Wings (Kapitel 5 Teil 2)

In der restlichen Woche geschah nichts Spannendes und der Samstag verging auch schnell. Am Vormittag erledigte ich die Hausaufgaben, danach legte ich mich hin, um fit für den Abend zu sein. In die Disko ging ich, um zu tanzen, und zwar alleine – Jungs interessierten mich nicht. Ich liebte die Musik und die Nacht, gemeinsam mit Lucas machten wir die Tanzfläche unsicher.
Unsere Eltern gingen schlafen, als wir das Haus verließen. Für uns hatte der Tag erst begonnen. Wir gingen selten feiern, aber wenn, dann immer zu zweit. Lucas war mein großer Bruder, der auf mich aufpasste.
In der Stadt war viel los. Auf dem Weg zur Disko kamen wir am Restaurant vorbei, wo mich Alex zu einem Eis eingeladen hatte.
»Willst du heute noch fliegen?« fragte er gestikulierend.
Dass wir an einem öffentlichen Ort waren, störte meinen Bruder nicht. Ich wusste sofort, was er mir damit sagen wollte.
»Hehe, nein, eigentlich nicht« antwortete ich.
»Einen Drink?«
»Ich weiß nicht« ich trank nie an fremden Plätzen. »Vielleicht werde ich heute noch fliegen müssen.«
»Ich verstehe dich nicht« lachte er.
Durch das Trinken wurde ich flugunfähig. Solange Alkohol in meinem Blut war, konnte ich mich nicht in die Luft erheben. Je größere Mengen ich trank, desto mehr ähnelte ich einem Normalsterblichen. Der Tag, an dem mir dies bewusst wurde, war ein schmerzhafter Tag. Ich hatte eine Reise geplant, die aber schnell in unserem Garten endete. Glücklicherweise hatte ich nicht mehr viel Alkohol im Blut und konnte den Sturz noch rechtzeitig auffangen.
Lucas brach in lautem Lachen aus.
»Was ist?« ich sah ihn blöd an, musste aber ebenfalls lachen.
»Erinnerst du dich noch?« Er konnte die Frage kaum rausrücken. Lucas hatte an dasselbe gedacht wie ich.
»Immerhin habe ich daraus gelernt« verteidigte ich mich. »Alkoholisiert darf ich nicht fliegen. Lach nicht über mich! Dir könnte das Gleiche passieren.«
»Das bezweifle ich. Ich springe nicht aus meinem Fenster« sagte er, noch immer lachend.
»Sei still, Lucas.« Ich blickte ihn böse an, dann nahm er von der Lautstärke zurück.
Lucas war wie Stella. Beide neigten dazu, in der Öffentlichkeit über meine Flugkünste zu philosophieren.
»Die Fluggesellschaften verbieten dir, blau zu fliegen« lachte er. Ich befürchtete, ihm eine Ohrfeige zu verpassen.
»Halt endlich die Klappe, Lucas!« erhob ich meine Stimme. Das war meine letze Warnung.
»Immer mit der Ruhe, Schwesterherz, niemand hat die leiseste Ahnung, wovon wir reden« sagte er. »Wir sind unbeobachtet.«
Ich schaute mich um. Ein Pärchen blickte zufällig in unsere Richtung.
»Gehen wir, sonst kommen wir nie an« seufzte ich.

In der Disko war die Stimmung schon gehoben, die Menschenmasse befand sich auf dem Tanzparkett. Wir beobachteten eine Weile das Geschehen von außen, ehe wir uns trennten. Ich kämpfte mich zur Damentoilette und warf einen Blick in den Spiegel. Meine Frisur und mein Outfit saßen noch immer genau so, wie ich sie haben wollte. Daheim dauerte es eine Ewigkeit, bis ich alle Federn unter das Schulterfreie Oberteil klemmen konnte und nichts mehr von meinen Flügeln zu erkennen war. Sie waren nicht um meine Taille, sondern um meinen BH gewickelt, was von Vorteil war. Zwar hatte ich dadurch eine größere Oberweite, aber sollte ich heute Nacht mit Jungs tanzen, so könnten die nicht versehentlich meine Flügel begrapschen. Ich zupfte ein bisschen an der Vorderseite des Tops, wo silberne Flitter angenäht waren und drehte mich um, um sicher zu gehen, dass tatsächlich nichts zu sehen war. Ich nahm mein Lieblingsparfüm aus meiner Lieblingspartytasche und sprühte mich damit ein, ehe ich die Toilette verließ.
Mein Bruder war schon mit der tanzenden Menschenmenge verschmolzen. Ich mischte mich auch in die feiernde Masse und drängelte mich auf die Tanzfläche. Ich wich einem betrunkenen, mit einer Zigarette in der Hand zu tanzen versuchenden Jungen aus, der mir fast ein Loch in den Unterarm gebrannt hatte und erreichte letztendlich die Mitte.
Der DJ spielte die gewünschten Songs ohne Pause. Es war schon drei Uhr, als mich jemand von hinten umarmte. Ich war überrascht, ließ es aber geschehen. In den paar Stunden, während ich auf der Tanzfläche war, kamen mir die Jungs immer zu nahe. Ich wich ihnen aus und suchte einen anderen Platz zum Tanzen. Doch diesmal drehte ich mich nicht um, ich genoss die angenehme Nähe meines Tanzpartners.
Als der Song schon zu Ende war, blieb der Junge überraschend geduldig. Er hielt nur seine Hände locker an meiner Taille und verbarg sein Gesicht in meinen Haaren, da er um einiges größer war als ich. Ich musterte die Tanzfläche und hielt Ausschau nach Lucas, für den Fall, dass ich doch seine Hilfe gebrauchen werde. Dann schloss ich meine Lieder und stellte mir vor, dass Alex hinter mir steht und mich umarmt.
Wir tanzten mehrere Songs eng beieinander. Es geschah nichts, er rührte sich nicht von der Stelle. Ich wollte wissen, mit wem ich es zu tun habe und drehte mich um. Für eine Sekunde blieb mir der Atem weg. Zwei schöne, grüne Augen schauten mir entgegen.
»Hey« las ich von seinem Mund ab, der sich, wie immer, zu einem Lächeln verzog.
Ich war dermaßen überrascht, dass ich ihm einfach in den Hals sprang und ihn umarmte.
»Was machst du hier?« wollte ich wissen. Meine Stimme war vor lauter Aufregung höher als sonst.
»Ich tanze mit dir« antwortete Alex und umklammerte meine Taille um mich hochzuheben. Er drückte mich fest, ließ mich dann wieder auf den Boden und löste die Umarmung.
Ich konnte nicht fassen, Alex war wirklich da… Er nahm den Rhythmus der Musik wieder auf. Mich legte die Taubheit in meinen Beinen lahm. Alles schien ein süßer Traum zu sein.
»Und du?« fragte er.
Seine Frage riss mich aus der Starre. Um nicht dazustehen wie eine ungeschickte Kartonschachtel, fing ich an, mich zu bewegen. Alex’ Anwesenheit brachte mein Rhythmusgefühl durcheinander.
»Tanzen« sagte ich. Meine Stimme vibrierte. Was für ein Glück, dass ich meine Flügel nicht um meine Taille gewickelt hatte! »Wenn mich niemand daran hindert.«
Eigentlich hatte ich die anderen Jungs gemeint, aber Alex verzog den Mund.
»Hindere ich dich?« Sein Lächeln war nicht mehr dasselbe.
»Natürlich nicht. Aber die anderen« sagte ich. »Mit dir tanze ich gerne.«
Bei der lauten Musik war es schwer, zu kommunizieren.
»Ich dachte schon, du willst gehen.«
»Nein.«
Er sagte etwas, was nicht an mich gerichtet war. Ich drehte den Kopf in die Richtung seines Blickes und sah den DJ nicken. Meine Lieblingsmusik ertönte.
»Mein Lieblingssong!« kreischte ich begeistert.
»Let’s dance« hörte ich.
Alex folgte mir in die Mitte der Tanzfläche, seine Finger suchten nach meinen. Als wir stehen blieben, drehte er sich zu mir und zog mich nah an sich. Er löste seine Hand von meiner, um mich an der Taille zu halten. Ich schmiegte mich an ihn, legte meine Wange an seine Brust und atmete seinen hauchfeinen Duft ein. Ich spürte, wie sich das wachsende Feuer in meinem ganzen Körper ausbreitete. Mein Herzschlag dröhnte lauter als die Musik, Alex wühlte mich auf. Sein Atem streichelte mir den Nacken.
Ich genoss jeden Augenblick. Er hielt mich fest und bewegte sich zur Musik mit mir, ich folgte seinem Rhythmus. Alex’ Duft betäubte mich immer stärker. Ich befand mich in einer Extase, mir fiel das Atmen schwer. Noch ein tiefer Atemzug von seinem Parfüm und ich sterbe… Tausend Schmetterlinge flatterten wild in meinem Magen herum.

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