Wings (Kapitel 6 Teil 1)

„Du + Ich = Kino? LG, Alex ;)“ las ich. Upps. Was hatte das zu bedeuten? Ich schaute, wann sie geschickt wurde. Vor knapp einer Minute. Ich suchte Stella im Klassenraum und drückte ihr das Handy vor die Nase.
»Meinung?« fragte ich sie. Stella las die Nachricht und ein großes Lächeln machte sich auf ihrem Gesicht breit.
»Von wegen er will nichts von dir!« schüttelte sie den Kopf. »Du Dummerchen, merk doch endlich, dass dich dieser Junge daten will. Er ist in dich verliebt!«
Ich nahm das Handy zurück und betrachtete die Nachricht. Vielleicht war ich verliebt in Alex, aber umgekehrt hielt ich es für unwahrscheinlich. Am Samstag hatte er mich in der Disco alleine gelassen und am Sonntag unser Treffen abgesagt. Dass er Ausreden sucht, weil er sich nicht traut, mir zu sagen, dass er nichts von mir will, klang viel glaubwürdiger. Aber nun diese SMS…
»Gib’s zu, du bist in ihn verknallt« hörte ich Stella. Ich schaute verwirrt zu ihr rauf. Sie hat wohl gemerkt, wie ich in Verlegenheit geraten bin.
»Nein…« protestierte ich, doch Stella ließ mich nicht wirkklich zu Wort kommen.
»In letzter Zeit redest du nur noch über ihn! Du hast keinen anderen Gedanken. Alex muss sehr viel Platz in deinem Kopf einnehmen. Immer nur Alex, Alex und Alex. Wie gut sein Parfüm duftet, warum er nicht schreibt, diese vielen grünen Schatten in seinen Augen auf der Tanzfläche. Dank dir kenne ich ihn schon besser als er sich selbst!«
»Ist das dein Ernst?« fragte ich erstaunt, mein Mund blieb offen. Es konnte doch nicht sein, dass ich in der letzten Zeit nur über Alex redete. Sprach ich wirklich mehr oder weniger unbewusst ständig über ihn? Ich dachte an die letzten Tage. Stella hatte vermeintlich Recht. Ich konnte meine Gedanken nicht mehr bändigen.
»Das ist kein Witz« sie musterte meine weit geöffneten Augen.
»Und was soll ich jetzt tun? Was soll ich schreiben?« wollte ich wissen. Mein Verstand ließ mich im Stich. Ich war verwirrt und auf Stellas Ratschlag angewiesen.
»Was du tun sollst? Sei doch nicht so albern!« stöhnte Stella und gestikulierte wild mit den Händen. »Geh mit ihm ins Kino.«
Ich taute langsam wieder auf.
»Diese Woche wollte ich mit Anna und den anderen ins Kino« fiel mir ein. »Am Mittwoch.«
»Und?«
»Zweimal Kino in einer Woche?« Mit Alex würde ich am liebsten jeden Tag ins Kino gehen, aber das musste Stella nicht unbedingt wissen.
»Wo liegt das Problem?« wollte meine Freundin wissen. »Möglicherweise möchte er am Wochenende ins Kino.«
»Ich weiß nicht. Möchtest du nicht mitkommen?« fragte ich sie.
»Mit den Girls? Ich hab am Mittwoch schon was vor. Nächstes Mal« antwortete sie. »Aber wir sind vom Thema abgeschweift. Es ist ein gutes Zeichen, dass er mit dir ins Kino möchte.«
»Stella! Dreh deine Fantasie etwas runter. Was ist, wenn er mit mir nur befreundet sein will? Was, wenn er wieder absagt?«
»Blanka« sprach sie. »Er wird nicht absagen. Versprochen.« Sie wandte sich kurz zum Fenster, dann wieder zu mir. »Wenn es nur freundschaftlich wäre, hätte er gefragt, ob du deine Freundinnen auch gleich mitnehmen willst. Damit er mit ihnen dann herumflirten kann.«
»Ja, klar.« Ich seufzte und versuchte mir vorzustellen, wie ich empfinden würde, wenn mich Alex nur zu solchen Zwecken benutzen würde.
»Weshalb bist du denn so blind? Alex will mit dir ins Kino, weil er dich daten möchte! Hoffentlich hast du nichts dagegen. Ein Junge würde dir endlich gut tun« sagte sie fast schon zu laut. Ich sah das Feuer in ihr lodern. Sie würde keinen Widerspruch tolerieren.
»Okay… Und was soll ich bloß anziehen?« fragte ich verzweifelt. Ein Rendezvous mit einem charmanten, gut aussehenden Jungen war nicht die einfachste Sache auf der Welt.
»Du hast noch Zeit bis dahin. Überleg’s dir. Röhrenjeans und Bluse gehen immer. Wenn du dich noch schminkst, dich mit Blumenparfüm einsprühst und hübsche Schuhe anziehst, wirst du ihm tagelang nicht aus dem Kopf gehen« erklärte sie, während sie sich mit beiden Händen fegte und den Kopf nach hinten warf.
Ich hatte Alex noch nicht einmal geantwortet, war aber schon höllisch aufgeregt. Beim Tanzen waren wir uns so nah… Auch wenn das Ende eine Enttäuschung sein wird – was laut Stella ausgeschlossen ist, – würde ich die guten Erinnerungen an die kurze Zeit behalten, die ich mit ihm verbringen durfte.
Die Stunde begann und ich kletterte zurück in die Schulbank. Stella folgte mir mit einem riesigen Grinsen. Mein Magen kribbelte angenehm. Wie soll ich es bis zum Treffen aushalten? Ich werde mich nicht auf den Film konzentrieren können, wenn Alex neben mir sitzt. Zum Glück kam der Lehrer ins Klassenzimmer und rettete mich vom weiteren Kopfzerbrechen. Ich schenkte ihm meine volle Aufmerksamkeit, um meine nervösen Gedanken in eine andere Richtung zu lenken.
Mitten in der Stunde schoss mir eine wundervolle Idee. Als der Lehrer mich nicht im Blickfeld hatte, nahm ich das Handy aus der Hosentasche und betrachtete Alex’ Nummer. Sie war von demselben Anbieter wie meine. Bislang konnte ich nur mit Stella stundenlang telefonieren, doch jetzt bot sich eine weitere Möglichkeit. Ich fügte Alex zu meiner VIP-Anrufsliste hinzu.
Die nächsten Stunden vergingen damit, dass ich darüber nachdachte, was ich Alex antworten könnte. Stella meinte, ich soll keinen Roman schreiben, wenige Worte würden ausreichen. Nach dem Unterricht entschied ich mich, ihn lieber anzurufen. Stella begleitete mich in den Park.
»Komm, dort ist noch eine freie Bank« sagte sie auf eine der rot-weiß gestreiften Holzbänke zeigend.
Wir rannten hin und besetzten sie. Ein monumentaler Weidenbaum streckte sich über uns und gab Schatten. Die Sonne schien, der Wind wehte sanft. Das Wetter war angenehm. Im Park war alles grün, die Amseln pfiffen ihre Liebeslieder. Bunte Schmetterlinge flatterten über die Wiese. Ich zeichnete mit einem abgebrochenen Stock die Lösungsformel der quadratischen Gleichung in den Sand unter unseren Füßen.
»Rufst du ihn heute noch an?« fragte Stella zornig, als ihr mein Gekritzel zu viel wurde.
Ich zögerte. Wenn ich ihn anrufe, ist die Wahrscheinlichkeit höher, was Falsches zu sagen. Was, wenn seine Laune wieder so trüb ist wie das letzte Mal? Vielleicht wäre es doch schlauer, ihm per Nachricht zu antworten.
»Ich bin aufgeregt« gestand ich schließlich, als wäre dies eine atemberaubende Neuigkeit.
»Ruf den armen Kerl endlich an« Stella schüttelte den Kopf. Ich verwischte meine Zeichnungen im Sand. »Wovor hast du Angst? Blanka, der Junge will dich, verstehst du? DICH!« betonte sie in Zeitlupe. Sie redete mit mir wie mit einem kleinen Kind.
»Ich verstehe. VERSTANDEN« antwortete ich und suchte mein blutrotes Handy.
Ich musste ihn anrufen, um seine Stimme zu hören. Alex erschien vor meinen geistigen Augen mit seinen aufgestylten, blonden Haaren und seinen leuchtenden, grünen Augen, die schöner waren als ein ganzer Tropenwald. Er lehnte sich gegen einen Kühlschrank, eine Hand in der Hosentasche, in der anderen einen Joghurtbecher haltend, dessen Kalorientabelle er mit größtem Interesse betrachtete…
»Ich rufe ihn an« sagte ich, wählte seine Nummer und drückte das Handy ans rechte Ohr.

Kommentare

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    Wieder ein sehr schönes Kapitel, das Hunger auf mehr macht. So schön geht es weiter! :-)

beta
Feenstaub

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