Wings (Kapitel 2 Teil 2)

Es war nicht lange her. Vor etwa zwei Monaten war das Wetter zum ersten Mal im Jahr so mild, dass ich nach der langen Winterpause meine erste Tour einlegte. Auf dem Rückweg begegnete ich einer kleinen Menschengruppe in der Natur. Sie hatten wahrscheinlich eine lange Wanderung geplant und sind früh aufgebrochen. Ich hatte im Februar nicht mit Wanderern gerechnet und bemerkte sie erst, als die eine Frau zu schreien begann und wild mit den Händen in die Luft zeigte, rauf zu mir. Ich erschrak und wusste vor lauter Panik nicht, wie ich handeln soll. Es waren etwa 20 Leute, die mich alle anstarrten, darunter einige Kinder. Nach dem ersten Schock konnte ich wieder klar denken und flog so schnell davon wie ich nur konnte. Das Blut pochte in meinen Adern, nicht mal der Wind konnte sein Dröhnen in meinen Ohren stumm schalten. Nach vielen Minuten fand ich ein Versteck in einem kleinen Wald. Ich landete und beruhigte mich, bevor ich nach Hause flog. In meinem ganzen Leben war ich noch nie so schnell geflogen, wie an dem Morgen.
Es hätte ein böses Ende geben können. Sie hätten mich verfolgen können. Ich war froh, dass ich heil davongekommen war. Am nächsten Tag erzählte ich Stella, was mir passiert war. Sie meinte, wir sollten die nächsten Tageszeitungen durchsuchen und uns die Nachrichten im Fernsehen anschauen. Ich wurde nervös. Nach dem Unterricht kauften wir alle möglichen Zeitungen, die aktuell waren, aber wir fanden nichts. Ich spürte das Anzeichen einer Erleichterung.
Doch ich hatte nicht das erhoffte Glück. Tage später stieß ich dann zufällig auf einen kleinen Artikel, ganz am Rand der jeweiligen Seite. „Wanderer sahen fliegende Gestalt“ hieß der Titel. „Es war kein Traum, wir haben sie gesehen!“ - äußerte sich eine Frau aus der Gruppe. Kalter Schauder zog über meinen Rücken. Wieso wird so ein Artikel versteckt? Ich verstand es nicht, war aber der schlechten Marketingstrategie der Redaktion dankbar. Normalerweise würde ich gleich auf der Titelseite landen.
Bis heute kann ich mir nicht erklären, wie es passieren konnte. War ich müde und unkonzentriert? Warum hatte ich die Menschen nicht bemerkt? Der Vorfall schreckte mich zurück und die nächsten drei Wochen verzichtete ich auf das Fliegen. Um sicherzugehen, kaufte ich weiterhin die Tageszeitungen. Ich fand keine weiteren Artikel über mich. Erleichtert stellte ich fest, dass sich niemand mit fliegenden Gestalten beschäftigt. Wer würde es schon glauben? Wenn ich keine Flügel hätte, würde ich es ja auch nicht tun… Der Artikel war für den Rest der Welt wahrscheinlich ein gutes Beispiel dafür, was die Fantasie einem alles vortäuscht, wenn man betrunken ist.
»Zurück zu deiner Höhenmanie« riss mich Stella aus meinen Gedanken. »Ich dachte, du hättest Höhenangst.«
»An die Höhen gewöhnt man sich schnell. Was dir vorher Angst gemacht hat, wird zu deinem größten Vergnügen« antwortete ich.
»Das hört sich toll an. Wenn ich nur von meiner Filmmanie loskommen könnte« seufzte sie.
»Ein vergeblicher Versuch.« Ich lächelte. »Leider kommt’s auch umgekehrt vor. Was du am meisten liebst, könntest du in kürzester Zeit verhassen.«
»Hm. Du hast recht.«
»Sieh’s positiv: egal was du anstellst, du bleibst immer meine beste Freundin.«
Stella umarmte mich lachend. Es tat gut, jemanden zu haben, dem man all seine Geheimnisse erzählen konnte.
Der Rest des Schultages verlief ereignislos. Wir regten uns in der Kantine über die noch halb rohen Quark- und Mohnstrudel auf, danach verabschiedete ich mich von meiner Freundin und versprach ihr, sie am Wochenende anzurufen. Zu Hause verging mir die Lust, produktiv zu sein. Auf die erneute Welle der Müdigkeit war ich vorbereitet, diesmal war mein Bett in der Nähe. Ich wollte nur noch schlafen.
Meine Schultasche landete in der Ecke, ich zuckte von ihrem dumpfen Knall zusammen. Jeden Tag dieselben Bücher und Hefte – meine Schultasche war übergewichtig. Gelegentlich fielen ein oder zwei Stunden aus, dann war sie leichter. Ich blieb vor dem Spiegel in meinem Zimmer stehen und betrachtete mich eine Weile. Der Spiegel hing neben dem Kleiderschrank an der Wand und war immer sauber. Ich putzte ihn regelmäßig, in der Hoffnung, er würde mir ein schöneres Bild meiner Existenz zeigen. Heute jedoch sah ich aus wie ein Zombie. Unter meinem Shirt war das Korsett zu erkennen, das meine Flügel tagsüber bändigte. Meine braunen, leicht gewellten Haare verdeckten die auffälligen Stellen. Man musste genauer hinschauen, um zu erkennen, dass ich ein Korsett trug.
Ich stieg aus den Jeans und zog die viel bequemere Jogginghose an. Sie war abgetragen, vor allem bei den Knien, aber ich bestand darauf, sie nicht wegzuwerfen. Meine Mutter war ganz anderer Meinung. Ich musste ihr immer wieder beweisen, wie sehr mir diese Hose ans Herz gewachsen ist, damit ich sie behalten durfte. Mit diesen Gedanken ging ich runter in die Küche und war überrascht, sie zu dieser Uhrzeit dort zu finden.
»Hi Mami. Wann bist du heimgekommen?« fragte ich gähnend.
»Vorhin. Ich habe heute Morgen die Unterlagen liegen lassen, die ich heute noch brauche. Ein Klient hat Probleme beim Gericht« antwortete sie und gab mir einen Kuss auf die Haare.
»Aham. Verstehe. Glaub ich dir.«
Meine Mutter war Rechtsanwältin, ihr zweites Zuhause war der Gerichtssaal. Sie arbeitete mehr als acht Stunden am Tag. Nicht nur, weil sie Überstunden machen musste, sondern weil sie fest daran glaubte, mehr Gerechtigkeit in die Welt bringen zu können. Sie liebte ihren Job und war eine ausgezeichnete Juristin. Ich hatte auch nichts gegen ihre übertriebene Motivation, schließlich hatte ich ihrer Müdigkeit zu verdanken, dass ich in der Nacht unbemerkt weg sein konnte. Würde sie nicht so tief schlafen, dass nicht mal eine Atombombe sie aufwecken würde, so könnte ich auch keine Ausflüge machen. Mein Vater besaß auch den richtigen Job. Er arbeitete bei einem Verlag in der Hauptstadt als Lektor und brachte mir immer die Neuerscheinungen mit. Es kam öfters vor, dass er wegen seiner Arbeit drei oder vier Tage weg war. Diese Tage nutzte ich, um längere Strecken zu fliegen und die Landesgrenzen zu überqueren. Ich war schon in Wien und Bratislava. In den nächsten Wochen habe ich vor, nach Budapest zum Gellért-Berg zu fliegen. Die Aussicht auf die Stadt von dort oben ist wunderschön.
Ich nahm eine Flasche Mineralwasser, trank ein wenig und versüßte den Rest mit Orangensirup. Meine Mutter betrachtete mich mit verschränkten Armen. Ich musste wieder Gähnen.
»Bist du aber müde! Was hast du die ganze Nacht gemacht? Hast du nicht geschlafen?« wollte sie wissen. Ich war gelassen, denn sie ahnte nicht mal einen Bruchteil davon, was ich in der Nacht erlebt habe.
»Die Schule ist langweilig und macht mich K.O.« beschwerte ich mich.
»Hast du vor, wieder den ganzen Nachmittag zu schlafen? Anstatt was Sinnvolles zu machen?«
»Schlafen ist sinnvoll« betonte ich. Ihr Tonfall gefiel mir überhaupt nicht. »Wenn ich jetzt meinen Schlaf nicht bekomme, dann werde ich sterben.«
»Und du wunderst dich, warum du in der Nacht nicht schlafen kannst. Das ist nicht gesund« warf sie mir vor.
»Das ist doch gar nicht so wie du denkst! Ich bin müde« ein erneutes Gähnen verließ meinen Mund. »Wegen der Schule. Wie gesagt, stinklangweilig.«
»Klar kannst du dich nicht auf den Unterricht konzentrieren, wenn du die ganze Nacht munter bist« sagte sie in einem verachtenden Ton.
»Bin ich nicht. Ich schlafe nachts« wehrte ich mich und es war nicht gelogen. Ich war nicht jeden Tag fliegen. »Und jetzt bin ich müde. Ich gehe schlafen. Ach ja, und ein Nickerchen am Nachmittag ist laut Forschern gesund für Körper und Geist.«
»Was Babys betrifft. Aber du bist kein Baby.« Sie starrte mich komisch an.
»Ich fühle mich aber so. Deshalb werd ich jetzt schlafen« wiederholte ich. Meine Mutter muss damit klarkommen, dass ich ganze Nachmittage verschlafe.
»Dann geh schlafen« seufzte sie unzufrieden.
»Du müsstest auch ab und zu ein Nickerchen einlegen, vielleicht würde dir danach die Arbeit leichter fallen?« riet ich ihr.
»Ich habe keine Probleme damit, lange zu arbeiten, Blanka. Schlaf nicht den ganzen Nachmittag, das ist nicht mehr gesund, ok?«
Ich wurde nervös.
»Gute Nacht, Mom« sagte ich, noch bevor sie meine Nervenzellen ganz überreizte. Ich zog mich in mein Zimmer zurück.
Wieso will mir jeder sagen, wann ich was machen soll? Die Schule, meine Eltern, meine Freundin… Ich will in Ruhe gelassen werden! Nur für einen verflixten Tag… Ich kann doch nicht am helllichten Tag einen Spazierflug machen. Was würden die Nachbarn sagen?
Die Wasserflasche stellte ich auf meine Kommode und verkroch mich unter der samtweichen Decke meines Bettes. Ich atmete den frischen Pfirsichduft des Waschpulvers ein und schloss die Augen. In diesem Augenblick gab es nichts angenehmeres auf der Welt, als sich loszulassen und in der Welt der Träume zu versinken.

Kommentare

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    sie bräuchte einen unsichtbarkeitsumhang^^

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    Yey, das nächste Kapitel^^ es wird immer interessanter!! Ich finde vor allem, die Situation zu Hause gut beschrieben...und ihre Mutter, die sie unter Druck setzt und um keinen Preis Bescheid wissen darf, wie auch alle anderen nicht

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    "Ich atmete den frischen Pfirsichduft des Waschpulvers ein und schloss die Augen" Mit diesem schönen Satz fängst du perfekt das Gefühl von Geborgenheit aus Kind- und Jugendtagen ein. Egal wie alt man wird - bei Mama zuhause wird die Bettwäsche immer weicher und wohlriechender, als wenn man selbst wäscht :D

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