Wings (Kapitel 20 Teil 1)

Ohne mich zu bewegen, spürte ich, dass ich komplett K.O. war. Die Nacht war lang und wir hatten zu viel getanzt. Ich gähnte müde und wollte mich umdrehen, um zu sehen, ob Michelle noch hier war, aber mein innerer Schweinehund siegte und ich blieb noch ein paar Minuten regungslos im Bett liegen.
Im Zimmer war ein leises Geräusch zu hören, das immer näherkam. Ich spürte, wie sich jemand an den Bettrand setzte und machte langsam die Lider auf. Mein Blick begegnete Alex‘ grünen Augen.
»Guten Morgen« sagte er lächelnd.
Ich nahm das Kissen und drückte es auf mein Gesicht. Alex war hier, also war Michelle vermutlich schon gegangen.
»Wo ist Michelle?« murmelte ich unter dem Kissen.
»Sie ist gefahren, nachdem ich angekommen bin« antwortete er mir.
»Wieso hast du ihr nichts von meinen Flügeln erzählt?« fragte ich gereizt. Ich legte das Kissen wieder unter meinen Kopf und blickte Alex an, der mich ausdruckslos musterte.
»Blanka…«
»Wieso?« wollte ich wissen.
»Weil es für sie so am sichersten ist. Ich hatte keine Zeit, ihr alles zu erklären. Ich weiß, dass du sauer auf mich bist, aber glaub mir, es ist besser, wenn meine Schwester nur das Wichtigste weiß. Sie hat zwei Kinder, ich möchte sie nicht in Gefahr bringen« erklärte er mir.
»Meine Flügel sind doch das Wichtigste in dieser Situation, oder nicht?«
»Das Wichtigste ist, dass es dir gutgeht und du in Sicherheit bist« flüsterte er.
»Verstehe« antwortete ich.
Es war vielleicht doch besser für Michelle, wenn sie nichts wusste. Schließlich trug sie Verantwortung für ihre zwei Kinder. Ich setzte mich auf und blickte Alex an.
»Blanka, es tut mir leid, falls du dich deswegen unwohl gefühlt hast.«
»Wir hatten einen tollen Tag« sagte ich mit ruhiger Stimme.
»Das freut mich sehr. Michelle hat mir erzählt, dass ihr euch gut verstanden habt. Wie geht’s deinen Flügeln? Alles in Ordnung?«
Ich nickte und war froh, dass er nicht wissen wollte, was ich alles mit Michelle unternommen hatte.
»Sehr gut.«
»Darf ich den Verband endlich runtertun?« fragte ich.
»Natürlich« antwortete mir Alex.
Ich wickelte den Verband von meiner Taille und meine Flügel fühlten sich gleich viel besser an. Ich bewegte sie vorsichtig.
»Bist du hungrig?« fragte er. Seine Augen verfolgten die Bewegung meiner Flügel.
»Wie spät ist es denn?«
»Es ist bald Mittag« meinte er.
Hatte ich denn so lange geschlafen? Ich blickte zum Fenster, die Sonne stand hoch.
»Nicht wirklich« sagte ich. Mein Magen schien zufrieden zu sein, ich hatte keinen Hunger.
»Gut. Ich habe eine kleine Überraschung für dich« Alex stand auf und spazierte in den kleinen Raum nebenan.
Was für eine Überraschung hatte er für mich? Ich streckte neugierig den Kopf in seine Richtung, sah aber nicht viel.
»Alles Gute zum Geburtstag, Blanka« sagte er und kam mit einer kleinen Schokoladentorte zurück, die mit Sahne und Kirschen verziert war.
Ich hatte gar nicht an meinen Geburtstag gedacht, seit Michelle mir gratuliert hatte. Der Tag war dennoch bedeutend, da ich nun volljährig wurde. Ich blickte aus dem Fenster und musterte die weißen Wolken. Alex blieb neben dem Bett stehen und wusste nicht, ob er sich zu mir setzen sollte.
»Es ist der siebenundzwanzigste Juli« hörte ich.
»Ich weiß.« Es war kein gutes Gefühl, Geburtstag zu haben und nicht bei meiner Familie zu sein. Mir wurde es übel, ich fühlte mich unwohl. »Wieso schenkst du mir eine Torte? Wieso schenkst du mir überhaupt was?« fragte ich traurig.
»Blanka, ich…« fing er an, beendete den Satz aber nicht.
»Was denn, Alex?« Auf einmal breitete sich tiefer Schmerz in mir aus. Es war derselbe, den ich verspürte, als mir bewusst geworden war, dass er mich verraten hatte.
Ich musterte ihn, sein Gesicht war bitter. Er betrachtete die einzige weiße Kerze auf der Torte. Ihre Flamme war klein aber hell. Sie bedeutete für mich die Freiheit, nach der ich mich im Institut so sehr gesehnt hatte. Wir waren zwar beide heil in Europa angekommen und mit jeder Stunde rückte ich meiner Heimat ein kleines Stück näher, trotzdem fühlte ich nur Schmerz und Leid.
»Kannst du mich nicht einfach nach Hause bringen?« fragte ich verzweifelt. Ich wollte daheim sein. Daheim bei meiner Familie, daheim bei meiner Freundin.
»Das wäre zu gefährlich« Alex betonte jedes einzelne Wort. Seine Stimme zitterte und löste noch mehr Schmerz in mir aus. Ich senkte den Blick und versuchte, die Tränen zurückzuhalten. »Ich darf dich nicht alleine lassen.«
»Bitte lass mich gehen« flehte ich ihn an. Mit ihm zu bleiben war unerträglich. Ich liebte ihn noch immer, meine Gefühle hatten trotz aller Ereignisse nicht nachgelassen.
»Das kann ich nicht tun« sagte er hart.
»Dann werde ich verschwinden.« Ich konnte nicht mit ihm zusammen sein, in dem Wissen, dass alles nur gespielt war. Dass meine Gefühle unerwidert blieben. Der Schmerz war viel zu stark.
»Du willst also gehen« seine Worte klangen mehr nach einer Feststellung, als nach einer Frage.
»Was erwartest du denn von mir?« wollte ich wissen. Ich zog die Knie zum Brustkorb und umarmte meine Beine. »Ich kann nicht mein ganzes Leben in einem Käfig verbringen.«
»Wenn du gehst, bist du aber auf dem besten Weg, in einem Käfig zu landen« flüsterte er und schaute mich an.
»Ich kann nicht mit dir bleiben, die Erinnerungen quälen mich zu sehr« gestand ich ihm und blickte ebenfalls in seine grünen Augen.
Alex stellte die Torte auf den Nachttisch und kniete sich vor mir nieder. Ich vergrub das Gesicht in den Händen und weinte, seine Nähe tat weh.
»Nicht weinen, Kleines« versuchte er mich zu beruhigen.
»Ich kann nicht anders…«
»Schau mich an, Blanka« bat er mich. »Schau mir in die Augen.«
Ich riss mich zusammen und schaute auf.
»Kannst du mir noch eine Chance geben? Nur eine einzige Chance, damit ich alles wieder gut machen kann?« fragte er.
»Wieso, Alex? Wieso? Du hast mich verraten« weinte ich. »Ich glaube nicht mehr daran, dass alles wieder gut wird.«
»Blanka…«
»Ich habe dir vertraut. Ich habe dir tatsächlich geglaubt, dass du mich liebst. Aber es war ein großer Fehler… Ich kann es noch immer nicht fassen, dass alles nur ein böses Spiel war« sagte ich leise. »Ich kann dir nicht mehr vertrauen.«
Alex senkte den Blick zu Boden und schwieg. Meine Worte hatten eine wunde Stelle getroffen.
»Tut mir leid« flüsterte er dann und stand auf. Er ging in den anderen Raum und schloss die Tür hinter sich.
Sobald er weg war, brach ich zusammen. Ich wollte Zuhause sein und alle Erinnerungen löschen, damit ich mein Leben normal fortsetzen konnte. Ich wusste, dass es unmöglich war, dennoch hoffte ich, dass ich irgendwann in der Lage sein werde, die schmerzhaften Tage zu vergessen und einen Neuanfang zu wagen.
Alex kam nicht zurück. Mir war es schlecht, die Welt drehte sich. Ich hatte nichts mehr zu verlieren, also stand ich auf und schlenderte in den anderen Raum, wo ich ihn am Tisch sitzend fand. Er hatte sein Gesicht mit den Händen verdeckt und atmete schwer. Sein Anblick brach mir das Herz, ich lehnte mich an den Türrahmen und sank zu Boden.
Zwei Arme halfen mir, wieder aufzustehen. Alex hielt mich an der Taille fest, ich schlang die Arme um seinen Hals und drückte die Stirn gegen seinen Brustkorb. Der dumpfe Klang seiner schnellen Herzschläge beruhigte mich langsam.
»Bitte verzeihe mir« flüsterte er mir mit weicher Stimme ins Ohr.
Ich hatte diese Nähe so sehr vermisst… Der vertraute Duft erreichte meine Sinne und ich seufzte.
»Bitte, Blanka. Gib mir eine zweite Chance« flehte er mich an. Sein Atem brannte auf meiner Haut.
»Ich weiß nicht, ob ich das kann« antwortete ich.
»Bitte« Alex‘ Lippen berührten meinen Hals und ich war froh, dass er mich fest in seinen Armen hielt.
»Wieso?« wollte ich wieder wissen. »Sag mir einen einzigen Grund« hauchte ich.
Seine Lippen erreichten meine Wange.
»Weil ich dich liebe« sagte er entschlossen und küsste mich.

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