"Wir haben dich gewarnt!" (A)

Thomas' Sicht:


Drei  Tage waren vergangen. Ich und Grace sahen uns jeden Tag. Von Alice hatte ich nichts mehr gehört. Gott sei Dank.
"Tom?" Grace' vertraute Stimme. Wir waren in meinem Haus. "Ja?", fragte ich. Sie saß auf dem Boden, im Schneidersitz und schlürfte einen Smoothie. Ich selber hatte auch einen in der Hand, doch ich sah aus dem Fenster auf die Auffahrt. In letzter Zeit hatte ich leichte Paranoia. Wieso wohl... "Setz dich zu mir!" Vor dem Haus war nichts los, kein Mensch ging auf der Straße. Was mir irgendwie noch mehr Angst machte. Ich drehte mich um und setzte mich neben sie.  Sanft zog ich sie zu mir und küsste sie. Irgendwann klingelte mein Handy. Doch ich ignorierte es. "Tom, du solltest rangehen!", meinte Grace, doch ich gehorchte nicht und küsste sie weiter. Nach dem dritten Klingeln stand ich widerwillig auf.
Ich blickte auf den Bildschirm. Dort stand in großen Buchstaben "MUM". "Verdammt", flüsterte ich und ging ran. "Hallo, Schätzchen!" Sie sagte es so laut, dass Grace anfing zu kichern. Ich warf ihr einen Polster ins Gesicht, worauf ich auch einen abbekam. "Hallo, Mum. Was gibt's?" "Ich wollte nur sagen, dass wir in zehn Minuten da sind. Ava hat uns abgeholt, wie besprochen." Wie vom Blitz getroffen rannte ich im Haus umher und räumte auf. "Okay. Bis dann!", rief ich ins Telefon und legte auf.  "Was ist los?", schrie mir Grace hinterher. Atemlos erklärte ich ihr: "Meine... Eltern... Sie sind auf dem Weg hierher! Sie bleiben das Wochenende über hier... Ich hatte vergessen.... dass sie kommen... Sie sind extra aus England hergeflogen...Verdammte scheiße!" So gut es ging räumte ich zusammen, Grace half mir und wischte die Tische ab und machte den Abwasch. Ich ging ins Badezimmer und zog mich um. Immerhin konnte ich vor meinen Eltern nicht mit einem "All is better than School" T-Shirt erscheinen.
Zehn Minuten waren schnell vergangen. Jemand klopfte an und ich öffnete die Tür, Grace stand hinter mir. Sie meinte, dass sie gehen sollte. Doch ich hatte gesagt, dass sie bleiben sollte. "Meine Eltern kennen dich nicht, ich war immer bei dir gewesen oder du warst da, wenn sie es nicht waren!", hatte ich gesagt. Sie war geblieben. "Hallo, Mum, Dad, Ava!", begrüßte ich sie laut und umarmte alle. Meine Eltern waren das beste Beispiel für Engländer. Streng angezogen, große Sonnenbrillen, Anzug und Kleid, kleine Handtasche. Um die Teezeit tranken sie Tee. Sie waren streng gläubig, ich nicht so, sie gingen jeden Sonntag in die Messe. Nur der Nachmittagstee war ihnen wichtiger. Meine Schwester dagegen war das komplette Gegenteil. Aufmüpfig, lässig angezogen, nicht gläubig und sie trinkt nur Tee wenn sie krank ist. Und das ganz bestimmt nicht zur Teezeit. Meine Schwester und ich sahen uns ziemlich ähnlich, die gleichen braunblonden Haare, die gleichen braunen Augen. Wir beide waren schmall gebaut. Sie war zwei Jahre jünger als ich, aber sie wirkte älter. Wir hatten ein gutes Verhältnis, auch wenn wir uns nicht jeden Tag sahen.
"Thomas! Wie geht es dir?", fragte mein Vater. Ich nickte nur und ließ sie eintreten. Als sie Grace erblickten, die unsicher lächelte, fragte mein Mutter, bemüht ihre Überraschung zu verbergen: "Und wer ist das, Thomas?" Ich atmete tief ein und aus und stellte sie vor: "Das ist Grace. Ihr wisst sicher noch, wer sie ist, oder?" Grace streckte ihnen die Hand entgegen. "Guten Tag." Meine Eltern nahmen sie nacheinander und grüßten freundlich, doch ich kannte ihnen das Unbehagen an. "Grace? Deine.." Meine Mum räusperte sich. "... 'beste' Freundin?" Sie sprach das 'beste' wie ein Schimpfwort aus, als wäre es das schlimmste auf der Welt. Ich hob eine Augenbraue und Grace sah noch verunsicherter aus. Ava schüttelte hinter ihnen den Kopf. Sie verstand mich. "Ja, Mum. Meine BESTE Freundin." Ich betonte das Wort absichtlich, wodurch sie noch verärgerter aussah. Plötzlich ergriff Ava das Wort und rettete die Situation: "Gehen wir erstmal ins Wohnzimmer und essen etwas. Das Essen im Flugzeug war bestimmt nicht gut." Mein Vater lachte. "Nicht gut ist noch zu freundlich ausgedrückt, Ava!" Meine Eltern gingen vor, Grace, Ava und ich blieben stehen. Meine Schwester sah Grace mitleidig an und sagte:  "Sie kennen dich nicht, dass mögen sie nicht. Nimm es nicht persönlich!" Grace blickte mich nur verzweifelt an. Ich wusste, was sie damit sagen wollte. "Ich will da nicht rein!", sagte ihr Blick und ich konnte es verstehen. "Wie wärs, wenn du dich bei ihnen einschleimst und ihnen etwas zu trinken bringst?", schlug Ava vor, Grace nickte nur und ging hinein.
Nicht eine Sekunde nach dem sie verschwunden war, fuhr mich Ava an. "Was hast du dir dabei gedacht? Es scheint, als würdest du unsere Eltern nicht kennen! Sie hassen solche Menschen wie uns! Nur weil wir halbe Engländer sind, mögen sie uns! Sie werden Grace hassen!" Ich stöhnte auf und rieb mir die Augen. Das würde der reinste Albtraum werden! "Ich weiß, Ava. Ich hatte vergessen, dass sie kommen. Grace war gerade da und ich wollte nicht, dass sie geht." Ava blickte mich ungläubig an. "Wir reden seit Wochen über NICHTS ANDERES! Wie konntest du so etwas vergessen?" Ich zuckte nur mit den Schultern. "Ich werde versuchen, die Situation etwas zu entschärfen." "Danke", meinte ich kleinlaut. Verärgert flüsterte sie, bevor wir den Raum betraten: "Du schuldest mir etwas." Ich knuffte ihr in die Seite und nickte.

"Also... Grace. Als was arbeiten Sie?" Wir saßen am Esstisch, ich schüttelte innerlich durchgehend den Kopf. Ich schämte mich für meine Eltern. Besonders für meine Mutter. Sie stellte die ganze Zeit peinliche Fragen. Grace saß neben mir, ich hielt unter dem Tisch ihre Hand, damit sie nicht durchdrehte und abhaute. Ich bewunderte sie. Ich wäre schon längst geflüchtet. Vielleicht war sie auch kurz davor. "Ich studiere." Die Miene meiner Mutter erhellte sich. Immerhin hatte sie auch studiert. "Und was wenn ich fragen darf?" Grace schien zuversichtlicher und lächelte. "Literatur." Das Lächeln meiner Mutter verformte sich zu einem gemeinen Grinser. Sie schauspielerte. "Aha", war das einzige, was sie darauf antwortete. "Ich finde, dass man so etwas nicht studieren braucht. Schauspielerei wäre deutlich besser für eine junge Dame." Grace‘ lächelte nur. Bald würde ich explodieren. "Mum. Lass sie doch. Literatur ist auch ein schweres Studium!",meinte Ava und lächelte Grace an. Die erwiderte es mit einem Zucken ihrer Mundwinkel. "Wenigstens studiert sie überhaupt." Ava und ich waren nie auf die Uni gegangen. Was meiner Mutter natürlich überhaupt nicht gefiel. Ava wurde rot, ich spürte ebenfalls, wie sich mein Gesicht rötete. Meine Schwester stand auf. "Thomas, das Essen war wirklich gut. Soll ich dir beim Nachtisch helfen?" Sie schien ebenfalls kurz vorm explodieren, aus ihren Augen sprühten die Funken. Ich nickte, doch bevor ich ging, flüsterte ich meinem Dad ins Ohr: "Pass auf Grace auf. Sonst wird sie irgendwann von Mum zerfleischt. Sie mag Baseball."  Mein Dad nickte und fing mit Grace ein Gespräch über Baseball an. Ich folgte Ava in die Küche.

"Thomas, ich halte das nicht mehr aus! Es ist unmöglich, Grace da“, sie zeigte auf den Eingang, "lebend hinaus zu bekommen!“  Ich nickte bloß, mein Gehirn arbeitete an einer Lösung. Ich konnte kaum behaupten, dass ich meine Mum hasste, aber in diesem Moment konnte ich meine Gefühle nicht anders beschreiben. Ava regte sich die ganze Zeit auf, es war einer ihrer Ausbrüche. Ich kannte sie gut genug, um ihr nicht zu helfen. Damit würde ich mir nur selbst verletzen. Konnte ich Grace heimschicken? Nein, dann wäre sie auf mich sauer. Konnte ich Mum heimschicken? Auf keinen Fall! Sollte ich mit Dad reden? Der könnte nichts machen. Ava war auch keine große Hilfe. "Tom!“, fuhr sie mich an. Sie riss ich aus meinen Gedanken. "Was?“ Sie schüttelte den Kopf. "Ach, vergiss es!“  Ich rollte mit den Augen, wodurch sie mich noch gefährlicher anstarrte. Ich ignorierte es und arbeitete weiter am Nachtisch. Es waren Cupcakes und Kaffee. Die Cupcakes waren nicht gerade meine Spezialität. Aber Mum liebte sie. Sie hatten eine pinkfarbene Cremehaube mit Streusel, außerdem eine weiche und süße Vanillefüllung. Eingebettet war der Cupcake in eine weiße Form. Ich fing mit dem Kaffee an, der Geruch erfüllte den Raum.  Ich liebte den Geruch von frischem Kaffee, doch nicht einmal das beruhigte mich. Ich konnte meine Gefühle gut verbergen, doch heute fiel es mir ganz schön schwer. Eine Tasse nach der anderen füllte ich mit Kaffee, jeder Teller bekam einen Cupcake und eine kleine Gabel.  Ava beschwerte sich hinter meinem Rücken immer noch.  "Ava! Halt mal für einen Moment die Klappe!“, blaffte ich sie an. Beleidigt nahm sie die Teller und ging hinein. Ich folgte ihr mit den Kaffees.
Doch anstatt meine Eltern und Grace vorzufinden, saßen nur meine Mum und mein Dad da. "Wo ist Grace?“, fragte ich leise. Meine Mutter gab keinen Ton von sich. Mein Vater sah mich nicht an. Ava stand ebenfalls verwirrt neben mir. Grace‘ Handy lag nicht mehr auf den Tisch. "Mum? Dad? Wo ist sie?“  Unbewusst wurde meine Stimme etwas lauter. Meine Schwester legte mir beruhigend die Hand auf das Schulterblatt. Doch das half nicht. Jetzt war ich es, der kurz vom explodieren war. Meine Eltern schwiegen, bis endlich mein Vater das Wort ergriff: "Thomas. Sie ist hinaus gerannt. Ich weiß nicht, wohin sie gegangen ist.“ Wut ergriff mich, doch meine innere Stimme befiel mir, sie nicht zu zeigen. Mit leiser und bedrohlicher Stimme fragte ich: "Mum? Was ist passiert?“ Sie öffnete den Mund, schloss ihn jedoch sofort. Ihre Lippen verengten sich zu einem dünnen, roten Strich, ihr Lippenstift strahlte nicht mehr so wie vorher. "Ich habe nichts getan“, meinte sie ruhig, doch genauso wie ich verbarg sie ihre Wut. Mein Vater fing plötzlich an zu lachen und konnte nicht mehr aufhören. Wir alle starrten ihn an als wäre er geistesgestört. Irgendwann hörte er auf. "Tasha, also wirklich! Du und nichts getan haben!“  Meine Mutter gab einen von ihren "Sei still oder du bekommst Hausarrest!“ Blicken zum Besten, nur dass der bei Dad nichts bewirkte.  "Tasha, komm, wir müssen noch zu Magret!“ Zu mir gewandt sagte er: "Thomas, das Essen war vorzüglich! Doch wir wollen noch unsere alte Freundin besuchen! Wir kommen morgen nochmal vorbei, okay?“ Ich versuchte mich zu beruhigen. Okay, Mum und Dad gehen jetzt, Grace ist verschwunden und Ava wird ebenfalls nach Hause gehen. Gut, alles wird wieder so sein wie es vorher war. Und ich kann mich ganz mit Grace beschäftigen.
"Okay Dad, dann noch einen schönen Tag!“, verabschiedete ich mich als wir vor der Tür standen. Mum ging verärgert durch die Tür und sie hätte am liebsten mit mir gestritten.  Ava sah mich unsicher an und folgte Dad.

Eine Sekunde nachdem ich die Tür geschlossen hatte, wählte ich Grace‘ Nummer. "Grace? Wo bist du?“, rief ich ins Telefon als sie abhob. Doch sie antwortete nicht. "Grace?“ Jemand schrie. "Grace!“, rief ich nun voller Panik ins Telefon. Schreckliche Szenarien spielten sich in meinem Kopf ab als wäre es ein Kinofilm. Ich legte nicht auf, sondern wartete, ob jemand etwas sagen würde. Minuten vergingen, die Schreie wurde immer lauter. Plötzlich flüsterte eine Stimme: "Thomas.“ Es war nicht Grace, die Stimme klang männlicher, tiefer. "Wir haben dich gewarnt!“, sagte eine andere. Dann brach die Verbindung ab.

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