Wings (Kapitel 3 Teil 2)

»Ich geh schon, dann hab ich’s schneller hinter mir« sagte ich meinen Schicksalsgefährten mit gespielter Langweile, um das Zittern zu unterdrücken. Ich erhob mich und spazierte dem Korridor entlang. Als ich außer Sichtweite war, steigerte ich das Tempo und rannte zur Mädchentoilette.
Die nächsten zwanzig Minuten verbrachte ich in der Gesellschaft von Heizkörper und Klo. Als endlich die Glocke ertönte, schlenderte ich ganz gelassen ins Klassenzimmer, als wäre nichts geschehen. Der Klassenraum war noch leer.
»Warst du nicht bei der Schulärztin? Ich habe dich nicht gesehen und sie hat übrigens auch gesagt, dass niemand vor mir bei ihr war« teilte mir einer meiner Klassenkameraden mit, der ebenfalls zum Arzt musste. »Die anderen waren schon dran.«
»Nur über meine Leiche« antwortete ich leise.
Er kam ins Zimmer, gefolgt von Überlebenden des Basketballspiels. Wahrscheinlich mussten alle noch Hausaufgaben schreiben – oder besser gesagt abschreiben. Stella erschien im Klassenzimmer.
»Blanka!« sie kam zu mir als sie mich erblickte. »Was war dieses Gesicht? Ich hab mir solche Sorgen gemacht!«
»Die Faulen mussten einen Besuch beim Schularzt ablegen. Dann wohl doch lieber Basketball…« beschwerte ich mich.
»Und? Du warst nicht, oder?« sie sah mich musternd an.
»Den Rest der Stunde habe ich am Klo verbracht« antwortete ich grinsend.
Ich hatte das Gefühl, das Problem damit noch nicht gelöst zu haben. Warum sollte ich so einfach davonkommen? Es wäre zu leicht, und das Leben ist nun mal nicht leicht.
»Laut deiner Freistellung hast du eine starke Rückenkrümmung. Die Schulärztin möchte dich sicher sehen.«
»Sie macht doch eh nichts! Sie schaut mich nicht mal an. Und außerdem würde es mein Ende bedeuten, wenn ich mich dort halbnackt zeigen müsste. Das Oberteil auszuziehen würde schon ausreichen, um ein riesiges Chaos zu verursachen.«
»Es wird immer enger« Stella schüttelte den Kopf und richtete den Blick in die Weite.
»Ja, ich weiß, aber sag mir, was kann ich tun? Wir haben noch diese paar Wochen und noch ein Schuljahr, dann bin ich frei. Dann ist es vorbei.«
»Und danach? Nein. Das geht nicht. Du solltest zu einem Privatlehrer gehen.«
»Hör mal Stella, ich werde das schon irgendwie überleben! Nächstes Jahr haben wir schon unseren Schulabschluss. Ein Grund mehr, um nicht an der Sportstunde teilnehmen zu müssen.«
»Aber der Schulbesuch ist jetzt schon zu riskant. Du hast gesehen, was passieren kann« erklärte sie.
»Die letzten zwei Jahre habe ich auch bestanden« sagte ich. »Abgesehen von den kleinen Fehlern, die mir unterlaufen sind« ich lehnte mich aus dem Fenster.
Stella kam auch näher zum Fenster und steckte ihren Kopf in die frische Luft. Ihre Wangen glühten noch rosarot vom Spiel. Ich betrachtete die hohen Bäume im Park vor der Schule, deren Blätter fabelhaft grün waren und mich kurz ablenkten.
»Siehst du, genau davon rede ich« Stellas Stimme war bitter. »Du passt nicht auf.«
Ach so ist das. Ich passe nicht auf! Wieder wird mir vorgeworfen, ich würde mit meinem Leben spielen! Glaubt Stella das wirklich? Ich dachte, dieses Thema hätten wir bereits geklärt... Und jetzt bin wieder ich schuld an allem.
»Warum kannst du mich nicht einfach in Ruhe lassen?« ärgerte ich mich. »Denkst du etwa, ich setzte mit Vorfreude mein Leben aufs Spiel?! Du bist einfach nicht zu fassen!« die Wut nahm Oberhand. Ich hätte platzen können. »Du hast nicht mal die geringste Ahnung davon, wie schwer das Ganze ist!« kochend ging ich zu meinem Platz und verbarg mein Gesicht hinter den Armen.
Als würde ich nicht vorsichtig genug sein… Stella war mir zu viel geworden, ich konnte mit ihr und meinen Gefühlsausbrüchen nicht umgehen. Sie hatte Glück, dass wir im Klassenzimmer waren, sonst hätte ich sie angeschrien.
Die Stunde began, Stella saß schweigend neben mir. Okay, ich war beleidigt, das musste ich zugeben. Und versuchen, nicht daran zu denken, was sie gesagt hat. Es kostete mir Überwindung, aber schlussendlich schaute ich zu ihr und lächelte sie mit dem schönsten Lächeln an, das in dem Moment möglich war. Stella lächelte zurück und danach redeten wir, anstatt zu singen.
Wir lasen Noten, als jemand an der Klassentür klopfte. Gleich darauf trat die Schulärztin in den Raum. Ich wurde wieder nervös, diesmal aber nicht vor Wut. Mein Herzschlag beschleunigte sich zu sehr und mein Magen zuckte. Ich wusste, dass sie meinetwegen da war.
»Wer von euch ist Blanka Weidner?« fragte sie. Alle drehten den Kopf in meine Richtung. Ich hob langsam meine Hand.
»Das bin ich.« Ich schluckte.
»Du warst noch nicht bei der Untersuchung« sagte sie und wandte sich zur Musiklehrerin. »Kann ich sie für zehn Minuten mitnehmen?«
»Selbstverständlich« antwortete sie während sie ihre Frisur richtete. Dann sah sie mich erwartungsvoll an.
Ich stand auf. Stella griff nach meiner Hand. »Hau ab!« flüsterte sie so leise, dass nur ich sie hören konnte. Ich sah sie nicht an, ich musste mich konzentrieren. Wenn ich mich in den nächsten Minuten nicht beruhige, dann würde ich Panik bekommen. Und wenn ich Panik bekomme, dann kann ich nicht mehr klar denken… Ich soll abhauen, aber wie? Leichter gesagt als getan.
Die Ärztin ging vor. Ich sah nicht viel außer die dunkelroten Haare, die auf ihren korpulenten Rücken fielen. Alles andere kam mir verschwommen vor. Das Ärztezimmer war ganz oben, zwei Stockwerke über uns. Auf der Treppe versuchte ich, die Distanz zwischen uns zu steigern und dachte nach. Mir musste dringend etwas einfallen, sonst hatte ich ein riesiges Problem.
»Darf ich?« fragte ich und zeigte zur Mädchentoilette, als sie sich umdrehte. In diesem Stockwerk gab es größere Fenster bei den Toiletten als auf den restlichen Etagen. Wenn ich mich nicht irrte, waren alle Richtung Schulhof ausgerichtet.
»Beeil dich« antwortete sie verärgert.
Ich eilte auf die Toilette und schloss hinter mir die äußere Tür. Das große Fenster war gekippt und weit oben. In dieser Situation durfte das keine Hürde sein, ich musste verschwinden. Ich könnte auch aus der Schule rennen, aber der Portier sperrt die Eingangstür meistens ab. Ich wollte nichts riskieren, deshalb blieb mir nichts anderes übrig als aus dem Fenster zu klettern und dann zu improvisieren.
Ich nahm Anlauf, sprang, legte einen Fuß auf die Fensterbank und zog mich hoch. Vorsichtig öffnete ich das Fenster. Jemand musste ja lüften… Ironische Gedanken erleichterten mir die Flucht. Die frische Luft erreichte meine Nase, sie duftete nach Tau und Gras. Es war warm, die Sonne schien. Mit einer kunstvollen Bewegung sprang ich über den Fensterrand und machte das Fenster bis auf einen kleinen Spalt wieder zu. Die würden nie rausfinden, wie ich davongekommen bin… Ich war auf dem Dach, unten der Innenhof. Hier konnte mich niemand sehen. Neben der Schule zog sich eine schmale Straße, auf die nur die Fenster der Sporthalle und des unheimlichen, grauen Betongebäudes gegenüber zeigten. Mein Plan war, dort runterzuspringen. Ich konnte zwar die Anwesenheit von Spaziergängern nicht ausschließen, aber zurzeit hatte ich keine bessere Idee, außer, dass ich auf dem Dach bleibe, bis es dunkel wird und dann runterspringe. Ich könnte auch nach der sechsten Stunde zurückgehen und mit der Masse aus der Schule spazieren. Die Option gefiel mir nicht, da mich zu viele suchen und bei den Lehrern verpetzen würden. Ich blieb bei der ersten Idee.
Ich zog mein Shirt aus und öffnete das Korsett. Meine Flügel waren taub und zerknüllt. Während ich sie aufwärmte, schaute ich mich um. Das Dach war dreckig, ich würde auf dem Weg zur anderen Seite meine Kleider ruinieren. Auf allen vieren kroch ich auf die andere Seite des Daches, mein Shirt war an meinem Gürtel befestigt. Ich achtete darauf, außer Sichtweite der Fenster zu sein. Meine Hose und Hände waren verschmutzt, als ich am Dachrand ankam. Ich schaute runter auf die Straße. Wenn ich nicht fliegen könnte, hätte ich jetzt Höhenangst. Unten war kein Mensch weit und breit zu sehen und das Gebäude gegenüber stand zum Glück leer. Die Seite des Schulgebäudes hatte jedoch größere Fenster als gedacht. Rechts von mir war eine Lücke, wo sich kein Fenster befand. Dort würde ich runterspringen können.
Ich setzte mich auf die Dachkante und bereitete mich auf den Sprung vor. Lange nachzudenken war keine gute Idee. Einerseits könnte jeden Augenblick jemand auftauchen, andererseits schmerzte mein Allerwertester von der scharfen Kante. Ich hielt mich am Rand fest und rückte ganz weit vor. Dann schlug ich mit den Flügeln, richtete meinen Blick auf das Gras unter meinen Füßen und sprang. Ich spürte, wie der Wind meine Haare frisiert. Bevor ich aufprallte, schlug ich nochmals mit den Flügeln und landete weich in der Hocke auf dem frisch gemähten Rasen. Ich vergewisserte mich, dass mich niemand gesehen hatte und wickelte meine Flügel wieder um mich. Die abstehenden Flaumfedern stopfte ich einzeln unters Korsett. Ich machte den Reißverschluss zu, das Shirt zog ich beim Laufen an.
Sobald ich die unmittelbare Nähe der Schule verlassen hatte, verlangsamte ich meine Schritte und spazierte in die Innenstadt. Meine Handflächen waren schwarz, genauso wie meine Hose. Was werde ich meiner Mutter erzählen? Meine Schultasche war auch im Klassenzimmer geblieben. Am Nachmittag musste ich sie abholen, wenn möglich, ohne dabei einem Lehrer zu begegnen. Und mich auf den nächsten Schultag vorbereiten. Es kommt nicht zum ersten mal vor, dass ich meiner eigenen Sicherheit zuliebe den Unterricht schwänze und anschließend zu einem netten Gespräch mit der Direktorin gezwungen werde. Immer wieder muss ich sie überzeugen, wie leid es mir tut und dass es nie wieder vorkommt.
Wenn ich von der Schule fliege, ist es aus. Dann muss ich mir eine andere, schlechtere Mittelschule suchen, wo das Ganze wieder von vorne beginnt. Ein Gefühl sagt mir, dass ich es nicht bis zum Abitur schaffen werde, in dem Gymnasium zu bleiben. In den letzen zwei Jahren habe ich mich zu oft entschuldigt. Ein Wunder, dass die Direktorin mich noch nicht verwiesen hat, anders als in der Mittelschule davor, von der ich sofort geflogen bin.
Meine einzige Hoffnung war mein Handy. Aus Erfahrung hatte ich es immer in der Hosentasche. Ich schrieb Stella eine SMS, dass wir uns nach der letzten Stunde treffen müssen und bat sie, meine Schultasche auch mitzunehmen. Ich hatte keine Lust, am Nachmittag zurückzugehen. Um nicht zu vergessen, eine verfälschte ärztliche Bestätigung mit Stellas Hilfe zu besorgen, tippte ich mir eine Erinnerungsnachricht ins Handy.
In der Innenstadt wusch ich mir die Hände bei einem Brunnen sauber. Danach setzte ich mich auf eine Bank und kippte meinen Kopf zurück. Ich war froh, der Gefahr entkommen zu sein. Ich beobachtete die Menschen um mich herum, mit der Zeit wurden es immer mehr. Ihr Leben kam mir so unbesorgt vor. Sie hatten sicher ihre eigenen Probleme, aber wenigstens war es für sie kein Versteckspiel. Wenn ich für einen Tag mit einem anderen Menschen tauschen könnte, dann würde ich ins Schwimmbad gehen und den ganzen Tag Rückenfreie Kleider tragen… So verführerisch der Gedanke auch war, ich konnte mich nicht beschweren. Das Fliegen war fantastisch. Es war schön, mit den Vögeln zu ziehen, mit dem Wind zu gleiten, mit starkem Gegenwind nach Hause zu flattern und nach dem Duschen festzustellen, dass alle meine Federn nass geworden sind.
Ich wusste nicht, wo ich die nächsten paar Stunden verbringen würde, es war überall angenehm, wo keine Schule in der Nähe war. Bald war es Mittag und ich hatte es nicht eilig, also nahm ich den Zettel aus der Hosentasche, auf dem wir am Vormittag unsere Konversation mit Stella geführt hatten. Ach, der blonde Junge. Er ist der, den ich brauche. Ich nahm mir vor, heute Abend einkaufen zu gehen.
Ich dachte lange darüber nach, was ich einkaufen könnte und wurde hungrig. Meine Käsesemmel konnte ich nicht essen, die war in meiner Schultasche geblieben. Ich stand auf, formte einen Ball aus dem Zettel und warf ihn Richtung Mülleimer. Ob ich auch traf, sah ich nicht mehr.
Am Ende der Einkaufsstraße war ein Lebensmittelgeschäft. Drinnen suchte ich nach günstigem Gebäck, das sich in Kombination mit einem Getränk aus dem wenig Geld, das ich dabei hatte, ausging. Ich konnte mich zwischen Quarktasche und Kakaoschnecke nicht entscheiden. Auf Buchteln und Salzstangen hatte ich keine Lust. Ich entschied mich letztendlich für die Quarktasche, mit der Kakaoschnecke würde ich nur mein ganzes Gesicht vollschmieren. Bei den Getränken konnte ich mich wieder nicht entscheiden. Das Geld war zu wenig. Plötzlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter.

Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media