich, mir selbst etwas vorzutäuschen.
»Geht’s dir gut?« fragte einer von den beiden. Ich war nicht in der Lage, die Stimme einzuordnen.
Ich wollte nicht, dass sie da blieben. Am liebsten hätte ich die ganze Nacht alleine verbracht.
»Blanka?« Alex’ Stimme hallte in meinen Ohren.
Sie versuchten, in das Bad zu dringen, doch die Tür war geschlossen.
»Würdest du uns reinlassen?« fragte Michael hart.
»Lasst mich in Ruhe« seufzte ich, aber sie versuchten weiterhin, die Tür zu öffnen.
»Mach bitte die Tür auf« sagte Alex.
»Lasst mich…« flehte ich sie an.
Es wurde ruhiger.
»Na gut« hörte ich. »Es wäre wirklich besser, sie alleine zu lassen.«
»Du hast recht. Ich muss jetzt sowieso gehen.«
»Wann kommst du zurück?« wollte Alex wissen.
»Ich beeile mich. Alex« sprach Michael und hielt Inne. Ich stellte mir vor, wie er seinen kleinen Bruder anschaut. »Pass auf sie auf, ok? Ich könnte nicht ertragen, wenn ihr etwas zustoßen würde. Du auch nicht, hab ich recht?«
Ich hielt die Tränen zurück und lauschte ihren Worten. Am liebsten hätte ich das Bad verlassen, um sie zu sehen, obwohl ich mir vor einer Minute noch das Gegenteil gewünscht hatte.
»Ich werde auf sie aufpassen« antwortete ihm Alex.
Aufpassen… So nannte er das. Er hatte es schon einmal versprochen. Meine Augen brannten von den vergossenen Tränen. Ich bedeckte die Ohren mit den Händen, ich wollte nichts hören und nichts sehen. Für die nächsten paar Minuten blendete ich alles aus.
Die kalte Fliesenwand drückte gegen meine Wirbelsäule und meine Flügel fingen an zu schmerzen. Ich zog mich am Waschbecken hoch und hielt mich fest. Jemand hatte meine blaue Zahnbürste und die Zahnpasta in das Badezimmer getan. Ich war der unbekannten Person dafür unglaublich dankbar und nutzte die Gelegenheit, mir die Zähne zu putzen.
Ich wusste nicht, was mich draußen erwarten würde. Ich erhoffte ein leeres Zimmer, obwohl ich wusste, worum Michael seinen Bruder gebeten hatte. Als ich aus dem Bad trat, erblickte ich Alex. Er saß auf dem Bett, das Gesicht in seinen Händen vergraben. Auf das Geräusch der aufgehenden Tür blickte er hoch. Seine grünen Augen waren unendlich traurig. Sie hypnotisierten mich, ich konnte und wollte auch nicht wegschauen. Dieser Blick riss Stücke aus meinem Magen, dennoch stand ich entschlossen da und musterte sein lebloses Gesicht. Wenn ich nur seine Gedanken lesen könnte…
Alex erhob sich vom Bett, ließ aber den Blick nicht abschweifen, ich wurde von den grünen Augen festgehalten. Seine starken Arme hingen schwer herunter. Er tat mir so leid… Ich konnte mir selbst nicht erklären, weshalb ich auf einmal zu ihm schritt und meine Arme um seine Taille legte, aber in dem Moment fühlte es sich richtig an. Er atmete schwer aus und umarmte mich, zog mich fest an seine Brust. Als ich den Kopf gegen seinen Brustkorb drückte, erreichte mich der Duft, den ich über alles geliebt hatte und das reichte aus, um den Weg zurück in meine zertrümmerte Welt zu finden. Eine Träne verließ meinen Augenwinkel und mündete auf Alex’ T-Shirt. Er schloss mich noch enger in seine Arme.
Wir standen lange in dieser Umarmung. Ich weinte leise und kämpfte gegen die Schmerzen, Alex streichelte sanft meine Haare. Irgendwann ließ er mich los und gab mir einen beschützenden Kuss auf die Stirn. Wir redeten nicht, weil wir nichts zu sagen wussten.
Alex ging zum Fenster und schaute auf die Straße. Das Gewitter hatte sich gelegt, der Regen fiel monoton vom Himmel. Ich setzte mich auf das kleine Bett und schloss die Augen.
Die Zeit verflog schnell, Gedanken kamen und gingen, von der Außenwelt bekam ich nichts mit. Als ich die Augen wieder aufmachte und das Zimmer nach Alex absuchte, fand ich ihn auf dem Doppelbett. Er sprang unerwartet auf, ich zuckte vor Schreck zusammen.
»Ich gehe duschen, wenn du nichts dagegen hast« sagte er und knüllte ein weißes Handtuch unter den Arm.
»Geh nur« antwortete ich taub und breitete mich auf dem Bett aus.
Im Zimmer leuchtete nur das kleine Nachtlicht, Alex’ Umriss bildete einen starken Kontrast zur Wand. Ich verfolgte seine Schritte, und drückte den Kopf gegen das Kissen, als er die Badezimmertür absperrte. Ich wusste nichts mit mir anzufangen. Schlafen wollte ich nicht. Die Zeit würde zwar schneller vergehen, aber ich war nicht müde. Es würde eine schlaflose Nacht werden, befürchtete ich.

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