Wings (Kapitel 19 Teil 1)

Die Sonne schien durch das Fenster ins Zimmer, als ich meine Augen öffnete. Ich lag alleine im Bett. Wo war Alex? Ich setzte mich auf und sah mich um. Die Jungs saßen am Tisch und frühstückten. Ich wollte aus dem Bett steigen, hatte oben aber nur einen BH an. Der weiße Sack mit meinen Sachen lag weit weg. Egal, dachte ich mir und stand auf. Ich marschierte in das Badezimmer, wusch mein Gesicht und blickte in den kleinen Spiegel. Mein Gesicht sah schon viel gesünder aus als am Vortag. Ich versuchte die Flügel zu bewegen und als es mir gelang, sie schmerzfrei in die Höhe zu heben, verließ ich das Bad mit einem Lächeln.
Alex und Michael schauten mir neugierig zu, während sie aßen. Ich suchte aus dem weißen Sack ein dunkelrotes Oberteil heraus und zog es an.
»Wie spät ist es?« wollte ich wissen.
»Halb sieben« antwortete mir Michael.
»Ich dachte, es ist schon Nachmittag« wunderte ich mich. Wann waren wir eingeschlafen? Mein Zeitgefühl war nach wie vor durcheinander.
»Wir fahren bald, der Weg bis Halifax ist noch lang. Bist du hungrig?« fragte mich Alex.
Ich legte eine Hand auf meinen Magen um die Antwort zu erhalten.
»Ein bisschen« stellte ich fest und ging zum Tisch.
Alex nahm ein Brötchen, schnitt es in der Hälfte durch und strich Marmelade drauf.
»Guten Appetit« er überreichte mir die süße Semmel.
»Danke« sagte ich und biss rein, sie war köstlich. Anscheinend war mein Hunger doch größer als angenommen.
»Ich habe heute Morgen in Halifax angerufen. Ein Platz ist für dich reserviert, am Abend fliegst du nach Hause.«
Ich fand Alex’ Worte amüsant, denn Fliegen hatte für mich eine andere Bedeutung. Ich war mir aber sicher, dass ich den Ozean ohne Hilfe nie überqueren könnte.
»Muss ich wirklich alleine fliegen?« fragte ich.
»Ja, ich muss noch einiges erledigen. Morgen um dieselbe Uhrzeit steige ich auch in den Flieger. In Deutschland sehen wir uns dann wieder« Alex klang besorgt.
»Und danach?« riskierte ich die Frage. Ich konnte mein altes Leben nicht dort fortsetzen, wo es abgebrochen wurde. Wir konnten nicht so tun, als wäre nichts passiert, schließlich würde weiterhin nach uns gefahndet werden.
»Ich weiß es nicht« gab er zu. Seine Augen wirkten müde und waren leicht rot, wie er mich anschaute. »Wichtig ist jetzt, sicher in Europa anzukommen. Dann sehen wir weiter.«
»Ich kann euch noch nach Halifax fahren, danach muss ich zurück nach Boston. Wir sollten jetzt aufbrechen« teilte uns Michael mit.
Alex blickte auf die Uhr.
»Wir tragen die Taschen runter, dann können wir gleich los. Iss ruhig fertig, wir machen das schon, ok?«
»In Ordnung« nickte ich und wollte mir noch ein Brötchen nehmen, doch Alex war schneller. Er bestrich es für mich.
»Dankeschön« sagte ich und lehnte mich zurück.
»Bitte« hauchte er und stand gemeinsam mit seinem Bruder auf.
Alex und Michael trugen alle Taschen in die Mitte des Zimmers. Ich konnte es kaum glauben, dass das mein letzter Tag auf diesem Kontinent war. Bald würde ich wieder daheim sein.
Nachdem ich das Brötchen aufgegessen hatte, verließen wir das Hotel. Ich musste zwar wieder einen Pullover anziehen, solange wir in der Öffentlichkeit waren, aber meine Flügel konnte ich ohne Schwierigkeiten um meine Taille wickeln. Wir gingen in die Tiefgarage zum Wagen, räumten die Taschen in den Kofferraum und fuhren los. Ich hatte das Gefühl, dass eine große Reise ihren Anfang nehmen würde, deren Ende der Ort war, wo alles begann.

Als wir in Halifax ankamen, schien die Sonne. Wir fuhren direkt zum Flughafen und setzten Alex aus, damit er die Details unserer Flüge auch persönlich absprechen konnte. Während er weg war, suchten wir mit Michael ein Hotel in der Nähe und checkten für Alex ein. Wir trugen die Taschen in das Zimmer und fuhren danach wieder zurück, um ihn vom Flughafen abzuholen.
Ich war schon im Halbschlaf, als es an der Scheibe klopfte. Michael entriegelte die Türen und ließ seinen Bruder einsteigen.
»Alles in Ordnung« sagte Alex. »Ich habe die ganze Summe von meinem Konto abgehoben.«
»Wie sieht’s mit den gefälschten Pässen aus?« fragte Michael.
»Hier brauchen wir sie nicht, wir werden zum Flugzeug gefahren. Niemand wird uns kontrollieren. In Deutschland dürfte es auch keine Komplikationen geben.«
Ich starrte die beiden an, als wären sie Aliens. Ihre Konversation hätte in meinem alten Leben nie Platz gehabt. Vor wenigen Monaten hätte ich mir noch nicht vorstellen können, mit einem gefälschten Pass auf der Flucht zu sein. Ich war froh, dass Alex Bekannte am Flughafen hatte, sonst wären wir verloren. Ich würde mit meinen Flügeln nie durch die Sicherheitskontrollen kommen.
»Wir haben ein gutes Hotel in der Nähe gefunden« wechselte Michael das Thema und fuhr los.
»Habe ich noch Zeit zum Duschen?« erkundigte ich mich. Ich wollte den Duft des Unbekannten loswerden, bevor ich in den Flieger stieg.
»Natürlich. Aber spätestens um sieben sollten wir wieder am Flughafen sein« antwortete mir Alex.
»Wie spät ist es?«
»Kurz vor halb vier« blickte Michael auf seine Uhr.
Nach wenigen Minuten erreichten wir das Hotel. Beim Duschen hielt ich die Flügel hoch und versuchte, sie möglichst trocken zu halten. Danach befestigte sie Alex mit einem Verband an meiner Taille, damit ich sie locker lassen konnte. Ich zog ein schwarzes Oberteil und die Jogginghose an.
»Danke nochmals für alles« sagte Alex seinem Bruder und umarmte ihn.
»Du weißt doch, dass du dich auf mich verlassen kannst« sagte dieser, dann drehte er sich zu mir. »Viel Glück und pass auf dich auf, Blanka! Du bist ein starkes Mädchen, du schaffst das« Michael umarmte mich.
»Danke, Michael. Ohne deine Hilfe wäre das alles nicht möglich gewesen« bedankte ich mich und drückte ihn fest.
»Seid bitte vorsichtig. Die Welt da draußen ist grausam.«
»Wir werden auf uns aufpassen« versicherte ich ihm.
Michael drückte mir einen Kuss in die Haare und ließ mich los.
»Macht’s gut, ihr zwei« sagte er und verließ das Zimmer.
Ich schaute ihm noch lange nach. Wir hatten Michael viel zu verdanken. Er war für uns viele hundert Kilometer gefahren und hatte seinen Job riskiert, nur um uns bei der Flucht zu helfen. Alex’ Bruder war ein guter Mensch. Ich vermisste ihn, obwohl ich ihn gerade erst kennengelernt hatte.
»Alexander Brandon Stanley. Ist das dein echter Name?« wollte ich nun von Alex wissen.
»Richtig. Brandon und Alexander sind meine zwei Vornamen« antwortete er.
»Ich hatte die ganze Zeit geglaubt, dass Brandon dein Nachname ist« schüttelte ich den Kopf.
»Das war nur eine Tarnung« meinte Alex.
»Und wie lautet dein Deckname?«
»Daniel Stevens.«
»Woher kommen die Namen?« wunderte ich mich.
»Unsere Decknamen sind eine Kombination aus solchen, die statistisch gesehen häufig vorkommen. Wir dürfen nicht auffallen. Komm« Alex reichte mir die Hand.
Wir legten uns auf das Bett und er beschrieb mir, wie seine Schwester aussah und wo sie am Flughafen in Frankfurt auf mich warten würde. Ich versuchte, mir alles genau einzuprägen. Sie hieß Michelle, war neunundzwanzig Jahre jung, groß, blond und hatte grüne Augen. Was für ein Zufall, dachte ich mir. Sie hatte vor Kurzem geheiratet und war mittendrin in ihren Flitterwochen. Wir würden in einem Hotel übernachten, Michelle war mein Babysitter.
Alex ließ die detaillierte Beschreibung seines Plans in Deutschland aus. Er meinte nur, dass wir mit einem Wagen nach Hause fahren würden. Und dann sehen wir weiter… In seiner Stimme war etwas, das mir Angst machte. Seine Worte waren traurig und ich fragte mich, ob die Flucht jemals ein Ende nehmen würde.
Als es Zeit war, zum Flughafen zu fahren, nahm Alex meinen Rucksack und wir machten uns mit aufgesetzten Sonnenbrillen auf den Weg. Er streckte die Hand nach meiner aus und ich nahm sie ohne Zögern. Es war ein gutes Gefühl, jemanden an meiner Seite zu haben, der mich beruhigte und mir Halt gab.
Am Flughafen setzten wir uns noch in ein Café. Ich wusste, dass Alex mir noch etwas zu sagen hatte. Es gab irgendetwas, dass er mir verschwiegen hatte. Ein wichtiges Detail, das ich kennen sollte. Währenddessen ich meinen Cookie in kleine Stücke riss und sie in den Kaffee tunkte, nahm ich all meinen Mut zusammen.
»Alex?« fragte ich ihn.
Er schaute mir nachdenklich in die Augen. Sein Blick war wunderschön, wie immer. Einmal hatte ich mich schon in ihn verliebt…
»Ja?«
»Ich muss dich was fragen.«
Alex blickte auf seinen eigenen Cookie, den er ebenfalls in Stücke riss. Ich hatte das Gefühl, dass er wusste, was ich ihn fragen wollte.
»Was möchtest du wissen?«
»Du weißt etwas, das du mir nicht erzählen willst« sagte ich vorsichtig.
Alex’ Mund verzog sich zu einem traurigen Lächeln.
»Blanka, ich weiß viel, was ich dir nicht erzählen möchte« gestand er.
»Als wir im Wagen allein waren, wolltest du mir etwas sagen« versuchte ich es direkter. »Aber dann kam Michael.«
Er senkte den Blick.
»Jedes Mal, Blanka. Jedes Mal überraschst du mich« meinte Alex. »Wieso hast du bloß die Gefahr nicht bemerkt, damals?« fragte er sich.
»Ich muss alles wissen, damit ich wenigstens einen kleinen Teil vom Ganzen verstehe. Zurzeit bin ich nur durcheinander« sagte ich.
»Ich weiß, Blanka. Ich bin auch durcheinander. Es ist viel passiert, aber alles hatte einen Grund.«
»Du hast mir geholfen. Das ist auch ein Grund, weshalb du mir verraten solltest, was vor sich geht« meine Stimme wurde immer selbstbewusster. Ich hatte nicht vor, aufzugeben, bevor ich nicht erfuhr, was er vor mir verbarg.
Alex rieb sich die Stirn.
»Es ist nicht gerecht, dass wir jetzt hier sind. Du müsstest daheim sein und die Sommerferien genießen. Nicht auf der Flucht« teilte er mir mit.
»Und weshalb sind wir dann hier?« stellte ich die Frage.
»Camilla« sagte er leise und schaute mir in die Augen. »Ich hab sie gekannt.«

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